Andreas Mühe – Pathos als Distanz

Andreas Mühe - Kreidefelsen 2014 © Andreas Mühe

Andreas Mühe – Pathos als Distanz

 

Von Julia Engelbrecht-Schnür

22.5.2017

So viel Wirbel gab es schon lange nicht mehr um eine Ausstellung im Haus der Fotografie in den Deichtorhallen, so viel Andrang, Interesse, Verwunderung – und einen Hochsitz. Oder ist es ein Grenzwachturm, der dem Besucher einen besseren Überblick über die Arbeiten von Andreas Mühe verschaffen soll?

Dicht an dicht gedrängt, in Petersburger Hängung, drängen sich die Werke des 37jährigen Fotografen aus dem ehemaligen Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) im Hauptraum der Ausstellung „Pathos als Distanz“. Und weil die Motivwahl von Andreas Mühe als intensiv, seine Arbeiten als brachial empfunden werden, weil sie vor allem in dieser Dichte verstören und verschrecken, wird diese Schau optisch flankiert an den Stirnseiten der Monumentalwand von Merkel und Kohl. Die beiden Porträts der Dauer-Kanzler wirken beruhigend wie eine geistige Klammer zum Thema Deutschland, Mensch und Macht – Mühes Lieblingsthemen-Trilogie.

Wenn man den kleinen Mann in seiner blauen Blouson-Jacke und dem ordentlichen Haarschnitt hinter einem seiner Leuchtkästen mit dem Bild einer klaffenden Wildschweinwunde stehen sieht, kann man kaum glauben, dass er es ist, der dies alles geschaffen hat. Erst wenn Mühe spricht und dabei seine gespielte Schüchternheit vergisst, wird klar, welche Energie und Entschlossenheit sein Deutschland-Bild formt, welche Präzision seinem fotografischen Konzept zugrunde liegt.

Erklärungen zu seinen Bildern liefert Mühe nicht. Es gibt auch keine Bildtafeln. Nur so viel: „Ist alles analog fotografiert, alles echt. Weil es die Sinne schärft und weil man sich dabei ein bisschen mehr konzentrieren muss.“ Wieso der Wachturm oder Ansitz? „Ich wollte das Gefühl des Beobachtet-Sein nochmal erzeugen“, sagt Mühe und zeigt auf drei gleich große dunkle Bilder, die eine Gruppe Menschen im fahlen Licht auf einer Waldlichtung zeigen. Sind es Flüchtlinge heute oder damals? Die Idee funktioniert. Steht der Besucher nah genug an den düsteren von oben aufgenommenen Fluchtszenen, dann dreht er sich unweigerlich um und starrt hinauf zu der hölzernen Schießscharte des Holzturm, aus der andere Ausstellungsbesucher spähen, die unfreiwillig die Rolle von Jägern oder Grenzsoldaten übernehmen. Beklemmend.

Weitere Bestandteile seiner gesamtdeutschen Hymne sind Erich Honeckers Jagdhaus, Bilder aus der Serie „Obersalzberg“ sowie der legendäre Hinterkopf von Andreas Mühe beim Blick auf die Kreidefelsen, aber auch Weizsäcker, Sarrazin und der Maler Gerhard Richter gehören dazu und werden in das gleiche inszenierte Milieu eines Filmsets gedrückt.

Zwei weitere Kabinette zeigen serielle Arbeiten, die der Akribie Mühes Rechnung tragen. Kurator Ingo Taubhorn dreht sich um seine eigene Achse und zeigt auf die unterschiedlich geschmückten 37 Christbäume, einen für jedes Lebensjahr des Künstlers. Eine Anspielung auf ein sinnentleertes Weihnachtsfest? Auf ein monotones Abfeiern von Christi Geburt?

Im Nachbarkabinett entledigt Mühe einen Mann seiner Wehrmachtsunform. Der Mensch wird sichtbar und spiegelt sich nackt in dem Pflichtgefühl seines angezogenen zweiten Ichs. Erst wenn man sich kontemplativ lange vor diese Arbeiten stellt, öffnet sich diese subtile Kraft, die das Werk dieses wichtigen deutschen Fotokünstlers in sich birgt.

Der großartige Schauspieler Ulrich Mühe, Vater des Künstlers, thront erhaben über all der Bilderflut. Sein silberblaues Konterfei hängt auf Kanzlerhöhe.

Pathos als Distanz
Haus der Fotografie
Deichtorhallen Hamburg
is 20. August 2017

8 Bilder: Andreas Mühe „Kreidefelsen“, 2014, „Pathos als Distanz“, Deichtorhallen © Andreas Mühe

Julia Engelbrecht-Schnür

Author: Julia Engelbrecht-Schnür

Journalistin

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