Bestandsaufnahme Gurlitt – Martin-Gropius-Bau

Bestandsaufnahme Gurlitt/ Claude Monet © Bundeskunsthalle Bonn

Bestandsaufnahme Gurlitt – Martin-Gropius-Bau

 

Von Klaus Honnef

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„Bestandsaufnahme Gurlitt – Der NS-Kunstraub und die Folgen“

„Bestandsaufnahme Gurlitt“ ist der lakonische Titel einer faktengesättigten, texthaltigen, lesens- und sehenswerten Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin (vorher war sie in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen). Es ist die akribische Bestandsaufnahme eines verwickelten Falles, der mit einem Justiz- und einem Presseskandal begann. Die Hausdurchsuchung im Jahr 2012 eines als Geldwäscher verdächtigten alten Mannes namens Cornelius Gurlitt ergab eine Fülle von Gemälden, Zeichnungen und vor allen Dingen Drucken berühmter Künstler. Insgesamt 1280 Werke wurden in dessen Münchner Wohnung gefunden. Ein Konvolut, das der eilfertigen Münchner Staatsanwaltschaft als „Raubkunst“ ins Auge stach und beschlagnahmt wurde. Nicht zufällig gelangte die Aktion in die Öffentlichkeit, und die Wochenzeitschrift „Focus“ blies den Fund gleich als „Nazi-Schatz“ in die Öffentlichkeit. Die Konkurrenz von Print- und TV-Medien überbot sich gegenseitig in phantasierten Spekulationen und steigerte den Wert der Kunstwerke in die Millionen-, gar Milliardensphäre.

Die Ausstellung lässt diese Skandale nur am Rande aufscheinen. Sie widmet sich in Kooperation mit dem Kunstmuseum Bern vor allem der Herkunft der gezeigten Kunstwerke, seit sie die künstlerische Werkstatt verlassen haben. Das Schweizer Haus ist der Erbe des inzwischen verstorbenen und offensichtlich falsch „Verdächtigten“. Zugleich versucht sie in knapp formulierten Zwischentexten ein Licht auf die Mechanismen des Kunsthandels während des Nazi-Regimes zu werfen.

Damit gerät mit Hildebrand Gurlitt, Cornelius‘ Vater, eine schillernde und in der Nazizeit gar nicht so untypische Persönlichkeit ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Denn er hat den vermeintlichen „Nazi-Schatz“ zusammengekauft (nicht geraubt). Gurlitt, als Museumsmann ein engagierter Vertreter der Moderne, von den Nazis zweimal deshalb relegiert, später ein Kunsthändler, der es schaffte, in die Riege der vier einflussreichsten und relativ unabhängigen Kunsthändler des raffgierigen Systems aufzusteigen, und nach dem Krieg „entlasteter“ Direktor des größten deutschen Kunstvereins in Düsseldorf bis zu seinem Unfalltod 1956.

Ohne die oberflächliche Kenntnis der Vorgeschichte ist die Ausstellung keine Museumsschau. Denn ihr Stoff ist nichts anderes als der Verkaufsstock eines versierten Kunsthändlers, der den Geschmack seiner bürgerlichen Klientel kannte. Er enthält viele bedeutende Namen der Kunstgeschichte, vorwiegend französisches 18. und 19. Jahrhundert, Boucher, Greuze, Guys, Delacroix, Forain, Signac und ein meisterliches Blatt von Seurat und deutsches 20., darunter Expressionismus und Avantgarde. Kleine Formate für den Platz überm Sofa, schöne Suite Altmeistergrafik von Dürer, Holbein d.J. und Cranach für Kenner. Die größeren Gemälde sind kaum der Rede wert. Ein Rubens, wenn überhaupt aus der Werkstatt, einige zweifelhafte Courbets, teilweise sehr schlapp, ein stumpfer und flauer Monet mir rauchenden Schornsteinen im Hintergrund. Nach intensiven Recherchen ist vom Vorwurf der „Raubkunst“ nicht viel übriggeblieben. Fünf Stücke wurden bisher restituiert. Den umfangreichen Rest hat der umtriebige Hildegard Gurlitt augenscheinlich legal auf welchen Wegen auch immer erworben, und das Berner Museum kann sich freuen. Gerade Gurlitts ungeheures Beziehungsgeflecht wird in den gelegentlich pejorativen Texten der Ausstellung immer wieder betont.

Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitt © Bundeskunsthalle

Keine Frage: Es ist lehrreich, die Ausstellung zu sehen, und das Ganze – leider in den schönen Räumen allzu eng zusammengerückt – liest sich wie ein Krimi. Doch das moralische Gewand, in das sich manche aus Justiz und viele aus den Medien gekleidet haben, hat ebenfalls Löcher und Schmutzflecken. Es entfesselte einerseits die Jagd auf einen alten Mann, der zwar wusste, dass die Bilder aus schlechtem Grund der Öffentlichkeit entzogen waren, unter Inkaufnahme seines Todes. Andererseits verdeckt es die Tatsache, dass sich der geschickte Hildegard Gurlitt, eine Figur wie aus einem Roman, nicht anders verhalten hat als die meisten Deutschen in der Nazi-Zeit. Sein Malus offensichtlich, dass er mit KUNST gehandelt hat. Viele „unbescholtene“ Deutsche waren erheblich raffgieriger als er. Und ja, er hat nach dem Zusammenbruch gelogen, dass sich die Balken bogen, aber die meisten Deutschen waren plötzlich auch nie Nazis gewesen. So beleuchtet die Ausstellung unterschwellig das Dunkel des Problems, wie viele Kunstwerke und Mobiliar aus jüdischem Besitz noch in deutschen Museen (die dabei sind, endlich ihre Geschichte aufzuarbeiten) ohne „Persilschein“ und in deutschen Privatwohnungen stecken. Viele vermutlich. Sie hat das Verdienst, ein nach wie vor nahezu unberührtes Kapitel der Geschichte des dutzendjährigen Nazireiches angekratzt zu haben, ein Tabu sozusagen: nämlich seine „Kultur“ und ihre Hintergründe.

„Bestandsaufnahme Gurlitt – Der NS-Kunstraub und die Folgen“
14.09. 2018 – 07.01. 2019
Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstrasse 7
10963 Berlin
Mi-Mo 10-19 Uhr, Di geschlossen

Die folgende Bilderserie zeigt ein Teil der großen Ausstellung. Wie ein Querschnitt durch die Kunstgeschichte sind unterschiedliche Stilrichtungen und Epochen zu sehen. Dabei ist besonders interessant, wie die Maler über die Jahrhunderte hinweg bestimmte Themen bearbeitet haben. In den Bildern Nr. 12 – 15 sieht der Betrachter auf sehr unterschiedliche Weise Paare von Evard Munch (1920), Conrad Felixmüller (1921), Ferdinand Waldmüller (1831) und Hans Christoph (1924). Oder die Landschaften von Jan Brueghel d.J. von 1630 neben Jean-Francois Millet von 1858 (Bilder Nr. 19, 20 und 21). Am Ende kommen zwei sehr schöne Plakate von Toulouse-Lautrec und den Abschluss bildet eine Arbeit von Pablo Picasso aus dem Jahr 1930 (Bild Nr. 27):

27 Photos: Aristide Maillol, „Weiblicher Rückenakt“, ohne Zeitangabe © Bundeskunsthalle Bonn

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Bestandsaufnahme Gurlitt – Martin-Gropius-Bau Berlin
By Klaus Honnef
„Inventory Gurlitt“ is the laconic title of a fact-filled, readable and worth seeing exhibition in the Bundeskunsthalle Bonn (until 11 March). It is the meticulous inventory of an intricate case that started with a judicial and a press scandal. The house search of a man who were suspected as a money launderer named Cornelius Gurlitt revealed a wealth of paintings, drawings and, above all, prints of famous artists. Over all 1280 artworks were found in his Munich appartement. A convolute, which stung Munich prosecutor’s office as a „looted art“ and was confiscated. It was no coincidence that the action came out in public, and the weekly magazine „Focus“ immediately called the find „Nazi treasure“. The competition from print and TV media outbid each other in fantasized speculation and increased the value of artworks in the millions, even billions.

The exhibition makes these scandals only marginally apparent. In cooperation with the Kunstmuseum Bern, it focuses on the origin of the works of art shown since they left the artistic workshop. The Swiss House is the heir of the now deceased and obviously false „suspect“ Cornelius Gurlitt. At the same time, it tries to shed light on the mechanisms of the art trade during the Nazi regime in concisely formulated intermediate texts.

This brings with Hildebrand Gurlitt, Cornelius‘ father, a dazzling and in the Nazi period not so untypical personality in the center of attention. Because he has the purported „Nazi treasure“ bought together (not robbed). Hildebrand Gurlitt, as a museum man a committed modernist, twice relegated by the Nazis, later an art dealer who managed to rise into the ranks of the four most influential and relatively independent art dealers of the greedy system, and after the war „relieved“ director of the largest German Kunstverein in Düsseldorf until his accidental death in 1956.

Without the superficial knowledge of prehistory, the exhibition is not a museum show. Because their material is nothing more than the sales floor of a savvy art dealer, who knew the taste of his bourgeois clientele. It contains many important names in art history, predominantly French 18th and 19th century, Boucher, Greuze, Guys, Delacroix, Forain, Signac and a masterpiece of Seurat and German 20th, including Expressionism and the Avant-garde. Small formats for the place above the sofa, beautiful suite Altmeister artwork by Dürer, Holbein d.J. and Cranach for connoisseurs. The larger paintings are hardly worth mentioning. A Rubens, if anything out of the workshop, some dubious Courbets, some very tired, a dull and flaccid Monet with smokestacks in the background. After intensive research, there is not much left of the accusation of „looted art“. Five pieces have been restituted so far. The bustling Hildegard Gurlitt has evidently legally acquired the extensive remainder in whatever way, and the Berne Museum can look forward to it. Especially Gurlitt’s tremendous web of relationships is emphasized time and again in the occasional pejorative texts of the exhibition.

No question: it is instructive to see the exhibition, and the whole – unfortunately too close together in the beautiful rooms – reads like a thriller. But the moral garb dressed in some of the judiciary and many in the media also has holes and smudges. It unleashed on the one hand the hunt for an old man, who knew that the pictures were removed from the public for a bad reason. On the other hand, it conceals the fact that the clever Hildegard Gurlitt, a character as if from a novel, behaved no differently than most Germans in the Nazi era. Many „irreproachable“ Germans were considerably more greedy than he. And yes, he lied after the collapse, but most of the Germans had never been Nazis, as they said. Thus, the exhibition subtly illuminates the darkness of the problem of how many works of art and furniture from Jewish possessions are still in German museums (which are finally working up their story) without a permission and in German private apartments. Many probably. It has the merit of having scratched a still nearly untouched chapter in the history of the dozen years of Nazi rule, a taboo so to speak: namely its „culture“ and its background.
„Bestandsaufnahme Gurlitt – Der NS-Kunstraub und die Folgen“
14.09. 2018 – 07.01. 2019
Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstrasse 7
10963 Berlin
Wed – Mo 10am – 19pm, Tue closed

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