Berlinale 2019 – Preisverleihung und großer Abschied

Berlinale 2019 © Holger Jacobs/ Tamara Distribution

Berlinale 2019 – Preisverleihung und großer Abschied

 

Von Holger Jacobs

17.02.2019

english text

Die große Gala zum Ende der Berlinale wurde zu einem Abend des Abschieds

Wenige Stunden, bevor die große Abschlussgala der 69. Internationalen Filmfestspiele in Berlin beginnen sollte, wurde bekannt, dass einer der größten Schauspieler des deutsch-sprachigen Raums in der Nacht zuvor gestorben war, Bruno Ganz.

Die Leitung der Berlinale entschloss sich daraufhin, in ihrer Veranstaltung kurzfristig einen Nachruf auf Bruno Ganz einzubauen. Als das Bild von ihm am Abend auf der Leinwand erschien erhob sich der ganze Saal zu einem langanhaltenden Standing Ovations. Es war für mich der ergreifendste Moment bei dieser Preisverleihung. Und das soll natürlich keineswegs die Leistung der Preisträger schmälern.

Bruno Ganz 2011 cc Louis der Colli

Der Film, der hier lange von allen favorisiert wurde, „SYSTEMSPRENGER“, bekam den Alfred Bauer Preis für, wie es heißt „ein Kino, welches neue Perspektiven eröffnet“. Es klang wie ein Trostpreis. Dieser Film von Nora Fingerscheidt hätte sicher mehr verdient. Er handelt von einem 9-jährigen Mädchen, welches gegen seine Umwelt und letztlich auch gegen sich selbst rebelliert, weil es aus seiner vertrauten Umgebung herausgerissen wurde und Liebe und Geborgenheit vermisst. Der Film zeigt, wie stark ungewollte Veränderungen und Verlust der Bezugspersonen auf die Psyche eines Kindes wirken können. In der Hauptrolle die 11-jährige Helena Zengel (seht dazu auch die Bilder vom Roten Teppich).

Hier unsere Bilderserie mit allen Preisträgern:

Alfred Bauer Preis an Nora Fingerscheidt für „Systemspringer“ © Berlinale

Ansonsten waren dieses Jahr besonders viele Produktionen aus Frankreich dabei, insgesamt 5 von 17. Und zwei von ihnen durften dann auch Preise mit nach Hause nehmen.
So ging der Hauptpreis für den besten Film, der Goldene Bär, an den Film „SYNONYMES“ des israelischen Regisseurs Nadav Lapid. Ein Film über Migration und wie der Einzelne damit umgeht. Yuav, ein Israeli, kommt nach Paris und möchte seine komplette Identität wechseln. Das Vergangene, einschließlich seiner Religion und seiner Sprache, will er auslöschen zugunsten einer neuen Person, eines neuen Lebens, einer neuen Identität. Mit sowohl tragischen, als auch komischen Elementen. Dass hier der Regisseur ausgerechnet einen Israeli für diesen Charakter nimmt ist umso erstaunlicher, als gerade Menschen jüdischen Glaubens dafür bekannt sind ihre Religion und ihre Sprache über Jahrtausende hin zu bewahren und als nicht zu erschütternde Identität zu halten. In seiner Dankesrede sagte Nadav Lapid dann auch, dass er viele negative Reaktionen aus seinem eigenen Land erwarte.

Dieter Kosslick bekam zum Abschied einen großen Plüsch-Bären von Jury Präsidentin Juliette Binoche überreicht @ Berlinale

Und nicht zu vergessen ist natürlich der französische Superstar Francois Ozon („8 Frauen“, Swimmingpool“), der den großen Preis der Jury für seinen Film „GRACE À DIEU“ bekam, über den Missbrauch von katholischen Priestern an kleinen Jungen. Just am selben Abend wurde die Nachricht bekannt, dass Pabst Franziskus den früheren Kardinal aus Washington, McCarrick, aus dem Priesteramt entlassen hat. Es ist die schärfste Strafe, die vom Klerus vergeben werden kann. Ein noch nie dagewesener Fall!
Es tut sich also etwas zur Aufklärung des größten Skandals in der Geschichte der katholischen Kirche. Endlich!

