Geschlechterkampf im Städel Frankfurt

Lovis Corinth - Salome - 1899 - Foto: Michael Ehritt

Geschlechterkampf im Städel Frankfurt

 

von Dr. Andrea Claussen

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15.12.2016

Wie haben männliche Künstler und weibliche Künstlerinnen von 1850 bis 1945 das Thema „Männer-sind-vom-Mars und Frauen-sind-von-der-Venus“ verarbeitet?

Diese spektakuläre Ausstellung als Einstand des neuen Städeldirektors Philipp Demandt gibt eine Reflexionsmöglichkeit, warum Mann und Frau es oft schwer miteinander haben und das intime Zusammenleben von Mann und Frau (man denke an die hohen Scheidungszahlen) damals wie heute schwierig ist. In 140 Exponaten, darunter Werke von Max Liebermann, Frida Kahlo, Franz von Stuck, Edvard Munch, erlangen wir neue Ein-Blicke in die unterschiedlichen Interpretationen der Geschlechterrollen und – Identitäten und deren Wandel in knapp 100 Jahren.

Teil 1 der Ausstellung beginnt im wahrsten Sinne des Wortes bei Adam und Eva: Eva mit einer sie umwindenden Schlange blickt lustvoll und verführerisch auf den Apfel und Adam streckt seine Hand aus – allerdings nicht in Richtung Apfel, sondern knapp darunter, in Richtung der Brust der Frau (Franz von Stuck „Adam und Eva“ 1920). Wir könnten da (als Frauen) rufen: Ha, typisch Mann! Wollte schon damals Adam „nur das eine?“

Franz von Stuck "Adam und Eva", 1920, Foto: Städel Museum

Franz von Stuck „Adam und Eva“, 1920, Foto: Städel Museum

Das Ende der Adam und Eva Geschichte kennen wir: Paradise lost, Vertreibung aus dem all- inclusive-happiness-Paradies-Ferienressort, Scham- und Schuldgefühl im Angesicht von Nacktheit, Sterblichkeit, Probleme, Probleme, Probleme. Und wer war schuld? Eva, weil sie göttliche Erkenntnis durch den Apfel wollte, von der ihr die Schlange erzählt hatte? Oder die böse Schlange? Adam, der sich hat verführen lassen (welch ein Weichei!)? Oder der Gott, der das nicht verhindert hat. Verschiedene Aspekte einer Eva begegnen uns auf unserem Rundgang. Und so viele Fragen, die beim Sündenfall beginnen und auf die es in unserer lösungsorientierten Gesellschaft immer noch keine Antwort gibt.

Welcher Frauentypus hat nach Eva die Künstler inspiriert? Auguste Rodin sieht die Eva schüchtern verschämt, nach vorne gebeugt mit verschränkten Armen. Oder die Eva, die uns Suzanne Valadron, „Adam und Eva“ 1909, zeigt: Eva als emanzipierte Frau, die ohne Schuld, fast herausfordernd, den Apfel ansieht.

Suzanne Valadon "Adam und Eva", 1909, Foto: Centre Pompidou

Suzanne Valadon „Adam und Eva“, 1909, Foto: Centre Pompidou

Im weiteren Verlauf von Teil 1 der Ausstellung sehen wir Amazonen, männermordende Damen der Mythen: Sphinx, Klytämnestra, Salome und Judith. Bei Gustav Klimt lernen wir Wassernixen kennen. Die Nixen haben die Form von Samenfäden im Wasser. Wasser, lebensspendend und zerstörerisch zugleich. Wir begegnen auch einem tanzenden Phallus oder der Frau als Spinne mit Männern in ihrem Netz, oder den betenden Priester mit Bibel zwischen zwei nackten Schönheiten, das Bild trägt den Titel „Versuchung“. Keines der Bilder hat auf mich eine erotisch-erregende Wirkung. Ja, es gibt viel mehr nackte Frauen als nackte Männer zu sehen. Eigentlich gibt es gar keinen nackten Mann zu sehen, außer vielleicht als Leichnam.

In der Kunst des 19. Jahrhunderts steht das Motiv der „Femme fatale“ im Vordergrund, in dem das Thema Schuld, Angst und Scham vor der eigenen wie auch immer ausgerichteten Sexualität sublimiert wird. Solange ich eine Femme fatale als Projektionsfläche habe, kann ich ja nichts dafür, dass ich sexuelle Gedanken habe. Das Unterbewußtsein sucht sich immer clevere Wege, sich nicht mit den eigenen „Dämonen“ auseinandersetzen zu müssen. Diese Reflexion wird möglicherweise gesteigert, wenn man an der „Überdosis“ der männermordenden femmes fatales in Teil 1 der Ausstellung vorbeigeführt wird. Hallo Männer! Seht Ihr das auch so? Mir jedenfalls scheint es , dass sich die meisten Künstler in Teil 1 eher noch im sog. mindset des „fingerpointings“ befinden: Die Frau, die den Mann durch bewussten Einsatz ihrer sinnlichen Reize verführt und damit Macht über den Mann erhält. That´s it, keine weitere Selbstreflexion.

In Teil 2 der Ausstellung kommt mehr die komplementäre Polarität zwischen Mann und Frau zum Ausdruck. Das „Yin im Yang“ und „Yang im Yin“ wird erst im 20. Jahrhundert künstlerisch aufgenommen unter dem label „Androgynität“. Also ist doch niemand „Schuld“ am Geschlechterkampf? Die Erkenntnis mag sein: Wir haben beide Seiten, weiblich und männlich immer in uns.

Einer der Höhepunkte für mich ist Gustav Adolf Mossa´s Werk „Sie“ (1905). Das Bild zeigt eine Frau mit Puppengesicht mit kaltem Blick auf einem Berg männlicher Opfer. Raben als Symbole des nahenden Todes sind auch dabei. Sie hat eine Katze in ihrem Schoß, trägt eine Kette mit Mordwerkzeugen und als Haarschmuck zwei Totenköpfe. Ihre Brüste provozieren, bedrohen vielleicht sogar und auf dem goldenen Heiligenschein steht geschrieben: „ Das will ich, so befehle ich´s, als Grund genügt mein Wille.“

Gustav Adolf Mossa "Sie", 1905, Foto: Laurent Thareau

Gustav Adolf Mossa „Sie“, 1905, Foto: Laurent Thareau

Ein anderes Meisterwerk der femme fatale ist Max Liebermanns „Samson und Delila“. Delila verführt Samson, weil sie einen eiskalten Plan verfolgt. Im Liebesspiel verrät ihr Samson das Geheimnis seiner Macht . Seine Unverwundbarkeit liegt in seinem Haar. Am Ende des Liebesakts sehen wir Delila, die selbstbewusst Samsons Haarschopf in die Höhe hält. Ist das die Angst der männlichen Künstler, dass die Frau in ihrem wahren Sein wirklich so ist, so mächtig?

Max Liebermann "Samson und Delila", 1902, Foto: Städel Museum

Max Liebermann „Samson und Delila“, 1902, Foto: Städel Museum

Teil 2 der Ausstellung beginnt mit dem Künstler Edvard Munch. Interessant ist das Werk „Asche einer Liebe“. Das Bild zeigt das Ende einer Liebe, die Beziehung ist vorbei. Die Frau trägt ein weißes Kleid, tief ausgeschnitten und darunter trägt sie ein rotes Kleid. Das ambivalente Frauenbild Edvard Munchs wird spürbar. Heilige und Hure zugleich. Die Frau wirkt verführerisch, bedrohlich und gleichzeitig verletzlich. Das Bild entstand im Kontext einer endenden Liebesbeziehung Munchs, der sich nach einem erbitterten Streit selbst in die Hand schoss.

Beeindruckend und intensiv auch einige Filmausschnitte, vor allem ein Ausschnitt aus Fritz Langs „Metropolis“ oder „The Abyss“, in denen die Frau einen sinnlich-erotischen Tanz zeigt und den Mann einerseits reizt, lockt, sich dann andererseits auch immer wieder entzieht. Während der Kriegsjahre wandelt sich das Motiv der femme fatale in das Motiv der Prostituierten, zum Bespiel das Bild „Lizzy“ von Elfriede Lohse-Wächtler. In dieser Zeit blieb für viele Frauen nur die Prostitution, um sich finanziell über Wasser halten zu können. Der Lustmord geschah häufiger, auch die Misshandlung von Prostituierten wurde von Künstlern als Thema aufgegriffen. Die Frau in einer Schießbude, die den Betrachter provokativ anblickt. Herrscherin über die Waffen, als Phallusobjekte interpretierbar, aber die Frau auch gleichzeitig als Zielscheibe.

Dann wandelt sich das Frauenbild, der Bubikopf und Rauchen wird Mode, Asta Nilson wird Stummfilm-Star und Vorbild vieler moderner Frauen. Das Recht auf Abtreibung und der Wunsch nach sexuellen Beziehungen ohne Heirat wird wichtiger Teil der Unabhängigkeitsbewegung der Frauen. Wir sehen das Porträt eines Frauenarztes, der in seiner linken Brusttasche eine Kürette trägt. Dieses medizinische Instrument wird zur Abtreibung benutzt. Männer und Frauen gestalten ihre Beziehungen mehr auf Augenhöhe, zumindest bist zur Geburt des ersten Kindes. Im Bild von Hannah Höch wird das Thema Ehe als Box der Pandora dargestellt: Ein Brautpaar, die Frau mit einem übergroßen Kinderkopf, die in den Himmel schaut, keine Freude über die Hochzeit, nur Sorgen, da die Pandora-Box das Kind und auch ein mit Gewichten beschwertes Herz beinhaltet. Der Wandel der Geschlechterrollen geht weiter im Dadaismus. Die Fotografin Lee Miller wählt nun das Motiv einer amputierten Brust oder eines Kondoms. Was ist männlich, was weiblich? Es gibt keine klare Trennung mehr, Übergänge werden möglich. Der Surrealismus greift das Motiv der Mischwesen, Zwitterwesen auf.

Ein weiterer Höhepunkt ist das Selbstporträt von Frida Kahlo, die sich als Mischwesen, Hybrid, Frau-Reh darstellt, mit einem Geweih auf dem Kopf, klarem Symbol von Männlichkeit. Das Androgyne wird salonfähig.

Frida Kahlo "Kleiner Hirsch", 1946, courtesy Banco de Mexico

Frida Kahlo „Kleiner Hirsch“, 1946, courtesy Banco de Mexico

Leider gibt es auch am Ende dieses intensiven Museumsbesuchs keine Antwort, warum Männer (angeblich) besser einparken können oder warum es so viele Scheidungen gibt. Vielleicht lehrt uns die Ausstellung, dass Mann und Frau beide Anteile, männlich- weiblich, Yin und Yang in sich tragen, und mit der Lockerung der gesellschaftlichen Zwänge im 20. Jahrhundert, das Thema Schuld und Sünde sich in mehr Toleranz, zum Beispiel gegenüber der Androgynie und der weiblichen Unabhängigkeitsbewegung transformieren konnte. Die große Angst vor der sinnlich-erotischen Macht der Frauen mag sich in der Skulptur („lo impossibile“) von Mara Martens am Ende der Ausstellung in einem sinnlichen Tanz-Kampf zwischen Mann und Frau, abstrahiert als fleischfressende Pflanzen, verwandeln. Anziehung und Abstoßung, Begierde und Gewalt, Vereinigen und Vernichten, alles immer gleichzeitig. „Lo impossibile“- das „Unmögliche“ bleibt bestehen und wird heute von Paaren in verschiedenen Lebensmodellen umgesetzt.

Und was sagt die Bibel? „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“. Das Dilemma geht weiter.

Was mir in der Ausstellung auffällt ist die „Frauenlastigkeit“ der Motive, Schwerpunkt femme fatale. Wo bleibt denn der gewalttätige und betrügerische Ehemann, der Casanova und Herzensbrecher, der mit seiner eigenen Sexualität hadernde Priester, der Mann, der durch Angst vor der Macht seiner Partnerin das „Böse“ nach außen projiziert? Wo bleibt eine tiefere Reflexion über die Wurzel der männlichen Angst vor der Frau mit resultierender Unterdrückung der Frau und Verhinderung einer Paarbeziehung auf Augenhöhe, oder neudeutsch dem Aufbau von „Team-Spirit“ in der modernen Beziehung? Diese Ausstellung regt in jedem Fall zu einem guten Paar- oder Freundinnen-Gespräch und Nachdenklichkeit an.

 

„Geschlechterkampf – Von Franz von Stuck bis Frida Kahlo“
noch bis zum 19.03.2016

Städel-Museum Frankfurt
Schaumainkai 63
60596 Frankfurt

Öffnungszeiten: Di – So 10 – 18 Uhr, Do + Fr 10 – 21 Uhr

Lovis Corinth, "Salome", 1899, Foto: Michael Ehritt

26 Bilder: Lovis Corinth, „Salome“, 1899, Foto: Michael Ehritt

 

 

Andrea Claussen

Author: Andrea Claussen

Dr. Andrea Claussen ist praktizierende Ärztin und seit 2012 Managing Partner in der Firma Leaderchip Choices in Frankfurt

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