Die neue Volksbühne – Tempelhof und Besetzung

Chris Dercon - Tempelhof © Holger Jacobs

Die neue Volksbühne – Tempelhof und Besetzung

 

Von Holger Jacobs

26.09.2017

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Hausbesetzungen und Skandale – der schwierige Neuanfang von Chris Dercon

Als im April 2015 vom Berliner Senat der Nachfolger von Frank Castorf für die Position des Intendanten an der Berliner Volksbühne präsentiert wurde war das Erstaunen groß. Nicht ein Theatermann, Regisseur, Schauspieler, oder Dramaturg war aus dem Hut gezaubert worden, sondern ein Mann der Bildenden Künste.

Chris Dercon (*1958 in Lier/ Belgien), in der Vergangenheit Direktor verschiedener Museen, so u.a. Direktor des Hauses der Kunst in München und zuletzt Direktor der Tate Modern in London, sollte die Volksbühne übernehmen. Er hatte wohl mal in seiner Jugend neben Kunstgeschichte auch Theaterwissenschaft studiert. Seine bekannteste Tätigkeit war sicher seine Arbeit als Kurator der Dokumenta 10. Also in der Kunstszene wahrhaftig kein unbekannter Mann. Doch Theater?

Immerhin hatte Chris Dercon in seiner Zeit als Museumsdirektor in München so wie in London bereits einige disziplinübergreifende Veranstaltungen organisiert. So hatte er für das Münchner Haus der Kunst mit dem Filmer und Theaterregisseur Christoph Schlingensief und Regisseurin Susanne Kennedy gearbeitet und mit der Architektin Zaha Hadid und Rem Koolhaas und der Sängerin Patti Smith.

Aber es ist sicher etwas Anderes, wenn man sich vom Museum kommend an Theater heranwagt, als vom Theater kommend an das Museale. Sprich, es ist für ein Theater sicher besser ein echter Theatermann erweitert sein Spektrum auf andere Künste als ein Kunsthistoriker versucht sich an das Theater anzunähern.

Wie man sich vorstellen kann, entbrannte  der Proteststurm damals 2015 bei fast allen anderen Theatermachern in Berlin und ebbte auch nicht bis zum Beginn seiner Amtszeit im September 2017 ab. Schon die Übergangszeit war von Merkwürdigkeiten geprägt. Während Frank Castorf noch in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz residierte, richtete Chris Dercon sich mit seinem Vorbereitungsteam in einem Büro gegenüber in Sichtweite der Volksbühne ein. Vielleicht kein besonders feinfühliger Schachzug.

Das Programm der ersten Spielzeit, welches Chris Dercon dann im Mai 2017 präsentierte (kultur24.berlin berichtete) barg entsprechend auch einige Überraschungen. In der Volksbühne selber sollte erst einmal gar nichts passieren, noch nicht einmal Repertoire Stücke gespielt werden. Es sollte einfach komplett dichtgemacht werden. So sah die Volksbühne dann im September auch von außen aus – fast nackt…

Dafür wurde eine zweite Spielstätte propagiert: der ehemalige Flughafen Tempelhof. Sicher eine tolle Idee, den dieses denkmalgeschützte Gebäude (Architekt Ernst Sagebiel, 1934) ist auf jeden Fall ein Juwel und sollte öfters für besondere Veranstaltungen genutzt werden. Chris Dercon beauftragte dafür sogar den bekannten Architekten Francis Kéré (Architekt des Operndorfs von Christoph Schlingensief in Afrika) ihm eine entsprechende Tribüne für die Vorstellungen zu bauen (Kosten: 300.000 Euro).

7 Photos: Tempelhof © Holger Jacobs

Am 10. September 2017 war es dann soweit: die erste Veranstaltung konnte über die Bühne gehen: Die Choreographie „Fous de Danse“ mit 150 nationalen und internationalen Tänzerinnen und Tänzern, darunter auch 37 Tänzer der Staatlichen Ballettschule Berlin und mehrere Mitglieder der Berliner „Flying Steps“. Sogar die berühmte Tänzerin und Choreographin Anne Teresa De Keersmaeker war gekommen. Die Veranstaltung lief tagsüber mehrere Stunden und das Publikum wurde aufgefordert mitzumachen. An die 15.000 Besucher sollen in den insgesamt 10 Stunden Laufzeit gekommen sein, nachprüfen kann ich das nicht. Allgemein wurde es aber positiv aufgenommen.

„Fous de Danse“ © Florian Schmidt

Am 14.9.2017 kam die Choreographie „A Dancers Day“ und am 21.09.2017 die Choreographie „Danse de Nuit.

Wenn man in Tempelhof zu solch einer Veranstaltung kommt, so wie ich am 21. September zu „Danse de Nuit“, muss man erst einmal zu einem Sammelpunkt, an dem auch die Karten „abgeknipst“ werden. Dann wird die Zuschauermenge zum vorgesehenen Standpunkt auf dem Tempelhofer Gelände geleitet, dieses Mal war es der Vorplatz zur Flughafen Abfertigungshalle. Ein riesiger Platz völlig leer, nur eine Hand voll Tänzer und ca. 150 Zuschauer. Alles überstrahlt von der gleißend-blauen Neonschrift „ZENTRALFLUGHAFEN“. Die Atmosphäre hat schon was – das muss ich ehrlich zugeben. Doch was dann an Choreographie kam war eher zum abgewöhnen. 6 Tänzer*nnen schlagen sich durch die Menschenmenge und sprechen dabei alle möglichen Statements, die man aber kaum versteht. Dann wiederum schlängeln sie sich auf dem Boden, immer noch vor sich her sprechend. Musik gab es nicht. Ihr könnt Euch Ausschnitte davon in unserem Video ansehen.

Das Problem für Choreographen in Berlin: wir haben mit Sasha Waltz & Guests einer der besten Tanzkompanien der Welt. Das ist die ultimative Messlatte. Wer dagegen nicht bestehen kann fällt durch, unweigerlich. Also wäre dem Choreographen und Mitglied im künstlerischen Ausschuss von Chris Dercon, Boris Charmatz, zu raten, sich in Zukunft etwas mehr anzustrengen. So geht es zumindest nicht.

5 Photos: „Danse de Nuit“, 21.09.2017, Tempelhof © Holger Jacobs

Als nun am Freitag, den 22. September 2017, auch noch das Stammhaus der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz von einer Gruppe junger Künstler besetzt wurde (man nahm sich sozusagen einen spielfreien Raum) schien das Maß voll. Kultursenator Lederer versuchte vergeblich zusammen mit Chris Dercon und seinem Team eine Lösung zu finden (die jungen Leute suchten offenbar bezahlbare Kunsträume). Am Donnerstag, den 28. September 2017, musste dann das Gebäude durch die Polizei geräumt werden.

28.09.2017. Räumung der Volksbühne durch die Polizei © Markus Schaller

Die Entwicklung dieses traditionsreichen Theaterhauses in Berlin-Mitte bleibt also weiter spannend. Nun hoffen wir, dass es zukünftig auf der Bühne (wo auch immer die installiert wird) genauso spannend zugeht wie auf der administrativen Ebene der Volksbühne.

Kultur24.berlin wird Euch weiter auf dem Laugenden halten.

By the way: die Premiere der ersten Inszenierung im Stammhaus ist für den 10. November vorgesehen. Soweit also nicht wieder Besetzer in das Haus eindringen bleibt die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz bis dahin leer.

 

 english text

The new Volksbühne – Tempelhof and occupation
By Holger Jacobs
09/26/2017
House occupations and scandals – the difficult new beginning of Chris Dercon
When, in April 2015, the successor of Frank Castorf was presented by the Berlin Senate for the position of the director at the Berlin Volksbühne, the astonishment was great. Not a theaterman, director, actor, or dramaturge had been conjured out of the hat, but a man of the fine arts.
Chris Dercon (* 1958 in Lier / Belgium), in the past director of various museums, so f.ex. Director of the Haus der Kunst in Munich and director of the Tate Modern in London, was to take over the Volksbühne. In his youth, he had studied art history as well as theater studies. His most famous activity was surely his work as a curator of the documenta 10. So in the art scene truly no unknown man. But theater?
After all, Chris Dercon had already organized several interdisciplinary events during his time as museum director in Munich and in London. He had worked for the Munich House of Art with filmmaker and theater director Christoph Schlingensief and theater director Susanne Kennedy and with the architect Zaha Hadid and Rem Koolhaas and the singer Patti Smith.
But it is certainly something different when you approach the theater from the museum, then coming from the theater to approach the Museale.
As you can imagine, in 2015 the protests burned out in almost all the other theatermakers in Berlin, and did not give up until the beginning of its term of office in September 2017. Even the transitional period was marked by oddities. While Frank Castorf was still residing in the Volksbühne at Rosa-Luxemburg-Platz, Chris Dercon, with his team of preparers, was sitting in an office opposite the Volksbühne. Perhaps not a particularly sensitive move.
The program of the first season, which Chris Dercon presented then in May 2017 (kultur24.berlin reported) also corresponding some surprises. In the Volksbühne itself nothing happens until November, nor even repertoire plays to be played. Thats why the Volksbühne then looked in September from the outside – almost naked …

A second venue was propagated: the former Tempelhof airport. Surely a great idea, this monument-protected building (architect Ernst Sagebiel, 1934) is definitely a jewel and should be used frequently for special events. Chris Dercon even commissioned the well-known architect Francis Kéré (architect of the opera house of Christoph Schlingensief in Africa) to build a corresponding grandstand for the shows (cost: 300,000 euros).
On September 10, 2017, the first event took place: the choreography „Fous de Danse“ with 150 national and international dancers, including 37 dancers from the State Ballet School in Berlin and several members of the Berlin „Flying Steps „. Even the famous dancer and choreographer Anne Teresa De Keersmaeker had come. The event took several hours during the day and the audience was invited to participate. To the 15,000 visitors should have come in the total 10 hours running time, I can not verify that. In general, however, it received a positive response.
On 14.9.2017 came the choreography „A Dancers Day“ and on 21.09.2017 the choreography „Danse de Nuit.
If you come to Tempelhof for such an event, as I do on September 21 to „Danse de Nuit“, you have to go to a collection point, where the cards are „pinched“. Then the audience is guided to the planned position on the Tempelhofer site, this time it was the forecourt to the airport dispatch hall. A huge square completely empty, only a handful of dancers and about 150 spectators. Everything radiates from the glowing blue neon word „CENTRAL AIRPORT“. The atmosphere has already something – I must admit honestly. But what then came to choreography was rather to wean out. 6 dancers beat themselves through the crowd and speak all sorts of statements, which one hardly understands. Then, again, they snake on the ground, still speaking in front of themselves. There was no music. You can see excerpts of it in our video.
The problem for choreographers in Berlin: with Sasha Waltz & Guests we have one of the best dance companies in the world. This is the ultimate benchmark.

Friday, September 22, 2017, a group of young artists (a kind of play-free space, so to say, a play-free space), occupied the headquarters of the Volksbühne in Rosa-Luxemburg-Platz. Cultural director Lederer tried in vain to find a solution with Chris Dercon and his team (the young people were obviously looking for affordable art spaces). On Thursday, 28 September 2017, the building had to be cleared by the police.
The development of this traditional theater in Berlin-Mitte remains therefore exciting. Now we hope that it will be as exciting on the stage now (wherever it is installed) just as exciting as on the administrative level of the Volksbühne.
Kultur24.berlin will keep you informed.
By the way: the Premiere of the first production in the main house is scheduled for November 10th. As far as not squatters enter the house, the Volksbühne at Rosa-Luxemburg-Platz remains empty until then.

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist