Die Unschuldigen von Peter Handke

Die Unschuldigen - Berliner Ensemble © Monika Ritterhaus

Die Unschuldigen von Peter Handke

 

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂   (vier von fünf)

Von Severin Lohmer

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9.5.2016

Das neue Stück von Peter Handke „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ inszeniert von Klaus Peymann, sollte an der Wiener Burg die Sensation in der neuen Saison werden. Das ist sie wahrlich nicht geworden, aber sie ist allemal eine Inszenierung die einen verzaubern kann. Zumindest ging es einem großen Teil des Publikums so, dass am 30. April 2016 nach der Uraufführung in Wien die Premiere im Berliner Ensemble feierte.

Der Held heißt ›Ich‹ und ist gleichzeitig ein Clown wie auch ein Monstrum, der sich von einem »Ich-Erzähler« in »Ich, den Dramatischen« verwandelt. Er sitzt, geht, steht, träumt, zaubert, verzweifelt, wütet, tobt und erzählt von seiner Landstraße, die von nirgendwo kommt und nirgendwo hinführt. Diese Straße ist sein Reich, der »letzte freie Weg in die Welt«. Und den will er verteidigen, einer gegen alle.

Doch die »Unschuldigen«, geführt von ihrem An- und Wortführer und dessen Frau, die „ein bisschen wie Lady Macbeth“ ist, nehmen die Straße in Beschlag, formieren sich auf ihr, hinterlassen ihre Spuren. Dabei wollen sie nichts böses, sind einfach nur da, unschuldig wie sie sind. Unter ihnen auch die »Unbekannte von der Landstraße«, die Schöne, »die erhoffte, seit jeher ersehnte«. Doch ›Ich‹ erkennt sie erst als es zu spät ist, als sie ihn – nicht nur bildlich – vor den Kopf stößt. Am Ende alles nur ein Traum?

In Handkes neuem Stück geht es um die Auseinandersetzung des Einzelnen mit der Gesellschaft, um (Nicht-)Kommunikation, um Zuhören und Erinnern – in einer Welt, in der „alles verschwindet“, alte Werte, wahre Freundschaft und Liebe verloren gehen. „Wie den Weg behaupten?“ fragt der Erzähler. Wie das ICH behaupten? Wie als Menetekel erzählt Handke auch vom Krieg, der längst begonnen hat, auch bei uns, in unserer Welt des schönen, unschuldigen Scheins.

Der Handlung ist nicht einfach zu folgen, vor allem, weil sich bis zum Schluss keine wirkliche stringente Geschichte entwickelt. Vieles wird angerissen aber nicht zu Ende erzählt. Das ergeht einem so mit den „Unschuldigen“, die wie die Heuschrecken über das Land fallen, aber nicht wirklich in Kontakt treten mit dem „Ich“ Erzähler, wie auch in seiner Beziehung zu der „Unbekannten“, die die Einzige ist, die ihn vielleicht verstehen könnte, aber von dem „Ich“ als solche nicht erkannt wird. Lediglich die Beziehung zu dem „Wortführer“ der „Unschuldigen“ entwickelt vor allen Dingen ab der zweiten Hälfte des Theaterabends eine gewisse Tiefe, die aber auch leider ziemlich abrupt abbricht.

Warum lohnt sich dieser Abend trotzdem? Einmal wegen der wunderbaren Darstellung des jungen Christopher Nell als der „Ich“. Wie er uns ganze 210 Minuten durch das Stück führt und dabei manchen nicht endenden Monolog mit einer Leichtigkeit spielt ist einfach atemberaubend. Dann sein bester Gegenspieler, Martin Schwab, als „Wortführer“ von dem man so gerne noch viel mehr erfahren hätte. Nicht zu vergessen eine großartige Bühne. Eine große weiße Schräge, die den ganzen Bühnenraum in Beschlag nimmt und in der, wie in einem Märchen, am Anfang des Stückes eine Landstraße entsteht. Und nicht zuletzt die Kostüme von Margit Koppendorfer, die Peymann dabei unterstützen Bilder zu entwerfen, die einen immer wieder gefangen nehmen. Es sind diese Momentaufnahmen, welche die Qualität der Inszenierung ausmachen. Es ist die Mediengesellschaft, die uns immer freier und oberflächlicher und einsamer macht.

Es ist ein bisschen so, als ob die Herren Handke und Peymann die Mediengesellschaft von Außen betrachten. Sie geben sehr gute Hinweise wohin vielleicht das Ganze gehen kann, aber den Bezug zu dieser neuen Generation haben sie wahrscheinlich schon verloren. Es lohnt sich trotzdem für alle Generationen, diesen Abend zu besuchen.

Christopher Nell und Märet Becker, "Die Unschuldigen", Berliner Ensemble © Monika Ritterhaus

Christopher Nell und Märet Becker, „Die Unschuldigen“, Berliner Ensemble © Monika Ritterhaus

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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