Die Nase – Schostakowitsch – Komische Oper Berlin

Die Nase - Komische Oper - Foto: Holger Jacobs

Die Nase – Schostakowitsch – Komische Oper Berlin

 

Von Holger Jacobs

18.06.2018

english text below

Die Nase als Sexorgan in einer wilden Revue von Barrie Kosky

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

Hintergrund

Der russische Komponist Dmitri Schotakowitsch (*1906) gehörte zu den herausragenden russischen Komponisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Gleichbedeutend mit Strawinski, Prokofjiew und Rachmaninov.
Sohn eines Ingenieurs und einer Pianistin, begann Schostakowitsch schon im jugendlichen Alter parallel zu seinem Klavierunterricht Musik zu komponieren. Die Tragik seines Lebens waren die politischen Umstände beim Übergang der Zarenzeit zur Sowjetunion. Als glühender Anhänger der Revolution hießen seine ersten Kompositionen „Hymne an die Freiheit“ oder „Trauermarsch für die Opfer der Revolution“. Doch wie für die meisten seiner künstlerischen Kollegen zu dieser Zeit kam durch die Machtergreifung Stalins und dessen anschließendem Terrorregime schnell die Ernüchterung. Zunächst fing alles ganz wunderbar an, als seine 1. Sinfonie 1925 sofort ein großer Erfolg wurde und die Komposition sogar in Berlin und in New York gespielt wurde. Seine erste Oper „Die Nase“ (1928), die als eine Satire auf die russische Bürokratie angesehen wurde, konnte gerade noch akzeptiert werden. Doch schon seine zweite Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ (1934) wurde, nachdem Stalin die Aufführung selbst besucht hatte, sofort gestoppt. Stalin hatte die Oper „formalistisch“ genannt, eine Bezeichnung, die der Diktator gerne verwendete, wenn ihm ein Kunstwerk nicht gefiel. Was quasi einem Todesurteil gleichkam. Bis zum Ende der Stalinzeit lebte Schostakowitsch mit der Angst, nachts von der Geheimpolizei abgeholt zu werden.

Handlung

Der Kollegienassesor (ein im Zarenreich unter Peter dem I. eingeführter Rang von Personen in der Staatsverwaltung und bei Hofe – wobei ein Kollegienassesor einem mittleren Rang gleichkam) Platon Kowaljow befindet sich mal wieder beim Barbier Jakowlewitsch und lässt sich rasieren. Am nächsten Morgen findet der Barbier eine Nase in seinem Brotteig. Gleichzeitig erwacht Platon Kowaljow zu Hause in seinem Bett ohne Nase. Sofort macht er sich auf die Suche und findet seine Nase personengroß in einer Kathedrale in Gestalt eines angesehenen Herrn höheren Ranges. Bei der Bitte nach Rückkehr weist die Nase Kowaljow brüsk zurück. Nun versucht es Kowaljow bei der Polizei – vergeblich. Dann geht er zu einer Zeitung, um eine Annonce für seine Nase aufzugeben – dort lachen sie ihn nur aus.
Kowaljow ist völlig verzweifelt: „Ohne Nase ist der Mann kein Mann“.
Schließlich findet die Polizei die Nase am Stadtrand, wo sie versucht in einer Kutsche zu fliehen. Doch ein Wachtmeister kann sie aufhalten und zu Kowaljow zurückbringen. Aber die Nase, jetzt wieder auf normale Größe gewachsen, will nicht an ihrem ursprünglichen Platz verweilen und fällt immer wieder herunter. Kowaljow verdächtigt daraufhin eine Hexe ihm Böses zu wollen. Mittlerweile hat sich die Geschichte in der Bevölkerung herumgesprochen und jeder will die Nase an einem anderen Ort gesehen haben.
Am nächsten Morgen wacht Kowaljow in seinem Bett auf und die Nase ist wieder an seinem Platz. Stolz geht er damit auf dem Boulevard spazieren…


Das Kulturkaufhaus Dussmann empfiehlt:
Die Aufnahme auf Audio-CD von „Nase“ von Schostakowitsch unter Valery Gergiev vom Mariinsky Opera House in St. Petersburg. Es gibt nur 2 „lieferbare“ Aufnahmen auf CD, von denen die Roshdestwenskij-Aufnahme meistens nicht geliefert wird, also Empfehlung: EAN: 0822231850120, Mariinsky Orchester und Chor, unter Gergiev, Note 1

The Nose – Mariinsky Theater © Marinsky Theater


Kritik

Intendant und Regisseur Barrie Kosky holt immer mal gerne Opern oder Singspiele aus der Schublade hervor, die selten gespielt werden. „Die Nase“ von Schostakowitsch ist so ein Fall. 1928 geschrieben wurde sie doch erst 1963 zum ersten Mal in Deutschland gespielt. Barrie Kosky wählte sie für sein Regiedebut 2016 am Royal Opera House in London. Und jetzt kommt sie in deutscher Übersetzung in die Komische Oper.
Gleich zu Beginn wird klar: Hier wird nicht die Landschaft Väterchen Russlands gezeigt. Die gesamte Bühne ist von einem großen Kreis umgeben, der der Blende einer Foto- oder Filmkamera nicht unähnlich ist (Bühne: Klaus Grünberg). Schostakowitsch war ein großer Anhänger der Kinematographie und hatte für mehrere Filme die Musik geschrieben. Der Fokus soll ganz auf den Personen liegen. Und genau in der Personenregie ist Barrie Kosky ein Meister. Anders als andere Opernregisseure läßt er jede Hand- Kopf- und Armbewegung präzise ausführen, jeder Blick, jede Mimik ist genau abgestimmt auf die Situation.

Und genau das ist es, was diesen Abend auch so spannend und unterhaltsam macht. Der Zuschauer verfolgt mit größtem Vergnügen dem Spiel der Protagonisten. Dabei soll natürlich nicht vergessen werden, dass auch gesungen wird. Nur war das Spiel für mich so prägnant, dass alles andere in den Hintergrund geriet. Aber ganz besonders sollte hier auch der Tanz erwähnt werden. Denn an vielen Stellen bringt Kosky atemberaubende Tanzeinlagen, musikalisch die eindrucksvollste sicher gleich im ersten Akt zum berühmten Solo der Schlaginstrumente (zehn Schlagzeuger!). Und später noch einmal, wenn er 10 Tänzer mit personengroßen Nasenattrappen zum Stepptanzen bringt – das Premierenpublikum johlte!

Die Handlung selber ist nicht besonders reizvoll – Die Nase als Männlichkeitssymbol oder auch Sexualorgan ist als Idee nämlich uralt – das bringt sicher keinen mehr hinter dem Ofen hervor. Auch wenn Barrie Kosky im Schlussbild dem Kowaljow einen (mehr oder weniger-) echten Penis an den Nasenansatz heftet. Doch die Mischung aus surrealer Story und revuehaften Tanzeinlagen macht richtig Spaß – eine Empfehlung!

Musikalische Leitung: Ainars Rubikis (ab nächster Spielzeit Generalmusikdirektor der Komischen Oper), Inszenierung. Barrie Kosky, Choreographie: Otto Pichler, Bühne: Klaus Grünberg, Kostüme: Bubis Schiff, Dramaturgie: Ulrich Lenz
Mit: Günter Papendell als Kowaljow. In weiteren Rollen:  Jens Larsen, Rosie Aldrige, Alexander Kravets, Alexander Lewis, Ivan Tursic, Ursula Hesse von den Steinen, Mirka Wagner, Christoph Späth, Tom Erik Lie, Simon Wilding, Alan Ewing.
Die Tänzer: Shane Dickson, Zoltan Fekete, Michael Fernandez, Paul Gerritsen, Hunter Jacques, Christoph Jonas, Daniel Ojeda, Marcell Pret, Lorenzo Soragni, Silvano Marraffa, Kai Braithwaite.

„Die Nase“
Komische Oper Berlin
Nächste Vorstellungen: 24., 28., 30. Juni, 6. Juli 2018

16 Photos: „Die Nase“ von Schostakowitsch in der Komischen Oper Berlin, Photo: Holger Jacobs

english text

The Nose – Shostakovich – Komische Oper Berlin
By Holger Jacobs
06/18/2018
The nose as a sex organ in a wild revue by Barrie Kosky
Background
The Russian composer Dmitri Schotakovich (* 1906) was one of the outstanding Russian composers at the beginning of the 20th century. Equal with Stravinsky, Prokofiev or Rachmaninov. Son of an engineer and a pianist, Shostakovich began to compose music at an early age parallel to his piano lessons. The tragedy of his life was the political circumstances during the transition from the tsarist period to the Soviet Union. An ardent supporter of the revolution, his first compositions were called „Hymn to Freedom“ or „Funeral March for the Victims of the Revolution“. But as for most of his artistic colleagues at that time the disillusionment came quickly by the seizure of power and the subsequent terrorist regime. At first, it all started wonderfully, when his 1st Symphony in 1925 immediately became a great success and the composition was even played in Berlin and New York. His first opera „The Nose“ (1928), which was regarded as a satire on the Russian bureaucracy, could barely be accepted. But his second opera „Lady Macbeth of Mtsensk“ (1934) was immediately stopped after Stalin himself had visited the performance. Stalin had called the opera „formalistic,“ a term that the dictator liked to use when he did not like a work of art. Which was almost a death sentence. Until the end of the Stalin era Shostakovich lived with the fear of being picked up at night by the secret police.
Story
The Kollegienassesor (a rank of persons in the state administration and at court introduced in the czarist kingdom under Peter I. – whereby a Kollegienassesor equaled a middle rank) Platon Kowaljow is again with the barber Yakovlevich and will be shaved. The next morning, the barber finds a nose in his bread dough. At the same time Platon Kovalev awakens at home in his bed without a nose. Immediately he sets out to search and finds his nose person-sized in a cathedral in the form of a respected gentleman of a higher rank. When asked to return to Kowaljow the nose brusque back. Now Kovalev tries to go to the police – in vain. Then he goes to a newspaper to give an advertisement for his nose – but there they only laugh at him. Kovalev is completely desperate: „Without a nose a man is not a man“. Finally, the police find his nose on the outskirts, where it tried to flee in a coach. But a sergeant can stop it and bring it back to Kovalev. But the nose, now grown back to normal size, does not want to stay in its original place and falls down again and again. Kovalev then suspects a witch to want him bad. Meanwhile, the story has gotten around in the population and everyone wants to have seen the nose in another place. The next morning Kovalev wakes up in his bed and his nose is back in place. He proudly walks on the boulevard …
Critics
Director Barrie Kosky always likes to bring out operas or singing games from the drawer, which are rarely played. „The nose“ of Shostakovich is such a case. It was written in 1928 and played in Germany for the first time in 1963. Barrie Kosky chose it for his directorial debut in 2016 at the Royal Opera House in London. And now it comes in German translation in the Komische Oper. Right at the beginning it becomes clear: Here is not shown the landscape of Russia. The entire stage is surrounded by a large circle not unlike the diaphragm of a film camera (stage design: Klaus Grünberg). Shostakovich was a great fan of cinematography and had written the music for several films. The focus should be entirely on the people. And exactly in the personal direction Barrie Kosky is a master. Unlike other opera directors, he lets every hand-head or arm movement perform precisely, every look, every facial expression is exactly tailored to the situation and the music.
And that is exactly what makes this evening so exciting and entertaining. The viewer follows with great pleasure the game of the protagonists. It should of course not be forgotten that this is rather an opera than a theater piece. But the play was so concise for me that everything else fell into the background. But also the dance should be mentioned here. In many of his pieces Kosky brings breathtaking dance performances, musically the most impressive, especially in the first act to the famous solo of the percussion instruments (ten drummers!). And later again, when he brings 10 dancers with person-sized nose dummies for tap dancing – the premiere audience hoots!
The plot itself is not particularly appealing – The nose as a symbol of masculinity or sexual organ is an old idea – that certainly brings no one out of the oven. Even if Barrie Kosky in the closing picture attaches a (more or less) real penis to the nose of Kowaljow. But the mix of surreal story and revue dance is really fun – a recommendation!
Musical direction: Ainars Rubikis (from next season General Music Director of the Komische Oper), direction: Barrie Kosky, Stage Design: Klaus Grünberg, costumes: Bubis Shiff,  With: Günter Papendell as Kowaljow. In other roles: Jens Larsen, Rosie Aldrige, Alexander Kravets, Alexander Lewis, Ivan Tursic, Ursula Hesse of the Stones, Mirka Wagner, Christoph Späth, Tom Erik Lie, Simon Wilding, Alan Ewing, Stage: Klaus Grünberg, Costumes: Bubis Schiff , Dramaturgy: Ulrich Lenz. The Dancers: Shane Dickson, Zoltan Fekete, Michael Fernandez, Paul Gerritsen, Hunter Jacques, Christoph Jonas, Daniel Ojeda, Marcell Pret, Lorenzo Soragni, Silvano Marraffa, Kai Braithwaite.
„The nose“ Komische Oper BerlinNext performances: 24., 28., 30. June, 6. July 2018

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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