Frau ohne Schatten – Premiere in der Staatsoper Berlin

Frau ohne Schatten Staatsoper Berlin © Holger Jacobs

Frau ohne Schatten – Premiere in der Staatsoper Berlin

 

Von Holger Jacobs

11.4.2017

Liebe Kulturfreunde,

großartige Musik, großartige Sänger und eine großartige Inszenierung ist das Fazit der Premiere zu den Festtagen 2017.

Handlung

Ein (nicht weiter genannter) Kaiser hat auf der Jagd mit Hilfe seines Falken eine Gazelle erlegt, diese aber nur verwundet. Als er sich ihr nähert, verwandelt sie sich in eine junge hübsche Frau, die Tochter des mächtigen Fürsten Keikobad aus der Feenwelt. Er verliebt sich in sie und beide heiraten. Doch Keikobad möchte seine Tochter weiterhin an seiner Seite und verkündet eine Bedingung: Sollte seine Tochter nicht binnen eines Jahres schwanger werden (hier als Schatten gesehen) muss sie zu ihm zurück und ihr Mann, der Kaiser, wird zu Stein erstarren.

Kurz bevor das Jahr verstrichen ist, in der die Kaiserin aber immer noch keinen Schatten geworfen hat, schickt Keikobad seinen Boten und wiederholt seine Forderungen. Die Kaiserin ist völlig aufgewühlt und bittet ihre Amme um Hilfe. Diese, als eine Art weiblicher Mephisto, hat eine Idee: Ihre Herrin muss zu den Menschen gehen und eine Frau finden, von der sie deren Schatten übernehmen kann. Kaum ausgesprochen, befinden sich beide plötzlich in der Stube des Färbers Barak und seiner Frau. Auch diese hat ihrem Mann noch keine Kinder geboren, was hauptsächlich daran liegt, dass sie ihren etwas tumben und einfältigen Mann nicht liebt und sich vielmehr ihre Freiheit ersehnt.

Die Amme verspricht nun der Färbersfrau viel Geld und einen jungen Liebhaber, wenn sie auf ihren Schatten und damit auf die Möglichkeit, jemals Kinder zu bekommen, verzichtet. Zunächst scheint es, sie ginge darauf ein, doch als schließlich der junge Liebhaber erscheint und der Färberin Avancen macht, zögert diese. Auch der Kaiserin wird bei dem bösen Spiel der Amme zusehends unwohl. Selbst als ihr im Traum die Versteinerung ihres Gatten noch einmal sinnbildlich vor Augen geführt wird, widerstrebt ihr die Menschen zu ihrem eigenen Wohl zu missbrauchen und will sich vielmehr dem Urteil ihres Vaters stellen.

So nimmt das Schicksal seinen Lauf: Barak will seine Frau ermorden, weil diese ihm von dem bösen Handel erzählt hat. Gleichzeitig fängt der Kaiser bereits langsam an zu versteinern. Ein letztes Mal wird die Kaiserin vor die Wahl gestellt, ob sie den Schatten der Färberin übernehmen will, doch wieder lehnt sie ab: „Ich will nicht“. In diesem letzten Moment löst sich der Fluch, die Färberin und ihr Mann entflammen in neuer Liebe zueinander und der Kaiser tritt aus seinem versteinerten Thron. Und plötzlich wirft die Kaiserin einen Schatten…

Hintergrund

Liest man zum ersten Mal das Libretto von Hugo von Hofmannsthal, dann erscheint einem die Geschichte doch sehr weit hergeholt. Was hat ein Schatten mit der Fruchtbarkeit einer Frau zu tun? Forscht man aber in der Mythologie früherer Kulturen stellt man fest, dass der Schatten eines Menschen häufig als Symbol genommen wurde. Auch bei uns kennen wir Sprüche wie „Aus seinem Schatten heraustreten“ oder „Wirft seine Schatten voraus“, et.c. Und einem Menschen in der Krise wird bescheinigt, dass sein Schatten immer schwächer wird. Hier steht es als Symbol für die Fruchtbarkeit der Frau. Und auf dieser ist ja das gesamte Dasein des Menschen begründet. Das Zeugen neuen Lebens ist also nicht nur Ergebnis der Liebe eines Paares sondern schlichtweg existenziell für die gesamte Menschheit.

Neben der biologischen Funktion der Fruchtbarkeit hat diese in unserer Kultur aber auch eine politische und gesellschaftliche Funktion. Bei nahezu der Hälfte aller auf diesem Planten lebenden Paaren wurden die mehr oder weniger Ehen arrangiert. Das heißt, die Ehepaare werden durch die Eltern ausgesucht und nicht durch die Paare selbst.

Auch in „Frau ohne Schatten“ wird dies angedeutet: Die Frau des Färbers musste wohl ihren Mann heiraten und tat dies nicht aus Liebe. Was bei ihr zu sexuellem Desinteresse und damit zur Kinderlosigkeit führt. Warum zum Schluss doch ein Liebesgefühl ihrem Ehemann gegenüber aufflammt ist wohl eher aus dem Wunsch des Autoren auf ein Happy End zu erklären. Oder eben Märchen, wie die ganze Oper.

Kritik

Großer Schlussbeifall beendete am Sonntag Abend die Premiere von „Frau ohne Schatten. Nur vereinzelte Buh-Rufe erschallten beim Auftritt des Regisseurs Claus Guth, was aber, wie ich fand, keineswegs gerechtfertigt war.

Dieses vielschichtige und komplexe Werk mit einer Spieldauer von 4 Stunden auf die Bühne zu bringen bedarf schon großer Kunst – für alle. Sei es die musikalische Komposition, die für Sänger und Orchester gleichermaßen Höchstleistungen fordert oder sei es die Bühnentechnik, die versuchen muss, dieses Fantasy – Drama zu meistern (ohne die digitalen Möglichkeiten wie heutzutage im Film). Jeder Bereich ist auf das Äußerste gefordert.

Im Detail:

Als absoluter Glücksgriff erwies sich das Engagement von Zubin Mehta als musikalischer Leiter. Präziser und zugleich emotionaler habe ich bisher die Staatskapelle noch nie gehört. Und die Sänger und Sängerrinnen schlossen sich diesem Niveau an. Wobei hauptsächlich den drei Sängerinnen, Iréne Theorin als Fäberin, Camilla Nylund als Kaiserin und Michaela Schuster als Amme, die Ehre gebührte, den Abend zu tragen. Allen voran Iréne Theorin, die die Wände des Schillertheaters erzittern ließ. Dagegen hatten die (im Prinzip ebenfalls guten) Sänger, Burkhard Fritz als Kaiser und Wolfgang Koch als Färber, kaum eine Chance. Der Abend gehörte der geballten Frauenpower.

Das Bühnenbild war nicht ungeschickt. In einem großen Rahmen bewegt sich die Drehbühne mit mehreren Kulissen, die die jeweilige Spielsituation darstellt. Und davor ein Laufband, auf dem wie durch Geisterhand bewegt Menschen und Gegenstände kommen und gehen. Bei der Premiere kam einmal auch ein einzelner leerer Stuhl, der aber gleich wieder auf der anderen Seite verschwand. Kleine Pannen dürfen passieren, wenn der Rest gut ist.

Und der war gut. Sogar sehr gut!

Ein gelungener Auftakt für die Festtage zu Ostern in der Staatsoper Berlin.

Spieldauer: 4 Std. 20 Minuten mit 2 Pausen

Staatsoper im Schillertheater
Bismarckstraße 110
10625 Berlin

Nächste Vorstellungen: 13. und 16. April 2017

Hier unsere Bilderserie mit 40 Fotos:

40 Bilder: Camilla Nylund als Kaiserin, „Frau ohne Schatten“, Staatsoper Berlin © Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist