Das Ende der Ära Frank Castorf an der Volksbühne

Frank Castorf Abschiedsfeier © Holger Jacobs

Das Ende der Ära Frank Castorf an der Volksbühne

 

Von Holger Jacobs

4.7.2017

 

Ein früherer deutscher Schlagersänger sang einmal das Lied „Sag zum Abschied leise Servus“.

Wehmut war dann auch der richtige Ausdruck der Gefühle, der sich am letzten Abend in der Volksbühne Berlin unter Frank Castort breit machte. Viele hatten Tränen in den Augen. Nur leise war es nicht.

Zum letzten Mal gab es den „Baumeister Solness“ von Hendrik Ibsen, den Frank Castorf 2014 inszeniert hatte, indem er sein eigenes Wirken mit viel Ironie auf die Schippe nimmt: Ein alternder Architekt überschätzt sich am Ende seiner Karriere und stürzt zu Tode…

Frenetischer, nicht enden wollender Applaus, der noch verstärkt wurde, als Frank Castorf am Schluss alle Mitarbeiter des Hauses auf die Bühne bat.

Schluss-Applaus nach der letzten Vorstellung in der Volksbühne mit allen Mitarbeitern des Hauses (über 200) © Volksbühne

Derweil war vor dem Haus auf dem Rosa-Luxemburg Platz und über die gesamte Länge der Rosa-Luxemburg-Strasse eine 300 Meter lange Tafel aufgebaut worden. Viele Buden am Straßenrand servierten allerlei Junk Food und vor dem Theater wurde die Treppe umfunktioniert zu einer Bühne für mehrere Bands, die sich nacheinander ablösten. Mittels eines großen Beamers wurden Bilder frührer Theaterstücke auf die Volksbühne geworfen und auf dem ganzen Platz tanzten mehr als 1000 Freunde des Hauses. Nur schade, dass es fast ständig regnete.

Wenige Tage zuvor war das große eiserne Rad aus seiner Verankerung gehoben worden. Es soll die Castorf – Truppe nach Avignon auf einer Tournee begleiten, später aber an seinem Ausgangspunkt zurückkehren. Am Samstag war die Erde an dieser Stelle wie ein Grab mit Blumen und Kerzen geschmückt.

Das eiserne Rad vor der Volksbühne wurde abgebaut und geht jetzt auf Wanderschaft, © Holger Jacobs

Hintergrund

Frank Castorf wurde 1951 in Ost-Berlin geboren und studierte Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität. Schon vor der Wende durfte er in Westdeutschland Stücke inszenieren. Nach der Wende wurde er zunächst Hausregisseur des Deutschen Theaters und schließlich 1992 zum Intendanten der Volksbühne berufen.

Seine Arbeitsweise gab der Theaterwelt eine neue Richtung. Für seine Inszenierungen nahm er sich Dramen, die er aber nach seiner Facon umgestaltete. Dabei brachte er persönliche Erfahrungen und Erlebnisse mit ein, die mit in das Stück eingebaut wurden. Dieselbe persönliche Emotionalität verlangte er auch von seinen Schauspielern. Und Musik und Video hielten Einzug ins Theater. Das so genannte Regietheater wurde bei ihm auf die Spitze getrieben.

Frank Castorf, hier bei einer Premiere in der Staatsoper Berlin © Holger Jacobs

Von seinen 25 Jahren als Intendant habe ich leider nur die letzten drei bewusst mitbekommen, seitdem ich das Kulturmagazins kultur24 gegründet habe. In dieser Zeit erlebte ich viele Premieren an der Volksbühne, meistens allerdings von anderen Regisseuren als von Castorf selbst inszeniert.

Seine großen Stars waren zweifellos René Pollesch, Christoph Marthaler und Herbert Fritsch, aber auch Künstler wie Jonathan Meese und Christoph Schlingensief durften bei ihm inszenieren.

Es gab aber auch ziemlich seltsame Abende mit Stücken wie „Porn of Pure Reason“ (2013) oder „Die 120 Tage von Sodom“ (2015):

http://kultur24-berlin.de/120-tage-von-sodom-volksbuhne-berlin/

Meine persönlichen Favoriten waren „Phelléas et Mélisande“ in der Regie von David Marton mit der wunderbaren Lilith Stangenberg, die letztes Jahr mit dem Kinofilm „Wild“ einen großen Erfolg feierte:

http://kultur24-berlin.de/pelleas-und-melisande-in-der-volksbuhne-berlin/

Oder die Uraufführung von „Ohne Titel Nr. 1“ von Herbert Fritsch am 24.1.2014. Ein Meisterstück des Universalgenies Fritsch:

http://kultur24-berlin.de/urauffuhrung-in-der-volksbuhne-berlin/

Man könnte sicher noch mehr zitieren, aber diese beiden sind mir besonders im Gedächtnis geblieben.

Über die Ring-Inszenierung von Frank Castorf in Bayreuth 2014 schrieb uns unsere Autorin Anna Müller:

http://kultur24-berlin.de/bayreuther-festspiele-2014-siegfried-und-gotterdammerung/

Anna Müller, Tochter des Dramatikers Heiner Müller, hat übrigens ihren eigenen Buchverlag mit dem Namen HERZSTÜCKVERLAG gegründet. In den nächsten Tagen kommt ihr erstes Buch auf den Markt, kultur24 wird Euch dann rechtzeitig informieren.

Ab 1. September 2017 übernimmt der neue Intendant Chris Dercon die Volksbühne. Schaun‘ wir mal, wohin die Reise führt.

Wir wünschen gutes Gelingen!

8 Bilder: Viele Bands spielten die ganze Nacht vor der Volksbühne auf dem Rosa-Luxemburg-Platz © Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist