Glaube Liebe Hoffnung am Maxim Gorki Theater

Glaube Liebe Hoffnung - Gorki Theater - Foto: Holger Jacobs

Glaube Liebe Hoffnung am Maxim Gorki Theater

 

Von Holger Jacobs

15.01.2018

english text below

Das traurige  Ende eines hoffnungsvollen Menschen im Deutschland der 30-er Jahre

Hintergrund

Als Ödön von Horvath das Drama „Glaube Liebe Hoffnung“ im Jahre 1932 schrieb, waren der 1. Weltkrieg mit seiner millionenfachen Zerstörung von Mensch und Material schon 14 Jahre vergangen. Dennoch ging es den Bürgern in den besiegten Ländern Deutschland, Österreich und Ungarn nach wir vor sehr schlecht. Als 1929 noch die Weltwirtschaftskrise hinzukam, wurden kleine Keime der Hoffnung abermals vernichtet. In diesem Umfeld schrieb Horvath zahlreiche Bühnenstücke. Die bekanntesten sind sicher „Geschichten aus dem Wiener Wald“ und eben „Glaube Liebe Hoffnung“.

Anektode: Ödön von Horvath starb 1938 in Paris, als er während eines Gewitters auf den Champs-Elysées von einem Baum erschlagen wurde…

Öden von Horvath, 1932 cc Anonymous/ Wikipedia

Handlung

In einer Zeit von Arbeitslosigkeit und Rezession versucht die junge und lebenslustige Elisabeth (Sesede Terziyan) sich durchzuschlagen. Mit einem Vertreterjob will sie Geld verdienen. Doch dafür braucht man einen so genannten „Wandergewerbeschein“. Und der kostet erst einmal 150 Mark. Also geht Elisabeth zum Anatomischen Institut, um dort ihre Leiche im voraus zu verkaufen. Der Leichenpräparator (Mehmet Atesci) im Institut ist sehr erstaunt darüber, dass jemand noch im lebenden Zustand seine eigene Leiche verkaufen will. Als Elisabeth ihm aber ihre verzweifelte Lage erklärt, ist er bereit zu helfen und schenkt ihr die 150 Mark. Leider hatte Elisabeth aber bereits von der Polizei eine Verwarnung bekommen, da sie als Verkäuferin ohne Wandergewerbeschein erwischt worden war. Dafür wurde sie zu einer Geldbuße von 150 Mark verdonnert. Das Geld des Präparators verwendet sie also um ihre Schulden zu begleichen und nicht um den Gewerbeschein zu kaufen. Als dieser davon erfährt, zeigt er Elisabeth wegen Betrugs an und sie muss für 14 Tage ins Gefängnis. Dann lernt sie den Polizisten Alfons Klostermeyer (Taner Sahintürk) kennen. Sie verlieben sich und wollen heiraten. Doch als Alfons von seinem Oberinspektor (Lea Draeger) erfährt, dass Elisabeth wegen Betrugs vorbestraft ist, zieht er sich wieder zurück, um nicht seine Karriere zu gefährden. Schließlich springt Elisabeth, von Glaube, Liebe und Hoffnung verlassen, in den Fluss, um Selbstmord zu begehen. Sie kann zwar noch einmal gerettet werden, doch kurz darauf versagt ihr Herz.

4 photos: „Das Cabinet des Dr. Caligari, 1920, Robert Wiene

Kritik

Regisseur Hakan Savas Mican inszeniert gerne Dramen über vom Schicksal verlassene Menschen. Vor zwei Jahren war es „Kleiner Mann, was nun“ von Hans Fallada am Gorki Theater. Für „Glaube Liebe Hoffnung“ wählte er wieder einen sehr zurückhaltenden, fast schwarzen Hintergrund. Nur kleine Fensterhöhlen lassen eine Stadt erahnen. Die schiefen Wände der Gebäude erinnern an die Filmkulissen aus dem Film „Dr. Caligari“ von Robert Wiene von 1920. Darin wirkt Elisabeth am Anfang geradezu fröhlich und voller Tatendrang, trotz ihrer schwierigen Situation. Noch hat sie Hoffnung, dass das Schicksal es gut mit ihr meint. Schauspielerin Sesede Terziyan bringt das wunderbar zum Ausdruck. Auch Mehmet Atesci ist als blasierter Präparator überzeugend. Der aalglatte Oberinspektor, hier von einer Frau (Lea Draeger) im schwarzen Anzug mit kurzen, gegelten Haaren gespielt, kommt vielleicht eine Spur zu glatt. Sehr liebevoll, aber im letztem Moment doch zu schwach, um ein Held zu werden, ist der Schupo (Schutzpolizist) Alfons Klostermeyer, gut gespielt von Taner Sahintürk. Einzige Kritik an der Inszenierung: Es wird insgesamt zu langsam und ohne Schwung gespielt. Es fehlt ein Rhythmus, der den Zuschauer packt und mitreißt in die Geschichte. Trotz der nur 90 Minuten Spieldauer wurde mir der Abend lang. Ein tolles Stück in einem guten Bühnenbild (Sylvia Rieger) in einer etwas schleppenden Inszenierung. Ich hätte mir mehr Power, mehr Dramatik  gewünscht.

Regie: Hakan Savas Mican; Bühne: Sylvia Rieger; Musik und Songs: Daniel Kahn; Kostüme: Sophie du Vinage; Licht: Karsten Sander

Mit: Sesede Terziyan, Mehmet Atesci, Taner Sahintürk, Lea Draeger, Daniel Kahn, Margarita Breitkreiz.

„Glaube Liebe Hoffnung“
Maxim Gorki Theater
Am Festungsgraben 2
10117 Berlin

Nächste Vorstellung: 17. Januar 2018

10 photos: Sesede Terziyan, „Glaube Liebe Hoffnung“, Gorki Theater, Foto: Holger Jacobs

 

 english text

Glaube Liebe Hoffnung at the Maxim Gorki Theater
By Holger Jacobs
01/15/2018
The decline of a woman in Germany in the 30s
Background
When Ödön von Horvath wrote the drama „Glaube Liebe Hoffnung“ in 1932, the first World War with its million-fold destruction of man and material had already passed 14 years. Nevertheless, the citizens in the defeated countries of Germany, Austria and Hungary were very bad after us. When the Great Depression came in 1929, small germs of hope were again destroyed. In this environment Horvath wrote numerous stage plays. The best known are certainly „Stories from the Vienna Woods“ and just „Faith Love Hope“.
Anektode: Ödön von Horvath died in Paris in 1938 when he was killed by a tree during a thunderstorm on the Champs-Elysées …

The story
In a time of unemployment and recession, the young and fun-loving Elisabeth (Sesede Terziyan) tries to get away with it. She wants to earn money with a representative job. But for this you need a so-called „hiking license“. And that costs 150 marks. So Elisabeth goes to the Anatomical Institute to sell her body in advance. The corpse preparater (Mehmet Atesci) in the institute is very surprised that someone wants to sell his own body while still alive. But when Elisabeth explains her desperate situation, he is ready to help and gives her 150 marks. Unfortunately, Elisabeth had already received a warning from the police, as she had been caught as a saleswoman without a hiking license. She was sentenced to a fine of 150 marks. The money of the preparator therefore uses them to settle their debts and not to buy the trade license. When he finds out about this, he shows Elisabeth for fraud and she has to go to jail for 14 days. Then she meets the policeman Alfons Klostermeyer (Taner Sahintürk). They fall in love and want to marry. But when Alfons finds out from his chief inspector (Lea Draeger) that Elisabeth is convicted of fraud, he retreats so as not to jeopardize his career. Finally, Elizabeth, abandoned faith, love and hope, jumps into the river to commit suicide. Although she can be rescued, her heart fails shortly thereafter.

Critics
Director Hakan Savas Mican likes to stage dramas about people abandoned by fate. Two years ago it was „Little Man, What Now“ by Hans Fallada at the Gorki Theater. For „faith love hope“ he again chose a very reserved, almost black background. Only small window caves give a sense of a city. The leaning walls of the buildings are reminiscent of the film scenes from the movie „Dr. Caligari „by Robert Wiene from 1920. In the beginning Elisabeth is downright merry and full of energy despite her difficult situation. She still has hope that fate is fine with her. Actress Sesede Terziyan expresses this wonderfully. Mehmet Atesci is convincing as a blistered preparator. The slick inspector, played here by a woman (Lea Draeger) in a black suit with short, gelled hair, may get a bit too smooth. Very loving, but at the last moment too weak to become a hero, is the Schupo (Schutzpolizist) Alfons Klostermeyer, well played by Taner Sahintürk. The only criticism of the staging: It is played too slow. It lacks a rhythm that grabs the viewer and carries along into the story. Despite the only 90 minutes of playing time I felt the evening long. A great piece in a good stage design (Sylvia Rieger). I would have liked more power, more drama.
Director: Hakan Savas Mican; Stage: Sylvia Rieger; Music and Songs: Daniel Kahn; Costumes: Sophie du Vinage; Light: Karsten Sander
With: Sesede Terziyan, Mehmet Atesci, Taner Sahintürk, Lea Draeger, Daniel Kahn, Margarita Breitkreiz.
„Glaube Liebe Hoffnung“
Maxim Gorki Theater
Am Festungsgraben 2
10117 Berlin

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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