FUTURELAND im Maxim Gorki Theater

FUTURELAND im Maxim Gorki Theater

 

Von Holger Jacobs

20.10.2019

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 🙂 (fünf von fünf)

English text below

Ein außergewöhnliches Experiment führt zu einem außergewöhnlichen Ergebnis

Alle Fans des Maxim Gorki Theater wissen, dass Intendantin Shermin Langhoff dem traditionelle Theaterhaus am Festungsgraben Unter den Linden eine große Wende zum politischen Theater gegeben hat.

Shermin Langhoff, als Neunjährige mit ihrer Mutter von der Türkei nach Deutschland immigriert, war nach ihrer Ausbildung als Verlagskauffrau lange als Aufnahme- und Produktionsleiterin beim Norddeutschen Rundfunk NDR tätig, bevor sie zum Theater kam.
Seit Shermin Langhoffs Amtsantritt 2013 als Intendantin des Gorki Theaters sind Themen wie Migration, Minderheiten, sowie Frauenrechte und gesellschaftliche Veränderungen ihre wichtigsten Sujets auf der Bühne.

Shermin Langhoff, cc Stephan Roehl

Die enorme Flüchtlingswelle, die sich durch den furchtbaren Krieg in Syrien 2014 entwickelt hatte und die 2015 mit 1 Million Migranten allein in Deutschland ihren Höhepunkt fand, ist Thema der Neuproduktion „FUTURELAND“ von Lola Arias, welche am 18, Oktober 2019 am Gorki Theater ihre Uraufführung hatte.

Regisseurin und Autorin Lola Arias wurde 1976 in Buenos Aires geboren und ist seit Mitte der 2000er Jahre mit ihren eigenen Stücken auf den Bühnen in Europa zu sehen.
Die Idee zu „FUTURELAND“ kam Lola Arias, als sie für die Kammerspiele in München im letzten Jahr „What they want to hear“ erarbeitete und innerhalb dessen Kontakt mit Flüchtlingen aufnahm, um zu erfahren, wie eigentlich diese Interviews ablaufen, denen sich Flüchtlinge unterziehen müssen, um in Deutschland eine Aufenthaltsgenehmigung oder zumindest eine vorübergehende Duldung zu bekommen.

Lola Arias, Photo: Catalina Bartolome

Der Kontakt mit diesen Migranten hatte Lola Arias dazu bewogen speziell die Situation von unbegleiteten Minderjährigen darzustellen, die die gleiche Interviewprozedur über sich ergehen lassen müssen, wie die Erwachsenen. Nur das ihnen keiner dabei hilft und sie als z.B. 13-jähriger vor einem siebenköpfigen Gremium bestehen müssen, dass letztlich über ihre Zukunft entscheidet – ein falsches Wort oder eine falsche Aussage kann das Ende des Traums einer neuen Zukunft bedeuten.
Lola Arias ließ bei Ihrer Recherche in Wohnheimen mit minderjährigen Flüchtlingen Zettel verteilen und wählte schließlich von allen, die sich gemeldet hatten, 8 Jungen und Mädchen aus, um mit ihnen „FUTURELAND“ zu erarbeiten. Fast ein Jahr lang dauerten die Proben.

Bühnenbild als 3D Animation, Photo: Holger Jacobs

Kritik

Mehrere Faktoren machen dieses Stück zu einem genialen Theaterabend.
Da wären einmal diese tollen jungen Menschen zwischen 14 und 18 Jahren, deren Geschichten, alle auf wahren Begebenheiten beruhend, so unglaublich klingen, dass einem vor Staunen der Mund offen stehen bleibt. Zwar haben wir alle schon viel darüber in Fernsehsendungen gesehen.
Doch wenn ein real vor einem sitzender 17-jähriger junger Mann erzählt, wie er als 12-jähriger! nach der Ermordung seiner Eltern mit einer Gruppe gleichaltriger aus Kundus / Afghanistan aufbrach, um über die Berge zunächst in den Iran, dann in die Türkei, über das Mittelmeer nach Griechenland und weiter durch den Balkan bis nach Deutschland reiste, was einer Reise von ca. 3500 km entspricht und er als einziger seiner Gruppe die Reise überlebte, dann brennt sich das mehr in das Gehirn des Zuschauers ein, als die aufregendsten Zitate eines Shakespeare-Dramas.

Ahmed erzählt seine Flucht, „FUTURELAND“, Photo: Ute Langkafel

Alle Geschichten der 8 Protagonisten hier wiederzuerzählen würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.

Sehr gelungen ist die Darstellung der Interviews, denen sich alle ankommenden Flüchtlinge stellen müssen.
Bei Lola Arias handelt die Geschichte nicht in Deutschland, sondern in einem imaginären „FUTURELAND“, als 3D-Animation dargestellt, in dem die Flüchtlinge von einem nur als Avatar auf der Leinwand existierenden Person interviewt werden, die mit einer gleichförmigen, computergenerierten Stimme immer die gleichen Fragen stellt:

– Woher kommst Du?
– Wie alt bist Du?
– Warum bist Du geflohen?
– Wie bist Du hierher gekommen?

Außerordentlich und recht humorvoll ist dabei die Geschichte des Flüchtlings Mamadou aus Afrika, der nicht weiß, wie alt er ist.
Denn dort, woher er stammt, existiert nicht unsere übliche Zeitrechnung, weshalb auch die Geburt eines Menschen nicht auf einen bestimmten Tag festgelegt wird. Das Alter hat in Afrika eben nicht dieselbe Bedeutung wie bei uns.
Und offizielle Papiere oder sogar Reisepässe gibt erst recht nicht.
Was soll man also den strengen Interviewern antworten?

„Wie alt bist Du?“, „FUTURELAND“, Photo: Ute Langkafel

Die Behörden haben dafür eine Lösung: Der Körper und das Gebiss aller Jugendlichen, die ihr Alter nicht angeben wollen oder können, werden eingescannt, vermessen und biometrisch zugeordnet, woraus ein Alter berechnet wird.
Denn ein Jugendlicher bekommt zunächst nur bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres ein Aufenthaltsrecht, danach wird per Gerichtsentscheid entschieden, ob der Antrag auf Asyl abgelehnt wird und derjenige dorthin zurückmuss, wo er hergekommen ist.

Und das Erstaunliche: Ein Land im Krieg ist alleine kein Grund für Asyl!
Erst wenn eine persönliche Verfolgung wegen ethnischer Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung nachgewiesen werden kann, gibt es Hoffnung auf Erfolg.

Die acht Flüchtlinge sind in Futureland angekommen, „FUTURELAND“, Photo: Holger Jacobs

Diese acht Protagonisten, Mamadou, Ahmed, Fabiya, Mohamed, Bashar, Sagal, May und Sarah, obwohl keine Schauspielerfahrung, machen ihre Sache wirklich überzeugend, indem sie einen Zustand zwischen Spiel und realer Darstellung ihrer Geschichte und ihrer Person beibehalten. Toll!

Fazit: Selten hat mich ein Theaterstück so emotional mitgenommen, wie „FUTURELAND“. Genau wie bei der Verfilmung einer wahren Geschichte bedeutet es nicht automatisch, dass deshalb durch die Adaption an die Leinwand oder die Bühne ein spannender Abend entsteht. Es muss auch die Umsetzung stimmen und dies ist Lola Arias wirklich wunderbar gelungen.

Eine Empfehlung!

„FUTURELAND“ von Lola Arias
Uraufführung war am 18.10.2019
Maxim Gorki Theater, in Zusammenarbeit mit der Ruhrtriennale
Text und Regie: Lola Arias, Bühne: Dominic Huber, Musik: Santiago Blaum, Kostüme: Tutia Schaad, Video: Mikko Gaestel, 3D Animation: Luis August Krawen, Choreographie: Colette Sadler, Dramaturgie: Johanna Höhmann, Florian Malzacher

Die Interviews, „FUTURELAND“, Photo: Holger Jacobs

Mit:
– Mamadou Allou Diallo, 17 Jahre, floh im Alter von 10 Jahren aus Guinea/Afrika
– Ahmed Azrasti,17 Jahre, floh im Alter von 12 Jahren aus Kundus/ Afghanistan
– Fabiya Bhuiyan, 14 Jahre, floh im Alter von 11 Jahren aus Bangladesch
– Mohamed Aj Younis, 15 Jahre, floh im Alter von 12 Jahren aus Al Hasaka/ Nordsyrien ( wo gerade die Türken einmarschiert sind)
– Bashar Kanan, 18 Jahre, floh im Alter von 13 Jahren aus Kobane/ Nordsyrien (wo gerade die Türken einmarschiert sind)
– Sagal Odowa, 18 Jahre, floh im Alter von 12 Jahren aus Somalia vor den Soldaten der Al-Shabab Milizen
– May Saada, 17 Jahre, floh im Alter von 14 Jahren aus Homs/ Syrien
– Sarah Safi, 17 Jahre, floh im Alter von 14 Jahren aus Afghanistan.

Nächste Vorstellungen: 20. Oktober, 4. und 5. November 2019

Unsere 3 Bilder vom nicht endenden wollenden Applaus: 

3 photos: Applaus, v.l.n.r. Sarah, Ahmad, Mohamed, Fabiya, Mamadou, Sagal, Bashar, „FUTURELAND“, Photo: Holger Jacobs

english text

FUTURELAND at the Maxim Gorki Theater
By Holger Jacobs
20.10.2019
Rating: 🙂 🙂 🙂 🙂 (five out of five)
An extraordinary experiment leads to an extraordinary result
All fans of the Maxim Gorki Theater know that director Shermin Langhoff has given the traditional theater house on the Unter den Linden a great turn to political theater.
Shermin Langhoff, when nine-year-old, immigrated with her mother from Turkey to Germany, worked, after completing her training as a publishing house clerk, for a long time as production manager at the Norddeutsche Rundfunk NDR,  before coming to the theater.
Since Shermin Langhoff took up office in 2013 as director of the Gorki Theater, topics such as migration, minorities, as well as women’s rights and social changes are her most important subjects on the stage.
The enormous wave of refugees, which developed as a result of the terrible war in Syria and culminated in 2015 with 1 million migrants only in Germany, is the subject of the new production „FUTURELAND“ by Lola Arias, which premiered on 18 October 2019 at the Gorki Theater would have.
Director and author Lola Arias was born in Buenos Aires in 1976 and since the mid-2000s has been performing on stage in Europe with her own pieces.
Lola Arias came up with the idea for „FUTURELAND“ when she worked on „What they want to hear“ for the Kammerspiele in Munich last year and contacted refugees in order to find out how these interviews, which are needed to get a residence permit or at least a temporary acquiescence in Germany, actually take place.

The contact with these immigrants had led Lola Arias specifically to describe the situation of unaccompanied minors who have to undergo the same interview procedure as adults. Arias noticed that nobody helps them during these interviews. Imagine a 13-year-old in front of a seven officials, who ultimately decides on their future – a wrong word or a false statement can mean the end of the dream of a new future?
Lola Arias distributed leaflets during her research in dormitories with underage refugees and selected 8 boys and girls from all those who had volunteered to work with them on „FUTURELAND“. The rehearsals lasted for almost a year.
Critics:
Several factors make this piece a brilliant theater evening.
There are those great young people between the ages of 14 and 18, whose stories, based on true events, sound so incredible that someones mouths open in amazement. We all have seen a lot about it in many television programs. But when a real 17-year-old young man in front of you tells how he, as a 12-year-old, after the murder of his parents, set off from Kunduz / Afghanistan with a group of the same age to travel over the mountains first to Iran, then to Turkey, across the Mediterranean to Greece and on through the Balkans to Germany (which was a journey of approx. 3500 km) and he was the only one of his group who survived the journey, then this story burns more into your mind than the most exciting quotes of a Shakespeare drama.
Retelling all the stories of the 8 protagonists here is beyond the scope of this article.

The presentation of the interviews, which all incoming refugees have to face, is very well done.
For Lola Arias, the story is not going on in Germany, but in an imaginary „FUTURELAND“, shown as a 3D animation, in which the refugees are interviewed by a person who exists only as an avatar on screen, who always uses the same computer-generated voice to ask the same questions:
– Where are you from?
– How old are you?
– Why did you fled?
– How did you come here?

Extraordinary and quite humorous is the story of the refugee Mamadou from Africa, who does not know how old he is. For where does he come from, our usual time does not exist there, which is why the birth of a boy or a girl is not fixed on a particular day.
Age does not have the same meaning in Africa as it does here.
And official papers or even passports are certainly not.
So what should one answer to the strict interviewers? The authorities have a solution for this: The body and the teeth of all adolescents, who do not or can not specify their age, are scanned, measured and biometrically assigned, from which an age is calculated.
After all, a young person only gets a right of residence until he or she reaches the age of 18, after which it is decided by court decision whether the application for asylum is rejected and the person must return to where he/ she cames from.
And the strange thing is: a country at war is not alone a reason for asylum!
Only when a personal can be prove a persecution because of ethnic origin, religion or sexual orientation, there is hope for success.
These eight protagonists, Mamadou, Ahmed, Fabiya, Mohamed, Bashar, Sagal, May, and Sarah, with no actor experience, are doing their thing really convincing by maintaining a state between play and real portrayal of their story and person.
Great!
Conclusion: Rarely a play has taken me so emotionally like „FUTURELAND“. Just as with the filming of a true story, it does not automatically mean that the adaptation to the screen or the stage creates an exciting evening. It must have also the right implementation and Lola Arias really manage this wonderful.
„FUTURELAND“ by Lola Arias
The premiere was on 18.10.2019
Maxim Gorki Theater, in cooperation with the Ruhrtriennale
Text and direction: Lola Arias, stage: Dominic Huber, music: Santiago Blaum, costumes: Tutia Schaad, video: Mikko Gaestel, 3D animation : Luis August Krawen, choreography: Colette Sadler, dramaturgy: Johanna Höhmann, Florian Malzacher
With:
Mamadou Allou Diallo, 17 years old, fled Guinea / Africa at the age of 10 Ahmed Azrasti, 17 years old, fled Kunduz / Afghanistan at the age of 12Fabiya Bhuiyan, 14 years old, fled from BangladeshMohamed at the age of 11 Aj Younis, 15, fled at the age of 12 from Al Hasaka / North Syria (where the Turks have just invaded) Bashar Kanan, 18 years old, fled Sagan at the age of 13 from Kobane / northern Syria (where the Turks are invading) Odowa, 18 years old, fled from Somalia before the soldiers of Al-Shabab at the age of 12. MilitasMay Saada, 17 years old, fled from Homs / Syria at the age of 14Sarah Safi, 17 years old, fled at the age of 14 years Afghanistan.
Next performances: October 20, November 4 and 5, 2019

3 photos: Applaus, v.l.n.r. Sarah, Ahmad, Mohamed, Fabiya, Mamadou, Sagal, Bashar, „FUTURELAND“, Photo: Holger Jacobs

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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