Besonders positiv wurde die Preisvergabe für die besten Schauspieler*innen aufgenommen. Sie wurden an die beiden Hauptdarsteller Yong Mei und Wang Jingchun des chinesischen Films „SO LONG, MY SON“ von Wang Xiaoshuai vergeben. Darin spielen beide ein Ehepaar, welches zurzeit der Ein-Kind-Politik Chinas in den 80er und 90er Jahren in vorgerücktem Alter ihren einzigen Sohn verlieren und nun nie mehr einen Nachkommen werden haben können. Der Film bekam ebenfalls von vielen Kollegen lobende Anerkennung.

Und zum Schluss gab es natürlich noch die große Verabschiedung von Dieter Kosslick, der 18 Jahre lang dieses drittgrößte Filmfestival der Welt geleitet hat. So manche Träne wurde bei seinen Mitarbeiter*innen vergossen. Bei seiner letzten Pressekonferenz am Morgen sagte er noch, wie wichtig es ihm gewesen sei, besonders die politischen Themen  im Film herauszustellen. Dabei kann Politik sowohl im Privaten, wie im Öffentlichen geschehen.

So long, Dieter.

Und hier unsere Bilderserie vom Toten Teppich:

14 Photos: Die 11-jährige Helena Ziegel aus „Systemsprenger“, RoterTeppich zur Berlinale Gala 2019 © Holger Jacobs

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Berlinale 2019 – Award Ceremony
By Holger Jacobs
02/17/2019
The grand gala at the end of the Berlinale was an evening of farewell
A few hours before the grand closing gala of the 69th Berlin International Film Festival was to begin, it became known that one of the greatest actors in the German-speaking world had died the night before, Bruno Ganz.
The management of the Berlinale then decided to install an obituary on Bruno Ganz in their event. When the picture of him appeared on the screen at the evening, the whole audience rose to a long standing ovation. It was the most touching moment for me at this award ceremony. And that should of course by no means diminish the performance of the award winners.
The film, which was long favored by everyone here, „SYSTEMSPRENGER“, won the Alfred Bauer Prize for what it is called „a cinema that opens up new perspectives“. It sounded like a consolation prize. This film by Nora Fingerscheidt would certainly deserve more. It is about a 9-year-old girl who rebels against his environment and, ultimately, against himself because he has been torn from his familiar surroundings and misses love and security. The film shows how much unwanted changes and loss of caregivers can affect a child’s psyche. 11-year-old Helena Zengel in the lead role (see also the pictures of the red carpet).

Apart from that, there were a lot of productions from France this year, a total of 5 out of 17. And two of them were allowed to take prizes home. So the main prize for the best film, the Golden Bear, went to the film „SYNONYMES“ by Israeli director Nadav Lapid. A film about migration and how the individual deals with it. Yuav, an Israeli, comes to Paris and wants to change his complete identity. He wants to erase the past, including his religion and his language, in favor of a new person, a new life, a new identity. With both tragic and weird elements. The fact that the director here just took an Israeli for this character is all the more astounding, because people of Jewish faith are known to preserve their religion and their language for thousands of years and to hold their identity. In his acceptance speech, Nadav Lapid also said that he is expecting many negative reactions from his own country.
And not forgetting, of course, the French superstar Francois Ozon („8 women, Swimming pool“), who won the jury’s Grand Jury Award for his film „GRACE À DIEU“, on the abuse of Catholic priests on little boys. The news came out on Saturday, that Pope Francis dismissed the former Cardinal of Washington, McCarrick, from the priesthood, the harshest punishment that can be awarded by the clergy, an unprecedented case! It is the biggest scandal in the history of the catholic church.
The Awards for the best actors were absolutely deserved. They were given to the two main actors/actress Yong Mei and Wang Jingchun of the Chinese movie „SO LONG, MY SON“. In it, both play a married couple, which at the time of the One-Child Policy of China in the 80s and 90s lose their only child  at an advanced age and now can never have a descendant. The film was also praised by many colleagues.
And finally, of course, there was the big farewell to Dieter Kosslick, who led this third largest film festival in the world for 18 years. So many tears were shed at his employees. At his last morning press conference, he said how important it had been for him to highlight the political issues in movies in particular. And he followed, that politics can happen both, in privat or in public.
So long, Dieter.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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