CARMEN – Deutsche Oper Berlin

Carmen - Deutsche Oper Berlin Foto: Holger Jacobs

CARMEN – Deutsche Oper Berlin

 

Von Gil Eilin Jung

22.01.2018

english text below

Ein großer Erfolg der Technik und der Stimmen:  bei der überaus geglückten ersten Premiere an der Deutschen Oper Berlin im neuen Jahr war bis zum letzten Moment unklar, ob die Technik hält. Die Performance tat es allemal.

Hintergrund 1

Ein Defekt an der Sprinkleranlage sorgte an Heilig Abend vor 4 Wochen für den Super Gau an der Deutschen Oper Berlin. Ein immenser Wasserschaden hatte ausgerechnet die Hauptbühne und ihren technischen Unterbau faktisch lahmgelegt. Die Sorgen, die Verzweiflung, die Installation von Alternativen zum Bewegen der erzählerisch so notwendigen Kulisse – von all dem bekam der Besucher in der Premiere am Samstagabend so gut wie gar nichts mit. Das branchenübliche „Toi, toi, toi“ hatte sich für den norwegischen Regisseur Ole Anders Tandberg zum Glück erfüllt. Und mehr als das: Bizets fulminantes Werk sorgte an der Bismarckstraße für frenetischen Zwischen- und Schlussapplaus, u.a. dank seiner überzeugenden Protagonisten – allen voran die französische Mezzosopranistin Clémentine Margaine in der Titelrolle der schönen Zigeunerin, die mutig und furchtlos die Männer um den Verstand und sich selber um ihr Leben bringt.

Hintergrund 2

Als die Oper „Carmen“ von Georges Bizet am 3. März 1875 in der Opéra Comique in Paris uraufgeführt wurde, war sie zunächst dank ihrer drastischen, wirklichkeitsnahen Erzählweise zunächst umstritten. Erst allmählich wurde sie vom Publikum angenommen. Heute zählt sie zu den meistgespielten und beliebtesten Opern überhaupt, auch wegen ihrer beiden wunderbaren Arien „L’amour est un oiseau rebelle“ (Habanera) und „Votre toast, je peux vous le rendre“ (Torero-Lied).

Hier unser Video auf KULTUR24 TV der berühmten Habanera Arie:

Handlung

Angesiedelt in einer Zeit, deutlich vor jeglicher policial correctness, lebt die spanische Zigeunerin Carmen am Rande der Gesellschaft und Legalität. Sie ist eine Meisterin der Manipulation, ein Vulkan an Impulsivität, dazu schön, furchtlos, unabhängig und von einer derartigen sexuellen Energie, dass ihr die Männer in Scharen zu Füßen liegen. Einer von ihnen tun dies insbesondere: Don José, ein Sergeant und Idealist, der Carmen auf den ersten Blick verfällt. Ihretwegen nimmt er eine Gefängnisstrafe auf sich und die Degradierung zum einfachen Soldaten, später gar die Desertation und ein Leben im Untergrund. Dabei wird er eigentlich von seiner sterbenskranken Mutter zuhause verlangt. Seine Widersacher sind Zuniga, Josés bulliger Leutnant, der seine Leidenschaft für Carmen als erster mit dem Leben bezahlen muss, und Escamillo. Der Dritte im Bunde ist der stolze Stierkämpfer, Held der Arena, der als einziger die Gefahr erkennt, die von Carmen ausgeht.

Zu den weiblichen Protagonistinnen gehören die Zigeunerinnen Frasquita und Mercédés, Carmens glutäugige Freundinnen und Partnerinnen in Crime. Mit ihnen arbeitet sie in der Zigarrenfabrik, bevor sie „la Liberté“, die Freiheit, besingen und gemeinsam Gesetze brechen. Zudem ist da noch Micaëla, die von Josés Mutter gesandt wurde, den verlorenen Sohn zurück zu holen und zu bekehren. Micaëla ist Carmens Gegenstück, die Zarte, Sensible, Anständige. Sie liebt José und versucht verzweifelt ihn zu retten. Doch auch ihr gelingt es nicht, ihn von Carmens Bann zu befreien. Als Carmen ihm schon längst ihre Liebe versagt und auch ihn auf die andere Seite der Legalität gezogen hat, schafft er es nicht, von ihr zu lassen. In dem Moment, wo sich Carmen für Escamillo entscheidet, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Carmen (Clémentine Margaine), „Carmen“ Deutsche Oper Berlin, Foto: Holger Jacobs

Kritik

Georges Bizets wunderbare Oper nach einer (im Bezug auf das Frauenbild, doch ziemlich mutigen) Erzählung von Prosper Mérimée in die Jetzt-Zeit zu holen, ist kein einfaches Unterfangen. In Ole Anders Tandbergs Inszenierung ist es jedoch überzeugend gelungen, die nötige Opulenz, die zu einem Werk wie Carmen gehört, zu belassen. Dank eines relativ puristischen Bühnenbildes (ein – Gott sei Dank auch nach dem Wasserschaden – drehbares Amphitheater, das als Kneipe, Fabrik und Stierkampfarena herhält) und einer visuellen Konzentration auf Carmen in leuchtend roter Zigeunerrobe (Kostüme: Maria Geber). Unterstützt von ihren zwei Freundinnen (in gleichem feuerrotem Gewand: Nicole Haslett und Jana Kurucova) knallen die drei nicht nur optisch heraus. Inhaltlich wurde aus den Vergehen der Schmuggler ein zeitgemäßer Handel mit Organen, dass das Blut nur so spritzt. Carmen wird als eine Frau gezeigt, die nicht nur schön und sexy ist, sondern auch Mut und Stärke beweist und dabei den Männern ebenbürtig ist. Hier verdeutlicht durch eine Szene, als sie vom Matador die abtrennten Hoden des besiegten Stieres ausgehändigt bekommt. Eine Metapher, die bei all den begeisterten Zwischenapplausen im Publikum auch für Buh-Rufe sorgte.

Was diese Opéra Comique so sehenswert macht, sind neben den Stimmen die schauspielerischen Leistungen der fantastischen Solistin Clémentine Margaine in der Titelrolle, des Tenors Charles Castronovo als Don José, des Baritons Markus Brück in der Rolle des Matador Escamillo und herausragend die der amerikanischen Sopranistin Heidi Stober als verzweifelte Micaëla. Großes Lob auch für das Orchester und den Chor der Deutschen Oper Berlin und für den Kinderchor des Hauses, der Anlass zu bester Hoffnung gibt, dass neue, große Stimmen und Darsteller heranwachsen werden.

Musikalische Leitung: Ivan Repusic, Regie: Ole Anders Tandberg, Bühnenbild: Erlend Birkeland, Kostüme: Maria Gerber
Mit:
Carmen: Clémentine Margaine, Frasquita: Nicole Haslett, Mercédès: Jana Kurucová, Micaëla: Heidi Stober. Don José: Charles Castronovo, Moralès: Philipp Jekal, Zuniga        Tobias Kehrer, Escamillo: Markus Brück, Remendato: Ya-Chung Huang, Dancairo: Dean Murphy

„Carmen“
Deutsche Oper Berlin
Bismarkstraße 35
10627 Berlin

Nächste Aufführungen: 24.01.| 27.01.| 04.02. | 10.02. | 30.05. | 01.06. | 07.06. | 09.06. | 16.06.2018

26 Photos: Micaela (Heidi Stober), „Carmen“ Deutsche Oper Berlin, Foto: Holger Jacobs

 

 english text

CARMEN – German Opera Berlin

By Gil Eilin Jung

A great success for the technique and the voices: at the extremely successful first premiere at the Deutsche Oper Berlin in the New Year it was unclear until the last moment whether the technique would last. The performance did it all.

Background 1

A defect in the sprinkler system caused at Christmas 4 weeks ago for the catastrophe at the Deutsche Oper Berlin. An immense water damage had just paralyzed the main stage and its technical base. The worries, the desperation, the installation of alternatives to move the necessary backdrop. The standard „good luck“ had fortunately been fulfilled for the Norwegian director Ole Anders Tandberg. And more than that: Bizet’s fulminantes work made on the Bismarckstraße for frenetic intermediate and final applause, and thanks to his convincing protagonists – especially the French mezzo-soprano Clémentine Margaine in the title role of the beautiful Gypsy, who bravely and fearlessly brings the men out of their minds and their own lives.

Background 2

When the opera „Carmen“ by Georges Bizet was premiered on 3 March 1875 in the Opéra Comique in Paris, the play was not friendly welcome due to their drastic and realistic narrative story. Only gradually was it accepted by the public. Today CARMEN is one of the most performed and popular operas ever, also because of her two wonderful songs „L’amour est un oiseau rebelle“ (Habanera) and „Votre toast, je peux vous le rendre“ (Torero Song).

The Story

Located at a time, well ahead of any policial correctness, the Spanish gypsy Carmen lives on the margins of society and legality. She is a master of manipulation, a volcano of impulsivity, beautiful, fearless, independent, and of such sexual energy that the men lie in droves at her feet. One of them is doing this in particular: Don José, a sergeant and idealist who falls prey to Carmen at first sight. Because of them, he takes a prison sentence and the demotion to a simple soldier, later even the desertion and a life in the underground. He is actually asked by his dying mother to come home. His adversaries are Zuniga, José’s beefy lieutenant, who has to pay his passion for Carmen first with his life, and Escamillo, the Torero. The third in the league is the proud bullfighter, hero of the arena, the only one who recognizes the danger emanating from Carmen.

The female protagonists include the gypsy women Frasquita and Mercédés (dressed in the same red outfit like Carmen), Carmen’s glowing-eyed friends and partners in crime. She works with them in the cigar factory before they sing la liberte, freedom, and break laws together. In addition, there is Micaëla, who was sent by José’s mother to bring back the lost son and convert. Micaëla is Carmen’s counterpart, the delicate, sensitive, decent. She loves José and desperately tries to save him. But even she does not succeed in freeing him from Carmen’s spell. When Carmen long since denied her love and pulled him to the other side of legality, he does not manage to let go of her. The moment Carmen chooses Escamillo, the misfortune takes its course.

Critics

Bringing Georges Bizet’s marvelous opera into the present time, after a story by Prosper Mérimée (in relation to the image of women, but rather brave), is no easy task. In Ole Anders Tandberg’s production, however, it was convincingly managed to leave the necessary opulence, which belongs to a work like Carmen. Thanks to a relatively puristic stage design (a – thank God also after the water damage – rotatable amphitheater serving as a pub, factory and bullfighting arena) and a visual focus on Carmen in bright red gypsy robe (costumes: Maria Geber). Supported by her two friends (in the same fire-red robe: Nicole Haslett and Jana Kurucova), the three pop out not only visually. In terms of content, the smugglers‘ transgressions made a timely trade in organs that only splashed blood. Carmen is portrayed as a woman who is not only beautiful and sexy, but also demonstrates courage and strength while being equal to men. Here illustrated by a scene when she receives from the matador the severed testicles of the defeated bull. A metaphor, which also provided for „Buh“ shouts in all the enthusiastic applause in the audience.

What makes this Opéra Comique so worth seeing are the performances by the fantastic Mezzosopran Clémentine Margaine in the title role, the tenor Charles Castronovo as Don José, the baritone Markus Brück in the role of Matador Escamillo and the American soprano Heidi Stober as desperate Micaëla. Great „Bravo“ also for the orchestra and the chorus of the Deutsche Oper Berlin and for the children’s chorus of the house, which gives rise to the best hope that new, great voices and performers will grow up.

Gil Jung

Author: Gil Jung

Journalistin und Public Relation Managerin, schrieb viele Jahre für die Lifeystyle-Seite der Welt am Sonntag

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