Berlinale 2019 – Der Goldene Handschuh

Berlinale 2019 - Jonas Dassler © Holger Jacobs( kultur24.berlin

Berlinale 2019 – Der Goldene Handschuh

 

Von Holger Jacobs

10.02.2019

english text

Mit der Geschichte über den Serienmörder Fritz Honka zeigt Fatih Akin seinen neusten Film im Wettbewerb der Berlinale.

Der 1973 in Hamburg geborene Fatih Akin, Sohn eines 1966 nach Deutschland eingewanderten türkischen Gastarbeiters, ist ein Meister der Milieustudien.
Alle seine Filme handeln von einem bestimmten Umfeld, indem Menschen auf ganz besondere Weise agieren. In seinem preisgekrönten Drama „Gegen die Wand“, 2004 auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, spielt seine türkische Herkunft eine große Rolle (wie auch in den meisten anderen seiner Filme). Eine junge Frau mit türkischen Wurzeln wächst in Hamburg auf und möchte dasselbe freie Leben genießen, wie andere Frauen in Deutschland. Doch sie stößt dabei auf die Ablehnung ihrer Familie. Erst durch eine Scheinehe mit einem türkischstämmigen, wesentlich älteren Mann, kann sie die Freiheit genießen, von der sie immer geträumt hat. Doch als ihr Mann aus Eifersucht einen ihrer Liebhaber tötet, zerbricht das kurze Glück und sie zieht in die Türkei. Doch dort wird alles nur noch schlimmer.

Fatih Akin, Foto: Markus Jans

In dem Drama „Der Goldene Handschuh“, der auf einen wahren Fall in den 7oer Jahren zurückgeht, zeigt Fatih Akin die Grausamkeit und Gefühlskälte eines Menschen, eingebunden in das Milieu des Hamburger Kiezes in der Nähe der Reeperbahn. In der bis heute existierenden Kneipe „Der Goldene Handschuh“ (Adresse: Hamburger Berg 2) treffen sich die heruntergekommenen und verwahrlosten Menschen des Viertels, Trinker, Prostituierte und Schläger. Einer von ihnen ist Fritz Honka, der in den 50er Jahren aus der DDR geflüchtet war und hier im Westen nur Schlechtes erfahren hat. Sein Gesicht ist durch Misshandlungen und Unfälle entstellt, für sein Einkommen kann er nur Gelegenheitsjobs annehmen.
So hängt er jeden Tag in der Kneipe „Der Goldene Hanschuh“ rum und ertränkt seinen Frust in Alkohol. Um wenigstens manchmal Sex zu haben, nimmt er obdachlose Frauen und alternde Prostituierte mit in seine Wohnung. Doch mit dem Sex will es nicht so klappen, wie er es gerne möchte. Aus Zorn und Wut bringt er die erste Frau um und in den nächsten Jahren drei weitere. Die Leichen zerstückelt er mit einer Fuchsschwanzsäge und stopft die Leichenteile in eine Abseite seiner kleinen Dachwohnung. Nur durch Zufall werden seine Taten entdeckt. Durch einen Brand im Haus kommen die Feuerwehrleute auch in seine Wohnung und entdecken die Leichenteile. Die Frauen hatte bis dahin keiner vermisst. Fritz Honka wurde am 20. Dezember 1976 zu 15 Jahren verurteilt, zusammen mit einer Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus.

Fritz Honka 1975

Der Hamburger Autor Fritz Strunk hatte 2016 über den Fall Honka ein Buch geschrieben, welches Fatih Akin als Vorlage für seinen Film diente.

Fatih Akin versucht mit seiner Verfilmung sowohl die Grausamkeit als auch die äußerliche und seelische Verwahrlosung Honkas zu zeigen. Herausragend ist der junge Schauspieler Jonas Dassler (*1998, Student der Ernst-Busch-Schauspielschule), dessen großes Talent ich schon aus Inszenierungen an der Schaubühne Berlin („Dantes Tod“) und am Maxim Gorki Theater („Die Gerechten“) kenne.
Auch die Arbeit der Maskenbildner ist bewundernswert. Für das schielende Auge wurde (wie Fatih Akin in der Pressekonferenz erzählte) Jonas Dassler eine übergroße Haftschale auf sein eigenes Auge gelegt. Diese Linse war undurchsichtig, wobei die Iris etwas nach rechts verschoben von außen aufgemalt war. Sehen konnte Jonas Dassler durch die Haftschale nicht. So entstand das schielende Auge, welches absolut echt aussieht. Die Schmerzen, die solch eine vergrößerte Haftschale im Auge hervorgerufen haben muss, stelle ich mir schlimm vor.

