Checkpoint Charlie – Aufbruch in die Zukunft

Checkpoint Charlie - Thomas Willemeit © Holger Jacobs/ Graft Lab

Checkpoint Charlie – Aufbruch in die Zukunft

 

Von Holger Jacobs

15.08.2018

english text below

Die Brachflächen am Checkpoint Charlie in Berlin, dem ehemaligen Grenzübergang zwischen West- und Ostberlin, sollen neu bebaut werden. Kultur24 sprach mit Thomas Willemeit vom Architekturbüro GRAFT, die einen Masterplan vorgelegt haben.

28 Jahre nach der Wiedervereinigung ist der ehemalige Grenzübergang Checkpoint Charlie immer noch ein Symbol für den Kalter Krieg, die Teilung Deutschlands und den Mauerbau. Für die Besucher der Hauptstadt, die sich für die Geschichte der Stadt interessieren, ist diese Kreuzung nach dem Brandenburger Tor der meistbesuchte Ort Berlins.

Vor dem 2. Weltkrieg war die Kreuzung Friedrichstraße/ Zimmerstraße eine ganz gewöhnliche Straßenkreuzung.
Erst die Aufteilung der Aliierten 1945 in eine französische, britische, russische und amerikanische Zone ließ hier einen Zonengrenzverlauf entstehen. Zunächst noch mit freier Bewegungsmöglichkeit der Berliner Bürger zwischen diesen Zonen.

Am 13. August 1961 ließ die DDR- Führung unter Walter Ulbricht eine Mauer entlang der sowjetischen Zone errichten. Mit nur noch wenigen Übergangsmöglichkeiten, ausschließlich für das alliierte Militärpersonal vorgesehen. Diese Übergänge wurden von den Amerikanern alphabetisch in Checkpoint Alpha (Helmstedt/ Marienborn), Checkpoint Bravo (Dreilinden) und Checkpoint Charlie (Kreuzung Friedrichstrasse) nach ihrer Wichtigkeit aufgelistet. So bekam dieser berühmte Ort seinen Namen.

Konfrontation 1961, cc National Archives

Am späten Nachmittag des 24. Oktobers 1961 rollten plötzlich auf sowjetischer Seite elf  T-54 Panzer heran. Die Russen hatten davon Wind bekommen, dass die Amerikaner die Mauer wieder einreißen wollten.
Daraufhin schickte der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Berlin, General Lucuis D. Clay, sieben Sherman Tanks zum Checkpoint Charlie. Auf beiden Seiten standen sich tonnenschwere Panzer mit geladenen Geschützrohren gegenüber. Hätte nur einer der Soldaten die Nerven verloren und hätte auf den Auslöser gedrückt, der 3. Weltkrieg wäre ausgebrochen. Die ganze Nacht lang liefen die diplomatischen Drähte heiß und schließlich, um 11.00 Uhr am nächsten morgen, zogen sich auf beiden Seiten die Panzer zurück. Präsident Kennedy hatte sich in Washington durchgesetzt und eine Deeskalation verlangt. Eine gute diplomatische Übung für ihn, denn nur ein Jahr später sollte die Welt in der Kuba-Krise wieder vor einem Nuklearkrieg stehen…

Der Checkpoint Charlie blieb auch danach trotz dieses Vorfalls der wichtigste Übergang innerhalb der Berliner Stadtgrenze. Einige spektakuläre Fluchtversuche geschahen hier. Zuletzt durchbrachen am 29. August 1986 drei Männer mit einem vollgeladenen Lastwagen die Grenzsperren.

Als am späten Abend des 9. November 1989 die Bürger der DDR plötzlich uneingeschränkte Reisefreiheit bekamen, wurden alle Grenzübergänge gestürmt und die Menschen der Sowjetzone überschwemmten wie bei einem Dammbruch den Westen von Berlin. Die Mauer wurde daraufhin in den nächsten Monaten abgerissen und im Juni 1990 auch der Grenzübergang Checkpoint Charlie.

 

In den Jahren nach der Wiedervereinigung kamen immer mehr Touristen, hauptsächlich, um sich die alten Zeugnisse der Vergangenheit anzusehen. Und darunter zählte insbesondere der Checkpoint Charlie.

Also wurde am 13. August 2000, auf den Tag genau 19 Jahre nach dem Mauerbau, eine originalgetreue Nachbildung der alten Kontrollbaracke aufgebaut. Tagsüber stehen dort Schauspieler, die sich als russische und amerikanische Soldaten verkleiden.
Bereits 1963 war auf westlicher Seite durch Rainer Hildebrandt ein Mauermuseum eingerichtet worden, welches an die Geschichte der Berliner Mauer und den Kalten Krieg erinnern sollte.
Seine Witwe Alexandra Hildebrandt ließ 2004 ohne Genehmigung auf dem Brachgelände am Checkpoint Charlie ein Freiheitsmahnmal mit 1067 schwarzen Kreuzen und neuer, weißgestrichener Mauer errichten, um an die Opfer der Deutschen Teilung zu erinnern. Ein halbes Jahr später musste sie es wieder entfernen lassen.

Schwarze Kreuze am Checkpoint Charlie 2004 © Holger Jacobs

Danach machte dieser Ort eine traurige Entwicklung.
Ein Investor nach dem anderen kam und noch mehr Ideen wuchsen in den Himmel, aber kein Konzept konnte bis heute verwirklicht werden. Zuletzt verhinderte es die Finanzkrise 2008. Dagegen sprossen billige Souvenirläden und Dönerbuden wie Unkraut aus dem Boden und dieser denkwürdige Ort verkam zum Touristen-Rummelplatz. Doch das soll sich jetzt ändern.

Vor 2 Monaten wurde der Checkpoint Charlie unter Denkmalschutz gestellt.
Das Architekturbüro GRAFT aus Berlin hat jetzt einen Masterplan vorgelegt, der diesem historischen Ort nach Touristenrummel und falschen Soldaten wieder seine Würde zurückgeben soll. kultur24 sprach mit einem der Gründer von GRAFT, Thomas Willemeit. Er erzählte, dass ihr Plan auf der einen Seite ein Hotel und auf der anderen Brachfläche ein Museum vorsieht. Nicht so klein und unübersichtlich wie das bisherige Mauermuseum von Hildebrandt, sondern großzügig mit offenen Flächen und weiten Eingängen für Bürger und Berlinbesucher. Dabei sollen die Brandwände weiter sichtbar bleiben, um die Spuren des Krieges nach wie vor zu erhalten.

Hier Auszüge aus dem Interview mit Thomas Willemeit auf unserem Youtube Kanal:

Die Pläne dazu seht Ihr in unserer Bilderserie, einen Auszug des  Gespräches mit Thomas Willemeit könnt Ihr auch in unserem Video auf kultur24 TV sehen. Sollten die Ideen von GRAFT Wirklichkeit werden stehen die Chancen gut, dass dieser Platz das wird, was er sein soll: Ein Ort des Gedenkens und Sich-Erinnerns begleitet von der Freude über die Wiedervereinigung, die für mich bis heute ein Wunder ist.

Rendering Pictures Checkpoint Charlie © Graft GmbH

english text

Checkpoint Charlie Berlin – Departure into the future
By Holger Jacobs
08/15/2018
Twenty-eight years after the Reunification of East-and West-Germany, the former checkpoint Charlie is still a symbol of the Cold War, the division of Germany into two states after the World War II. and the construction of the Wall. For the visitors of the capital who are interested in the history of the city, this sight is the most visited place in Berlin after the Brandenburg Gate.
Before the Second World War, the crossing Friedrichstraße / Zimmerstraße was a very common intersection. Only the division of the allies in 1945 into a French, British, Russian and American zones created a zone border. First of all with free movement of the citizens of Berlin between these zones. On August 13, 1961, the GDR leadership under Walter Ulbricht built a wall along the Soviet zone. With only a few transitional options, intended exclusively for Allied military personnel. These transitions were listed alphabetically by the Americans in Checkpoint Alpha (Helmstedt / Marienborn), Checkpoint Bravo (Dreilinden) and Checkpoint Charlie (Friedrichstrasse intersection) according to their importance. In this way the famous place got its name.
In the late afternoon of October 24, 1961, eleven T-54 tanks suddenly rolled on the Soviet side. The Russians had heard that the Americans wanted to tear down the wall again. The commander in chief of the US forces in Berlin, General Clay, then sent seven Sherman tanks to Checkpoint Charlie. On both sides stood tons of tanks with loaded gun barrels. If only one of the soldiers had lost his nerve and pressed the trigger, World War III would have broken out. All night long, the diplomatic wires were running hot, and finally, at 11:00 the next morning, the tanks retreated on both sides. President Kennedy had prevailed in Washington and demanded a de-escalation. A good diplomatic exercise for him, because only a year later, the world was in the Cuba crisis again facing a nuclear war …

Despite this incident, Checkpoint Charlie remained the most important transition within the Berlin city limits. Also some spectacular escape attempts happened here. On 29 August 1986, three men broke through the border barriers with a fully loaded truck.
When, on the late evening of November 9, 1989, the citizens of the GDR suddenly received unrestricted freedom of travel, all border crossings were stormed and the people of the Soviet zone flooded the west of Berlin like the water masses of a huge dam breach. The wall was then demolished in the next few months and also the Checkpoint Charlie.
In the years after the Reunification, more and more tourists came, mainly to see the ancient testimonies of the past, especially the Checkpoint Charlie. So on August 13, 2000, exactly 19 years after the construction of the Berlin Wall, a faithful replica of the old control barracks was built for the tourists. During the day there are actors dressing up as Russian or American soldiers. As early as 1963, a wall museum was set up on the western side by Rainer Hildebrandt, which was to commemorate the history of the Berlin Wall and the Cold War. His widow Alexandra Hildebrandt had constructed in 2004 a Freedom Monument with 1067 black crosses and new, white-painted wall without permission on the fallow ground, in order to remind of the victims of the German division. Half a year later it had to be removed by the authorities.
Thereafter, this place made a sad development. An investor after another came and even more ideas grew into the sky, but no concept could be realized until today. Lastly, it prevented the financial crisis in 2008. In contrast, cheap souvenir shops and doner kebab sprouted like weeds from the ground and this memorable place became a tourist fairgrounds. But that should change now.
Two months ago, Checkpoint Charlie was listed Historic Monument. The architectural office GRAFT from Berlin has now presented a master plan, which is to return dignity to this historic place after tourist crowds and false soldiers. kultur24 spoke with one of the founders of GRAFT, Thomas Willemeit. He said that their plan includes a hotel on one side and a museum on the other. Not so small and confusing as the previous wall museum of Hildebrandt, but generous with open spaces and wide entrances for citizens and visitors to Berlin. The fire walls should remain visible in order to preserve the traces of the war.
The plans you can see in our series of pictures, the conversation with Thomas Willemeit you can see in our video on kultur24 TV. If the ideas of GRAFT become reality, this place will become what it should be: a place of remembrance and remembering with the simultaneous joy of the Reunification, which to this day is still a miracle to me.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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