Don Quijote im Deutschen Theater

Don Quijote - Deutsches Theater, Foto: Arno Declair, Gemälde: Honoré Daumier

Don Quijote im Deutschen Theater

 

Von Holger Jacobs

06.09.2019

Wertung: 🙂 🙂 🙂 (drei von fünf)

English text below

Ein Stück Weltliteratur auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin

Der Intendant des Deutschen Theaters, Ulrich Khuon, verfolgt seit Jahren konsequent die Idee, Romane und Erzählungen für die Bühne zu adaptieren. Bereits vor über 15 Jahren, damals noch als Intendant des THALIA Theaters in Hamburg, brachte Ulrich Khuon die Buddenbrooks auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Doch als ich am selben Ort nur wenige Wochen später Friedrich Schillers „Maria Stuart“ sah, fiel mir auf:  Das speziell als Theaterstück konzipierte Drama von Schiller überzeugte auf der Bühne weitaus mehr als der Roman von Thomas Mann.

Viele, die meine Theater-Rezensionen kennen, wissen um meine Meinung zu Bühnenadaptionen (genauso wie meine Meinung über Inszenierungen, die mit einem „nach“, statt einem „von“ vor dem Autoren angekündigt werden…).

Dennoch versuche ich offen zu sein für jedes Experiment.
Dieses Mal hatte sich das Deutsche Theater den vielleicht berühmtesten Roman der Literaturgeschichte vorgenommen. Autor Jakob Nolte wurde beauftragt aus dem Roman „El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha“ von Miguel de Cervantes (erschienen 1605) eine Bühnenfassung zu schreiben; Regisseur Jan Bosse sollte die Inszenierung übernehmen. Als Grundlage diente die Übersetzung von Susanne Lange aus dem Jahr 2008.

Don Quichotte und Sancho Panza, Statue in Madrid

Im Jahre 2002 wählten 100 Schriftsteller den Roman „Don Quichotte“ (oder auch „Don Quijote“, je nach Schreibweise) zum besten Buch aller Zeiten.
Das ist schon einmal ein Statement.
Aber auch eine weitere Anekdote muss hier erwähnt werden: „Don Quichotte“ gilt als das bekannteste Buch der Welt, welches die wenigsten wirklich gelesen haben. Wahrscheinlich liest die heutige Generation neuzeitlichere Autoren. Doch die Sache mit den Windmühlen kennt jeder…

Windmühlen in der spanischen Mancha cc Lourdes Cardenal

Was ist das Besondere an „Don Quichotte“?

Sowohl seine Sprache, wie auch sein Inhalt. Die Idee, unbeirrt einer Illusion zu folgen, kennen wir eigentlich nur aus der Kindheit. Dabei wird durch unsere Fantasie aus einer Bierkiste ein Schloss, aus steifen Barbiepuppen lebendige Gestalten und aus einer Seifenkiste ein Ferrari. Miniatureisenbahnen und Carrera-Rennbahnen erscheinen uns als die reale Welt. Fast jeder Mensch empfindet gerade diese Zeit als mit die schönste in seinem Leben – als durch Fantasie noch alles möglich schien.
Im späteren Leben verlieren wir diese Gabe und die Fantasie wird uns als etwas Kindisches, Lächerliches präsentiert („Was, Du glaubst noch an den Weihnachsmann?“)

Original Erstausgaben von Don Quichotte 1 + 2 im Museo Prado in Madrid cc Miguelazo84

El ingenioso hidalgo Don Quixote (wobei man „ingenioso“ sowohl als sinnreich, fantasievoll, wie auch als genial übersetzen kann) glaubt fest an seine Welt des Unmöglichen.
Auch das Bücherlesen selbst bewirkt ja eine durch Schrift angeregte Fantasie.
Illusion und Wirklichkeit begleitet uns schließlich durch das ganze Leben – und es kommt vor, dass wir das eine von dem anderen nicht unterscheiden können.

Großer Applaus am Ende der Vorstellung:

v.l.n.r. Regisseur Jan Bosse, Ulrich Matthes, Kathrin Plath, Stéphane Laimé, Arno Kraehahn, David Heiligers, Jakob Nolte und Wolfram Koch, „Don Quijote“, Foto: Holger Jacobs

Kritik

Wie bereits oben beschrieben bin ich ein großer Skeptiker von Bühnenstücken, die von Romanen adaptiert wurden.
Hier allerdings, bei „Don Quijote“ am Deutschen Theater, ist das Ergebnis ganz gut gelungen. Was vor allem den beiden genialen Schauspielern Ulrich Matthes und Wolfram Koch geschuldet ist. Ihrem Spiel zuzusehen ist ein wahres Vergnügen. Wolfram Koch / Sancho Panza als der nervige Knappe, der immer wieder aufwirft, alles wäre doch nur Unsinn und Ulrich Matthes als wackerer Don Quichotte, der beharrlich auf jeder Illusion besteht.
Weniger gefallen hat mir das Bühnenbild und die Kostüme. Während Ulrich Matthes als Don Quichotte noch leidlich überzeugend aussieht, mit einem weißen, langen Umhang (könnte auch als lange Schürze eines Ritters weggehen) und einem Schlabber-Helm, sieht Wolfram Koch als Sancho Panza mit seinen viel zu groß geratenem Ringelbauch und Strumpfhosen einfach lächerlich aus – gesteigert nur noch am Schluss, wenn Sanch Panza mit einem Kleid à la Wild West dasteht. Wobei auch das Spiel des Wolfram Koch an mancher Stelle zum Slapstick abgleitet.
Das Bühnenbild, nur bestehend aus einem Holzcontainer, kann leider in keinster Weise den Eindruck einer staubigen Mancha vermitteln. Eher den eines Industriehafens. Somit geht schon einmal viel originaler Atmosphäre verloren.

Fazit: Das ausgezeichnete Spiel der beiden Hauptdarsteller kann die schwächen in Kostüm und Bühnenbild nicht ganz wettmachen.

„Don Quijote“ von Jakob Nolte nach Miguel de Cervantes
Premiere war am 12.Oktober .2019
Deutsches Theater Berlin
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno Kraehahn, Licht: Robert Grauel, Dramaturgie: David Heiligers
Mit: Ulrich Matthes, Wolfram Koch
Nächste Vorstellungen: 20. und 22. Oktober, 3. November 2019

3 Photos: Ulrich Matthes und Wolfram Koch in Don Quijote von Jakob Nolte, Deutsches Theater, Foto: Arno Declair

English text

Don Quixote in the German Theater
By Holger Jacobs
09/06/2019
Rating: 🙂 🙂 🙂 (three out of five)
The world famous novel on stage at Deutsches Theater in Berlin
The director of the German theater, Ulrich Khuon, has consistently followed the idea of ​​adapting novels and stories for the stage over years. Already more than 15 years ago, at that time still director of the THALIA theater in Hamburg, Ulrich Khuon brought the „Buddenbrooks“ on stage. But when I saw Friedrich Schiller’s „Maria Stuart“ in the same place only a few weeks later, it struck me that Schiller’s drama, conceived especially as a play, was more convincing on stage than the novel by Thomas Mann.
Many who know my theatrical reviews know my opinion of stage adaptations.
But I try to be open to any experiment.
This time, the Deutsches Theater had undertaken perhaps the most famous novel in literary history. Author Jakob Nolte was commissioned to write a stage version of the novel „El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha“ by Miguel de Cervantes (published 1605); Director Jan Bosse was to take over the staging. The translation was based on the work of Susanne Lange from 2008.
In 2002, 100 writers selected the novel „Don Quijote“ (or „Don Quichotte“, depending on spelling) as the best book of all time. That’s already a statement.
But another anecdote must be mentioned here: „Don Quixote“ is considered the most famous book in the world, which only few have actually read. Probably the current generation reads more modern authors. But everyone knows the thing about the windmills …

What is so special about „Don Quixote“?
Both the language and the content.
The idea of ​​following an illusion undeterred, we know only from childhood.
Our fantasy turns a beer box into a castle, stiff Barbie dolls into living figures, and a soap box into a Ferrari.
Miniature railways and Carrera Racetracks appear to us as the real world. Almost every person feels this time as the most beautiful in his life – when everything seemed possible through fantasy. In later life, we lose this gift and the imagination is presented to us as something childish, ridiculous („What, you still believe in the Christmas man?“)
El ingenioso hidalgo Don Quixote (where you can translate „ingenioso“ as imaginative, as well as ingenious) believes in his world of the impossible. Also, the book reading itself causes a stimulated imagination. Illusion and reality eventually accompany us throughout our whole lives – and sometimes we can not distinguish one from the other.

Big applause at the end:

v.l.n.r. Regisseur Jan Bosse, Ulrich Matthes, Kathrin Plath, Stéphane Laimé, Arno Kraehahn, David Heiligers, Jakob Nolte und Wolfram Koch, „Don Quijote“, Foto: Holger Jacobs

Critics
As described above, I am a great skeptic of stage plays adapted from novels.
Here, however, at „Don Quixote“ at the Deutsches Theater, the result is quite good.
What especially is owed to the two brilliant actors Ulrich Matthes and Wolfram Koch.
But I did not like the scenery and the costumes. While Ulrich Matthes as Don Quixote still looks reasonably convincing, with a white, long cape (could also go as a long apron of a knight) and a fancy helmet, Wolfram Koch as Sancho Panza with his oversized ring belly and tights just look ridiculous, especially when Sanch Panza stands at the end with a dress à la Wild West. And whereby the character of Wolfram Koch slips off to slapstick at some point. The stage design, consisting only of a wooden container, can not convey the impression of a dusty mancha in any way. Rather that of an industrial port. Thus, a lot of original atmosphere is lost.
Conclusion: The excellent game of the two leading actors can not make up for the weaknesses in costume and stage design.
„Don Quijote“ by Jakob Nolte after Miguel de Cervantes
Premiere was on October 12th 2019
Deutsches Theater Berlin
Director: Jan Bosse, Stage: Stéphane Laimé, Costumes: Kathrin Plath, Music: Arno Kraehahn, Lighting: Robert Grauel, Dramaturgy: David Heiliger
With: Ulrich Matthes, Wolfram Koch
Next performances: 20 and 22 October, 3 November 2019

Ulrich Matthes und Wolfram Koch in Don Quijote von Jakob Nolte, Deutsches Theater, Foto: Arno Declair

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

Cookies help us deliver our services. By using our services, you agree to our use of cookies.