Das Ende von Chris Dercon an der Volksbühne

Volksbühne Berlin - Chris Dercon © Holger Jacobs/ Volksbühne

Das Ende von Chris Dercon an der Volksbühne

 

Von Holger Jacobs

15.4.2018

english text below

Chris Dercon sagt leise „Servus“… und hinterlässt in der Volksbühne Berlin einen Scherbenhaufen.

Die meisten haben es kommen sehen, nur das es am Ende so schnell ging, damit hatte wohl keiner gerechnet. Kaum ist es 7 Monate her, dass Chris Dercon als neuer Intendant der Volksbühne anfing. Er war im März 2015 vom damaligen Kultursenator Michael Müller (heute Regierender Bürgermeister) und dessen Kulturstaatsekretär Tim Renner nominiert worden, zum großen Ärger aller Theaterschaffenden. Denn Chris Dercon kam nicht vom Theater, sondern war vorher „nur“ Museumsdirektor – immerhin an so renommierten Häusern wie dem Haus der Kunst in München und der Tate Modern in London.

Vorstellung von Chris Dercon im März 2015 als neuer Intendant der Volksbühne Berlin © Volksbühne

Doch kann Chris Dercon auch Theater? Er kann es nicht, wie sich heute herausstellt.

Die Gründe des Scheiterns

Wenn man die Presse in den letzten Tagen verfolgt hat, so sind doch fast alle einer Meinung: Letztlich geht das Scheitern von Chris Dercon sowohl auf sein eigenes Verschulden, als auch auf das der Politik zurück. Geradezu blind und blauäugig hatten die Verantwortlichen im Berliner Rathaus den großspurigen Worten des Belgiers geglaubt:
Er wollte das erste themen- und spartenübergreifende Theater Berlins machen, Film, Tanz, Bildende Kunst, Darstellende Kunst und zuletzt noch das Internet (manche Programme konnte man nur als Film im Internet verfolgen) sollten miteinander verknüpft werden. Sein Programm hatte er am 15. Mai 2017 vorgestellt.

Vorstellung des ersten Programms am 15. Mai 2017 in Tempelhof © Holger Jacobs

Zusätzlich wollte er den historischen Ort Tempelhof miteinbeziehen und als zweite Spielstätte der Volksbühne etablieren. Das hörte sich zwar interessant an, doch die Frage war, wie es umgesetzt wird – und vor allem, wie es finanziert wird. Dercon versprach, über 1 Million Euro an Spendengeldern an Land zu ziehen – letztlich kamen aber nur 125.000 Euro zusammen. Dabei kostete schon die Tribühne in Hangar 5 von Architekt Francis Kéré mehr als 300.000 Euro, allein die eingekaufte Ballett-Produktion „Musée de la Danse – fous de danse“, kostete 450.000 Euro. Das Geld floß davon wie Schnee in der Frühlingssonne.

Hangar 5 in Tempelhof als zweiter Spielort © Holger Jacobs

Und von welcher Qualität waren die Produktionen? Der allererste Abend, am 10. September 2018, unter dem Motto „Fous de Danse“ mit professionellen Tänzern und tanzbereitem Publikum auf dem Tempelhofer Feld erschien mir wie Ringelpietz mit Anfassen. Und der Abend „Danse de Nuit“ am 21. 09.2018 war einfach nur schlecht. Erst im November 2017 begann Dercon die eigentliche Volksbühne zu bespielen, bis dahin war das Haus leer. Stücke aus dem Repertoir durften angeblich nicht gespielt werden – die meisten Schauspieler waren eh schon entlassen worden…

„Programm „Danse de Nuit“ am 21. Sept. 2018 © Holger Jacobs

Die erste Produktion, die ich in der Volksbühne sah, war am 13.12.2017 das Ballett „21 pornographique“, von und mit Choreografin Mette Ingvartsen. Es hatte mir nicht gefallen. Die schlecht gemachten Pornos, die in der Pause im Foyer gezeigt wurden, waren peinlich.

Programm „21 pornographique“ in der Volksbühne © Holger Jacobs

Das Ende

Das Ende bahnte sich an, als am Montag, den 9. April 2018, Chris Dercon und sein Team zum Rapport bei der Berliner Kulturverwaltung antreten und die Finanzsituation der Volksbühne offen legen mussten. Es zeigte sich, dass das Haus pleite ist – keine einzige Neuproduktion ist mehr bis Jahresende 2018 möglich, der Spielbetrieb selber ist bis dahin nur noch notdürftig aufrechtzuerhalten.
Dabei ist die Volksbühne das zweithöchstsubventionierte Theater Berlins. Millionen sind in nur wenigen Monaten in den Sand gesetzt worden. Die Auslastung des Theaters (800 Plätze) ging auf unter 40 % herunter. Einen so schlechten Wert hatte es noch nie gegeben. Am Donnerstag reichte Dercon seinen Rücktritt ein.

Der Übergang

Als Kultursenator Klaus Lederer am Freitag morgen um 11.00 Uhr die Belegschaft des Theaters über den Rückzug von Chris Dercon unterrichtete, zog er auch schon einen (kommissarischen) Nachfolger aus dem Hut: Klaus Dörr, der bisher schon geschäftsführender Direktor der Volksbühne war. Klaus Dörr arbeitete auch in Stuttgart mit dem dortigen Intendanten Armin Petras zusammen, der im Sommer dort aufhört, aber schon ein Engagement in Bremen angenommen hat. Beide waren übrigens mal als Team zusammen am Maxim Gorki Theater in Berlin.

Das unwürdige Schauspiel erinnert ein bisschen an das BER Flughafen Debakel: Wenn die Unfähigkeit mehrerer Spieler zusammenkommt geht das Unternehmen zu Grunde – und wir als Steuerzahler dürfen zahlen.

Die Volksbühne Berlin © Holger Jacobs

english text

The end of Chris Dercon at the Volksbühne
By Holger Jacobs
04/15/2018
Chris Dercon says softly „Servus“ … and leaves a Volksbühne in the pile of shards.
Most have seen it coming, only that it was so fast in the end, no one thought. It’s only 7 months since Chris Dercon became the new director of the Volksbühne last fall. He was nominated in March 2015 by the former cultural senator Michael Müller (now mayor) and his State Secretary Tim Renner, to the great annoyance of all theater makers. Because Chris Dercon did not come from the theater, but was previously „only“ museum director – after all, at such prestigious houses as the House of Art in Munich and the Tate Modern in London.
But can Chris Dercon also make theater? He can not do it, as it turns out today.
The reasons for failure
If you have followed the press in recent days, but almost everyone agrees: Ultimately, the failure of Chris Dercon is not only his fault, but also of the politics. Almost blind and blue-eyed, those responsible in Berlin’s city hall had believed the roguish words of the Belgian:
He wanted to make Berlin’s first cross-disciplinary with theater, film, dance, visual arts, performing arts, and most recently the Internet (some programs could only be watched as a film on the Internet). His program was presented on 15 May 2017.
In addition, he wanted to include the historic place Tempelhof (former airport) and establish as the second venue of the Volksbühne. It sounded interesting, but the question was how it will be implemented – and above all, how it will be funded. Dercon promised to land more than 1 million Euros donations – but ultimately only 125,000 euros came in. Even the grandstand in Hangar 5 by architect Francis Kéré cost more than 300,000 euros, the ballet production „Musée de la Danse – fous de danse“ costing 450,000 euros. The money flowed like snow in the spring sun.

And what quality had the productions?
The very first evening on September 10, 2018 under the motto „Fous de Danse“ with professional dancers and dance-ready audience on the Tempelhofer field seemed to me like a folkloric dans. And the evening „Danse de Nuit“ on 21. 09.2018 was just bad. Only in November 2017, Dercon began to perform at the Volksbühne, until then, the house was empty. Pieces from the repertoire were allegedly not allowed to be played – most of the actors had already been released …
The first production I saw at the Volksbühne was on 13.12.2017 the ballet „21 pornographique“, by and with choreographer Mette Ingvartsen. I did not like it very much. The bad porn movies shown in the foyer during the break were embarrassing.
The end
The end began when, on Monday, April 9, 2018, Chris Dercon and his team had to report to the Berlin cultural administration and disclose the financial situation of the Volksbühne. It turned out that the house is broke – not a single new production is possible until the end of 2018, the game operation itself is to be maintained until then only provisionally.
The Volksbühne is the second highest subsidized theater in Berlin. Millions have been sacked in just a few months. The capacity of the theater (800 seats) dropped to below 40%. There had never been such a bad value. On Thursday, Dercon submitted his resignation.
The transition
When Culture Senator Klaus Lederer informed the staff of the theater about the withdrawal of Chris Dercon at 11:00 on Friday morning, he also pulled out a (provisional) successor: Klaus Dörr, former artistic director of Schauspiel Stuttgart. Klaus Dörr worked together in Stuttgart with the theater director Armin Petras, who stops there in the summer, but has already accepted a commitment in Bremen. By the way, both were together as a team at the Maxim Gorki Theater in Berlin.
The unworthy spectacle reminds a bit of the BER airport debacle: When the inability of several players come together, the company goes to hell – and the taxpayers ultimately have to pay for it – a shame!

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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