Bill Viola in den Deichtorhallen Hamburg

Bill Viola - The Messenger - Screen Shot from Video © Kira Perov/ Bill Viola

Bill Viola in den Deichtorhallen Hamburg

 

Von Julia Engelbrecht-Schnür

13.6.2017

Bill Viola – „Installationen“

Anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläum 2017 in den Deichtorhallen Hamburg

Bei den Werken des amerikanischen Künstlers Bill Viola geht es nicht um Mögen oder Nicht-Mögen. Die Video-Installationen des bedeutenden Medienkünstlers entziehen sich auf wundervolle Weise gängiger Beurteilungskriterien. In der Auseinandersetzung mit Violas Werk erlebt der Betrachter, wie die Empfindung den Intellekt in seine Schranken weist. Das liegt vor allem an den universellen und mystischen Inhalten. Es geht um Leben, Leiden, Tod und Erlösung, und es geht Bill Viola darum, diese zentralen Themen des menschlichen Daseins überwältigend darzustellen.

„Tristan’s Ascension“

Gleich im ersten und zentralen Raum in der aufwendig gestalteten und abgedunkelten Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen steht der Besucher vor einer zehn Meter hohen Leinwand und sieht in einem Video einen weiß gewandeten Menschen auf einer Steinplatte liegen. Wassertropfen lassen einen leichten Regen erkennen, der bald zu einem tosenden Wasserfall anschwillt, dem der sich windende Körper schutzlos ausgesetzt ist. Allein, die Naturgesetze scheinen aufgehoben, die Wassermassen fließen aufwärts und heben irgendwann den gepeinigten Körper engelsgleich schwebend mit sich empor. Welche Erlösung nach diesem Waterboarding-Martyrium.

„Tristan’s Ascension“, 2005, Bill Viola, Foto: Felix Krebs/ Deichtorhallen Hamburg

Während der Betrachter noch überlegt, warum Bill Viola das Wasser aufsteigen lässt, den Prozess des Wasserfalls also umgekehrt, hat ihn eine kontemplative Stille ergriffen und sein Denken kommt zur Ruhe. Dafür atmet sein Unterbewusstsein das Gefühl der Erlösung, die Sehnsucht nach göttlichem Trost und nach spiritueller Geborgenheit.

„Tristan’s Ascension“ heißt diese rund 10 minütige Arbeit, die 2005 als Teil eines vierstündigen Videos zu einer Richard Wagner-Oper entstand. Auch die anderen Ausstellungsbesucher stehen schweigend da oder haben sich vor der großen Leinwand auf dem Teppichboden niedergelassen, so wie 2006 in der Turbinenhalle der Tate Modern in London, wo der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson tausende Menschen anhand einer rot leuchtenden Sonnenscheibe in staunende Ergriffenheit versetzte. Die Menschen von ihrem Alltagsbewusstsein zu befreien, sie empfänglich zu machen für ein „Erfühlen“ der großen Geheimnisse der menschlichen Existenz, das ist auch die Absicht von Bill Viola.

Ein gebeugter Mann mit grauem Haar steht lächelnd im Dunkel der Halle. Der 66jährige Herr lässt sich von seiner Frau durch die Ausstellung führen. Es ist Bill Viola. Er spricht wenig, genauso wenig wie seine Figuren in seinen Arbeiten, deren Ausdruck er jedoch auf die Spitze treibt, indem er ihre Gebärden und ihre Mimik in Multi-Slow-Motion zeigt. Das ist kaum auszuhalten, weil es ein detailliertes Betrachten erlaubt, das den Sehsinn, das visuelle Empfinden fast übersteigt.

Bill Viola und seine Frau Kira Perov in den Deichtorhallen Hamburg anlässlich der Bill Viola-Ausstellung, Foto: Lena Röttger

„Nantes Triptych“

Bei einer weiteren Arbeit der insgesamt 13 ausgestellten Werke, „Nantes Triptych“ von 1992, laufen drei Videosequenzen parallel. Links gebiert eine hockende Frau, auf der rechten Tafel atmet eine Greisin im Totenbett ihre letzten Atemzüge und in der Mitte wogt ein kräftiger, ausgewachsener Körper durch bläuliche Wasserwelten. Geburt, Leben und Sterben. Indem Bill Viola diese drei großen Daseinssäulen bildlich verdichtet, filmisch in Slow Motion so einkocht, eröffnet er beim Betrachter ungeahnte Erkenntnisräume über die menschliche Existenz.

„Nantes Triptych“, 1992, Bill Viola, © Kira Perov/ Bill Viola Studio

Cranach und Dürer

Da wundert es kaum, dass auch Bischöfin Kirsten Fehrs am Eröffnungstag unter den Gästen ist, den Deichtorhallen geradezu kathedralenartige Architektur nachsagt und Viola in einem Atemzug mit den großen Kirchenmalern Cranach und Dürer nennt. „Keine einzige Installation hier lässt den Betrachter unberührt, gerade heute in diesen sehr unruhigen Zeiten.“ Und weil es die zentrale Aufgabe der Kirche sei, die Fragen des Glaubens in die Gegenwart zu holen, wolle Bischöfin Fehrs am 30. Juni im Rahmen des Reformationsjubiläums einen Gottesdienst mit einem ganz besonderen Altarbild abhalten, nämlich hier in der Ausstellungshalle vor der zehn Meter hohen Arbeit Tristan’s Ascension. Auf die Frage, ob Luther so viel Emotionen in einem Gottesdienst lieb gewesen wären, antwortet die Bischöfin: Ja, schließlich sind wir eine denkende Kirche.“

Bill Viola, Installationen, bis 10. September

Deichtorhallen Hamburg
Deichtorstraße 1 − 2
20095 Hamburg
Di – So 11 – 18 Uhr, Do 11 – 21 Uhr

10 Bilder: „The Messenger“. Bill Viola, 1996, Deichtorhallen Hamburg, © Kira Perov/ Bill Viola Studio

 

Julia Engelbrecht-Schnür

Author: Julia Engelbrecht-Schnür

Journalistin