Die Gerechten im Maxim Gorki Theater Berlin

Die Gerechten - Maxim-Gorki Theater Foto: Holger Jacobs

Die Gerechten im Maxim Gorki Theater Berlin

 

Von Holger Jacobs

30.09.2018

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

english text below

Darf man Töten für ein höheres Ziel?

Diese Frage beschäftigte bereits viele Philosophen, Geschichtsschreiber wie Gelehrte. Eigentlich erscheint die Antwort ganz selbstverständlich, nämlich nein. Doch diese Selbstverständlichkeit gilt nicht für jeden, wie wir wissen.

Weltweit werden jedes Jahr ca. 500.000 Menschen gewaltsam getötet, dabei war die Tötungsrate pro 100.000 Einwohner in Nord-, Mittel und Südamerika mit 16 % am größten, in Europa mit 3 % am niedrigsten.
Die größte Zahl von Tötungen im Jahr 2016 in absoluten Zahlen erreichte Indien mit 42.678, Brasilien mit 61.283, danach Mexiko mit 24.599 und Südafrika mit 19.016, Nigeria mit 17.843, Venezuela mit 17.778, die USA mit 17.250 Russland mit 15.561. In Deutschland waren es „nur“ 963 und in Frankreich 875. (Quelle: United Nations Office on Drugs and Crime, UNODC, 2017).

Die häufigsten Ursachen für Mord sind: Eifersucht, Habgier, verletzte Eitelkeit und Rache.

Doch wie sieht es mit der Eingangs zitierten Frage nach dem „höheren“ Ziel aus? Wobei das Wort „höher“ dann auch erst mal näher definiert werden müsste.
Im Text des Theaterstücks sagt Dora Dulebow (gespielt von Lea Dräger): „Die Revolte ist der Grundstock des Politischen.“

Also darf aus politischen Gründen getötet werden?
Tatsache ist, dass fast alle politischen Revolutionen und Umstürze gewaltsam geschahen, ganz einfach, weil die bisher Regierenden ihren Platz nicht freiwillig räumen wollten.

Die berühmteste Revolte in der Geschichte ist sicherlich die Französische Revolution von 1789, da sie einen Politikwechsel einläutete, der ganz Europa erfasste und nach Jahrhunderten monarchischer und autokratischer Herrschaften endlich die Demokratie brachte. Am 14. Juli 1789 stürmten aufgebrachte Bürger das Staatsgefängnis an der Bastille und befreiten 6 Gefangene (u.a. Marquis de Sade). Dabei wurden 98 Menschen getötet. Es war der Anfang der Revolution in dessen Verlauf nicht nur König Ludwig der VXI. und seine Frau Marie-Antoinette ihr Leben verloren, sondern auch ca. 300.000 weitere Menschen.

Albert Camus schrieb 1949 ein Drama, welches auf einer wahren Begebenheit beruhte: Im Jahre 1905 verübte in Russland eine Gruppierung mit Namen „Sozialrevolutionäre“ einen Anschlag, bei dem der Großfürst Sergei getötet wurde. Dabei bezieht er sich auf einen Roman von Boris Savinkov von 1931, in dem dieser die im Zusammenhang mit dem Attentat stehenden Diskussionen der Attentäter beschreibt. Die Terroristen diskutieren vor und nach der Tat, was erlaubt ist und ob es Grenzen für den Bombenwurf gibt.

