DIE TOTE STADT an der Komischen Oper Berlin

Die tote Stadt - Komische Oper Berlin © Holger Jacobs

DIE TOTE STADT an der Komischen Oper Berlin

 

Von Holger Jacobs

03.09.2018

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

english text below

Eine spannende Geschichte, spätromantische Harmonien und eine interessante Inszenierung machen diese Neuproduktion zu einem weiteren Hightlight im Spielplan der Komischen Oper.

Hintergrund

Brügge als Hintergrund einer düsteren Geschichte war schon Thema des Romans „Bruges La Morte“ des Franzosen Georges Rodenbach im Jahre 1892, welches als Vorlage für das Libretto von Korngolds Oper diente. Und auch der 2008 entstandene Kinofilm von Martin McDonagh, „Brügge sehen…und sterben?“ mit Colin Farrell und Brendan Gleeson spielt hier. Ich bin noch nie in dieser belgischen Stadt gewesen. Ich hatte immer nur gehört, dass sie, ähnlich wie Antwerpen, sehr schön sein soll. Brügge zählte im Mittelalter zu den reichsten Handelsstädten im Norden Europas. Doch der Reichtum ist lange her, und aus der einst quirligen Handelsmetropole ist eine verschlafene Provinzstadt geworden. Und der häufige Regen und Nebel lassen die Stadt wohl wie tot erscheinen – so der Titel der Oper.

Auch die Geschichte eines Mannes, der nach dem Verlust seiner Frau viele Jahre später plötzlich ihr Ebenbild auf der Straße entdeckt und sie obsessiv zu verfolgen beginnt ist nicht nur von Korngold als Thema aufgenommen worden. Er selbst bezog sich 1920 auf den oben zitierten Roman von Georges Rodenbach.
Nach dem 2. Weltkrieg schrieben die beiden Franzosen Pierre Boileau und Thomas Narcejac den Roman „Entre les Morts“, mit einer ähnlichen, aber als spannenden Kriminalfall abgewandelten Handlung. Diese Vorlage wiederum nahm sich Alfred Hitchcock, um daraus 1958 seinen vielleicht berühmtesten Film zu machen: „Vertigo“!


Das Kulturkaufhaus Dussmann empfiehlt dazu:
„Die tote Stadt“, Aufnahme mit Klaus Florian Vogt, Tatiana Pavlovskaya, unter Dirigent Sebastian Weigle,
aufgezeichnet 2009 an der Frankfurter Oper, Frankfurter Opern- und Museumsorchester, Oehms, EAN: 4260034869486, (2 CDs)

Die tote Stadt, Oper Frankfurt, 2009 © Oehms Classic Verlag

Handlung

Paul ist nach Brügge gezogen, um dort den Tot seiner Geliebten Frau Marie zu betrauern. Denn diese tote Stadt passt gut zu seiner trübseligen Stimmung. In seiner Wohnung hat er, wie in einer Kirche, alle Dinge aufgebaut, die ihn an seine Frau erinnern. So auch eine blonde Locke ihres goldenen Haares. Eines Tages lernt er Marietta kennen, die seiner Frau zum verwechseln ähnlich sieht. Er lädt sie zu sich nach Hause ein und lässt sie die ehemaligen Gewänder seiner Frau anziehen. Marietta lässt es geschehen, denn sie denkt, daraus vielleicht Kapital schlagen zu können. Sie selbst ist Tänzerin in einer Schauspielgruppe aus Lille, die gerade hier in Brügge auftritt. Als Paul sie eines Tages inmitten ihrer Verehrer sieht, zu denen auch sein bester Freund Frank gehört, wird er eifersüchtig und macht ihr eine Szene. Nur mit viel Verführungskunst kann sie ihn wieder für sich gewinnen. Als sie aber bei einem weiteren Besuch in seiner Wohnung die goldene Locke der Verstorbenen an sich nimmt, um sich damit selbst zu schmücken, rastet Paul aus und erdrosselt sie mit eben dieser Haarlocke – oder war vielleicht alles nur ein Traum…

Hier ein kleiner Ausschnitt auf unserem Videokanal kultur24 TV:

Kritik

Der Vorhang geht auf und ein Mann steht, wie der Schatten seiner selbst, am Bühnenrand und schaut in ein steril wirkendes Zimmer, welches auf mehreren Möbeln verschiedene Bilder, Vasen und ähnliche Erinnerungsgenstände aufweist. Eine melancholische Stimmung liegt über der Szene (Bühne: Michael Levine). Starker Beginn einer überzeugenden Regiearbeit von Robert Carsen. Der Kanadier ist ein alter Hase seines Metiers und ist seit den 90er Jahren auf vielen Bühnen der Welt tätig. In allen drei Akten, von den ruhigen Momenten in Pauls Wohnung bis zu den revueartigen Einlagen der Schauspieltruppe, ist die Personenregie stimmig. Natürlich sind auch die Kostüme ein Augenschmaus (Petra Reinhardt), besonders bei den Tanz- und Choreinlagen. Nur der Anzug von Paul sah mir mehr nach 50er- als nach 20er Jahre aus.

Erich Wolfgang Korngold kam 1897 in Brünn (heutiges Tschechien) zur Welt und ging schon als Kind mit seinem Vater nach Wien, wo er als musikalisches Wunderkind gehandelt wurde. Seine Opernkompositionen „Der Ring des Polykrates und „Violanta“ (beide 1916), „Die Tote Stadt“ (1920) und „Das Wunder der Heliane“ (1927) machten ihn neben Richard Strauss zum meistgespielten Opernkomponisten seiner Zeit.

Wie bei so vielen jüdischen Musikern und Künstlern wurde die Karriere mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus gewaltsam gestoppt. Zu seinem Glück wurde er von Max Reinhardt nach Hollywood gerufen, um für dessen Film „A Midsummer Night’s Dream“ die Musik zu schreiben. Schnell machte er sich für dieses Genre einen Namen und komponierte fortan nur noch Filmmusik, wofür er immerhin zweimal den Oscar bekam. Bühnenwerke schrieb er nur noch zwei, die aber nicht mehran die Erfolge der 20er Jahre herankamen.

Der lettische Dirigent Ainars Rubikis ist seit dieser Saison Generalmusikdirektor der Komischen Oper und gibt mit dieser Neuproduktionen seinen Einstand. Die gefühlvolle, romantische Musik Korngolds konnte er gut umsetzen, nur hat er sich wohl noch nicht an die Dimensionen des Hauses gewöhnt. Er ließ die Lautstärke seines Orchesters in den dramatischen Momenten dermaßen anschwellen, dass die Sänger kaum noch zu hören waren. Besonders Tenor Ales Briscein in der Rolle des Paul hatte damit hörbar Schwierigkeiten. Dagegen kam Sara Jakubiak als Marietta besser zurecht, sie brillierte mit ihrem Gesangs-und Schauspieltalent und war der Star des Abends. Kein Wunder, ist sie doch eine ausgewiesene Kennerin der Musik Korngolds. Zurzeit singt sie parallel die Titelpartie in „Das Wunder der Heliane“ an der Deutschen Oper Berlin und die Marietta sang sie bereits mehrfach sowohl an der Staatsoper in Hamburg, als auch an der Oper in Frankfurt.

Insgesamt kann Intendant Barrie Kosky zufrieden sein. Eine weitere gelungene Produktion darf er seinem hochkarätigen Repertoire hinzufügen und bleibt damit größter Herausforderer der Staatsoper Unter den Linden, dem Platzhirsch in Berlin.

„DIE TOTE STADT“ von Erich Wolfgang Korngold
Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Ainars Rubikis, Regie: Robert Carsen, Bühne: Michael Levine, Kostüme: Petra Reinhardt, Choreographie: Rebecca Howell
Mit: Ales Briscein (Paul), Sara Jakubiak (Marietta), Günter Papendell (Frank), Maria Fiselier (Brigitta), Juliette (Georgina Melville), Lucienne (Marta Mika)

Nächste Vorstellungen: 6., 14., 31. Oktober und 18., 24. November und 14., 25. Dezember 2018.

Hier unsere Bilderserie mit 13 Fotos:

13 Photos: Sara Jakubiak (Marietta) und Ales Briscein (Paul), „Die tote Stadt“, Komische Oper Berlin © Holger Jacobs

english text

THE DEAD CITY at the Komische Oper Berlin
By Holger Jacobs
09/03/2018
An exciting story and late-romantic harmonies make this new production another highlight in the repertoire of the Komische Oper.
Background
Bruges as background of a crime story was already the subject of the novel „Bruges La Morte“ of the French Georges Rodenbach in 1892, which served as a template for the libretto of Korngold’s opera. And also the 2008 movie by Martin McDonagh, „In Bruges“ with Colin Farrell and Brendan Gleeson playing here. I have never been to this Belgian city. I had always just heard that, like Antwerp, she should be beautiful. Bruges was one of the richest trading cities in Northern Europe in the Middle Ages, hence the many beautiful houses and waterways. But the wealth has been a long time, and the once lively commercial metropolis has become a sleepy provincial town. And the frequent rain and fog make the city seem like dead – so the title of the opera.
Even the story of a man who after the loss of his wife many years later suddenly discovered her image in the street and obsessively begins to pursue her has not only been taken up by Korngold as a theme. He himself referred in 1920 to the above-quoted novel by Georges Rodenbach. After the Second World War, the two Frenchmen Pierre Boileau and Thomas Narcejac wrote the novel „Entre les Morts“, with a similar, but an interesting criminal case modified plot. Alfred Hitchcock, in turn, took this model to make his perhaps most famous film in 1958: „Vertigo“!

Story
Paul moved to Bruges to mourn the death of his beloved wife Marie. Because this dead city fits in well with his sad mood. In his apartment, as in a church, he has built up all things that remind him of his wife. So does a blonde curl of her golden hair. One day he meets Marietta, who looks a lot like his wife. He invites her to his home and lets her put on the former robes of his wife. Marietta lets it happen because she thinks she might be able to capitalize on it. She is a dancer in a group from Lille, which is performing here in Bruges. One day when Paul sees her in the midst of her admirers, including his best friend Frank, he becomes jealous and makes her a scene. Only with much seduction, she can win him back. But when she takes, at another visit to his apartment, the golden lock of the deceased to decorate herself with it, Paul snaps and strangled her with just this lock of hair – or was it all just a dream …

Critics
The curtain opens and a man, like the shadow of himself, stands at the edge of the stage and looks into a sterile-looking room, which displays various pictures, vases and similar memorabilia on several pieces of furniture. A melancholic mood lies over the scene (stage: Michael Levine). Strong start of a convincing directorial work by Robert Carsen. The Canadian is an old hand of his profession and has been active on many stages around the world since the 90s. In all three acts, from the quiet moments in Paul’s apartment to the revue-like deposits of the acting troupe, the personal direction is consistent. Of course, the costumes are a feast for the eyes (Petra Reinhardt), especially in the dance and chorus scenes. Only Paul’s suit looked more like a 1950’s than a 20’s.
Erich Wolfgang Korngold was born in Brno in 1897 (today’s Czech Republic) and went as a child with his father to Vienna, where he became as a musical prodigy. His operatic compositions „Der Ring des Polykrates“ and „Violanta“ (both 1916), „Die Tote Stadt“ (1920) and „The Miracle of Heliane“ (1927) made him the most performed opera composer of his time alongside Richard Strauss.
As with so many Jewish musicians and artists, the career was quickly over with the advent of National Socialism. Fortunately, he was called to Hollywood by Max Reinhardt to write the music for his film „A Midsummer Night’s Dream“. He quickly made a name for this genre and composed from then on only film music, for which he got the Oscar twice. He wrote only two stage works in the last years, but they did not come close to the successes of the ones in the 1920s.
The Latvian conductor Ainars Rubikis has been General Music Director of the Komische Oper since this season and is making his debut with these new productions. The soulful, romantic music Korngolds he could implement well, only he probably has yet to get used to the dimensions of the house. He made the volume of his orchestra so swell in the dramatic moments that the singers were barely audible. Especially tenor Ales Briscein in the role of Paul had difficulties. By contrast, Sara Jakubiak got along better as Marietta with it, she excelled with her singing and acting talent and was the star of the evening. No wonder, she is a proven connoisseur of the music Korngolds. She is currently singing the title role in „Das Wunder der Heliane“ (Korngold) at the Deutsche Oper Berlin and has sung Marietta several times both at the Staatsoper in Hamburg and at the Frankfurt Opera.
Overall, director Barrie Kosky can be satisfied. He may add another successful production to his top-class repertoire and thus remains the biggest challenger to the Staatsoper Unter den Linden, the top dog in Berlin.
„DIE TOTE STADT“ by Erich Wolfgang Korngold, Komische Oper Berlin, Musical Direction: Ainars Rubikis, Director: Robert Carsen, Stage: Michael Levine, Costumes: Petra Reinhardt, Choreography: Rebecca Howell
With: Ales Briscein (Paul), Sara Jakubiak (Marietta), Günter Papendell (Frank), Maria Fiselier (Brigitta), Juliette (Georgina Melville), Lucienne (Marta Mika)
Next performances: 6th, 14th, 31st October and 18th, 24th November and 14th, 25th December 2018.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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