Feminista, Baby! im Deutschen Theater Berlin

Feminist Baby - Deutsches Theater Berlin © Holger Jacobs

Feminista, Baby! im Deutschen Theater Berlin

 

Von Holger Jacobs

26.10.2017

 english Text below

Intro

Eigentlich sollte meine Kollegin die Rezension zu diesem Theaterabend schreiben, weil ich dachte, für dieses Thema wäre eine Frau besser. Als ich dann aber sah, dass die weiblichen Rollen von männlichen Schauspielern gespielt wurden, fühlte ich, dass ich hier richtig war.

„Welche Zukunft ?“, Deutsches Theater Berlin 2017 © Holger Jacobs

Hintergrund

Am 3. Juni 1968 wartete eine Frau namens Valerie Solanas vor der berühmten  Factory von Popart Künstler Andy Warhol in New York und schoss drei Mal auf ihn. Er überlebte, starb aber 1987 an den Spätfolgen seiner Verletzungen. Anmerkung: In den Deichtorhallen in Hamburg ist zurzeit eine Ausstellung mit Bildern der amerikanischen Malerin ALICE NEEL zu sehen. Eines der Werke zeigt Andy Warhol nach Verlassen des Krankenhauses mit seinen großen Narben auf dem Oberkörper.

Valerie Solanas (*1936) war in ihrer Kindheit vom Vater missbraucht worden und litt Zeit ihres Lebens unter psychischen Problemen. In den 6oer Jahren schrieb sie an einem Manifest, welches sie SCUM nannte. Sie bekam Kontakt zu Andy Warhol und seiner Factory. Sie spielte sogar in einem seiner Filme mit, „I, A Man“ und Warhol erklärte sich bereit ein von ihr geschriebenes Theaterstück zu inszenieren. Doch das Manuskript ging in der Factory verloren. Daraufhin kam es vermehrt zu Auseinandersetzungen zwischen ihr und Warhol, bis man sie schließlich vor die Tür setzte. Nach dem Attentat wurde sie zu drei Jahren Haft in einer psychiatrischen Anstalt verurteilt. Später ging sie nach Kalifornien, wo sie im Alter von 52 Jahren an einer Lungenkrankheit starb.

Was von Valerie Solanas blieb ist ihr „Manifesto S.C.U.M.“ Übersetzt als „Society for Cutting Up Men“ bedeutet es nichts weniger, als alle Männer von dieser Erde zu entfernen. Radikal feministisch, utopisch, aber auch nicht ohne Witz.

Bernd Moss, „Feminista Baby!“ © Holger Jacobs

Kritik

Die Schauspieler und Regisseure Jürgen Kuttner (Rundfunkmoderator beim RBB und Vater von Fernsehmoderatorin Sarah Kuttner) und Tom Kühnel (Schauspiel Hannover) nahmen den Text des „Manifesto S.C.U.M.“ und formten daraus ein Bühnenstück. Drei Männer (Jörg Pose, Bernd Moss und Makwart Müller-Elmau) ziehen sich das Kleid von Marilyn Monroe aus dem Film „Das verflixte 7. Jahr“ an und zitieren die Texte aus „Manifesto S.C.U.M“. Durch den Geschlechtertausch werden die Aussagen relativiert. Ist es der Hass auf die Männer oder vielmehr der Hass auf die Gesellschaft im Allgemeinen? Denn in Valerie Solanas Texten kommen die Frauen auch nicht viel besser weg. Besonders die, die sich den Männern anbieten und ihre eigenen Stärken vernachlässigen. Denn letztlich sollten die von Solanas bevorzugten Frauen eine weibliche Elite bilden, die genauso gewalttätig, dominierend, eigensüchtig und widerlich ist, wie eben zurzeit die Männer-Elite.

Andy Warhol, 1973, CC-BY-SA, Foto: Jack Mitchel/ Wikipedia

Im Hintergrund sieht man auf der Bühne eine Doppelhelix, die den Verweis auf den genetischen Unterschied zwischen Mann und Frau gibt. Eine musikalische Untermalung kommt von Sängerin Christiane Rösinger, die mit ihren Lieder immer wieder unterbricht und die Stimmung etwas aufheitert. Denn trotz aller Ernsthaftigkeit ist der Abend nicht ohne Humor. Besonders die drei nicht mehr allzu jungen Herren im Marilyn Monroe Kostüm sehen aus wie Berliner Transen und lassen eine gewisse Komik nicht vermissen.

Das Deutsche Theater Berlin hat sich diese Spielzeit das Motto „WELCHE ZUKUNFT?“ gegeben. Politisch, gesellschaftlich und sexuell.
Hier, in dieser Inszenierung, geht es um die Geschlechterrollen. Was ist ein Mann, was ist eine Frau? Wird es immer ein Kampf bleiben? Oder finden wir zu einem neuen Verständnis? Seit ich auf dieser Welt bin habe ich zu diesem Thema große Veränderungen erlebt. Von der Generation meiner Eltern, über meine eigene bis zur Generation meines Sohnes. Manches bleibt, vieles ist neu, vieles wird noch kommen. Hoffen wir, dass das Gute bleibt und das Schlechte verschwindet – egal bei welchem Geschlecht.

Ein lustiger Moment inmitten des Theaterabends: Per Video wird die erinnerungswürdige „Elefantenrunde“ im Fernsehen von 2005 gezeigt, als die drei Spitzenpolitiker der deutschen Parteien nach der Bundestagswahl im Fernsehstudio zusammenkamen. „Macho“ Gerhard Schröder behandelte Angela Merkel von oben herab wie ein kleines Schulmädchen. Sicher nicht der beste Moment im Leben des ehemaligen Bundeskanzlers Schröder.

8 Photos: Bundeskanzler Gerhard Schröder 2005 nach der knapp verlorenen Bundestagswahl, „Feminista Baby!“ © Holger Jacobs

„Feminista, Baby!“
Regie: Jürgen Kuttner, Tom Kühnel
Mit Jörg Pose, Bernd Moss, Markwart Müller-Elmau
Bühne: Jo Schramm
Kostüme: Daniela Selig
Musik: Christiane Rösinger und Andreas Spechtl

Deutsches Theater Berlin
Schumannstr. 13a
10117 Berlin

Nächste Vorstellungen: 29. Oktober, 2., 8. und 26. November 2017

 

 english text

„Feminista, Baby!“ at Deutsche Theater Berlin
by Holger Jacobs
26/10/2017
Intro
Actually, my colleague (female) should write the review of this theater evening, because I thought for this topic a woman would be better. But when I saw the female roles played by male actors, I felt I was right.
Background
On June 3, 1968, a woman named Valerie Solanas was waiting in front of the famous Factory of Popart artist Andy Warhol in New York City and shot him three times. He survived, but died 1987 in the late episodes of his injuries. Note: An exhibition with paintings by the American painter ALICE NEEL is currently on display in the Deichtorhallen in Hamburg. One of the works shows Andy Warhol after leaving the hospital with his large scars on the upper body.
Valerie Solanas (born 1936) had been abused by her father during her childhood and suffered psychological problems during her life. In the 1960s, she wrote a manifesto called SCUM. She got in touch with Andy Warhol and his Factory. She even played in one of his films, „I, A Man“ and Warhol agreed to stage a play she had written. But the manuscript was lost in the Factory. Thereupon, there was an increased dispute between her and Warhol, until she was finally put out of the Factory. After the assassination, she was sentenced to three years imprisonment in a psychiatric institution. Later she went to California, where she died of lung disease at the age of 52 years.
What remains of her is „Manifesto S.C.U.M.“, translated as „Society for Cutting Up Men“, it means nothing less than remove all men from this earth. Radically feminist, utopian, but not without wit.
Critics
The actors and directors Jürgen Kuttner (radio broadcaster at the RBB and father of television supporter Sarah Kuttner) and Tom Kühnel (Schauspiel Hannover) took the text of the „Manifesto S.C.U.M.“ and formed a stage piece from it. Three men (Jörg Pose, Bernd Moss and Makwart Müller-Elmau) take over the Marilyn Monroe dress from the film „Das verflixte 7. Jahr“ and quote the texts from „Manifesto S.C.U.M“.

Through the exchange of gender the statements are relativized. Is it the hatred of men or rather the hatred of society in general? Because in Valerie Solana’s texts the women do not get much better off. Especially those who offer themselves to the men and neglect their own strengths. Ultimately, Solana thought women should form a feminine elite that is as violent, dominant, selfish, and disgusting as the men’s elite are.
In the background you can see a double helix on the stage which points to the genetic difference between man and woman. A musical background comes from singer Christiane Rösinger, who interrupts with her songs again and again and gives a mood a little cheerfully. Because, despite all seriousness, the evening is not without humor. Especially the three not very young gentlemen in the Marilyn Monroe costume look like Berlin trannies and do not miss a certain comedy.
The German Theater Berlin has given this season the motto „WHICH FUTURE?“. Politically, socially and sexually.
Here, this production, is about gender roles. What is a man, what is a woman? Will it always be a fight? Or do we find a new understanding? Since I came to this world, I have experienced great changes on this subject. From the generation of my parents, through my own generation to my son’s generation. Many things remain, many things are new, much will come. Let us hope that the good remains and the bad disappears – no matter what sex.
„Feminista, Baby!“
Director: Jürgen Kuttner, Tom Kühnel
With Jörg Pose, Bernd Moss and Markwart Müller-Elmau
Stage: Jo Schramm
Costumes: Daniela Selig
Music: Christiane Rösinger and Andreas Spechtl
German Theater Berlin
Schumannstr. 13a
10117 Berlin, Germany
Next performances: 29 October, 2, 8 and 26 November 2017

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist