Anatevka an der Komischen Oper Berlin

Anatevka - Komische Oper Berlin © Holger Jacobs

Anatevka an der Komischen Oper Berlin

 

Von Holger Jacobs

4.12.2017

 english text below

Große Premierengala zum 70. Geburtstag der Komischen Oper Berlin mit einer Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier

An diesem Sonntag, dem 3. Dezember 2017, wurden in der Komischen Oper in Berlin gleich zwei Ereignisse gefeiert: Einmal die Neuinszenierung des Musicals „Anatevka“ und das 70-jährige Bestehen der Komischen Oper. Eigentlich ist das Opernhaus deutlich älter. Schon im Jahre 1892 errichteten die Wiener Architekten Fellner & Helmer dieses zunächst als Theater gedachte Gebäude im neobarocken Stil. Unter der Bezeichnung Metropol-Theater wurden die ersten Stücke aufgeführt, wenngleich die Inszenierungen mehr einer Revue als einem klassischen Theater glichen. Nach dem 1. Weltkrieg wurde es Operettenhaus. Im 2. Weltkrieg zum Glück nur an der Fassade zerstört, wurde es schon 1947 wiedereröffnet. Mit der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauss, in der Inszenierung von Walter Felsenstein.

70 Jahre danach hat das „neue“ Haus mittlerweile viel erlebt. Unzählige großartige Inszenierungen und einen Staat, den es heute nicht mehrt gibt. Mit einer Neuerung: Nicht nur Operette und Musicals werden in der Komischen Oper gegeben, sondern auch große Opernpartituren wie „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Richard Wagner (Regie: Harry Kupfer, 1981) oder wie jüngst „Die Zauberflöte“ und „Don Giovanni“ von Mozart.

Kein geringerer als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hielt die Eröffnungsrede, mit vielen Lachern und Applaus. Ihm scheint seine neue Rolle als Retter einer stabilen Bundesregierung sichtlich Spass zu machen. So viel Verantwortung hatte wohl auch noch keiner seiner bisherigen Vorgänger. Gut gelaunt blieb er dann auch bis zum Schluss der Vorstellung. Hier ein Ausschnitt seiner Rede auf unserem Videokanal Kultur24 TV:

Das Genre des Musicals gilt neben der klassischen Opernform als besonders beliebt bei Menschen, die eher etwas Leichtes und Lustiges als Unterhaltung erleben möchte. Besonders Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte sich diese Art von Musiktheater in den USA als Folge der Operette, die die Europäischen Einwanderer noch aus ihrer alten Heimat her kannten. Mit einer Änderung: Neben dem Gesang ist der Tanz eines der wichtigsten Elemente des Musicals. Und auch das Orchester bekam kleine Veränderungen: Die Klarinette zum Beispiel avancierte zum tongebenden Instrument mit ihrer klaren, hellen Stimme, die den ganzen Saal erfüllt. Und die Klarinette kennen wir sowohl aus dem Jazz, wie auch aus der jüdischen Klezmer Musik.

Anfang der 60er Jahre war man in New York etwas überdrüssig all dieser lustigen, aber auch etwas oberflächigen Music Shows und das Publikum war bereit für Neues. Der schon damals nicht unbekannte Musicaltexter Joseph Stein stieß auf die Schriften des jüdischen Dichters Scholem Alejchem. Besonders war er von der Erzählung „Tewje der Milchmann“ fasziniert, beinhaltete sie doch eine Hauptperson, die durch Humor und Lebenslust die schlimmsten Lebenssituationen überwinden konnte. Genauso, wie es sich sicher auch viele Zuschauer wünschen würden. Einerseits gab der Text die Möglichkeit auf die furchtbaren Schicksale vieler ost-europäischer Juden hinzuweisen, auf der anderen Seite war hier ein fröhlicher Mensch, der all dies durch sein lebensbejahendes Wesen zu überwinden in der Lage war. Joseph  Stein setzte sich mit dem Liedtexter Sheldon Harnick und Komponisten Joseph Bock zusammen und gemeinsam hoben sie das Musical „Fiddler on the Roof“ (Originaltitel) aus der Taufe. Mit Produzent Harold Prince und Choreograph Jerome Robbins holten sie zudem die besten ihrer Zeit mit ins Boot.

„Anatevka“ („Fiddler on the Roof“) hatte am 21.12.1964 im Imperial Theater in New York Premiere, zunächst mit nur mäßigem Erfolg. Doch im Jahr darauf räumten die Macher mit ihrem neuen Stück alle Preise am Broadway ab. Und um so länger das Stück lief, um so beliebter wurde es. Bis 1972 blieb das Musical auf dem Spielplan und erreichte 3.242 Vorstellungen. Damals ein Rekord. Und das Lied „Wenn ich einmal reich wär’“ ging als Schlager um die Welt. Hier unser Video auf Kultur24 TV mit Ausschnitten aus dem Musical:

Intendant und Regisseur Barrie Kosky hatte sich dieses Musical ganz bewusst als Geburtstagsinszenierung gewählt. Erstens wollte er an die Tradition des Hauses erinnern und zweitens als eine Erinnerung an seine eigene Familie, die als Juden ebenfalls aus Osteuropa fliehen mussten. Ihm ist dabei eine gute Inszenierung gelungen mit zwei herausragenden Punkten: 1. Ist Max Hopp als Tewje mit seiner besonderen Stimme und Spiel grandios in dieser Rolle. Und 2. ist das Ballett mit ihren fantastisch einstudierten Choreographien ganz großes Kino. Das Bühnenbild wirkt vielleicht etwas nüchtern, die Kostüme sind der Zeit (es spielt um das Jahr 1905) angepasst, ohne herauszuragen. Max Hopp kennen wir übrigens mit einer ähnlichen Glanzleistung als Prof. Higgins in „My Fair Lady“ aus der Inszenierung vor einem Jahr am selben Haus.

Noch kurz zum Inhalt für Alle, die es schon lange (so wie ich) nicht mehr gesehen haben: Der arme Milchmann Tewje lebt mit seiner Frau Golde und seinen 5 Töchtern in bescheidenen Verhältnissen in einer zur damaligen Zeit zu Russland gehörenden osteuropäischen Stadt, hier mit der jiddischen Bezeichnung „Schtetl“ genannt. Tewjes Problem: Alle seine Töchter so gut wie möglich zu verheiraten. Obwohl Tewje sehr mit der Tradition verbunden ist muss er doch akzeptieren, dass seine Mädchen ihren eigenen Kopf haben und ihn auch durchzusetzen wissen. Zwischendurch gibt es immer wieder Übergriffe der einheimischen Bevölkerung auf die jüdische Gemeinde. Am Ende müssen die Juden sogar auf Erlass der Regionalverwaltung das „Schtetl“ verlassen, Haus, Hof und Freunde hinter sich lassen. Ein Schicksal, welches leider in unserer Zeit wieder viele Menschen erleiden müssen.

Regie: Barrie Kosky, Dirigent: Koen Schoots, Choreographie: Otto Pichler, Bühne: Rufus Diwiszus, Kostüme: Klaus Bruns, Tänzer*innen des Tanzensembles der Komischen Oper.

Mit Max Hopp (Tewje), Dagmar Manzel (Golde), Talya Liebermann (Zeitel),  Alma Sadé (Hodel),  Maria Fiselier (Chava),  Johannes Dunz (Mottl), Ezra Jung (Perchik), Jens Larsen (Lazar Wolf).

Und den Tänzern:  Zoltan Fekete, Paul Gerritsen, Hunter Jaques, Christoph Jonas, Daniel Ojeda, Michael Fernandez, Damian Czarnecki, Davide de Biasi, Marcell Prét, Lorenzo Soragni, Michael-John Harper und Shane Dickson.

„Anatevka“
Komische Oper Berlin
Behrenstraße 55-57
10117 Berlin

Nächste Vorstellungen: 5., 6., 9., 16., 21., 22., 27., 29., 31. Dezember 2017

32 Photos: Tewje (Max Hopp) fühlt sich wohl in seinem kleinen „Schtetl“, „Anatevka“, Komische Oper Berlin © Holger Jacobs

 

 

 english text

Anatevka at the Komische Oper Berlin
By Holger Jacobs
04/12/2017
Great Premiere Gala with speech by the Federal President of Germany Frank-Walter Steinmeier on the occasion of the 70th birthday of the Komische Oper Berlin
This Sunday, the 3rd December 2017, two things were celebrated in the Komische Oper in Berlin: Once the new production of the musical „Anatevka“ and the 7oth anniversary of the Komische Oper. The truth is, the opera house is much older. In 1892, the Viennese architects Fellner & Helmer constructed this Neo-Baroque building, originally intended as a theater. Under the name Metropol-Theater, the first pieces were performed, more like a Revue than as classical theater. After World War I it became an Operetta House. Destroyed in the 2nd World War mainly on the facade, it was reopened in 1947. With the operetta „Die Fledermaus“ by Johann Strauss, directed by Walter Felsenstein.
Now, 70 years later, the „new“ house has seen a lot. Many fantastic productions and a State which doesn‘ t exist anymore. With an innovation: Not only operetta and musicals will be given, but also great opera scores such as „The Mastersingers of Nuremberg“ by Richard Wagner (directed by Harry Kupfer, 1981) or, more recently, „The Magic Flute“ and „Don Giovanni“ by Mozart.

Federal President of Germany Frank-Walter Steinmeier, gave the opening speech, with many laughter and applause. He seems to enjoy his new role as the savior of a stable Federal Government in Germany. So much responsibility had probably none of his previous predecessors. He then remained in a good mood until the end of the performance. Please find his speech on our video channel Kultur24 TV.

The genre of the musical is particularly popular for people who like something easy and funny as entertainment. Especially in the early 19th century, this kind of music theater in the United States developed as a result of the operetta, which the European immigrants knew from their old homeland. With one change: In addition to singing, dance is one of the most important elements of the musical. And the orchestra also got small changes: the clarinet became the tone-giving instrument with its clear, bright voice that fills the whole hall. And we know the clarinet from jazz, as well as from Jewish klezmer music.

At the beginning of the 60s, people in New York were a little tired of all these funny, but also superficial music shows and the audience was ready for something new. The already unknown musical text writer Joseph Stein came across the writings of the Jewish poet Scholem Alejchem. He was particularly fascinated by the story „Tewje the Milkman“, since it contained a main character who could overcome the worst life situations through humor and zest for life. Just as many viewers would like to. On the one hand, the text gave the opportunity to point out the dreadful fates of many Eastern European Jews, on the other hand, here was a cheerful person who was able to overcome all this through his life-affirming nature. Joseph Stein teamed up with songwriter Sheldon Harnick and composer Joseph Bock and together they launched the musical „Fiddler on the Roof“ (original title). With producer Harold Prince and choreographer Jerome Robbins, they also brought the best of their time on board.
„Anatevka“ („Fiddler on the Roof“) premiered on December 21, 1964 at the Imperial Theater in New York with moderate success. But the following year, the creators cleared away with their new piece all Awards on Broadway. And the longer it went, the more popular it became. Until 1972 it was played almost continuously and reached 3,242 performances. At that time a record. And the song „If I were rich once“ went as a hit around the world.
Intendant and director Barrie Kosky had deliberately chosen this musical as a birthday staging. First, he wanted to remember the tradition of the house and second, as a reminder of his own family, who also had to flee as Jews from Eastern Europe. He has managed a good staging with two outstanding points: 1. Is Max Hopp as Tewje with his special voice and play is terrific in this role. And second the ballet with its fantastically rehearsed choreographies). The stage design may seem a bit sober, the costumes are adapted to the time (it is around the year 1905), without protruding.

Short for content for all, who have not seen it for a long time (like me): The poor milkman Tewje lives with his wife Golde and his 5 daughters in modest circumstances in an Eastern European city, here called with the Yiddish name „Schtetl“. Tewjes problem: to marry all his young daughters as well as possible. Although Tewje is very connected to tradition, he must accept that his girls have their own mind and know how to enforce it. In between there are repeated attacks on the Jewish community by the native population. In the end, they even have to leave the „Schtetl“ on the decree of the regional administration, leaving their home, farm and friends behind. A destiny, which unfortunately still happens in our time to so many people.
Director: Barrie Kosky, Musical. Conductor Koen Schoots, Choreography: Otto Pichler, Stage: Rufus Diwiszus, Costumes: Klaus Bruns
With Max Hopp (Tewjw), Dagmar Manzel (Golde)
Zeitel: Talya Liebermann, Hodel: Alma Sadé, Chava: Maria Fiselier, Mottl: Johannes Dunz, Perchik: Ezra Young, Lazar Wolf: Jens Larsen
„Fiddler on the Roof“
Comic Opera Berlin
Behrenstrasse 55-57
10117 Berlin
Next performances: 5th, 6th, 9th, 16th, 21st, 22nd, 27th, 29th, 31st of December 2017

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist