Die Fledermaus an der Deutschen Oper Berlin

Die Fledermaus - Deutsche Oper © Holger Jacobs

Die Fledermaus an der Deutschen Oper Berlin

 

Von Holger Jacobs

29.04.2018

🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

english text below

Eine Inszenierung über 3 Jahrhunderte mit dem Schwung des Wiener Walzers.

Hintergrund 1

Als im dritten Akt hinter uns ein aufgebrachter Herr laut „Wann hört denn dieser Schwachsinn auf“ rief, drehten wir uns verwundert um: Alle anderen Zuschauer waren von der Neuproduktion an der Deutschen Oper begeistert.

Hintergrund 2

Johann Strauss (*1825 – †1899) war der Sohn des Kapellmeisters und Komponisten Johann Strauss (Vater). Dieser hatte als sein bekanntestes Werk den Radetzky-Marsch geschrieben; das Wiener Burgtheater hatte erst vor wenigen Monaten die Uraufführung des gleichnamigen Romans von Joseph Roth auf die Bühne gebracht. Unsere Wiener Korrespondentin Cecilie von Heintze berichtete.

Johann Strauss (Sohn) trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde noch einmal deutlich berühmter. Er machte sich vor allem einen Namen mit seinen Kompositionen im Stil des Wiener Walzers, ein Tanz, welcher Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa äußerst populär war. Nicht von ungefähr kommt sein Spitzname der „Walzerkönig“. Neben den über 100 Walzern (u.a. „An der schönen blauen Donau“, 1867 und „Wiener Blut“, 1873) hat Strauss mindestens ebenso viele Polka geschrieben, 80 Quadrillen, 43 Märsche. Und 15 Operetten, von denen „Die Fledermaus“ und „Der Zigeunerbaron“ sicher die bekanntesten sind.

Gerade die Operette „Die Fledermaus“, uraufgeführt 1874 am Theater an der Wien, wurde Quell für zahlreiche Walzer und Polka, die später auch für sich allein weltberühmt wurden und heute noch auf Konzerten gespielt werden. Besonders die Stücke „Die Fledermaus-Polka“, die „Tik-Tak Polka“, „An der Moldau“, „Das ist hier so Sitte“, „Mein Herr Marquis“ und vor allem „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“. Melodien, die wie Schlagermusik geradezu Ohrwurm-Charakter haben und die man den ganzen Tag vor sich hin trällern kann. Auch die Fledermausquadrille hat ihren Ursprung in der Operetten-Komposition.

Hintergrund 3

Eigentlich heißt die Operette „Die Rache der Fledermaus“

Handlung (Libretto Karl Haffner und Richard Genée)

Der Herr Gabriel von Eisenstein hatte vor kurzem seinem Freund Dr. Falke einen Streich gespielt, als er ihn nach einer durchzechten Nacht früh morgens mitten auf einem Marktplatz in einem Fledermauskostüm zurückließ und ihn damit dem Gespött der Marktbesucher auslieferte. Dr. Falke hegt nun einen Racheplan: Er will Eisenbein dazu überreden, ihn auf einen Kostümball zu begleiten, wo er mit anderen Frauen in Versuchung geraten soll. Gleichzeitig gibt er dessen Ehefrau Rosalinde einen Tipp, doch ebenfalls auf diesen Ball zu kommen, um ihren Mann in flagranti beim Ehebruch zu erwischen. Doch auch die Rosalinde ist nicht von traurigen Eltern. Ihr Jugendfreund Alfred hat eine so schöne Stimme, dass Rosalinde ihm bei jedem seiner Besuche nicht widerstehen kann. Gleichzeitig soll aber Ehemann Eisenstein am selbigen Abend vom Gefängnisdirektor Frank abgeholt werden, da Eisenstein eine achttägige Haftstrafe für ein minderschweres Vergehen antreten muss. Als Frank bei Rosalinde den Jugendfreund Alfred findet, gibt sich der für den Ehemann aus und wird deshalb ins Gefängnis gesteckt. Gleichzeitig findet nun bei Prinz Orlowsky der Kostümball statt und Rosalinde kann wirklich ihren Mann beim Tächtelmächtel überraschen und entwendet ihm seine Taschenuhr. Am nächsten Morgen finden sich alle beim Gefängnis ein, Eisenstein will seine Strafe antreten, muss aber feststellen, dass für ihn schon Rosalindes Liebhaber Alfred einsitzt. Als er die Sache durchschaut, muss er aber ungewollt klein beigeben, da Rosalinde seine Taschenuhr zückt und ihn an seine eigene Untreue beim gestrigen Kostümball erinnert. Von der Geschichte angelockt trifft nach und nach die gesamte Gesellschaft des gestrigen Abends ein und der gelungene Streich der Fledermaus an Eisenstein wird in einem großen Finale gefeiert.

Die Bilder vom Applaus:

7 Photos: Applaus „Die Fledermaus“ von Johann Strauss, Regie: Rolando Villazon, mit Annette Dasch als Rosalinde © Holger Jacobs

Kritik

Nach vielen Produktionen mit schwierigen und dramatischen Themen (Aribert Reimann: „L’invisible“, Erich Wolfgang Korngolds „Das Wunder der Heliane“ und Georges Bizets „Carmen“, kultur24 berichtete) ist es sehr erfrischend wieder einmal an der Deutschen Oper  ein Lustspiel zu erleben. „Probleme haben wir in unserem Leben ja schon genug“ – heißt es gerne. Und deshalb ging es an diesem Samstag der Premiere von „Der Fledermaus“ ganz hinein in das Vergnügen. Regisseur Rolando Villazon, der nach einer Stimmband Entzündung 2009 als Sänger etwas kürzer treten musste und ab 2011 erfolgreich Opern einstudiert, hatte ganze Arbeit geleistet: Er schickte sein Sänger-Ensemble in eine Zeitreise über drei Jahrhunderte hinweg. Der erste Akt beginnt noch im Entstehungsjahr der Oper, 1874, mit dem entsprechendem Interieur und den Kostümen. Der zweite Akt rückt das Geschehen in die 50er Jahre; das Fest bei Prinz Orlowsky findet in einem dunklen Beat-Schuppen statt, die Frauen tragen lange Röcke mit Wespentaille, die Bedienung im Kostüm einer Pan-Am-Stewardess. Und im dritten Akt landen wir in der Zukunft auf einem anderen Planten, der für die Erde als Gefängnis dient und zu dem die Sträflinge hoch-gebeamt werden. Eine schöne Idee und technisch gut umgesetzt. Besonders angenehm ist, dass Rolando Villazon die Handlung nicht zu kitschig inszeniert. Eine Falle, in die ein Regisseur bei dieser doch etwas einfältigen Geschichte und der schlagerartigen Musik leicht hineintappen kann. Die Heiterkeit wirkt durchaus echt und nicht gespielt. Auch gesanglich und musikalisch kann ich keinen Tadel aussprechen. Dirigent Donald Runnicles hat alles im Griff und läßt die Walzer schwungvoll erklingen. Thomas Blondelle als Eisenstein macht seine Sache gut und kann vor allem durch sein Spiel überzeugen, Enea Scala als Jungendfreund Alfred ist vielleicht die beste Stimme an diesem Abend, Thomas Lehman als Dr. Falke kann da nicht ganz mithalten. Etwas schwächer ist auch Angela Brower als Prinz Orlowsky (in einer Hosenrolle). Richtig gut aber singen an diesem Abend zwei Damen: Annette Dasch als Rosalinde und Meechot Marrero als die Hausangestellte Adele. Letztere hatte 2014 den Ersten Preis der Metropolitan Opera gewonnen und fällt durch ihre quirlige Art und ihren klaren, hellen Sopran auf. Eine Entdeckung! Und Annette Dasch als Grand Dame der heutigen Opernwelt ist natürlich die Königin des Abends. Besonders in dem Moment, als sie ihre große blonde Löwenmähne öffnet und mit ihrer Erscheinung die ganze Bühne füllt – überwältigend.

Die Inszenierung ist eine Empfehlung wert!

Musikalische Leitung: Donald Runnicles, Regie: Rolando Villzon, Bühne: Johannes Leiacker, Kostüme: Thibault Vancraenenbroeck
Mit: Thomas Blondelle (Eisenstein), Annette Dasch (Rosalinde), Meechot Marrero (Adele), Thomas Lehman (Dr. Falke), Angela Brower (Prinz Orlowsky), Enea Scala (Alfred).

„Die Fledermaus“ von Johann Strauss
Deutsche Oper Berlin

Nächste Vorstellungen: 1., 5., 8., 26. und 29. Mai, 3. und 8. Juni 2018.

3 Photos: 1. Akt (Dekor 19. Jahrhundert) mit Eisenstein (links, Thomas Blondelle) und Dr. Falke (rechts Thomas Lehman), „Die Fledermaus“ © Deutsche Oper/ Thomas Junk

english text

Die Fledermaus (The Bat) at Deutsche Oper
By Holger Jacobs
04/29/2018
A time shift over 3 centuries with the swing of the Viennese waltz.
Background 1
When, in the third act behind us, an angry gentleman in the audience called out loudly, „When does this nonsense stop?“ We turned around in astonishment: All the other spectators were enthusiastic about the new production at the Deutsche Oper.
Background 2
Johann Strauss (* 1825 – † 1899) was the son of the Kapellmeister and composer Johann Strauss (father). He had written as the most famous work the „Radetzky march“; Just a few months ago, the Vienna Burgtheater had staged the world premiere of Joseph Roth’s novel of the same name. Our Viennese correspondent Cecilie von Heintze reported.
Johann Strauss (son) followed in his father’s footsteps and became much more famous. Above all, he made a name for himself with his compositions in the style of the Viennese Waltz, a dance that was extremely popular in Europe in the mid-19th century. It is no accident that his nickname comes from the „Waltz King“. In addition to the more than 100 waltzes (including „The Blue Danube“, 1867 and „Vienna Blood“, 1873) Strauss has written at least as many polka, 80 quadrilles, 43 marches. And 15 operettas, of which „The Bat“ and „The Gypsy Baron“ are certainly the best known.
Especially the operetta „Die Fledermaus“, premiered at the Theater an der Wien in 1874, became the source of numerous waltzes and polka, which later became world-famous on their own and are still played at concerts today. Especially the pieces „The Bat-Polka“, the „Tik-Tak Polka“, „At the Vltava“, „This is so custom here“, „My Lord Marquis“ and most of all „Happy is who forgets, what does not to change is „. Melodies that, like pop music, have an earwig character and that you can sing all day long. The bat quadrille has its origin in the operetta composition.

Background 3
Actually the operetta is called „The revenge of the bat“
Story (Libretto Karl Haffner and Richard Genée)
The Lord Gabriel von Eisenstein had recently played a joke on his friend Dr. Falke when, after a night of drinking, he left him early in the morning in the middle of a marketplace in a bat costume and delivered him to the mockery of the market visitors. Dr. Falke now has a plan of revenge: He wants to persuade Eisenbein to accompany him to a costume ball, where he should be tempted with other women. At the same time he gives Eisensteins wife Rosalinde a tip, but also to come to this ball to catch her husband in the act of adultery. But even Rosalinde is not a shy person. Her childhood friend Alfred has such a beautiful voice that Rosalinde can not resist him on each of his visits. At the same time, however, husband Eisenstein is to be picked up by prison director Frank that same evening, as Eisenstein has to serve an eight-day prison sentence for a minor offense. When Frank finds lover Alfred at Rosalinde, he thinks of Alfred as the husband and puts him in jail. At the same time, the costume ball takes place at Prince Orlowsky and Rosalinde can really surprise her husband at the party and steals his pocket watch from him. The next morning, everyone arrives at the prison, Eisenstein wants to take his punishment, but must realize that for him already Rosalindes lover Alfred is sitting. But when he sees through it, he has to give in unintentionally small, because Rosalinde pulls out his pocket watch and reminds him of his own infidelity in yesterday’s costume ball. Attracted by the story, the entire society of yesterday evening arrives and the successful stroke of the bat at Eisenstein is celebrated in a grand finale.

Critics
After many productions with difficult and dramatic themes (Aribert Reimann: „L’invisible“, Erich Wolfgang Korngold’s „The Miracle of Heliane“ and Georges Bizet’s „Carmen“, kultur24 reported) it is very refreshing to experience a comedy again at the Deutsche Oper. „We already have enough problems in our lives“ – people say. And that’s why Saturday’s premiere of „The Bat“ went right into the fun. Director Rolando Villazon, who had to step down as vocalist after a vocal cord inflammation in 2009 and has been successfully rehearsing operas since 2011, had done a great job: he sent his ensemble into a journey through time of three centuries. The first act begins in the year of the opera, 1874, with the appropriate interior and costumes. The second act puts events into the 50s; The feast of Prince Orlowsky takes place in a dark beat-shed, the women wearing long skirts with wasp waist, the waitress in the costume of a Pan-Am stewardess. And in the third act, in the future, we end up on another planet that serves as a prison for the earth and to which the convicts are being highly-beamed. A nice idea and technically well implemented. It is especially pleasant that Rolando Villazon does not stage the plot too cheesy. A trap into which a director can easily slip into this somewhat simple story and the pop music. The cheerfulness seems quite real and not played. Even vocally and musically, I can not blame. Conductor Donald Runnicles has everything under control and makes the waltz sound lively. Thomas Blondelle as Eisenstein does his job well and can convince by his play, Enea Scala as the boyfriend Alfred is perhaps the best voice on this evening, Thomas Lehman as a Dr. Falke can not quite keep up with that. Angela Brower is a bit weaker than Prinz Orlowsky (in a trouser role). Especially good on this evening are two ladies: Annette Dasch as Rosalinde and Meechot Marrero as the domestic servant Adele. The second won the first prize of the Metropolitan Opera in 2014 and stands out for her lively style and clear, bright soprano. A discovery! And Annette Dasch as grand dame of today’s opera world is of course the queen of the evening. Especially in the moment when she opens her big blonde lion’s mane and fills the whole stage with her appearance – overwhelming.
The production is a recommendation!
Conductor: Donald Runnicles, Director: Rolando Villzon, Stage: Johannes Leiacker, Costumes: Thibault Vancraenenbroeck
With: Thomas Blondelle, Annette Dasch, Meechot Marrero, Thomas Lehman, Angela Brower, Enea Scala.
„The Bat“ by Johann Strauss
German Opera Berlin
Next performances: 1st, 5th, 8th, 26th and 29th of May, 3rd and 8th of June 2018.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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