Berlinale 2018 – Die Gewinner

Berlinale 2018 - Goldener Bär © Holger Jacobs/ Berlinale

Berlinale 2018 – Die Gewinner

 

Von Holger Jacobs

04.02.2018

english text below 

Große Enttäuschung bei der Preisverleihung gestern Abend im Berlinale Palast. Ausgerechnet der Film „Touch me not“ gewinnt, bei dem ca. die Hälfte der Zuschauer während der Vorstellung hinausgelaufen sind und im Kritikerranking an vorletzter Stelle aller 24 Filmen stand. Meine kultur24-Kollegin Friederike Danne (sah den Film separat von mir einen Tag später) verließ die Vorführung nach ca. einer Stunde. Der Film zeigt mit einem voyeuristischen Blick die sexuellen Praktiken von behinderten Menschen. Anstelle von Anteilnahme am Schicksal dieser Menschen zeigt die Kamera in Großaufnahme Geschlechtsteile und sabbernde Münder. Peinlich und abstoßend.

Filmstill „Touch Me Not“

Negativ fällt auch das Urteil über diese Preisverleihung bei fast allen meiner Kollegen aus. Die ZEIT schreibt: „Rätselhafte Entscheidungen“. Denn auch die Vergabe der anderen Preise löste Kopfschütteln aus. Der zweitwichtigste Preis für die beste Regie ging ausgerechnet an Wes Anderson für seinen Film „Isle of Dogs“. Nicht das der Film schlecht wäre (hier unser Bericht), sondern dass ein Regiepreis für einen Animationsfilm vergeben wird – nach dem Motto, hier hat jemand außergewöhnlich gut Puppen arrangiert. Wie müssen das die echten Schauspieler der anderen Filme empfinden?

3 Photos: Kritiker Rangliste der Filme im Wettbewerb der Berlinale 2018 © RBB24

Auch die Vergabe des Großen Preises der Jury war eine Enttäuschung. Er ging an den polnischen Film „Twarz“ („Das Gesicht“). Hier wird die Geschichte eines Mannes erzählt, der sich nach einem Unfall ein neues Gesicht machen lässt und nun sehen möchte, wie er damit bei seinen Freunden und Verwandten ankommt. Ein Zustandsbericht über das heutige Polen. Ganz nett, aber nicht wirklich mitreißend.

Die Darstellerpreise hingegen sind akzeptabel. Sie gingen an Ana Brun für ihre Rolle in dem paraguayischen Film „Les Herederas“ („Die Erbinnen“) und an Anthony Bajon für seine Rolle als Drogensüchtiger in dem französischen Film „La Prière“ („Das Gebet“). Trotzdem hätten die Leistungen anderer Schauspieler ebenso gewürdigt werden können. Wie z.B. Franz Rogowski in dem Film „Transit“ (hier unser Bericht) oder Joaquin Phoenix in dem Film „Don’t worry, he won’t get far on foot“, (hier unser Bericht), in dem er einen querschnittsgelähmten Mann spielt, der einer der bekanntesten Cartoonisten Amerikas wurde.

Keiner der immerhin vier deutschen Wettbewerbsfilme hat einen Preis bekommen – noch nicht einmal der viel gelobte „3 Tage in Quiberon“ (siehe Kritiker Rangliste).

Das Fazit dieser 68. Internationalen Filmfestspiele von Berlin bleibt also sehr ambivalent. Gute und schlechte Filme hielten sich im Wettbewerb die Waage, ein großer Knaller war aber nicht dabei und wirkliche große Stars kamen auch nicht.

Tom Tykwer als Jurypräsident konnte dank seiner mehr als zweifelhaften Prämierungen nicht überzeugen. Nur zur Erinnerung: In Cannes 1989 war Wim Wenders Präsident der Jury und wählte den Film „Sex, Lies and Videotapes“ von Steven Soderbergh (eine Legende sagt, dass er diesem Film sogar alle Preise geben wollte, einschließlich Darsteller, Regie, Drehbuch et.c.) zum besten Film des Festivals. Bis heute gilt dieser Film als herausragend und schickte gleichzeitig den Regisseur Soderbergh in eine Weltkarriere.

Wim Wenders als Jury Präsident bei den Filmfestspielen in Cannes 1989, Foto: Holger Jacobs

Dieter Kosslick muss für sein letztes Festival als Berlinale Chef im nächsten Jahr bei der Auswahl der Filme niveaumäßig noch deutlich eine Schippe drauflegen.

Hier noch einmal die wichtigsten Preise in der Übersicht:

GOLDENER BÄR FÜR DEN BESTEN FILM für „Touch Me Not“ von Adina Pintilie

SILBERNER BÄR GROSSER PREIS DER JURY für „Twarz („Das Gesicht“)“ von Małgorzata Szumowska

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE REGIE für Wes Anderson für „Isle of Dogs“ („Ataris Reise“)

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE DARSTELLERIN
Ana Brun in „Las herederas“ („Die Erbinnen“) von Marcelo Martinessi

SILBERNER BÄR FÜR DEN BESTEN DARSTELLER für Anthony Bajon in „La prière“ („Das Gebet“) von Cédric Kahn

SILBENER BÄR FÜR DAS BESTE DREHBUCH Manuel Alcalá und Alonso Ruizpalacios für „Museo“ („Museum“) von Alonso Ruizpalacios

GLASHÜTTE ORIGINAL – DOKUMENTARFILMPREIS dotiert mit € 50.000, gestiftet von Glashütte Original  für „Waldheims Walzer“ von Ruth Beckermann

GLÄSERNER BÄR für den Besten Film in der Kategorie Generation 14plus für „Fortuna“ von Germinal Roaux

8 Photos: Julia Zange (im Wettbewerb mit dem Film „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“) © Berlinale

 

Berlinale 2018 – The Awards
By Holger Jacobs
04/02/2018
Big disappointment at the award ceremony last night in the Berlinale Palast. Ironically, a film wins, in which about half of the audience ran out during the screening and was in the critics ranking on penultimate place of all 24 films. My kultur24 colleague Friederike Danne left the screening after about an hour. The film shows with a voyeuristic view the sexual practices of disabled people. Instead of sympathy for the fate of these people, the camera shows close-up of genitals and drooling mouths. Embarrassing and repugnant.
Negative is the verdict on this award ceremony in almost all critics of my colleagues. The ZEIT writes: „mysterious decisions“. The second most important director’s award went to Wes Anderson for his film „Isle of Dogs“. Not that the film would be bad (here my report), but that a director award for an animated! film is awarded – according to the motto, here someone has exceptionally well arranged dolls. How should the real actors of the other films feel?
The awarding of the Jury Grand Prix was also disappointing. It went to the Polish film „Twarz“ („The Face“). The story of a man who gets a new face after an accident and now wants to see how his friends and relatives think about. A status report on today’s Poland. Very nice, but not really rousing.

The actor prices, however, are acceptable. They went to Ana Brun for her role in the Paraguayan movie „Les Herederas“ („The Heirs“) and Anthony Bajon for his role as a drug addict in the French film „La Prière“ („The Prayer“). Nevertheless, the achievements of other actors could have been appreciated as well. Such as Franz Rogowski in the movie „Transit“ (here our report) or Joaquin Phoenix in the movie „Do not worry, he will not get far on foot“, (here our report), in which he plays a paraplegic man, who became one of America’s most famous cartoonists.
None of the four German competition films has received an award – not even the much praised „3 Days in Quiberon“.
The conclusion of this 68th Berlin International Film Festival remains very ambivalent. Good and bad films were in the competition, but a big hit was not to see and no real big stars came to this years festival.
Tom Tykwer as jury president could not convince thanks to his more than doubtable award decisions. Just to remind you: In Cannes in 1989 Wim Wenders was president of the jury and choose the movie „Sex, Lies and Videotapes“ by Steven Soderbergh (a legend says he even wanted to give this movie all the prizes, including actor, director, screenplay et. c.) to the best film of the festival. To date, this film is still considered outstanding and sent the director into a world career.
Berlinale boss Dieter Kosslick has to make an effort in the selection of films on a reasonable level for the festival next year, before he retires.
Here are the most important awards in the overview:
GOLDEN BEAR FOR THE BEST FILM for „Touch Me Not“ by Adina Pintilie
SILVER BEAR GREAT PRIZE THE JURY for „Twarz (“ The Face „)“ by Małgorzata Szumowska
SILVER BEAR FOR THE BEST DIRECTION for Wes Anderson for „Isle of Dogs“
SILVER BEAR FOR THE BEST ACTRESS Ana Brun in „Las herederas“ by Marcelo Martinessi
SILVER BEAR FOR THE BEST ACTOR Anthony Bajon in „La prière“ („The Prayer“) by Cédric Kahn
SILVER BEAR FOR THE BEST SCRIPT Manuel Alcalá and Alonso Ruizpalacios for „Museo“ („Museum“) by Alonso Ruizpalacios
GLASHÜTTE ORIGINAL – DOCUMENTARY FILM AWARD endowed with € 50,000, donated by Glashütte Original for „Waldheim’s Waltz“ by Ruth Beckermann
GLÄSERNER BÄR for the Best Film in the category Generation 14plus for „Fortuna“ by Germinal Roaux

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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