George Grosz in Berlin

Georg Grosz "Daum & George" 1920 © Berlinische Galerie

George Grosz in Berlin

 

Von Holger Jacobs

21.10.2018

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

english text below

Vom 18. Oktober 2018 – 6. Januar 2019

Die Ausstellung ist Teil von „100 Jahre Revolution – Berlin 1918|19“

George Grosz (*1893 – †1959), eigentlich Georg Ehrenfried Groß, wurde zwar in Berlin geboren, verbrachte aber seine frühe Jugend in dem kleinen Ort Stolp (heute das polnische Slupsk) an der Ostseeküste, wo seine Mutter ein Offizierskasino führte. Hier bekam er seine ersten Anregungen für seine karikaturistischen Zeichnungen, für die er so berühmt werden sollte.
Schon in der Schulzeit begann er zu zeichnen, wobei er sich besonders für dramatische Szenen mit Mord und Totschlag interessiert haben soll.

Seine künstlerische Ausbildung bekam er auf der Kunstgewerbeschule in Dresden, wo er seinen Kollegen Otto Dix kennenlernte.

Der Ausbruch des 1. Weltkrieges war (nicht nur, aber besonders) für viele Künstler ein einschneidendes Erlebnis. Zum seinem Glück wurde George Grosz schon im Mai 1915 als kriegsuntauglich entlassen. In seinen Zeichnungen wurden jetzt entstellte Körper und geschundene Leiber sein Hauptmotiv. „Krieg war für mich Grauen, Verstümmelung und Vernichtung“, wie er einmal sagte. Aus der Ablehnung alles Patriotischem änderte er seinen Namen in George Grosz, eine englische Version seines deutschen Namens.

Die ersten Arbeiten mit Karikaturen über den Krieg erschienen 1916 in der Zeitschrift „Neue Jugend“, wodurch er schnell bekannt wurde. Kurzzeitig wird er 1917 nochmals eingezogen, doch er landet wenig später nach einem Nervenzusammenbruch in einer Irrenanstalt. Wieder zu Hause in Berlin stürzt er sich in das brodelnde Großstadtleben und gründet mit seinem Freund John Heartfield den Berliner Dada-Club. Mit Heartfield entsteht auch der kommunistische Malik Verlag, der u.a. die in der Ausstellung zu sehende Kunstmappe „Gott mit uns“ herausbringt. Grosz und Heartfield werden daraufhin wegen Beleidung der Reichswehr angeklagt. Zum Glück bleibt es bei einer Geldstrafe.
Bald darauf lernte er den damals wichtigsten Galeristen Deutschlands, Alfred Flechtheim, kennen. Durch ihn bekam er Zugang zur reichen Bourgeoisie, die nun gerne seine Bilder kauften. Zum Geldverdienen malte er jetzt auch per Auftrag schöne Landschaften, Portraits und Salonbilder. Daneben aber immer noch seine politischen Arbeiten.

Hier die Bilderserie aus der Mappe „Gott mit uns“:

7 Photos: „Die Kommunisten fallen und die Devisen Steigen“, aus „Gott mit uns“, Kunstmappe mit 9 Lithographien aus dem Malik Verlag, 1920, © Estate of George Grosz

Als er bei einer Moskaureise 1922 Lenin und Trotzki kennenlernte, trat er wenig später aus der KPD aus, angewidert von den Machenschaften der sowjetischen Einheitspartei, die ihm zurecht wie eine Diktatur vorkam. Ähnlich war es ja auch schon anderen ideologischen Fanatikern aus Westeuropa und Mittelamerika gegangen (Frida Kahlo hatte sogar eine Affäre mit Trotzki, der vor Stalin nach Mexiko geflüchtet war). Die Ernüchterung muss für diese jungen Kommunisten der ersten Stunde sehr hart gewesen sein.
Georg Grosz wurde auch als Bühnenbildner aktiv und malte u.a. den Hintergrund zu „Der brave Soldat Schwejk“, inszeniert 1927 von Bertholt Brecht am Berliner Ensemble.

Durch einen Zufall bekam George Grosz 1932 einen Lehrauftrag in die USA, wohin er im Januar 1933, kurz vor der Machtergreifung Hitlers, emigrierte. So entging er der kunstpolitischen Hetze durch die Nazis, die sich gegen ihn und seine Künstlerkollegen in Deutschland richtete. Seine Bilder aber, die er zurücklassen musste, wurden als entartete Kunst zerstört oder verramscht. Von 170 Werken seiner Berliner Zeit sind 70 verschollen, die restlichen in alle Welt verstreut. Auch sein jüdischer Kunsthändler Alfred Flechtheim musste seine Tätigkeit aufgeben und floh 1933 nach London, wo er nur wenige Jahre später verstarb.

Im Jahre 2003 verklagte die Familie Grosz das Modern Art Museum in New York wegen eines in deren Besitz befindlichen Bildes von George Grosz. Aber George Grosz war nicht jüdisch, so dass hier das Washingtoner Abkommen von 1998 zur Restituierung von Raubkunst durch die Nazis nicht greifen konnte. Die Familie verlor.

