Die Krönung der Poppea in der Staatsoper Berlin

Die Krönung der Poppea © Holger Jacobs

Die Krönung der Poppea in der Staatsoper Berlin

 

Von Holger Jacobs

11.12.2017

 english text below

Eine supersexy Anna Prohaska rettet eine zumeist langweilige Inszenierung der „L‘ Incoronazione di Poppea“ von Monteverdi

Hintergrund

Barockopern sollte man mögen. Der Unterschied zu den vielen Werken der Klassik und Romantik ist doch gravierend. Eine Besonderheit fällt hier am meisten auf: die sehr hohen Stimmen einiger männlicher Partituren, die extra für so genannte Kastraten geschrieben wurden. So auch bei Monteverdi, dessen „Krönung der Poppea“ im Jahre 1642 in Venedig uraufgeführt wurde. Zwischen dem 16. Und 18. Jahrhundert ließ man viele junge Knaben kastrieren, um sie als Sänger mit einer besonders hohen Stimme ausbilden zu können. Überlieferungen zu Folge waren es allein in Italien jährlich an die Tausend junger Knaben zwischen 8 und 12 Jahren, die „unters Messers“ mussten. Gut die Hälfte von ihnen starb später an den Folgen des Eingriffs. Ähnlich wie bei den Beschneidungen junger Mädchen in Afrika, die leider heute noch stattfinden. In unserer Zeit werden diese Partituren von so genannten Countertenören gesungen, die es durch eine spezielle Technik schaffen ähnlich hoch wie Kastraten zu singen. Ob man das schön findet ist eine andere Sache…

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Handlung

Die historische Figur der Poppea lebte von 30 bis 65 nach Christi Geburt in Rom und war die zweite Frau des Kaisers Nero. Sie galt damals als eine der schönsten Frauen Roms und schaffte es durch geschickte Intrigen in die höchsten Kreise der Gesellschaft zu kommen, um schließlich die Frau des Kaisers zu werden. Dafür ließ Nero seine erste Frau Ottavia und auch Poppeas vorherigen Mann Ottone verbannen. Für Poppea war die Verbindung allerdings nicht mit Glück gesegnet. Ihre Tochter überlebte nur 4 Monate. Und als sie erneut schwanger wurde schlug Nero in einem seiner Tobsuchtsanfällen so heftig auf sie ein, dass sie wenig später an inneren Blutungen verstarb. Als Nero nur drei Jahre später gestürzt wurde und er ihr in den Tod folgte, wurden alle Andenken an ihn von der Bevölkerung zerstört und damit auch die Bildnisse und Schriften von Poppea. Heute gibt es nur noch ein paar erhaltene Münzen die ihr Portrait zeigen. Nichtsdestotrotz wurden viele Dichter von Ihrer Schönheit und ihrer Geschichte inspiriert, so auch der Komponist Claudio Monteverdi im 17. Jahrhundert.

8 Photos: „L‘ Incoronazione di Poppea“, Staatsoper Berlin © Holger Jacobs

Kritik

„L’ Incoronazione di Poppea“ ist die erste Neuinszenierung, die im wiedererstandenen Haus Unter den Linden zur regulären Spielzeit stattfindet. Denn die erste Premiere, „Szenen aus Faust“ von Schumann am 3. Oktober 2017 (kultur24 berichtete), war zunächst nur eine einmalige Vorstellung, bevor das Haus erneut 2 Monate zumachen musste, um letzte Arbeiten zu vollenden. Jetzt, ab der zweiten Dezemberwoche 2017, geht der reguläre Spielbetrieb los (alles ist wohl immer noch nicht perfekt, der Kronleuchter im Saal ließ sich während der Vorstellung nicht abschalten, Intendant Jürgen Flimm bat um Verständnis).

Barockmusik ist eine beliebte Musikgattung in der Staatsoper von Berlin. Zuletzt hatten wir „Orfeo“ im Jahre 2015, ebenfalls von Monteverdi. Wenn ich die Eingangsworte des Intendanten Jürgen Flimm richtig verstand, als er meinte, gleich würde die schönste Musik der Operngeschichte erklingen, dann scheint diese Auswahl wohl auf seinen Wunsch zu gehen. Für die Inszenierung der Poppea holte sich Flimm die 38-jährige Eva-Maria Höckmayr, die am selben Haus bereits 2015 eine Barockoper inszeniert hatte: „Emma und Eginhard“ von Georg Philipp Telemann. Damals leider mit nur mäßigem Erfolg. Auch dieses Mal scheint mir die Regie nicht gelungen.

Als kleiner Teaser hier unser Video auf kultur24 TV:

Gleich zu Anfang zeigt sich eine riesige Hohlkehle (ein Begriff aus der Fotografie, unter der man einen sich nach oben wölbenden Boden versteht, der im Foto keinen Unterschied zwischen Boden und Wand erkennen lässt). Hier wohl als Form der Weite und Unendlichkeit zu verstehen. Diese Hohlkehle ist fast vollständig mit Goldfarbe bemalt; Goldfarben sind auch die Kostüme der Sängerinnen und Sänger. Dieses Anfangsbild verändert sich nicht und bleibt 3 ½ Stunden gleich. Und noch etwas bleibt über die Gesamtlänge der Oper: Alle Protagonisten des Stücks sind von der ersten bis zur letzten Szene auf der Bühne, ob sie nun einen Auftritt haben oder nicht. Das führt dazu, dass die Personen, die nun gerade nicht in Aktion sind, sehr statisch umherstehen und häufig nicht so genau wissen, was sie machen sollen. Überhaupt zieht sich alles sehr in die Länge. Denn nach Anweisung von Monteverdi wäre schon nach 2 ½ Stunden Schluss. Einziger Lichtblick: Sängerin Anna Prohaska, die schön, jung und sexy ist und es auch bei Frau Höckmayr sein darf. Und nicht nur sexy: Von Fellatio über Cunnilingus bis zum flotten Dreier wird alles auf der Bühne praktiziert (natürlich nur angedeutet), was die erotische Ausstrahlung der Poppea so hervorzubringen vermag. Und Poppea ist auch die einzige, die in moderner Kleidung nur mit einer Korsage und einem Herrenhemd bekleidet agieren darf. Stimmlich ist Anna Prohaska immer eine Wucht. Sobald sie beginnt erklingt der Saal und jeder weiß jetzt, warum er in die Oper gegangen ist. Auch gut: Katharina Kammerloher, die Poppeas Kontrahentin Ottavia singt. Ebenfalls positiv erwähnt werden sollte Mark Milhofer als Poppeas Amme Arnalta und Lucia Cirillo als Amor. Die drei Götter in der Anfangsszene werden von Kindern gesungen, eine unglückliche Entscheidung, wie ich finde. Zu den männlichen Hauptrollen kann ich nicht viel sagen, Kastratenstimmen sind einfach nicht mein Ding.

Fazit: Bei den bisherigen Neuinszenierungen an der neuen Staatsoper Unter den Linden ist noch Luft nach oben. Aber das wird kommen. Spätestens wenn sich dann auch der Kronleuchter ausschalten lässt…

Musikal. Leitung: Diego Fasolis, Regie: Eva-Maria Höckmayr, Bühne: Jens Kilian, Kostüme: Julia Rösler
Mit: Max-Emanuel Cencic (Nero), Anna Prohaska (Poppea), Katharina Kammeroper (Ottavia), Yavier Sabato (Ottone), Fanz-Josef Selig (Seneca), Evelin Novak (Drusilla), Lucia Cirillo (Valletto/Amor), Mark Milhofer (Arnalta).

„L’ Incoronazione di Poppea“
Staatsoper Unter den Linden
Unter den Linden 7
10117 Berlin

Nächste Vorstellungen: am 13.12.2017 und dann erst wieder am 8., 12. und 14. Juli 2018

12 Photos: Poppea (Anna Prohaska), „L‘ Incoronazione di Poppea“, Staatsoper Berlin © Holger Jacobs

 

 english text

L ‚Incoronazione di Poppea at the Staatsoper Berlin
By Holger Jacobs
12/10/2017
A super sexy Anna Prohaska rescues an otherwise boring staging.

Background
Baroque operas should be liked. The difference to the many works of classical and romantic opera is very significant. A peculiarity is striking here: the very high voices of some male singers, which were written especially for so-called Castrati. As well for Monteverdi, whose „Coronation of Poppea“ was premiered in 1642 in Venice. Between the sixteenth and eighteenth centuries, many young boys were castrated in order to train them as singers with a particularly high voice. According to tradition, it was in Italy every year that around thousand young boys between 8 and 12 years came „under the knife“. Half of them died later as a result of the procedure. Similar to the circumcision of young girls in Africa, which are still taking place today. In our time, these Castrati voices are sung by so-called Countertenors, who create it through a special technique similar to singing Castrati. To find it beautiful is another thing …

Story
The historical figure of Poppea lived in Rome from 30 to 65 AD and was the second wife of Emperor Nero. At that time she was considered one of the most beautiful women in Rome, and through clever intrigues she made it into the highest circles of the society, finally becoming the Emperor’s wife. For this, Nero banished his first wife Ottavia and also Poppea’s previous husband Ottone. For Poppea, however, the marriage was not blessed with luck. Her daughter survived only 4 months. When she became pregnant again, Nero struck her so violently in one of his crazy moments that she died of internal bleeding a little later. When Nero was overthrown only three years later and followed her to death, all the memory of him was destroyed by the public and thus all portraits and writings of Poppea. Today there are only a few preserved coins showing her portrait. Nevertheless, many poets have been inspired by Poppea’s beauty and history, as well the composer Claudio Monteverdi in the 17th century.

Critics

„L ‚Incoronazione di Poppea“ is the first new production to take place in the rebuilt Haus Unter den Linden at regular time. For the first premiere, „Scenes from Faust“ by Schumann on October 3, 2017 (kultur24 reported), was initially only a one-time performance, before the house had to close again two months to complete recent work. Now, from the second week of December 2017, the regular play mode starts (everything is still not perfect, the chandelier in the hall could not be turned off during the performance, Director Jürgen Flimm asked for understanding).
Baroque music is a popular music genre in the Berlin State Opera. Last time we had „Orfeo“ in 2015, also from Monteverdi. If I correctly understood the introductory words of the director Jürgen Flimm, when he said that probably the most beautiful music in opera history would sound, then this selection seems to go well with his wish. For the staging of „Poppea“ Flimm took the 38-year-old Eva-Maria Höckmayr, who had already staged a baroque opera at the same venue in 2015: „Emma and Eginhard“ by Georg Philipp Telemann. At that time, unfortunately, with only moderate success. Again, the direction couldn’t convince me.
Right at the beginning there is a huge groove (a term from photography, which means an arched floor that does not show any difference between floor and wall in the picture) in the back of the stage. This is almost completely painted with gold; Golden colors are also the costumes of the singers. This picture does not change and stays the same for 3 ½ hours. And there is something else about the overall length of the opera: all protagonists of the piece are on stage from the very first to the last scene, whether they have a performance or not. As a result, people who are not currently in action are very static and often do not know exactly what to do. In general, everything is very lengthy, because according to instructions from Monteverdi the play would be over after 2 ½ hours. The only bright spot: singer Anna Prohaska, who is beautiful, young and sexy and her voice is fabulous. And there is a lot of sex in that play: from fellatio to cunnilingus to a threesome, everything is practiced on stage, which is what the erotic charisma of Poppea can probably initiate. And Poppea is also the only one who is allowed to wear a corsage and a men’s shirt in modern clothes. Vocally Anna Prohaska is always a hit. As soon as she starts, the hall lights up and everybody knows why he went to the opera. Also good: Katharina Kammerloher, who sings her opponent Ottavia. To be mentioned positively as well is Mark Milhofer as Poppea’s nurse Arnalta and Lucia Cirillo as Cupid. To the male lead roles I can not say much, these Castrato parts are just not my thing.
Conclusion: There is still room for improvement in the new productions at the new Staatsoper Unter den Linden. But that will come. At least when the chandelier can be switched off …
„L ‚Incoronazione di Poppea“
State Opera Unter den Linden
Unter den Linden 7
10117 Berlin
Next performances: on 13.12.2017 and then again on 8, 12 and 14 July 2018

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist