Berlinale 2017 – The European Film Market

Ana Mon Amour @ Beta Cinema

Berlinale 2017 – The European Film Market

 

Von Holger Jacobs

12.2.2017

Liebe Kulturfreunde,

neben dem Glamour des Roten Teppichs im Berlinale Palast und an weiteren Orten in der Hauptstadt gibt es einen Bereich der Internationalen Filmfestspiele, den nur wenige von Euch kennen: The European Film Market – der Ort des Big Business. Dort, wo durch viel Geld erst Filme möglich gemacht werden.

Die meisten von Euch empfinden das Kino in erster Linie als einen Ort der Emotionen und großer Gefühle. Jedoch kann kein Film entstehen, wenn die Finanzierung nicht vorhanden ist. Dass heißt, noch bevor auch nur ein Meter Film gedreht wird beginnt die mühselige Suche an Investoren und Sponsoren.

Auf dem EUROPEAN FILM MARKET werden sowohl bereits fertiggestellte Filme gehandelt als auch neue Projekte besprochen. In nur wenigen Minuten Spieldauer (bei neuen Projekten als „Shortcuts“) während eines Screenings muss ein Investor oder Filmverleiher beurteilen, ob sich die Invention lohnt. Welche Chance könnte der Film beim Publikum haben, welches Publikum könnte er ansprechen und besonders wichtig: Wie bekannt sind die Schauspieler, die darin vorkommen?

The European Film Market – EFM – im Martin-Gropius-Bau © Holger Jacobs

 

Um besser verstehen, wie dieses System funktioniert, ging ich mit Schauspielerin Noemi Matsutani in den Martin-Gropius-Bau, in dem der Filmmarkt während der Berlinale stattfindet.

Über 500 Aussteller haben hier über 700 Filme in ihren Portfolios und zeigen in über 1000 Screenings ihre Schätze. Knapp 10.000 Fachbesucher werden erwartet.

Wir haben ein Treffen mit einer Insiderin organisiert, der Filmproduzentin Kordula Hildebrandt von Hildebrandt-Film. Sie erzählte uns, dass sie mit ihrer Produktionsfirma erst ganz jung auf dem Markt ist und Filme mit Budgets noch weit unter einer Million produziert.

Weiterhin verriet sie uns, dass für einen Drehtag ca. 50.000 Euro einzuplanen sind: Location-Miete und Equipment-Miete, dann die Mitarbeiter, vom Beleuchter über Kameramann, Setdesigner, Schauspieler, Regisseur plus Assistenten, Make-Up und Hair Stylisten bis zum Catering und Stromgeneratoren.

Der Film „Toni Erdmann“ von Maren Ade, z.B, hat ca. 3.000.000 Euro Budget verschlungen. Er ist zurzeit für einen Oscar nominiert. Und der in Deutschland bei den Zuschauern sehr erfolgreiche „Fuck You Göthe“ hat ca. 4.500.000 Euro gekostet (und dann ca. 50.000.000 Euro Gewinn eingefahren!).

Hollywood Produktionen fangen bei 10.000.000 Dollar an und gehen bis 200.000.000 Dollar hoch.

Nach unserem Gespräch mit Kordula schlendere ich weiter mit Noemi durch den Martin-Gropius-Bau, welcher ja eigentlich einer der Kunstmuseen der Stadt Berlin ist. Doch für 10 Tage wird alle Kunst entfernt und jeder Quadratzentimeter ist vollgestopft mit Ständen von Filmvermarktungsfirmen aus der ganzen Welt.

Sofort ins Auge fällt der große Stand der „German Films“, „Italian Films“, „Cinema UK“ und „Cinema Spain“, bis zu den kleinen Ländern wie Romania Movies, Korea oder Taiwan. Wie man sich in diesem Wirrwarr zurechtfinden soll ist mir schleierhaft, geschweige denn eine Auswahl von interessanten Filmen zu treffen. Ich denke, es ist so wie auch in den anderen Branchen und auf anderen Messen: Letztlich arbeitet man doch immer mit den gleichen Firmen zusammen, was die Fokussierung deutlich einfacher macht.

Nach ca. 3 Stunden gehe ich völlig verschwitzt und mit trockenem Hals wieder in den Berliner Winter hinaus. Jeden, der hier drin eine ganze Woche aushalten und dabei auch noch Geschäfte machen muss, bewundere ich. Mittlerweile sitze ich wieder in meinem gemütlichen Zuhause und tippe in meine Tastatur und denke:

Gut, dass ich im Kino beim Betrachten der schönsten Liebesszenen nicht an das Geld denken muss, was es gekostet hat – es würde mich meiner tiefsten Gefühle berauben…

20 Bilder: Autor Holger Jacobs im Gespräch mit Produzentin Kordula Hildebrandt © Holger Jacobs

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

Cookies help us deliver our services. By using our services, you agree to our use of cookies.