Der gute Mensch von Sezuan – Schaubühne Berlin

"Der gute Mensch von Sezuan" - Foto: Holger Jacobs

Der gute Mensch von Sezuan – Schaubühne Berlin

 

Von Holger Jacobs

21.11.2017

 english text below

Lebendiges Brecht-Theater mit Studenten der Ernst-Busch-Schauspielspielschule

Hintergrund

„Erst kommt das Fressen dann die Moral“. Dieser berühmte Satz aus der „Drei Groschenoper“ von Bertolt Brecht steht sicher stellvertretend für sein gesamtes Werk. Der links-politisch denkende Autor, der aber Zeit seines Lebens nie in einer kommunistischen Partei war, hatte in seinen Stücken immer ein scharfes Auge auf die Gesellschaft geworfen und in klarer Analyse festgestellt, dass letztlich nur das Gemeine, nicht das Gute, sich durchzusetzen vermag. Das gilt bis heute und wird sich wohl auch nie ändern. Der Wolf ist dem Schaf überlegen – ob wir das nun gut finden oder nicht.

„Der gute Mensch von Sezuan“, Schaubühne Berlin, Foto: Holger Jacobs

Handlung

Drei Götter kommen unerkannt in die chinesische Stadt Sezuan, um herauszufinden, ob es unter den Einwohnern gute Menschen gibt. Sie stoßen auf den Wasserverkäufer Wang, der seine Mitmenschen betrügt. Er versucht für die Götter eine Bleibe zu finden. Doch keiner will sie aufnehmen. Bis auf die Prostituierte Shen Te, die zwar selber arm ist, aber trotzdem hilfsbereit. Zum Dank geben die Götter ihr ein kleines Vermögen, durch das sie sich einen kleinen Tabakladen kaufen kann. Kaum hat sie ihren Laden eröffnet kommen auch schon ihre alten Freunde und bitten sie um Geld. Ihre Hilfsbereitschaft wird schamlos ausgenutzt. Bis sie eines Tages ein Alter Ego von sich erfindet, einen gewissen Shui Ta, der genau das Gegenteil von ihr selbst ist. Hart und unbarmherzig schmeißt er alle Schmarotzer auf die Straße, organisiert den Laden neu und macht prompt Gewinn. Als Shui Ta sich mal wieder in die liebliche Shen Te verwandelt, lernt sie den arbeitslosen Flieger Sun kennen, der sich gerade umbringen will. Sie rettet ihn und verspricht zu helfen. Sogar eine Heirat der beiden ist vorgesehen. Doch letztlich nutzt Sun sie genauso aus wie alle anderen und Shen Te bleibt nichts andres übrig als dauerhaft der fiese Shui Ta zu bleiben, wenn sie überleben will.

5 Photos: Laura Balzer, Mayla Häuser und Jan Bülow in „Der gute Mensch von Sezuan“ © Schaubühne/ Bresadola

Kritik

Diese Parabel von Berthold Brecht passt so gut in unsere heutige Zeit wie kaum ein anderes Stück. Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier und Regisseur Peter Kleinert haben gut gewählt. Auch die Entscheidung das Stück mit Schülern der renommierten Ernst-Busch-Schauspielschule zu besetzen war richtig. Denn so ein schwieriges Thema mit einer letztlich doch frustrierenden Aussage lässt sich am besten mit der Leichtigkeit und Spielfreude junger Schauspielaspiranten darstellen. Und Regisseur Peter Kleinert, dessen Arbeit ich bereits durch seine früheren Inszenierungen mit Ernst-Busch Studenten kenne (Fabian“ Januar 2015, „Dantons Tod Dez. 2016), schafft es immer, ernsthafte Themen mit Leichtigkeit im Spiel zu verbinden. Diese Kombination ist sowohl äußerst unterhaltsam wie dramaturgisch genial. Der Zuschauer ist gepackt von dem was auf der Bühne passiert und gleichzeitig bleibt die Botschaft Brechts präsent.

Die Bühne (Céline Demars) ist einfach, aber praktisch (gefühlte Einhundert Bierkästen werden dabei vielfältig eingesetzt) und die Musik (Hans-Jürgen Osmers) ist, wie immer bei Kleinert, ein Teil der Inszenierung. Dabei hilft es, dass fast alle Schauspielschüler ein Instrument beherrschen und diese Fähigkeit auch im Stück einsetzen (Musikkompositionen u.a. Paul Dessau). Aber nicht nur musikalisch müssen die Studierenden bei Regisseur Peter Kleinert „on top“ sein, natürlich auch spielerisch. Bei allen drei bisher von mir gesehenen Kleinert Inszenierungen mit Schauspielschülern waren deren Leistungen gut bis sehr gut (um im Schuljargon zu bleiben). Wirklich abgefallen ist keiner. Dafür gibt es aber immer wieder besondere Highlights. Dieses Mal war es die junge Laura Balzer, die die Doppelrolle von Shen Te und Shui Ta mit Bravour meistert und gleichzeitig noch eine große Portion Charme über die Bühne bringt. Es macht Freude ihr beim Spiel zuzusehen. Wie es auch insgesamt Freude machte diesen Abend zu erleben.