In New York wurde George Grosz nach dem Krieg ein bekannter Kunstprofessor. Unter seinen Schülern waren u.a. James Rosenquist und Jackson Pollock. Seine eigenen Arbeiten aber wurden nahezu bedeutungslos. 1959 kehrte er mit seiner Familie nach Berlin zurück, verstarb aber wenige Monate nach seiner Rückkehr.

Heute zählt George Grosz zu den wichtigsten Künstlern der Zeit zwischen den Kriegen. Zusammen mit Otto Dix und Christian Schad war er ein genauer Beobachter der politischen und sozialen Szene im wilden Berlin der 20er Jahre.
Auch hier soll gerne wieder an die zurzeit in der ARD laufende Serie „Babylon Berlin“ erinnert werden.
Heute gibt es in Berlin einen George-Grosz-Platz in Charlottenburg und ein Restaurant „Grosz“ am Kudamm (Ableger vom Restaurant Borchardt in Berlin-Mitte)

„George Grosz in Berlin“
18.10.2018 – 06.01.2019
Bröhan-Museum – Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus
Schlossstrasse 1
14059 Berlin
Öffnungszeiten: Di – So 10 – 18 Uhr. An Feiertagen geöffnet.

Einiger Bilder der Ausstellung:

10 Photos: „Daum und George“, George Grosz, 1920 © Berlinische Galerie/ Estate of George Grosz

english text

George Grosz in Berlin
By Holger Jacobs
21/10/2018
From October 18, 2018 – January 6, 2019
The exhibition is part of „100 years of revolution – Berlin 1918 | 19“
George Grosz (* 1893 – † 1959), actually Georg Ehrenfried Groß, was indeed born in Berlin, but spent his early youth in the small town Stolp (now the Polish Slupsk) on the Baltic coast, where his mother ran an officer’s casino. Here he got his first suggestions for his caricature drawings, for which he should become so famous. Already in school he began to draw, where he is said to have been particularly interested in dramatic scenes of murder and manslaughter.
He received his artistic education at the School of Applied Arts in Dresden, where he met his colleague Otto Dix.
The outbreak of World War I was a dramatic experience for many artists. Fortunately for him, George Grosz was dismissed in May 1915 as unfit for war. In his drawings now disfigured and tortured bodies were his main motive. „War for me was horror, mutilation and annihilation,“ as he once said. From the rejection of everything patriotic, he changed his name to George Grosz, an English version of his German name. The first work with caricatures about the war appeared in 1916 in the magazine „Neue Jugend“, which he quickly became known. For a short time, he was drafted again in 1917, but he ended up a little later after a nervous breakdown in a lunatic asylum. Back home in Berlin, he plunges into the seething city life and founds the Berlin Dada Club with his friend John Heartfield. Heartfield is also the founder of the communist Malik Verlag, in which the art portfolio „God with us“ was published. Grosz and Heartfield were accused for insulting the Reichswehr. Fortunately, they got only a fine to pay 300 Reichsmark. Soon after, he met the most important gallery owner in Germany, Alfred Flechtheim. Through him he got access to the rich bourgeoisie, who now liked to buy his paintings. To earn money, he also painted by order beautiful landscapes, portraits and salon pictures. But still his political work.

When he met Lenin and Trotsky during a Moscow trip in 1922, he left the KPD a short time later, disgusted by the machinations of the Soviet Unity Party, which rightly sounded like a dictatorship. The same happened to other ideological fanatics from Western Europe and Central America (Frida Kahlo even had an affair with Trotsky, who had fled from Stalin to Mexico). The disillusionment must have been very hard for these young communists of the first hour. Georg Grosz was also active as a stage designer and painted among others the background of „The Good Soldier Schweik“, staged in 1927 by Bertholt Brecht at the Berliner Ensemble.
By chance, in 1932, Georg Grosz got a teaching assignment in the United States, where he emigrated in January 1933, shortly before Hitler’s seizure of power. So he escaped the art-political agitation by the Nazis, which was directed against him and his fellow artists in Germany. His pictures, which he had to leave behind, were destroyed or sold as degenerate art. Out of 170 works of his time in Berlin, 70 are missing, the rest scattered all over the world. His Jewish art dealer Alfred Flechtheim had to give up his activities and fled to London in 1933, where he died only a few years later.
In 2003, the Grosz family sued the Modern Art Museum in New York for a work by George Grosz, which belongs to the museum. But George Grosz was not Jewish, so the 1998 Washington Convention on the Restoration of looted art by the Nazis failed. The family lost.
In New York, George Grosz became a well-known art professor after the war. Among his students were among others James Rosenquist and Jackson Pollock. His own work, however, became almost meaningless. In 1959 he returned with his family to Berlin, but died a few months after his return.
Today, George Grosz is one of the most important artists of the time between the wars. Together with Otto Dix and Christian Schad he was a close observer of the political and social scene in the wild Berlin of the 20s. Again, I would like to reminded again of the currently running TV series „Babylon Berlin“. Today there is in Berlin a George Grosz Square in Charlottenburg and a restaurant „Grosz“ on the Kurfürstendamm (offshoot of the restaurant Borchardt in Berlin-Mitte)
„George Grosz in Berlin“ 18.10.2018 – 06.01.2019, Bröhan Museum – National Museum of Art Nouveau, Art Deco and Functionalism, Schlossstrasse 114059 Berlin, Opening time: Tue – Sun 10am – 6pm. Open on public holidays.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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