Die Büchertipps im Februar 2019

Bookshop OCELOT © Holger Jacobs / Knaur Verlag

Die Bücher Tipps im Februar 2019

Von Trude Schneider


01.02.2019

english text

Liebe Kulturfreunde,
zukünftig wird uns Trude Schneider mit ihren monatlichen Büchertipps im Team von kultur24 unterstützen. Trude ist Literaturwissenschaftlerin und Herausgeberin ihrer eigenen Website www.literaturpower.de
Zusätzlich zu den Büchertipps gibt es eine Empfehlung für einen besonders schönen Bookshop in Berlin (Anm.der Red.).

Glücksgefühle, Abgründe und eine Buchladen-Empfehlung

“Serotonin” von Michel Houellebecq

Houellebecqs neueste Veröffentlichung führt die Spiegel Bestsellerliste an und wird nun sicher wieder wochen- wenn nicht sogar monatelang die Feuilletons, Kulturkolumnist*innen und Book-Instagrammer*innen beschäftigen. Houellebecq ist ein Phänomen und ich verstehe auch warum. Wir haben es hier nicht einfach mit einem gewitzten Provokateur zu tun, der gut zu recherchieren vermag: Houellebecq erkennt unsere ureigensten Bedürfnisse und zielt auf diese ab. Das tut nicht immer gut, manchmal sogar weh, denn Houellebecq und sein Werk sind zugleich zynisch und auf geheimnisvolle Weise faszinierend. “Nikotin”, so beschreibt es ein Zitat im neuen Roman, sei die perfekte Droge, “die keinerlei Freude auslöst, die ganz vom Mangel und dem Abstellen des Mangels bestimmt ist”. Dieses Bild passt ganz wunderbar zu meinem Verhältnis mit Houellebecqs Büchern: Einerseits, kann ich nicht so richtig sagen, was ich an ihnen finde, andererseits kann ich aber auch nicht von ihnen lassen. “Serotonin” liegt derzeit auf meinem Nachttisch.

Michel Houellebecq „Serotonin“, erschienen im Dumont Verlag © Dumont

“Die Schönheit der Nacht” von Nina George

“Die Schönheit der Nacht” – ein Titel, der genauso poetisch daherkommt wie das Werk selbst. Ein Roman, der in die Tiefe geht und eine international renommierte Schriftstellerin, die viel von den menschlichen Abgründen und Hoffnungen versteht. Es geht um zwei Frauen, deren Begehren mich als Leserin einfach nicht kalt lassen kann. So viel von uns steckt in Claire und Julie – den Frauen, die einerseits Vergangenheit und Zukunft in Frage stellen und dabei doch irgendwie sich selbst und ihre Gegenwart finden. Nina George, verdammt, du bist gut!

Nina George „Die Schönheit der Nacht“, erschienen im Knaur Verlag © Knaur

“The Future is Female” herausgegeben von Scarlett Curtis

Dieser Sammelband mit dem Untertitel “Was Frauen über Feminismus denken”sorgt derzeit für kräftige Farbkontraste in den deutschen Bücherregalen. Ganz in Pink kommt “The Future is Female” daher und das nicht ohne Grund. Wer wissen möchte, warum hier ein weibliches Klischee bedient wird, sollte unbedingt das Essay der Herausgeberin Scarlett Curtis selbst lesen. Sie lässt auch andere kluge Frauen zu Wort kommen, deren Erfahrungen berühren, nachdenklich stimmen und vor allem unterstützen. Wie können wir Feminismus heute verstehen und leben? Emma Watson, Keira Knightley, Katrin Bauernfeind und viele andere inspirierende Frauen geben hier Antwort.

Scarlett Curtis „The Future is Female“, erschienen im Goldmann Verlag © Goldmann

“Olga” von Bernhard Schlink

Bernhard Schlink schreibt moderne Klassiker. Was ich an Schlink lieben gelernt habe ist zum einen sein leicht zugänglicher, nahezu gefälliger Erzählstil, noch mehr jedoch seine unglaubliche Beobachtungsgabe. Autorinnen und Autoren müssen natürlich Menschen lesen können. Schlink jedoch liest und versteht sie nicht nur: Seine Charaktere werden greifbar, unsere Sympathie oder Antipathie zu ihnen lässt sich kaum von jener unterscheiden, die wir zu realen Menschen hegen. Auch in “Olga” zeichnet der Autor wieder Rollen, die in all ihrer Widersprüchlichkeit nachvollziehbar werden und denen wir unsere Emotionen guten Gewissens anvertrauen. Wir erleben deutsche Geschichte aus kritischer Perspektive und wir fiebern mit einer starken Frau, die sich den Widrigkeiten des Lebens und der Gesellschaft widersetzt.

Bernhard Schlink „Olga“, erschienen im Diogenes Verlag

Die Buchladen-Empfehlung: OCELOT in der Brunnenstrasse 181 in Berlin-Mitte

In den Social Media hat das Ocelot längst Rang und Namen, aber auch und gerade im realen Leben ist ein Besuch jede Anreise-Entfernung wert. Lesekreise, hochkarätige Lesungen und innovative Formate: ich habe schnell gemerkt, dass Buchhändler*innen hier mit der Zeit gehen. Das Ocelot ist für mich ein Ort, an dem ich mich sehr wohl, weil verstanden fühle und von den wunderbaren Menschen, kompetenten Buchempfehlungen und der tollen Auswahl fange ich besser gar nicht erst an.

4 Photos: Bookshop OCELOT, Verkaufsraum mit Lesemöglichkeit © Jacobs/ kultur24.berlin

 

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The books tips in January 2019
By Trude Schneider
02/01/2019

Happiness, an Abyss and a Bookstore Recommendation

„Serotonin“ by Michel Houellebecq

The newest publication of Houellebecq is currently at the very top of the Spiegel bestseller list and will most likely produce at least weeks if not months of material for features, bookstagram and culture columnists. Houellebecq is a phenomenon and I understand why. He’s not just a witty provocateur who is good at his research: Houellebecq recognizes our primal needs and directly targets them. That’s not always good for us, sometimes it even hurts, because Houellebecq and his work are both: cynical and somehow mysteriously fascinating at the same time. „Nicotine“, that’s what a quote from his newest novel describes, is the perfect drug, that „does not result in any happiness, but is only governed by depletion and the stopping of it“. This paints a picture well fitting of my relationship with Houellebecq’s books: On the one hand I don’t really know what I like about them, on the other hand I cannot keep off them. „Serotonin“ currently lies on my nightstand.

„Die Schönheit der Nacht“ by Nina George

„Die Schönheit der Nacht“ (not yet translated into English) – A title, that’s exactly as poetic as the work itself. A novel that goes deep and an internationally renowned writer that knows much about human abysses and hopes. It is about two women who’s longings cannot leave me cold as a reader. So much of us is in Claire and Julie – those women that question the past and present and still somehow find themselves and their present. Nina George, damn, you’re good!

“Feminists Don’t Wear Pink (and other lies)” published by Scarlett Curtis

This anthology is currently causing stark color-contrasts in german bookshelves. It’s completely pink, and not without a reason. Those that want to know why this is so blatantly stereotypical feminine, should read the essay of publisher Scarlett Curtis. She also lends a voice to other smart women, whose experiences are touching, make us think and are especially supportive. How can we understand feminism today and how can we live it. Emma Watson, Keira Knightley and many more inspirational women give answers.

“Olga” by Bernhard Schlink

Bernhard Schlink writes modern classics. What I love about Schlink, on the one hand, is his easily accessible, almost pleasing narrative style, but even more his incredible powers of observation. Obviously authors need to read people well. But Schlink does not only read and understand them: His characters are almost plastic and our affections and aversions for them almost cannot be differentiated from real people. In „Olga“ Schlink, again, writes roles that are plausible with all their contradictions and to whom we trust our emotions in good conscience. We experience German history from a critical perspective and root for a strong woman, that opposes the adversities of life and society.

My Bookstore recommendation: OCELOT at Brunnenstrasse 181

On social media, the Ocelot already has a great standing, but it is definitely also worth a visit and travel of significant distance in real life. Reading circles, top-class readings, and innovative formats: I quickly learned that booksellers here keep up with the times. The Ocelot has become a place where I feel very good, because I feel understood – and don’t even get me started about the wonderful people, competent book recommendations and the excellent selection!

Trude Schneider

Author: Trude Schneider

Trude Schneider ist Literaturwissenschaftlerin, Kreativunternehmerin und Social Media Expertin. Sie ist Herausgeberin der Website literaturpower.de.
Trude Schneider is a literary scholar, creative entrepreneur and social media expert.
She is publisher of her website literaturpower.de.

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