Die Kinder des Paradieses im Berliner Ensemble

Les Enfants du Paradis @ Pathé Cinema

Die Kinder des Paradieses im Berliner Ensemble

 

Von Holger Jacobs

21.1.2018

Das Berliner Ensemble bringt den berühmten französischen Film „Les Enfants du Paradis“ von Marcel Carné auf die Bühne. Die Premiere war gestern Abend im Theater am Schiffbauerdamm.

english text below

Hintergrund 1

Der Film „Les enfants du Paradis“ von Marcel Carné gilt in Frankreich als nationales Kulturgut wie bei uns Goethes „FAUST“ oder der Film „METROPOLIS“ von Fritz Lang. In den 20 Jahren meines Lebens in Paris wurde dieser Film immer wieder einmal erwähnt. Zumal der Franzose ein wesentlich innigeres Verhältnis zum Medium Film hat als wir Deutsche. Fast doppelt so viele Filmproduktionen werden jenseits des Rheins produziert. In Paris gibt es immer noch über 300 Kinosäle und fast jedes amouröse Rendez-vous wird mit einem Kinobesuch und einem anschließenden Diner begonnen.

Berliner Ensemble, Theater am Schiffbauerdamm, 20.1.18, Foto: Holger Jacobs

Hintergrund 2

Der Drang der Theater nach neuen Stoffen, neuen Themen und neuen Möglichkeiten ist ungebrochen. Während ich selbst kein großer Freund von an die Bühne adaptierten Romanen oder Filmen bin, wird indes fleißig an immer mehr Produktionen aus allen möglichen Vorlagen gearbeitet. Bereits in der Spielzeit 2015/ 2016 brachte übrigens das Badische Staatstheater in Karlsruhe „Die Kinder des Olymp“ auf die Bühne. Ob die Inszenierung von „Die Kinder des Paradieses“ im Berliner Ensemble überzeugen konnte verrate ich Euch in meiner Kritik.

Applaus „Kinder des Paradieses“, Foto: Holger Jacobs

Handlung

Teil 1: Paris 1828. Auf dem Boulevard du Crime rettet der Pantomimen-Schauspieler Baptiste Deburau die Dame Garance vor einer fälschlichen Anschuldigung wegen Diebstahls. Sofort verliebt er sich in diese faszinierende Frau, die völlig unabhängig und frei ihr Leben und ihre Liebhaber genießen zu scheint. Zu ihren Verehrern zählen der Dieb und Mörder Lacenaire, der Schauspieler Lemaitre und der Comte de Montray, ein Herr aus den höchsten politischen und gesellschaftlichen Kreisen. Alle treffen sich im Theatre Funambules, wo Baptiste als der Pantomime Pierrot auftritt und Lemaitre versucht Othello zu spielen. Ab und zu taucht auch der Gangster Lacenaire auf, der Garance in einen Raub verwickelt. Nur mit Hilfe des Comte kann sich Garance der Polizei entziehen. Mit Baptiste fühlt sie sich aber am stärksten verbunden, während dieser von Nathalie, der Tochter des Theaterdirektors, geliebt wird.

Teil 2. Viele Jahre sind vergangen, nachdem Garance die Geliebte des Comte de Montray wurde und mit ihm wegging. Baptiste hat letztlich Nathalie geheiratet und mit ihr einen kleinen Sohn bekommen. Baptiste und Lemaitre sind beide bekannte Mimen beim Theater geworden und das Publikum jubelt ihnen zu. Besonders die aus dem obersten Rang, den man „Paradis“ nennt. Denn hier steht das einfache Volk, das wenig Geld hat und trotzdem das Theater liebt (daher auch der Name des Films). Eines Tages kehrt Garance nach Paris zurück und geht heimlich in die Vorstellungen von Baptiste. Plötzlich taucht auch Lacenaire auf und bringt den Comte aus Eifersucht um. Baptiste und Garance verbringen eine gemeinsame Nacht, aber am nächsten Morgen ist die nicht mehr da. Baptiste läuft ihr hinterher, doch sGarance verschwindet in der Karneval feiernden Menge, die sich alle als Pierrot verkleidet haben…

14 photos: „Les Enfants du Paradis“, 1943 – 1945 © Pathé Cinéma

Kritik:

Als ich die Premiere von „Die Kinder des Paradieses“ bei mir auf Facebook postete schrieb eine Kommentatorin:“ Schwere Aufgabe. Die Bilder des Films sind so stark im Kopf verankert!“ Konnte das BE also die Aufgabe meistern?
Die Regisseurin Ola Mafaalani, syrischen Ursprungs und mittlerweile in Amsterdam ansässig, hat eine lange Erfahrung mit Adaptionen von Filmen für die Theaterbühne. Nicht nur, dass sie sowohl Film wie auch Theaterwissenschaft studiert hat, sie hat auch bereits so bekannte Filme, wie „Clockwork Orange“, „Himmel über Berlin“ und „Reservoir Dogs“ auf die Bühne gebracht. Ob erfolgreich, kann ich nicht sagen, denn diese Produktionen habe ich nicht gesehen. Aber die Umsetzung von „Les enfants du Paradis“ im Berliner Ensemble ist nur teilweise gelungen.
Der erste Teil des Abends besteht aus der Nacherzählung der Handlung des Films. Es treten dieselben Personen auf, natürlich Garance (Kathrin Wehlisch), Baptiste (Peter Moltzen), Lemaitre (Felix Rech), Lacenaire (Tilo Nest), der Graf de Montray (Martin Rentzsch) und Nathalie (Antonia Bill). Doch was fehlt sind die starken Bilder. Ein fast leeres Bühnenbild kann ebenso wenig Stimmung erzeugen, wie die Kostüme und das Licht. Auch das Spiel der Protagonisten überwältigt mich nicht. Erst als Baptiste mit seiner Pierrot Maske als Pantomime auftritt kommt eine gewisse Magie auf. Und in diesem Moment leuchtet auch die Poésie der Vorlage in den Zuschauerraum. Leider ist aber die Darstellerin der Garance, Kathrin Wehlisch, nicht wirklich die Person, der man glauben würde, dass alle Männer ihr verfallen könnten. Mit ihren kurzen schwarzen Haaren ist sie äußerlich eher der burschikose Typ, aber keine femme fatale mit großer weiblicher Ausstrahlung. Peter Moltzen als Baptiste dagegen gefällt mir sehr gut. Auch Felix Rech als Schauspieler Lemaitre mit Hang zur Selbstüberschätzung ist überzeugend. Auch Antonia Bill passt sehr gut in die Rolle der etwas bürgerlichen, aber aufrichtig liebenden Gattin von Baptiste. Tilo Nest als raffinierter Ganove dagegen bleibt blass. Toll sind die Akrobaten, die den ganzen Abend als Variété – Künstler und Gaukler die Atmosphäre eines damaligen Theaters wiedergeben. Auch die Musikeinlagen mit Klavier, Trompete und Gesang gefielen mir gut.

Nach der Pause im zweiten Teil des Abends geht es nicht mehr um die Handlung des Films, sondern um die besonderen Umstände der Realisierung dieser aufwendigen Produktion mitten im Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung. Das klingt eigentlich spannend, doch hier im Stück wirkte es eher langweilig. Ich hätte mir noch mehr „magische Momente“ gewünscht. Auch die miteingebrachte Rolle der französischen Schauspielerin Arletty (Ilse Ritter), die damals ein Star war und die Garance spielte (und dann später nach der Befreiung als Kollaborateurin verhaftet wurde), fand ich nicht wirklich interessant. Ganz zum Schluss des Abends wird noch einmal das Ende der Filmhandlung angeschnitten.

Fazit: Ein sehr engagiertes Projekt, welches aber nicht ganz gelungen scheint.

„KINDER DES PARADIESES“
Berliner Ensemble
Bertolt-Brecht-Platz 1
10117 Berlin

Regie: Ola Mafaalani, Bühnenfassung: Ola Mafaalani und Alexandra Althoff, Bühne: André Joosten, Kostüme: Johanna Trudzinski, Musik: Eef van Breen, Choreographie: Maria Marta Colusi

Mit: Kathrin Wehlisch, Peter Motzen, Ilse Ritter, Felix Rech, Antonia Bill, Tilo Nest, Sascha Nathan, Martin Jentzsch, Veit Schubert, Marc Unruh, Marula Bröckerhoff (Sportakrobatik), Lukas Flint (Sportakrobatik)

7 photos: Kinder des Paradieses/ Berliner Ensemble/ Ola Mafaalani/ Eef van Breen/ André Joosten/ Johanna Trudzinski/ Maria Marta Colusi/ Ulrich Eh/ Alexandra Althoff, Fotos: Matthias Horn

 

 english text

„The children of paradise“ at Berliner Ensemble
By Holger Jacobs
01/21/2018
Background 1
The movie „Les enfants du Paradis“ by Marcel Carné is regarded in France as a national cultural asset like Goethe’s „FAUST“ or the film „METROPOLIS“ by Fritz Lang in Germany. In the 20 years of my life in Paris, this movie has been mentioned again and again. Especially since the French has a much more intimate relationship to the medium of film than we Germans. Almost twice as many film productions are produced on the other side of the Rhine. There are still over 300 cinemas in Paris, and almost every date begins with a visit to the cinema and a dinner afterwards.
Background 2
The search of the theater for new topics and new possibilities is unbroken. While I’m not a big fan of novels or movies adapted to the stage, theaters are working hard on more and more productions from all sorts of templates. By the way, the Badische Staatstheater in Karlsruhe brought „The Children of Olympus“ on stage in the 2015/2016 season. If the staging of „The Children of Paradise“ in the Berlin Ensemble convince  me I tell you in my criticics.

The Story
Part 1: Paris 1828. On the boulevard du Crime, pantomime actor Baptiste Deburau rescues Lady Garance from a fake allegation of theft. Immediately he falls in love with this fascinating woman, who seems completely independent and free to enjoy her life and her lovers. Her admirers include the thief and murderer Lacenaire, the actor Lemaitre and the Comte de Montray, a gentleman from the highest political and social circles. Everyone meets at the Theater Funambules, where Baptiste appears as the pantomime Pierrot and Lemaitre tries to play Othello. From time to time, the gangster Lacenaire appears, who once involved Garance in a robbery. Only with the help of the Comte de Montray Garance can escape from the police. However, she feels most connected to Baptiste, while he is loved by the daughter of the theater director, Nathalie.
Part 2. Many years have passed since Garance became the lover of the Comte de Montray and left with him. Baptiste married Nathalie and had a little son with her. Baptiste and Lemaitre have both become well-known mimes at the theater and the audience cheers them. Especially those from the highest rank, which one calls „Paradis“. Because here stands the simple people, who has little money but still loves the theater (the name of the film comes from it). One day, Garance returns to Paris and goes secretly into the performances of Baptiste. Lacenaire suddenly shows up and kills the Comte de Montray out of jealousy. Baptiste and Garance spend a night together, but the next morning she is gone. Baptiste runs after her, but Garance disappears in the Carnival celebrating crowd, who have all disguised themselves as Pierrot …

Critics:
When I posted the premiere of „The Children of Paradise“ on Facebook, a commentator wrote: „Difficult task. The images of the film are so firmly anchored in the head! „So the BE could fulfill the task?
The director of the piece, Ola Mafaalani, of Syrian origin and now based in Amsterdam, has a long experience of adapting films for the theater stage. Not only did she study both film and theater, she also brought to stage such well-known films as „Clockwork Orange“, „Himmel über Berlin“ and „Reservoir Dogs“. Whether successful, I can not say, because I havn’t seen these productions. But the adaption of „Les enfants du Paradis“ in the Berliner Ensemble is only partially successful.
The first part of the evening consists of the retelling the plot of the film. The same people appear, of course Garance (Kathrin Wehlisch), Baptiste (Peter Moltzen), Lemaitre (Felix Rech), Lacenaire (Tilo Nest), the Count de Montray (Martin Rentzsch) and Nathalie (Antonia Bill). But what’s missing are the strong pictures. An almost empty set design can not create the same mood, as well the costumes and the light. Even the play of the protagonists does not overwhelm me. Only when Baptiste appears with his Pierrot mask as a pantomime a certain magic fulfill the stage. And at this moment, the poésie of the original lights up the audience. Unfortunately, the actress of the Garance, Kathrin Wehlisch, is not really the person to believe that all men could succumb to her. With her short black hair, she is not a femme fatale with great feminine charisma. I like Peter Moltzen as Baptiste very much. Even Felix Rech as the actor Lemaitre with his penchant for overconfidence is convincing. Antonia Bill also fits very well into the role of the somewhat bourgeoise but sincerely loving wife of Baptiste. Tilo Nest as the clever crook, however, remains pale. The acrobats, who perform the entire evening as variété artists and jugglers, revel the atmosphere of a former theater. I also enjoyed the music with piano, trumpet and vocals.
After the break, in the second part of the evening, it is no longer about the plot of the film, but about the special circumstances of the realization of this elaborate production in the middle of World War II under German occupation. That sounds interesting, but here in the piece it seemed rather boring. I would have liked more „magical moments“.
Conclusion: A very dedicated project, which is not quite successful.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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