Albert Camus hat sein Theaterstück „Die Gerechten“ in fünf Kapitel unterteilt. 1. Treffen der Terroristen, Planung des Anschlags. 2. Das Attentat: Während zwei der Gruppe das Geschehen aus der Wohnung verfolgen, Zwei sind vor Ort als Beobachter, einer, Kaljajew, soll die Bombe werfen. Doch er tut es nicht, da im Auto neben den Großfürsten auch seine beiden Neffen sitzen. Danach dikutiert die Gruppe, was erlaubt ist und was nicht. Nur Stepan würde auch Kinder töten. 3. Kaljajew versucht den Anschlag zwei Tage später wieder und hat Erfolg. Dabei wird er verhaftet 4. Im Gefängnis bekommt Kaljajew zunächst Besuch durch den Polizeikommissar Skouratov, der ihm anbietet, Koljajwes Leben zu verschonen, wenn er seine Kameraden verraten würde. Koljajwe lehnt ab. Dann kommt die Ehefrau vom Großfürsten, um den Attentäter dazu zu bewegen, seine Tat als Mord einzugestehen. Doch Koljajew lehnt wieder ab und erklärt, dass die Ermordung des Großfürsten ein Akt der Gerechtigkeit gewesen wäre. 5. In der Wohnung triftt sich der Rest der Gruppe und überlegt, ob Koljajew sie vielleicht verraten könnte. Doch ein Informant verneint dies. Daraufhin verkündet Dora, sie werde die nächste Bombe zünden und dafür sterben.
Die echte Dora, Rachel Vladimirovna, erschoss sich 1908 in ihrem Exil in Paris…

Hier sehr Ihr einen Ausschnitt von „Die Gerechten“ auf unserem Kulturkanal kultur24 TV:

Kritik

Regisseur Sebastian Baumgarten läßt die fünf Protagonisten des Stücks immer zwischen dem heute und der Rollen des Dramas pendeln. Wenn sie sich in der Jetztzeit befinden, sind sie in einen blauen Jumpsuit gekleidet und sprechen ganz allgemein von terroristischen Anschlägen der letzten Jahre und diskutieren über das Gebot Gottes ‚Du sollst nicht töten!‘ und über das Für und Wider solcher Taten und über Angst. Vor allem die Fragen zur Religion und zu den 10 Geboten des Alten Testaments werden erörtert mit der Frage, welche Rolle das 1. Gebot dabei einnimmt. Wie wir heute wissen, beziehen sich gerade arabische Terroristen besonders gerne auf ihre Religion, ja sie führen sie sogar als Grund ihrer Tat an. Kein Wunder: Schreibt Prophet Mohammed im Koran doch: „Tötet die Ungläubigen!“

Baumgarten schafft es sowohl durch kleine Slapstick-Einlagen, als auch durch lustige Wortspiele die Stimmung nicht zu schwer werden zu lassen und dem Zuschauer auch komische Momente in der Düsternis zu gönnen. Besonders erwähnenswert ist hier der Schauspieler Jonas Dassler als Woinow, der erst jüngst von der Ernst-Busch Schauspielschule zum Gorki Theater kam und den wir bereits durch seine Rolle in „Dantons Tod“ an der Schaubühne kennen, kultur24 berichtete.
Auch das Zusammenspiel von Musik (Daniel Regenburg am Piano und am Keyboard) mit Video-Projektion (Hannah Dörr) und der mit wenigen Elementen ausgestatteten Bühne (Jana Wassong) klappt hervorragend.

Ein wirklich beeindruckender Abend mit einem tollen, hochaktuellem Stück, tollen Schauspielern und starker Aussage.
Meiner Meinung nach die beste Neuinszenierung in der Saison 2018/ 2019.

„Die Gerechten“ von Albert Camus
Maxim Gorki Theater Berlin
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühne: Jana Wassong, Kostüme: Christina Schmitt, Video: Hannah Dörr und Musik: Daniel Regenberg
Mit: Lea Dräger, Jonas Dassler, Mazen Aljubbeh, Aram Tafreshian und Till Wonka

Nächste Vorstellungen: 6. und 23. Oktober 2018

Unsere Bilderserie mit 20 Fotos der Produktion:

20 Photos: „Die Gerechten“, Albert Camus, Maxim Gorki Theater © Holger Jacobs

english text

„Die Gerechten“ (The righteous) in the Maxim Gorki Theater Berlin
By Holger Jacobs
09/30/2018
Can you kill for a higher goal?
This question already occupied many philosophers, historians and scholars alike. Actually, the answer seems quite natural, namely no. But this self-evident is not true for everyone, as we know.
Every year, around 500,000 people are killed by force worldwide, with the killing rate per 100,000 population being highest in North and South America at 16% and lowest in Europe at 3%. The highest number of kills in 2016 in absolute terms reached India with 42,678, Brazil with 61,283, then Mexico with 24,599 and South Africa with 19,016, Nigeria with 17,843, Venezuela with 17,778, the USA with 17,250 Russia with 15,561, in Germany 963 and in France with 875. (Source: United Nations Office on Drugs and Crime, UNODC, 2017).
The most common causes of murder are: jealousy, greed, hurt vanity and revenge. One third of all murders happen in the home or family.
But what about the question quoted above for the „higher“ goal? Whereby the word „higher“ would have to be defined in more details. In the text of the play Dora Dulebow (played by Lea Dräger) says: „The revolt is the basis of the political.“
So may political reasons give you the right to kill? The fact is that almost all political revolutions and upheavals happened by force, simply because the kings an dictators did not want to voluntarily vacate their place.
The most famous revolt in history is certainly the French Revolution of 1789, when it ushered in a change of policy that would grasp all of Europe and finally bring democracy after centuries of monarchical and autocratic systems. On July 14, 1789, enraged citizens stormed the state prison on the Bastille and freed 6 prisoners (including Marquis de Sade). 98 people were killed. It was the beginning of the revolution during which not only King Ludwig the VXI. and his wife Marie-Antoinette lost their lives, but also about 300,000 more people.

Albert Camus wrote a drama in 1949, which was based on a true story: In 1905, a group in Russia called „Social Revolutionaries“ made an attack in which the Grand Duke Sergei was killed. He refers to the novel by Boris Savinkov in 1931, in which he describes the related in the assassination discussions of the assassins. The terrorists discuss before and after the action what is allowed and if there are limits to the bombing.
Albert Camus divided his play „The Just“ into five chapters. 1. Meeting of the terrorists, planning of the attack. 2. The assassination: While two of the group are watching the action from the apartment, two are on site as observers, one, Kaljayev, is said to throw the bomb. But he does not, because in the car next to the Grand Duke and his two nephews sit. Then the group dicutes what is allowed and what is not. Only Stepan would kill children too. 3. Kalyaev tries again two days later and succeeds. At the same time, he is arrested. 4. In prison, Kaljajew first receives a visit from police commissioner Skouratov, who offers him to spare Koljajwe’s life if he betrays his comrades. Koljajwe refuses. Then comes the wife of the Grand Duke to persuade the assassin to admit his act as a murder. But Koljayev refuses and declares that the assassination of the Grand Duke was an act of justice. 5. In the apartment, the rest of the group drumming and wondering if Kolyayev might betray them. But an informant denies this. Then Dora announces that she will detonate the next bomb and die for it. The real Dora, Rachel Vladimirovna, shot herself in exile in Paris in 1908 …
criticism
Director Sebastian Baumgarten lets commute the five protagonists of the piece always between the present and the character of the drama. If they are in the present time, they are dressed in a blue jumpsuit and speak generally of terrorist attacks in recent years. Above all the questions about religion and the 10 commandments of the Old Testament are discussed with the question, which role the first commandment, „Thou shalt not kill“ occupies thereby. As we know today, Arab terrorists are particularly fond of referring to their religion, indeed they even cite it as the reason for their act. No wonder: Prophet Muhammad writes in the Quran: „Kill the unbelievers!“
Baumgarten manages not only to make the mood too heavy with little slapstick inserts, but also by funny puns and to treat the audience to comic moments in the gloom. Particularly noteworthy here is the actor Jonas Dassler as Woinow, who recently came from the Ernst-Busch drama school to the Gorki Theater and whom we already know by his role in „Danton’s death“ at the Schaubühne, kultur24 reported.
Also, the interplay of music (Daniel Regenburg on the piano and on the keyboard) with video projection (Hannah Dörr) and the stage equipped with few elements (Jana Wassong) works great.
A really impressive evening with a great, up-to-date piece, great actors and strong statements. So far, the best new production in the season 2018/2019.
„Die Gerechten“ by Albert Camus, Maxim Gorki Theater Berlin, Director: Sebastian Baumgarten, Stage: Jana Wassong, Costumes: Christina Schmitt, Video: Hannah Dörr and Music: Daniel RegenbergWith: Lea Dräger, Jonas Dassler, Mazen Aljubbeh, Aram Tafreshian and Till Wonka
Next performances: October 6 and 23, 2018

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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