Chris Dercon und die neue Volksbühne

Chris Dercon - Tempelhof © Holger Jacobs

Chris Dercon und die neue Volksbühne

 

Von Holger Jacobs

17.5.2017

Der neue Intendant der Volksbühne Berlin, Chris Dercon, stellte seine Pläne für die erste Spielzeithälfte 2017/ 2018 im ehemaligen Flughafen Tempelhof vor.

Abflughalle Tempelhof, Foto: Holger Jacobs

Mein erster Eindruck: Von Ballett über Rap-Konzerte bis zu Filmproduktionen für’s Internet wird viel Kunterbuntes aufgetischt, was unweigerlich zur Frage führt:

Und gibt es auch Theater? Eine Reporterin wollte deshalb am Schluss wissen, ob es überhaupt Schauspieler gäbe? So verrückt die Frage klingen mag, so unberechtigt war sie nicht. Doch alles der Reihe nach:

Ein brechend voller Saal im ehemaligen Abfertigungsgebäude des Flughafen Tempelhof. Erstaunlich – vor 12 Jahren war ich hier schon einmal zu einer Pressekonferenz geladen. Modedesignerin Vivienne Westwood gab 2005 an gleicher Stelle ihren Abschied nach 10 Jahren als Professorin für Mode an der Universität der Künste.

Modenschau der Abschlussklasse an der UDK unter Prof. Vivienne Westwood 2005 , Foto: Holger Jacobs

Während damals der Flugbetrieb in Tempelhof noch im vollen Gange war, ist heute das Gebäude nur noch Unterkunft für Flüchtlinge.

Das aber soll sich ändern!

Chris Dercon plant eine zweite Spielstätte in Tempelhof, gebaut von dem Architekten des Operndorfes von Christoph Schlingensief in Afrika, Francis Kéré. Dieses so genannte Satellitentheater ist ein modulares System, welches sich von Produktion zu Produktion verändern lässt. Wir sind gespannt.

Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof, Foto: Holger Jacobs

Als erster auf der Pressekonferenz gibt Chris Dercon sein Statement ab (siehe unser Video auf kultur24.berlinTV) und versichert, wie sehr er die Volksbühne bewundere und wie lange er sie schon kennt. Selbst in London (seine letzte Arbeitsstelle als Direktor der Tate Modern Gallery) würde man über sie sprechen.

Die Zuhörer merken, dass alle auf dem Podium sehr nervös sind. Besonders die Programmleiterin Marietta Piepenbrock, die vorher viele Jahre Chefdramaturgin bei den Ruhrfestspielen war. Sie macht einen sehr kompetenten Eindruck, nur die Anfeindungen der letzten Wochen haben bei ihr sichtbare Spuren hinterlassen.

Hier das Programm:

Am 10. September 2017 geht es los im Flughafen Tempelhof mit einer Tanzperformance von verschiedenen Choreographen (u.a. William Forsythe, Anne Teresa de Keersmaeker) und Tanzgruppen (u.a. HZT Hochschule für Tanz in Berlin). Der Abend firmiert unter dem Titel „Musée de la Danse – fous de danse“, unter der Leitung von Choreograph Boris Charmatz.

Am 21. September 2017 noch einmal Tanz in Tempelhof unter dem Titel „Musée de la Danse – danse de nuit.

Am 6. Oktober 2017 geht es musikalisch weiter: Die englische Rapperin Kate Tempest spielt („rappt“) mit ihrer Band im Hangar 5 von Tempelhof.

Am 10. November 2017 geht es endlich in der Volksbühne los: Mehrere Einakter von Samuel Beckett. Interpretiert und konzipiert von dem deutsch-britischen Künstler Tino Sehgal, der bereits zwei Mal an der Biennale in Venedig teilnahm (2013 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet) und einmal bei der Dokumenta in Kassel.

Am 18. November 2017 noch einmal Samuel Beckett in der Regie von Walter Asmus

Am 30.11.2017 dann das erste Mal „richtiges“ Theater: Das Stück „Woman in trouble“ von Susanne Kennedy (Text und Regie), mit Suzan Boogaert, Marie Groothof, Julie Solberg, Anna Maria Sturm und Bianca van der Schoot.

Am 12. Dezember 2017 das Stück „The Virgin Suicides“ von Susanne Kennedy, in Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen (wir berichteten darüber in unseren Kultur Tipps für München April 2017).

Am 13. Dezember 2017 noch einmal Tanz, dieses Mal mit Choreographin Mette Ingvartsen „Red Pieces“ und „21 pornographies“, im Stammhaus der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.

Daneben wird der Rote Salon und auch der Grüne Salon bespielt, das Jugendtheater P14 wird „Lolita“ von Nabokov einstudieren und Sandra Hüller („Toni Erdmann“) bringt den Roman „Bilder einer großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf auf die Bühne (16.11.2017), mit sich selbst und einem Orchester.

Fazit: Noch ist nicht abzusehen, wohin die neue Volksbühne steuert. Wird es ein kompletter Reinfall oder ein grandioser Neubeginn?

Aber wussten wir das 1995 bei Frank Castorf?

Ich wünsche Chris Dercon für seinen Beginn alles Gute, denn jeder hat eine Chance verdient – gerade am Anfang!

12 Bilder: Pressekonferenz Chris Dercon, Volksbühne Berlin © Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist