Celis | Eyal – Staatsballett Berlin

Half life - Sharon Eyal © Holger Jacobs

Celis | Eyal – Staatsballett Berlin

 

Von Holger Jacobs

8.9.2018

🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

english text below

Ein elegischer Tanz des 20. Jahrhunderts in Kombination mit der Wucht einer Choreografie des 21. Jahrhunderts machten die erste Premiere des Staatsballetts Berlin unter dem neuen Intendanten Tandem Johannes Öhmann und Sasha Waltz zu einem spannenden Erlebnis.

Die neuen Intendanten des Staatsballetts Berlin, Johannes Öhmann und Sasha Waltz © Holger Jacobs

„YOUR PASSION IS PUR JOY TO ME“ von Stijn Celis

Ein Abend in zwei Teilen, die nicht hätten unterschiedlicher ausfallen können. Es beginnt mit einer Produktion des belgischen Choreographen Stijn Celis, welche dieser bereits 2009 für das Semperoper Ballett kreiert hat. Celis, Jahrgang 1964, hatte zunächst als Tänzer mehrere Engagements an verschiedenen Häusern Europas, insbesondere in Belgien und in der Schweiz. Er kommt eindeutig vom klassischen Ballett, begann aber ab den 90er Jahren sich auch verstärkt für modernen Tanz zu interessieren. Ab seinem 33. Lebensjahr wechselte er in die Choreographie, belegte einen Studiengang für Bühnenbild und schuf fortan seine eigenen Werke. Bei seinen verschiedenen Engagements choreographierte er sowohl klassische Handlungsballetts, wie „Schwanensee“ oder „Peer Gynt“, wie auch abstrakte Arbeiten, so wie das „Your passion is pure joy to me“, welches jetzt mit dem Staatsballett Berlin einstudiert wurde.

Die Epoche, in die Stijn Celis hineingewachsen ist und sein Werdegang, lassen sich sehr gut in dieser Choreographie wiedererkennen. Klassische wie auch zeitgenössische Bewegungselemente sind zu erkennen.

Anders, als sein Bühnenbildstudium es erwarten ließe, ist der Raum in der Komischen Oper völlig kahl. Nacheinander treten einzelne Tänzer auf, zeigen ein paar Übungen und verschwinden wieder. Bald sieht man auch mehrere der sieben Tänzer im Raum, manchmal kommen sie zusammen, oft bilden sie Zweierpaarungen und verlieren sich wieder. Dazu ertönt die Musik von Nick Cave und ein paar Takte von Pierre Boulez und Penderecki. Nicht nur die Musik, sondern auch die Art des Tanzes scheinen in der Tradition des zeitgenössischen Tanzes des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Alles ist sehr ruhig, sehr bedacht, nie hektisch, nie dramatisch. Am Schluss dreht ein Paar engumschlungen seine Kreise. Ein einziges Mal schweben mehrere bemalte Tableaus für ein paar Sekunden aus dem Schnürboden herab, werden aber gleich wieder hinaufgezogen. Als wenn der Inspizient sich im Stück geirrt hätte und die Dekoration schnell wieder hochziehen müsste. Sicher der schwächste Einfall an diesem Abend.

Tänzer*innen: Jenna Fakhoury, Sarah Hochster, Xenia Wiest, Johnny McMillan, Ross Martinson, Eoin Robinson, Lucio Vidal

Alles in allem konnte mich diese Choreographie von Stijn Celis nicht überzeugen. Umso gespannter war ich auf den zweiten Teil der Premiere.

Hier unsere Bilderserie der Choreographie „Your Passion Is Pur Joy To Me“:

16 Photos: „Your Passion Is Pure Joy To Me“ von Stijn Celis © Holger Jacobs

„HALF LIFE“ von Sharon Eyal

Die israelische Choreographin Sharon Eyal (*1971) ist zwar nur sieben Jahre jünger als Stijn Celis, doch setzte sie in ihrer Karriere von Anfang konsequent auf den modernen Tanz. Kaum zwanzigjährig, trat sie in die Batsheva Dance Company in Tel Aviv ein und wurde dort nicht nur Tänzerin, sondern auch Choreographin. Hier lernte sie den Choreographen Ohad Naharin (siehe dazu meinen Bericht der Aufführung „Duato-Kylian-Naharin“ in der Deutschen Oper Berlin vom 22.10.2015) kennen, der durch seinen „Gaga“ Tanzstil weltberühmt wurde. Er hatte auf die Entwicklung von Sharon Eayl großen Einfluss. 2013 gründete sie mit ihrem künstlerischen Partner Gai Behar die L-E-V Kompanie. Beide, Eyal und Behar, sind auch die Kreateure des zweiten Teils des Abends hier in der Komischen Oper: „Half Life“.

Es beginnt mit einer monotonen Musik, die durch eindeutige Schläge sehr taktbestimmt ist. Langsam geht das Licht an und zwei Personen sind vorne auf der Bühne zu erkennen, ein Mann und eine Frau. Während der Mann kurze, sehr maskuline Bewegungen ausführt, bewegt sich die Frau eher bedächtig in einer Art gleichförmigen, minimalistischen Tanzschritt, so, als würde sie in einem engen Club tanzen. Beide tragen sie körperanliegende, hautfarbene Trikots, die sie fast nackt erscheinen lassen. Langsam sieht man von hinten eine Gruppe sich nähern, in denselben gleichförmigen, leicht tänzelnden Schritten. Die Gruppe vereinigt sich mit den beiden vorne auf der Bühne stehenden und reihen sich im Rhythmus der Musik ein. Immer neue Formen entstehen, doch die Gleichförmigkeit von Bewegung und Musik bleibt. 40 Minuten lang.

Was hier als Text nicht sehr spannend klingt, ist doch für den Zuschauer wie ein Rausch. Die Musik hämmert, die Körper schwitzen, die Haut glänzt und pralle Männlichkeit und runde Weiblichkeit lässt erotische Schwingungen den ganzen Raum erfüllen. Mitten in dieser Orgie fällt plötzlich nach ca. 50 Minuten der Vorhang und die Wirklichkeit kehrt zurück. Wow!
Donnernder, nicht enden wollender Applaus. Standing Ovations.
Sehr entscheidend für diesen Trip in eine andere Welt ist sicher die Musik, komponiert von dem Mitbegründer der israelischen Technomusik, Ori Lichtik.
Bei dieser Choreographie spürt der Zuschauer sofort, dass er es hier mit einer völlig neuen Form des Tanzes zu tun. Kein Schwanensee à la Nijinski, kein Ballett des 20. Jahrhunderts à la Maurice Béjart, sondern die Welt des Club Berghain umgesetzt für die Bühne des Staatsballetts. Welcome to the 21st Century!

Tänzer*innen: Danielle Muir (hier als zentrale Tänzerin), Sarah Brodbeck, Filipa Cavaco, Weronika Frodyma, Mari Kawanishi, Ilenia Montagnoli, Gregor Glocke, Olaf Kollmannsperger, Konstantin Lorenz, Ross Martinson, Johnny McMillan, Daniel Norgren-Jensen, Federico Spallitta

Ein Abend der nachwirkt. Und ein Gefühl, dass wir heute den Übergang in ein neues Zeitalter des Balletts gesehen haben. Mehr davon!

Hier unsere Bilderserie der Choreographie „HALF LIFE“:

13 Photos: „HALF LIFE“ von Sharon Eyal, in der Mitte Tänzerin Daniele Muir © Holger Jacobs

english text

Celis | Eyal with the Staatsballett Berlin
By Holger Jacobs
09/08/2018
An elegiac dance of the 20th century in combination with the force of a choreography of the 21st century made the premiere of the Staatsballett under the new directors Tandem Johannes Öhmann and Sasha Waltz an exciting experience.

„YOUR PASSION IS PURE JOY TO ME“ by Stijn Celis
An evening in two parts that could not have been more different. It begins with a production by the Belgian choreographer Stijn Celis, which he created in 2009 for the Semperoper Ballet. Celis, born in 1964, initially had several engagements as a dancer in various European houses, especially in Belgium and in Switzerland. He clearly comes from the classical ballet, but from the 90s began he became more interested in modern dance. From the age of 33, he switched to choreography, took a course in stage design and henceforth created his own works. In various engagements he choreographed classical ballets like „Swan Lake“ or „Peer Gynt“, as well as abstract works, such as the „Your passion is pure joy to me“, which has now been rehearsed with the Staatsballett Berlin.
The epoch in which Stijn Celis grew up and his career started can be recognized very well in this choreography. Classic as well as contemporary movement elements can be recognized.
Unlike his stage studies, the space in the Komische Oper is completely bare. One by one, individual dancers perform, show some exercises and disappear again. Soon you will also see several of the seven dancers in the room, sometimes they come together, often they make pairs and lose each other again. In addition, the music of Nick Cave and a few bars of Pierre Boulez and Penderecki sounds. Not only the music, but also the style of the dance seem to be in the tradition of contemporary dance of the late 20th century. Everything is very quiet, very thoughtful, never hectic, never dramatic. At the end a couple of entwined turns his circles. Once, several painted panels float down from the lace floor for a few seconds, but are immediately pulled up again. As if the stage manager had made a mistake in the piece and quickly pulled up the decoration. Certainly the weakest idea of ​​the evening.
Dancers: Jenna Fakhoury, Sarah Hochster, Xenia Wiest, Johnny McMillan, Ross Martinson, Eoin Robinson, Lucio Vidal
All in all, this choreography did not convince me. So I was all the more excited about the second part of this premiere.

„HALF LIFE“ by Sharon Eyal
The Israeli choreographer Sharon Eyal (* 1971) is only seven years younger than Stijn Celis, but from the beginning she was consistently focused on modern dance. Barely twenty years old, she entered the Batsheva Dance Company in Tel Aviv(co-founded by Martha Graham)  and became not only a dancer, but also a choreographer. Here she also met the choreographer Ohad Naharin (please read our report of the „Duato-Kylian-Naharin“ evening at the Deutsche Oper 2015), who became world famous for his „Gaga“ dance style. He had great influence on the development of Sharon Eayl. In 2013 she founded the L-E-V company with her artistic partner Gai Behar. Both, Eyal and Behar, are also the creators of the second part of the evening here in the Komische Oper: „Half Life“.

It starts with a monotonous music, which is very tact-determined by clear strokes. Slowly the light comes on and two people are visible on the front of the stage, a man and a woman. While the man performs short, very masculine movements, the woman moves rather slowly in a kind of uniform, minimalistic dance steps, as if she were dancing in a tight club. Both wear body-fitting, skin-colored jerseys that make them look almost naked. Slowly one sees a group approaching from behind, in the same uniform, slightly prancing steps. The group unites with the two in front of the stage and join the rhythm of the music. Ever new forms emerge, but the uniformity of movement and music remains. For 40 minutes.
What does not sound very exciting here as a text, is for the audience like a rush. The music beats, the body sweats, the skin shines and plump masculinity and round femininity make erotic vibrations fill the whole theatre. In the middle of this orgy suddenly after 50 minutes the curtain falls and the reality returns. Wow!
Thunderous, never-ending applause. Standing ovations.

The music, composed by the co-founder of Israeli techno music scene, Ori Lichtik, is certainly crucial for this trip to another world.

In this choreography, the viewer immediately senses that he is dealing with a completely new form of dance. No Swan Lake à la Nijinski, no ballet of the 20th century à la Maurice Béjart, but the world of the Club Berghain realized for the stage of the Staatsballett. Welcome to the 21st Century!
Dancers: Danielle Muir (here as the main dancer), Sarah Brodbeck, Filipa Cavaco, Weronika Frodyma, Mari Kawanishi, Ilenia Montagnoli, Gregor Bell, Olaf Kollmannsperger, Konstantin Lorenz, Ross Martinson, Johnny McMillan, Daniel Norgren-Jensen, Federico Spallitta
An evening that works. And a feeling that today we have seen the transition to a new age of ballet. More of that!

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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