Fatih Akin und Jonas Dassler in der Pressekonferenz zum Film „Deer Goldene Handschuh“:

Letztlich gelingt es aber Fatih Akin nicht, den Zuschauer emotional in die Geschichte eintauchen zu lassen, zu sehr stoßen einen die grausamen Mordszenen ab. Nach einer Weile wurde mir sogar etwas langweilig, weil sich die Taten in nur geringer Variation immer wiederholten.

Die besten Szenen sind noch das Zusammenkommen mit seiner netten Kollegin in einem Bürohaus, in welchem er als Nachrwärter arbeitet. In diesem Moment kommt Hoffnung auf, es könnte für ihn besser werden. Doch sein altes Ich, von Hass und sexueller Gewalt zerstört, bricht auch hier wieder aus und, anders als in dem von mir zuvor beschriebenen Wettbewerbsfilm „The Kindness of Strangers“, gibt es beim „Goldenen Handschuh“ kein Happy End. Wie sollte es auch…

Fazit: Ein anerkennenswerter Versuch von Fatih Akin, ein bestimmtes Milieu im Hamburger Kiez bis auf die kleinsten Kleinigkeiten (Musik, Kleidung, Ausstattung) genau zu beschreiben. Doch der Grausamkeiten überdrüssig, wendet sich der Zuschauer nach einiger Zeit angewidert ab.

Hier unsere Bilderserie mit 5 Fotos von der Filmproduktion:

Jonas Dassler (Fritz Honka), „Der Goldene Handschuh“, Foto: Gordon Timpen

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Berlinale 2019 – The Golden Glove
By Holger Jacobs
02/10/2019
Fatih Akin shows with the story of the serial killer Fritz Honka his newest film in the competition of the Berlinale.
Born in Hamburg in 1973, Fatih Akin, son of a Turkish guest worker who immigrated to Germany in 1966, is a master of environmental studies. All his films are about a specific environment in which people act in a very special way. In his award-winning drama „Against the Wall“, awarded the Golden Bear in 2004 at the Berlinale, his Turkish background plays a major role (as in most of his other films). A young woman with Turkish roots grows up in Hamburg and wants to enjoy the same free life as other women in Germany. But she encounters the rejection of her family. Only through a fictitious marriage with a turkish, much older man, she can enjoy the freedom of which she has always dreamed. But when her husband kills one of her lovers out of jealousy, the short luck breaks and she moves to Turkey. But everything is only getting worse there.
In the drama „The Golden Glove“, which goes back to a true case in the 1970s, Fatih Akin shows the cruelty and emotional coldness of a human being, integrated into the milieu of the Hamburg „Kiez“ near the Reeperbahn. In the still existing pub „The Golden Glove“ (address: Hamburger Berg 2) meet the run-down and neglected people of the district, drinkers, prostitutes and thugs. One of them is Fritz Honka, who fled the GDR in the 1950s and only experienced bad things here in the West. His face is disfigured by mistreatment and accidents, for his income he can only accept odd jobs.

So he hangs out every day in the pub „The Golden Handschuh“ and drowns his frustration in alcohol. To have sex, he takes homeless women and aging prostitutes in his apartment. But the sex is not working as he wants. Out of anger he kills several woman in the next few years. He dismembers the corpses with a fox’s saw and stuffs the body parts into a side of his small flat. Only by chance the corps are discovered. During a fire in the house, the firefighters come to his apartment and discover the body parts. No-one had missed the women until then. Fritz Honka was sentenced to 15 years on December 20, 1976, along with a referral to a mental hospital.
Hamburg author Fritz Strunk wrote a book about the case of Honka in 2016, which Fatih Akin used as a model for his film.

Fatih Akin tries to show both the cruelty and the external and mental neglect Honka with his film adaptation. Outstanding is the young actor Jonas Dassler (*1998), whom I already know from theater productions at the Schaubühne Berlin and at the Maxim Gorki Theater. The work of the makeup artist is also admirable. For the cross-eyed eye (as Fatih Akin told in the press conference) Jonas Dassler placed an oversized adhesive cup on his own eye. This lens was opaque, with the iris painted slightly to the right from the outside. This is how the crossed eye works, which looks absolutely real. The pain that must have caused such an enlarged adhesive shell in the eye, should be terrible.

Ultimately, however, Fatih Akin fails to make the viewer dive into the story emotionally, the cruel murder scenes are too much repel. After a while I even got a bit bored, because the deeds were repeated over and over again in a only slight variation.
The best scenes are still coming together with his nice colleague in an office building, where he works for a short time. At that moment, there is hope that things could get better for him. But his old self-destroying hate and sexual violence, also breaks out here again, and unlike the competition film „The Kindness of Strangers“ I described earlier, there is no happy ending. How should it …
Conclusion: A commendable attempt by Fatih Akin to describe a specific milieu in the Hamburg neighborhood to the smallest details (music, clothing, equipment) exactly. But tired of the atrocities, the viewer turns disgusted after some time.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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