Candide von Leonard Bernstein in der Komischen Oper

Candide - Komische Oper © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

Candide von Leonard Bernstein in der Komischen Oper

 

Von Holger Jacobs

27.11.2018

english text

Wertung:   🎭  🎭  🎭  🎭  (vier von fünf)

Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein zeigt Regisseur Barrie Kosky amerikanisches Revuetheater in seiner besten Form – ein glanzvoller Abend!

Hintergrund

Will der Zuschauer die Handlung verstehen, muss er 260 Jahre in der Geschichte zurückgehen, in die Zeit von Ludwig V., Friedrich dem Großen und der Aufklärung.
Der deutsche Gelehrte, Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716), der als das letzte Universalgenie gilt (u.a. hatte er das duale Rechensystem erfunden, nachdem heute noch alle unsere Computer laufen), hatte u.a. in seinen philosophischen Schriften von den „besten aller möglichen Welten“ gesprochen.

Ein anderer berühmter Philosoph, Voltaire (1694 – 1778), der bekanntlich dem preußischen König Friedrich dem Großen sehr nahe stand (an dessen Hof ja fließend französisch gesprochen wurde), hatte sich sehr (und nicht nur er) über diese Theodizee (Antwort auf die Frage, warum Gott die Leiden der Welt zulasse) von Leibniz aufgeregt – so stark, dass sich Voltaire genötigt sah, zu diesem Thema eine Novelle zu schreiben, „Candide ou L‘ Optimisme“ (1757), welches in der deutschen Übersetzung auch gleich „Candide oder die beste aller Welten“hieß.
Es wurde Voltaires erfolgreichste Schrift. In dieser lässt er den etwas einfältigen, aber gutherzigen Candide durch die Welt reisen und eine Katastrophe nach der anderen erleben, obwohl dieser selbst an die „beste aller Welten“ glaubt – eben der geborene Optimist. Wobei es Voltaire hier wohl weniger um einen philosophischen Streit unter Gelehrten ging, als vielmehr um das, was er am besten konnte: Satire und Spott auf jeden und alles, weshalb er auch für kurze Zeit in der Bastille landete.

Fast genau 200 Jahre später, 1956, bringt der damals schon populäre US-amerikanische Dirigent und Komponist Leonard Bernstein (1918 – 1990) das Musical „Candide“ auf die Bühne am Broadway – allerdings mit nur wenig Erfolg. Seine ein Jahr später veröffentlichte „West Side Story“ wurde ungleich erfolgreicher und letztlich sein großer Durchbruch.

Hier unser Video von der Probe am 20.11.2018:

Handlung und Kritik

Leonard Bernsteins „Candide“ war 1956 ein Flop. Es wurde nach nur 2 Monaten Laufzeit abgesetzt. Doch es sollte nicht in der Versenkung verschwinden. 1973 gab es eine Bearbeitung von Hugo Wheeler mit neuem Libretto, welche erfolgreich am Broadway lief. Später kamen weitere Versionen von anderen Regisseuren dazu.

Barrie Kosky bezieht sich in seiner Inszenierung auf die Version von John Caird, die dieser 1999 im Londoner Royal National Theater aufführte. Mit Texten von Hugo Wheeler, Richard Wilbur, Lillian Hellman, Dorothy Parker und Leonard Bernstein. Die deutsche Fassung stammt von Martin G. Berger.

Das Musical (oder auch Operette) „Candide“ beginnt mit einer Szene im Schlosspark des Baron Thunder-ten-tronckh. Seine Tochter Kunigunde und sein Neffe Candide werden zusammen mit seinem Sohn Maximilian und der Kammerjungfer Paquette vom Hauslehrer Dr. Pangloss unterrichtet. Nach dem Ende des Unterrichts zeigt Pangloss noch der hübschen, aber einfältigen Paquette, wie die Sexualität funktioniert. Kunigunde sieht die beiden und fordert nun ihrerseits Candide auf, mit ihr dasselbe zu machen. Candide ist sofort bereit. Doch sie werden von Maximilian beobachtet, der das Gesehene an seinen Vater verrät. Der Baron schmeißt Candide daraufhin hinaus.

Ab diesem Zeitpunkt beginnt für Candide und später auch für Kunigunde eine Irrfahrt mit vielen schlimmen Erlebnissen um die halbe Welt, bis sie sich am Ende in Venedig wiederfinden und letztlich in einem kleinen Bauerhaus in den Dolomiten ihren Lebensabend gemeinsam verbringen. Aber Candide verliert nie den Glauben an die „beste aller Welten“…

Barrie Kosky versteht es wieder einmal perfekt, Ernstes und Komisches perfekt zu kombinieren. Gerade wenn der Zuschauer denkt, jetzt wird die Inszenierung zum Klamauk, gibt es einen Schwenk und schon präsentiert sich eine ganz andere Szenerie.
Und eines liebt Barrie Kosky natürlich ganz besonders: Tanzeinlagen!
Sie kommen ständig und zu jeder Gelegenheit. Ob als Soldaten, Bettler oder Revuegirls, immer wird das Bein geschwungen und lässt uns denken wir wären mitten in Manhattan am Broadway. Wer an Silvester noch nichts Anderes vorhat: Das ist die richtige Show, um ins Neue Jahr zu kommen! Es gibt gleich zwei Vorstellungen nacheinander: um 14.00 Uhr und um 19.00 Uhr.

Aber was mir an Barrie Koskys Inszenierungen am besten gefällt ist seine große Begabung der Personenführung. Ich kenne zurzeit keinen anderen Opernregisseur, der es so gut versteht, Mimik und Gestik der Sänger perfekt auf das Geschehen abzustimmen. Kleinste Bewegungen, Glucksen, Kichern und andere Slapstick Einlagen passen immer 100 prozentig zur Handlung und geben der Inszenierung den richtigen Schwung. Buster Keaton hätte seine helle Freude gehabt. Bravo!

„Candide“ von Leonard Bernstein
Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Jordan de Souza, Regie: Barrie Kosky, Choreographie: Otto Pichler, Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Klaus Bruns.
Besetzung:
Voltaire/Dr. Pangloss: Franz Hawlata, Candide: Allan Clayton, Kunigunde: Nicole Chevalier, Die Alte Frau: Anne Sofie Von Otter, Maximilian: Dominik Köninger, Paquette: Maria Fiselier, Cacambo: Emil Lawecki, Gouverneur: Adrian Strooper, Vanderdendur:Ivan Turšić, Martin: Tom Erik Lie
Tänzer*innen:
Meri Ahmaniemi, Alessandra Bizzarri, Martina Borroni, Damian Czarnecki, Michael Fernandez, Paul Gerritsen, Claudia Greco, Hunter Jaques, Christoph Jonas, Sara Pamploni, Lorenzo Soragni, Mariana Souza

Nächste Vorstellungen: 1., 12., 21. und 31. Dezember 2018, 10. und 25. Januar 2019.

Unsere Bilderserie mit 15 Fotos der Aufführung:

15 Photos: Kunigunde (Nicole Chevalier) arbeitet als Hure in Lissabon, „Candide“, Komische Oper Berlin © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

english text

Candide by Leonard Bernstein in the Komische Oper
By Holger Jacobs
27/11/2018
Rating: 🙂 🙂 🙂 🙂 (four out of five)
On the occasion of Leonard Bernstein’s 100th birthday, director Barrie Kosky shows American Revue theater in its best form – a glamorous evening!
Background
If the spectator wants to understand the story, he has to go back 260 years in history, to the time of Ludwig V., Frederick the Great and the Enlightenment. The German philosopher and mathematician Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716), who is considered the last universal genius (among others he had invented the dual computing system,  all our computers are still running with it) spoke in his philosophical writings of the „best of all possible worlds“.
Another famous philosopher, Voltaire (1694-1778), who was known to be very close to the Prussian King Frederick the Great (whose court was fluent in French), was very concerned with this „Theodicy“ (answer to the question why God allows the sufferings of the world) – so strong that Voltaire found it necessary to write a novella on this subject, „Candide ou L ‚Optimisme“ (1757), which is in the German translation „Candide or the best of all worlds „. It became Voltaire’s most successful typeface. In this he lets the somewhat simple-minded, but kindhearted Candide travel through the world and experience one disaster after another, although he himself believes in the „best of all worlds“ – he is just the born optimist. Whereby Voltaire was less concerned with a philosophical dispute among scholars, as with something he did best: satire and ridicule on everyone and everything, which is why he ended up in the Bastille for a short time.
Almost exactly 200 years later, in 1956, the popular American conductor and composer Leonard Bernstein (1918-1990) brings the musical „Candide“ to the stage on Broadway – unfortunately with little success. His one year later published „West Side Story“ was much more successful and ultimately his big breakthrough.

Story and Critics
Leonard Bernstein’s „Candide“ was a flop in 1956. It was discontinued after only 2 months running time. But it should not disappear completely. In 1973 there was a adaptation by director Hugo Wheeler with a new libretto, which ran successfully on Broadway. Later, more versions of other directors were added.
In his production, Barrie Kosky refers to the version of director John Caird, which he brought on stage in 1999 at London’s Royal National Theater. With lyrics by Hugo Wheeler, Richard Wilbur, Lillian Hellman, Dorothy Parker and Leonard Bernstein. The German version is by Martin G. Berger.
The musical (or operetta) begins with a scene in the castle park of Baron Thunder-ten-tronckh. His daughter Kunigunde and his nephew Candide, together with his son Maximilian and the chambermaid Paquette, are taught by the tutor Dr. Ing. Pangloss . After completing the lesson, Pangloss shows the pretty but simple Paquette how sexuality works. Kunigunde sees the two and asks Candide to do the same with her. Candide is ready right away. But they are watched by Maximilian, who reveals what he sees to his father. The baron then throws Candide out.
From then on Candide and later also Kunigunde will start a wandering trip through the half of the world with terrible experiences, until they finally find themselves in Venice and spend their older age together in a small farmhouse in the Dolomites. And Candide never loses faith in the „best of all worlds“.
Barrie Kosky once again knows how to perfectly combine serious and funny moments. Especially when the viewer thinks, now the staging becomes a ridicules joke, there is a change and soon presents a very different scenery. And one thing Barrie Kosky loves very much: dancing! Dance shows are coming constantly and at every opportunity. Whether as a soldier, a beggar or as showgirls, the leg is always swung and makes us think we are in the middle of Manhattan on Broadway. If you are new to New Year’s Eve, this is the show to start the Year! There are two performances in succession that day: at 14.00 and 19.00 pm.
But what I like best about Barrie Kosky’s productions is his great talent for leading the performers. At the moment, I do not know any other opera director who knows how to perfectly match the vocal imagery and gestures of the singers to the happenings. The smallest movements, chuckles, giggles and other slapstick insoles always fit 100 per cent to the action and give the staging the right momentum. Buster Keaton would have been happy. Bravo!
„Candide“ by Leonard Bernstein
Komische Oper BerlinMusical direction: Jordan de Souza, Director: Barrie Kosky, Choreography: Otto Pichler, Stage: Rebecca Ringst, Costumes: Klaus Bruns.
Cast:
Voltaire / Dr. Pangloss: Franz Hawlata, Candide: Allan Clayton, Kunigunde: Nicole Chevalier, The Old Woman: Anne Sofie Von Otter, Maximilian: Dominik Köninger, Paquette: Maria Fiselier, Cacambo: Emil Lawecki, Governor: Adrian Strooper, Vanderdendur: Ivan Turšić, Martin : Tom Erik Lie
Dancer:
Meri Ahmaniemi, Alessandra Bizzarri, Martina Borroni, Damian Czarnecki, Michael Fernandez, Paul Gerritsen, Claudia Greco, Hunter Jaques, Christoph Jonas, Sara Pamploni, Lorenzo Soragni, Mariana Souza

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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