P.S. Das Berliner Ensemble (Theater am Schiffbauer Damm), welches Bertolt Brecht viele Jahre geleitet hat, feiert dieser Tage sein 125-jähriges Bestehen. Darüber und über seinen neuen Intendanten Oliver Resse berichte ich zu einem späteren Zeitpunkt.

Regie: Peter Kleinert, Kostüme: Susanne Uhl, Bühne: Céline Demars, Musik: Hans-Jürgen Osmers, Dramaturgie: Nils Haarmann
Mit: Laura Balzer, Jan Bülow, Mayla Häuser, Jan Meeno Jürgens, Tiffany Köberich, Frederick Rauscher, Leander Senghas, Lea Ostrovskiy, Lukas Walcher

„Der gute Mensch von Sezuan“ von Berthold Brecht
Schaubühne am Lehniner Platz
Kurfürstendamm 153
10709 Berlin

Nächste Vorstellungen: 3., 4., 5., 6. und 7. Dezember 2017

3 Photos: Applaus, v.l.n.r. Tiffany Köberich, Laura Balzer, Leander Senghas, „Der gute Mensch von Sezuan“, Foto: Holger Jacobs

 

 english text

The good man of Sezuan at the Schaubühne Berlin
By Holger Jacobs
21/11/2017
Ten students of the Ernst Busch Drama School Berlin play Brecht
Background
„First comes the eating then the moral“. This famous phrase from the „Dreigroschenoper“ by Bertolt Brecht is certainly representative of his entire work. The leftist-thinking author, who was never in a communist party throughout his life, had always had a keen eye on society in his plays and clearly stated that ultimately only the vulgar, not the good, could prevail. This is true until today and will probably never change. The wolf is superior to the sheep – whether we like it or not.
The Story
Three gods come unrecognized to the Chinese city of Sezuan to find out whether there are good people among the inhabitants. They come across the water vendor Wang, who cheats on his fellow human beings. He tries to find a home for the gods. But nobody wants to take them. Except for the prostitute Shen Te, who is herself poor, but still helpful. To thank the gods give her a small fortune, through which she can buy a small tobacco shop. As soon as she has opened her shop, her old friends come and ask for money. Their helpfulness is shamelessly exploited. Until one day she invents an alter ego, a certain Shui Ta, which is exactly the opposite of herself. Hard and merciless, he throws all the parasites on the street, reorganizes the store and makes a profit promptly. As Shui Ta turns again into the lovely Shen Te, she meets the unemployed pilot Sun, who just wants to kill himself. She saves him and promises to help. Even a marriage of the two is provided. But in the end, Sun uses them just like everyone else, and Shen Te has no choice but to stay the nasty Shui Ta permanently if she wants to survive.

Critics
This parable by Berthold Brecht fits our today’s time as well as hardly any other piece. Schaubühne director Thomas Ostermeier and director Peter Kleinert have chosen well. The decision to fill the play with students of the renowned Ernst Busch Drama School was also correct. Because such a difficult topic with an ultimately frustrating statement can best be portrayed with the ease and enthusiasm of young actors. And director Peter Kleinert, whose work I already know through his earlier productions with Ernst-Busch students („Fabian“ January 2015, „Danton’s Death“ Dec. 2016), always manages to combine serious issues with ease in the play. This combination is both extremely entertaining as dramaturgically awesome. The viewer is seized by what is happening on stage and at the same time Brecht’s message remains present.
The stage (Céline Demars) is simple but practical (one hundred beer crates are used in a variety of ways) and the music (Hans-Jürgen Osmers) is, as always with Kleinert, part of the show. It helps that almost all drama students master an instrument and use this ability in the piece (music compositions, inter alia, Paul Dessau). But not only musically the students have to be „on top“ with director Peter Kleinert, of course also playfully. For all three of my previous Kleinert productions with acting students their performances were good to very good (to stay in school jargon). No one really fell off. But there are always highlights. This time it is the young Laura Balzer, who masters the double role of Shen Te and Shui Ta with „bravour“ and at the same time brings a great deal of charm to the stage. It’s fun to watch her play. So it was a total pleasure to experience this evening.
P.S. The Berliner Ensemble (Theater am Schiffbauer Damm), which Bertolt Brecht has directed for many years, is celebrating its 125th anniversary these days. I will report about this and about his new director Oliver Resse at a later date.
Director: Peter Kleinert, Costumes: Susanne Uhl, Stage: Céline Demars, Music: Hans-Jürgen Osmers, Dramaturgy: Nils Haarmann
With: Laura Balzer, Jan Bülow, Mayla Häuser, Jan Meeno Jürgens, Tiffany Köberich, Frederick Rauscher, Leander Senghas, Lea Ostrovskiy, Lukas Walcher
„The good man of Sezuan“ by Berthold Brecht
Schaubühne on Lehniner Platz
Kurfürstendamm 153
10709 Berlin
Next performances: 3rd, 4th, 5th, 6th and 7th December 2017

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist