Balanchine | Forsythe | Siegal vom Staatsballett Berlin

Premiere Balanchine-Forsythe-Siegal © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

Balanchine | Forsythe | Siegal vom Staatsballett Berlin

 

Von Holger Jacobs

05.05.2019

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂  (vier von fünf)

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Die letzte Premiere des Staatsballetts Berlin in dieser Saison brachte drei zeitgenössische Choreographien von drei sehr unterschiedlichen Choreographen.

– „THEME AND VARIATIONS“ von George Balanchine

Die erste Choreographie des Abends ist dabei noch weitestgehend an die Tradition des russischen Balletts des 19. Jahrhunderts angelegt.
George Balanchine (eigentlich Georgiy Melitonovich Balanchivadze), 1904 in St. Petersburg geboren, begann seine Ballettausbildung in der Kaiserlichen Ballettschule in St. Petersburg im Alter von 9 Jahren.
Kaum abgeschlossen, wurde er Mitglied im Corps de Ballett des Mariinsky Ballet. Bereits 1920, im Alter von 16 Jahren, kreierte Balanchine seine erste Choreographie, „La nuit“ mit einer Musikkomposition von Anton Rubinstein.
George Balanchine reiste 1924, gerade mal 20 Jahre alt geworden, über Deutschland nach Paris, wo ihn der berühmte Ballett-Mäzen Serge Diaghilev in die Ballettkompagnie Ballets Russes aufnahm. In Paris lernte Balanchine auch die wichtigsten Komponisten ihrer Zeit kennen: Sergei Prokofiev, Claude Debussy, Erik Satie, Igor Strawinsky und Maurice Ravel. Ihre Musik wurde die Basis seiner Choreographien, denn für George Balanchine war nicht das erzählerische Element der Motor seiner Stücke, sondern die Musik.

George Balanchine ging 1934 nach New York, wo er die erste wichtige Ballettschule der USA, The School of American Ballett und später auch die berühmte Ballettkompagnie New York City Ballet gründete, welche bis heute zu den besten Kompagnien der Welt zählt. George Balanchine starb 1983 in New York.

Die Choreographie „Theme and Variations“ entstand 1947 in New York mit der Musik von Peter Tschaikowsky. Es gehört zu einem Ensemble mehrerer Choreographien zur Musik der Suite Nr. 3 für Orchester von Tschaikowsky.

In dieser Choreographie finden wir noch viele Elemente des klassischen Balletts, Spitzenschuhe und Tütü-Röcke für die Damen, enge Strumpfhosen für die Herren. Haltung, Gesichtsausdruck (ständig lächelnde Tänzerinnen, streng blickende Tänzer) und Bewegungsabläufe entstammen dem klassischen Ballett. Neu sind, dass es keine opulente Ausstattung und Kostümierung bei Balanchine mehr gibt. Und keine Handlung, wie z.B. noch bei den Choreographien von „Schwanensee“ (1877) oder „La Bayadère“ (1877).

Fazit: Es war schön anzuschauen, aber es war auch deutlich zu spüren, dass die Choreographie über 70 Jahre alt ist. Modernes Ballett sieht heute anders aus.

„Theme and Variations“
Choreographie: George Balanchine von 1947, Musik: Peter Tschaikowsky, Kostüme: Elsie Lindström, Einstudierung: Sandra Jennings.
Mit den Tänzern des Staatsballetts Berlin.

Hier unser Video von „Theme and Variations:


– „THE SECOND DETAIL“ von William Forsythe

Der zweite Teil des Abends war schon deutlich moderner. Knapp 50 Jahre nach „Theme and Variations“ choreographierte William Forsythe sein Stück „The Second Detail“ in einer vollständig neuen Formensprache.

In einem komplett leeren Raum bewegen sich 14 Tänzer*innen nach elektronischen Klängen, die kaum noch einen Rhythmus vorgeben. Einzelne Figuren entstehen, manchmal als Paar, manchmal als Gruppe, manchmal alleine. Während einige Tänzer in Aktion sind, sitzen andere im Hintergrund auf Stühlen, bevor sie sich wieder in das Geschehen miteinmischen.
Die Musik von Thom Willems ist dabei recht anstrengend und fast nie harmonisch.

William Forsythe, 1949 in New York geboren, machte seine Tanzausbildung in Florida und wurde kurz nach seinem Abschluss von John Cranko für das Stuttgarter Ballett engagiert, wo er erste Erfolge sowohl als Tänzer, wie als Choreograph, feierte. Ab 1984 wurde Forsythe Ballettdirektor des Frankfurter Balletts bis zu seiner Schließung im Jahre 2004. In dieser Zeit feierte er seine größten Erfolge als Choreograph. Aus dieser Zeit stammen so bekannte Werke wie „In the Middle, Somewhat elevated“ oder auch „Limb’s Theorem“. Ab 2005 gründete er die Forsythe Company, die bis 2015 existierte.

William Forsythe begründete einen neuen Tanzstil. Er verließ die Vorgaben des klassischen Balletts und suchte nach neuen Bewegungen. Er ließ die Tänzer nicht nur, wie vorher üblich, sich ausschließlich in Richtung Publikum orientieren, sondern in alle Richtungen. Beine, Arme und der ganze Körper bekamen neue Ausdrucksformen, neue Bewegungen, die Musik wurde zur Begleitung, nicht mehr Antrieb. Er erfand eine neue mathematisch-bildhafte Tanzsprache, die bis heute Auswirkungen auf die gesamte Tanzszene weltweit hat.

Fazit: Mich konnte diese Choreographie leider nicht begeistern, die Musik war mir zu sperrig und die Bewegungen zu emotionslos.

„The Second Detail“
Choreographie: William Forsythe 1991, Musik: Thom Willems, Kostüme: Yumiko Takeshima und Issey Myake, Einstudierung: Noah Gelber, Amy Raymond
Mit den Tänzer*innen des Staatsballett Berlin:
Yolanda Carrera, Aurora Dickie, Jenna Fakhoury, Weronika Frodyma, Sarah Hees-Hochster, Aeri Kim und Chinatsu Sugishima.
Marco Arena, Arshak Ghalumyan, Tyler Gurfein, Johnny McMillan, Daniel Norgren-Jensen, Eoin Robinson und Alexander Shpak.

Hier unser Video von „The Second Detail“:


– „OVAL“ von Richard Siegal

Dagegen hat mich der letzte Teil des Abends deutlich mehr begeistert.
„OVAL“ von Richard Siegal, 28 Jahre später als „Theme and Variation“ und als Auftragswerk für das Staatsballett Berlin kreiert, ist ein echter Aufbruch ins 21. Jahrhundert.
Zwar gibt es immer noch Spitzenschuhe für die Damen, aber ansonsten sehr freie Körperbewegungen, die auch keine Geschichte mehr erzählen, aber doch einer übergeordneten Sache folgen. Denn über den Tänzer*innen schwebt ein riesiges Oval, welches seine Farbe und Aussehen ändert und sich in verschiedene Richtingen bewegt, bis es sich am Schluss auf den Bühnenboden sinkt und dabei einen Tänzer miteinschließt.
Ob das eine Metapher für einen übergroßen „Big Brother“ ist, oder einfach nur eine bedrohliche Situation markieren soll – die Interpretation bleibt dem Zuschauer überlassen. Mir hat es gefallen, zumal die elektronische Musik vortrefflich zu dem Geschehen auf der Bühne passt und den Zuschauer mitzunehmen versteht.

Fazit: Ein spannendes Werk mit optischen und akustischen Überraschungen.

Hier unser Video von „Oval“:

„OVAL“
Choreographie und Bühne von Richard Siegal, Kostüme: Uy Studio, Video und Licht: Mattias Singer
Mit den Tänzer*innen des Staatsballetts Berlin:
Ksenia Ovsyanick, Elise Sacilotto, Clotilde Tran, Xenia Wiest.
Ross Martinson, Frederico Spallitta, Lucio Vidal, Dominic Whitbrook, Vladislav Marinov.

Hier unsere Bilderserie mit 27 Fotos der Choreographien von Balanchine – Forsythe – Siegal:

George Balanchine „Theme and Variations“, Staatsballett Berlin, Photo: Holger Jacobs

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Balanchine | Forsythe | Siegal with the Staatsballett Berlin
(pictures and videos below)
By Holger Jacobs
05/05/2019
The last premiere of Staatsballett Berlin this season brought three contemporary choreographies by three very different choreographers.
– „THEME AND VARIATIONS“ by George Balanchine
The first choreography of the evening is still largely based on the tradition of Russian ballet of the 19th century. George Balanchine (Georgiy Melitonovich Balanchivadze), born 1904 in St. Petersburg, began his ballet training at the Imperial Ballet School in St. Petersburg at the age of 9 years. Barely finished, he became a member of the Corps de Ballet of the Mariinsky Ballet. At the age of 16, Balanchine created his first choreography, „La nuit“ with a music composition by Anton Rubinstein. George Balanchine traveled in 1924, just 20 years old, via Germany to Paris, where the famous ballet patron Serge Diaghilev took him into the ballet company Ballets Russes. In Paris, Balanchine also met the most important composers of her time: Sergei Prokofiev, Claude Debussy, Erik Satie, Igor Stravinsky and Maurice Ravel. Her music became the basis of his choreographies, because for George Balanchine, the narrative element was not the engine of his pieces, but the music.
George Balanchine went on to New York in 1934, where he founded the first important ballet school in the US, The School of American Ballet and later also the famous ballet company New York City Ballet, which is still one of the best companies in the world. George Balanchine died in 1983 in New York.
The choreography „Theme and Variations“ was created in 1947 in New York with the music by Peter Tchaikovsky. It belongs to an ensemble of several choreographies to the music of Tchaikovsky’s Suite No. 3 for orchestra.
In this choreography we still find all the elements of classical ballet, pointe shoes and tutu skirts for the ladies, tights for the men. Posture, facial expressions (constantly smiling female dancers, strict-looking male dancers) and movement sequences originate from classical ballet. What’s new is that there is no more sumptuous equipment and costumes at Balanchine. And no story-telling, such for example as in the choreographies of „Swan Lake“ (1877) or „La Bayadère“ (1877).
Conclusion: It was nice to watch, but it was also clear that the choreography is over 70 years old. Modern ballet looks different today.
„Theme and Variations“ Choreography: George Balanchine from 1947, music: Peter Tschaikowsky, costumes: Elsie Lindström, rehearsals: Sandra Jennings. With the dancers of the Staatsballett Berlin.

– „THE SECOND DETAIL“ by William Forsythe
The second part of the evening was already much more contemporary. Barely 50 years after „Theme and Variations“, William Forsythe choreographed his piece „The Second Detail“ in a new ballet language.
In a completely empty room, 14 dancers move to electronic sounds that barely dictate a rhythm. Individual figures emerge, sometimes as a couple, sometimes as a group, sometimes alone. While some dancers are in action, others sit on chairs in the background, before rejoining the action again. The music of Thom Willems is quite exhausting and almost never harmonious.
William Forsythe, born in New York in 1949, completed his dance education in Florida and was hired shortly after graduating by ballet director John Cranko for the Stuttgart Ballet, where he achieved his first success as a dancer as well as a choreographer. From 1984 on Forsythe became Ballet Director of the Frankfurt Ballet until his closure in 2004. During this time he had his greatest successes as a choreographer. From this time come such well-known works as „In the Middle, Somewhat elevated“ or „Limb’s Theorem“. From 2005 on he founded the Forsythe Company, which existed until 2015.
William Forsythe founded a new dance style. He left the specifications of classical ballet and sought new movements. He let the dancers orient themselves not only towards the audience, as before, but in all directions. Legs, arms and the whole body were given new forms of expression, new movements, the music became an accompaniment, no longer an impulse. He invented a new mathematical-pictorial dance language that has effects on the entire dance scene worldwide until today.
Conclusion: Unfortunately, this choreography could not inspire me, the music was too bulky and the movements too emotionless.
„The Second Detail“ Choreography: William Forsythe 1991, Music: Thom Willems, Costumes: Yumiko Takeshima and Issey Myake, Production: Noah Gelber, Amy RaymondWith the dancers of the Staatsballett Berlin: Yolanda Carrera, Aurora Dickie, Jenna Fakhoury, Weronika Frodyma, Sarah Hees-Hochster, Aeri Kim and Chinatsu Sugishima. Marco Arena, Arshak Ghalumyan, Tyler Gurfein, Johnny McMillan, Daniel Norgren-Jensen, Eoin Robinson and Alexander Shpak.

– „OVAL“ by Richard Siegal
By contrast, the last part of the evening made me much more enthusiastic. „OVAL“ by Richard Siegal, created 28 years later as „Theme and Variation“ and as an commission for the State Ballet Berlin, is a real departure into the 21st century. Although there are still pointe shoes for the ladies, but otherwise very free body movements that tell no story, but still follow a parent thing. Because above the dancers floats a huge oval, which changes its color and moves in different directions until it sinks to the bottom of the stage and includes a dancer. Whether that’s a metaphor for an oversized „big brother“ or just a threatening situation – the interpretation is up to the viewer. I liked it, especially since the electronic music fits perfectly to the events on stage and knows how to take the audience with them.
Conclusion: An exciting work with visual and acoustic surprises.
„OVAL“ Choreography and stage by Richard Siegal, costumes: Uy Studio, Video and Light: Mattias SingerWith the dancers of the Staatsballett Berlin: Ksenia Ovsyanick, Elise Sacilotto, Clotilde Tran, Xenia Wiest. Ross Martinson, Frederico Spallitta, Lucio Vidal, Dominic Whitbrook, Vladislav Marinov.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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