Gustave Caillebotte in der Alten Nationalgalerie

Gustave Caillebotte © Art Institute of Chicago

Gustave Caillebotte in der Alten Nationalgalerie

 

Von Holger Jacobs

23.05.2019

english text

Ein Highlight des französischen Impressionismus kommt für vier Monate nach Berlin.

Das fast schon monumentale Gemälde von Gustave Caillebotte (*1848), „Rue de Paris, temps de pluie“ (212 x 276 cm) von 1877, überstrahlt den großen, zentralen Raum im ersten Obergeschoss der Alten Nationalgalerie, wo die Sammlung der französischen Impressionisten hängt.
Dieses Ereignis verdanken wir Berliner dem Umstand, dass die Nationalgalerie ein anderes bedeutendes Werk, das Gemälde „Dans la serre“ (Im Wintergarten) von Édouard Manet aus dem Jahre 1879 aus ihrer Sammlung für eine große Manet-Ausstellung an das Art Institut of Chicago ausgeliehen hat – und diese im Gegenzug das aus ihrer Sammlung stammende Bild von Gustave Caillebotte nach Berlin lieferte.

Nach Chicago ausgeliehen: Édouard Manets Bild „Im Wintergarten“ von 1879 © Staatliche Museen zu Berlin

Die Alte Nationalgalerie erzählt zur Ausstellung eine interessante Geschichte über den Beginn des Impressionismus.

Anders, als man denken sollte, war der Impressionismus in Frankreich am Anfang keineswegs willkommen. Zu sehr waren die Institutionen und auch der öffentliche Geschmack an die akademische Malerei des 19. Jahrhunderts gewöhnt, die darauf beruhte, in der Malerei ein absolutes Ebenbild der Wirklichkeit zu schaffen.
Über 400 Jahre, seit der Renaissance, war dieses Ziel oberste Prämisse.

Doch mit der Erfindung der Fotografie im Jahre 1839 war das Ziel der wirklichkeitsgetreuen Abbildung in der Malerei obsolet geworden – die neue Technik durch das Lichtbild konnte dies wesentlich besser.

Raum der Impressionisten in der Alten Nationalgalerie, Foto: Holger Jacobs

Also begannen Künstler ab der Mitte des 19. Jahrhunderts mit neuen Darstellungsformen und neuen Techniken zu experimentieren.
Besonders in Frankreich begannen Maler wie Pierre-Auguste Renoir (*1841), Paul Cézanne (*1839), Édouard Manet (*1832), Edgar Degas (*1834), Camille Pissaro (*1830) und Claude Monet (*1840) einen Stil zu erarbeiten, der später durch den Kunstkritiker Louis Leroy seinen Namen erhielt: „Impressionismus“.
Der Kunstkritiker übernahm den Begriff aus dem Titel eines Werkes von Édouard Manet: „Impression – soleil levant“, welches er auf der ersten gemeinsamen Ausstellung dieser jungen Künstler in Paris gesehen hatte.

Dass diese Ausstellung ausgerechnet bei dem Fotografen Nadar organisiert wurde, passt zu der eben zitierten Geschichte.

Eine zentrale Figur innerhalb dieser Künstlergruppe war der junge Gustave Caillebotte, ebenfalls Künstler und ebenfalls großer Anhänger der neuen Stilrichtung.
Als 1974 sein Vater starb, erbte Cailleboote ein riesiges Vermögen.
Er nahm das Geld, um seine Künstlerkollegen zu unterstützen und um damit den Impressionismus als neue Stilrichtung bei Kunstsammlern und Museumsdirektoren durchzusetzen. Weshalb er schon früh ein Testament aufsetzte, indem er anordnete, dass in seinem Todesfall viele Gemälde, die er von seinen Künstlerfreunden gekauft hatte, an den Staat gehen sollten.

Hier unser Gang durch die Ausstellung in 0.43 Min. auf kultur24 TV:

Wie das Schicksal es so wollte, verstarb Gustave Caillebotte relativ früh 1894 im Alter von 45 Jahren. Doch der Staat zeigte sich nicht sonderlich an Caillebottes Offerte interessiert. Von den über 60 angebotenen Werken wurden lediglich (und auch nur sehr zögernd) 17 Arbeiten übernommen.
Selbst das eigene Werk von Caillebotte, das jetzt in Berlin zu bestaunende Gemälde „Rue de Paris, temps de pluie“, wurde vom französischen Staat abgelehnt, weshalb es über Umwege in die USA und schließlich in das Art Institute of Chicago kam.

Im Gegensatz zu den Franzosen erkannte der damalige Leiter der Nationalgalerie Hugo von Tschudi sehr früh die künstlerische Qualität dieser französischen Impressionisten und begann bereits 1896 mit dem Ankauf einiger Werke dieser Maler. Ihm ist es zu verdanken, dass die Alte Nationalgalerie heute eine ansehnliche Sammlung aus dieser Stilepoche der Kunst besitzt.

Hiermit erinnere ich gerne an die wunderbare Ausstellung „IM/ EX – Impressionismus und Expressionismus“ in der Alten Nationalgalerie im Jahre 2015.

Ein wichtiger Punkt zum Schluss:

Der Aufbau von Sammlungen neuer, zeitgenössischer Kunst scheiterte in früheren Zeiten häufig daran, dass die staatlichen Museen, wollten sie neue Bilder ausstellen, alte, etablierte Kunst abhängen mussten.
Allein aus Gründen von Platzmangel scheiterte deshalb oft der Ankauf neuer Arbeiten. Erst in jüngerer Zeit leisteten sich Länder, Städte und Gemeinde zusätzliche Museen, um auch neuste Werke ankaufen und ausstellen zu können.

Ein sehr gutes Beispiel für ein Ensemble von Museen mit Kunst aus unterschiedlichen Epochen ist in München zu erleben, wo die Alte Pinakothek (Kunst von der Renaissance bis Klassik), die Neue Pinakothek (Kunst des 19. und Anfang 20. Jahrhunderts), und die Pinakothek der Moderne (Zeitgenössische Kunst) dicht beieinander an der Theresienstraße in der Münchner Maxvorstadt stehen.

Die Ausstellung in der Alten Nationalgalerie in Berlin zeigt jetzt als zentrales Hauptwerk das Gemälde „Rue de Paris – Temps de Pluie“ von Caillebotte zusammen mit Werken seiner damaligen Malerfreunde Monet, Renoir, Manet, Cézanne und Degas.

Gustave Caillebotte – Maler und Mäzen des Impressionismus
17.5 – 15.9.2019
Alte Nationalgalerie
Bodestrasse 1-3
10178 Berlin
Di – So 10 – 18 Uhr, Do – 20 Uhr

Hier unsere Bilderserie mit 7 Fotos von den schönsten Bildern der Impressionisten:

7 Photos: Gustave Caillebotte: „Rue de Paris, temps de pluie“, 1877 © Art Institute of Chicago, Foto: Holger Jacobs

english text

(pictures see above)

Gustave Caillebotte in the Alte Nationalgalerie
By Holger Jacobs
05/23/2019
A highlight of French impressionism comes to Berlin for four months.
The almost monumental painting by Gustave Caillebotte (* 1848), „Rue de Paris, temps de pluie“ (212 x 276 cm) from 1877, outshines the large, central room on the first floor of the Alte Nationalgalerie, where the collection of the French impressionists hangs. We owe this event to the fact that the Nationalgalerie loaned another important work, the painting „Dans la serre“ (In the conservatory) from Édouard Manet from 1879 for a large Manet exhibition to the Art Institute of Chicago and – in return – delivered the picture of Gustave Caillebotte from Chicago to Berlin.
The Alte Nationalgalerie tells an interesting story about the beginning of Impressionism.
Contrary to what one might think, Impressionism was by no means welcome in France at the beginning. The institutions as well as the public taste were too accustomed to the academic painting of the nineteenth century, which was based on creating an absolute copy of reality in painting. Over 400 years since the Renaissance, this goal has been the supreme premise.
But with the invention of photography in 1839, the goal of true-to-life depiction in painting had become obsolete – the new technique through the photo camera could do so much better.
So from the mid-19th century, artists began to experiment with new forms of painting and new techniques. Painters such as Pierre-Auguste Renoir (* 1841), Paul Cézanne (* 1839), Édouard Manet (* 1832), Edgar Degas (* 1834), Camille Pissaro (* 1830) and Claude Monet (* 1840) began in France to develop a style that later received its name from the art critic Louis Leroy: „Impressionism“. The art critic took the term from the title of a work by Édouard Manet: „Impression – soleil levant“, which he had seen at the first joint exhibition of these young artists in Paris.

The fact that this first exhibition was organized by the photographer Nadar fits well to what I said before.
A central figure in this group of artists was the young Gustave Caillebotte, also an artist and also a great supporter of the new style. When his father died in 1974, Cailleboote inherited a huge fortune.
He took the money to support his fellow artists and thus to enforce the impressionism as a new style of art collectors and museum directors. Which is why he set up a testament, declaring that in his death many paintings he had bought from his artist friends should go to the state.
As fate would have it, Gustave Caillebotte died relatively early in 1894 at the age of 45 years.
But the French state was not particularly interested in Caillebotte’s offer. From more than 60 works on offer, only 17 works (and only very hesitantly) have been taken over.
Even Caillebotte’s own work, the painting „Rue de Paris, temps de pluie“, now to be admired in Berlin, was rejected by the French state, which is why it came via detours to the USA and finally to the Art Institute of Chicago.
In contrast to the French, the former director of the Nationalgalerie in Berlin, Hugo von Tschudi, recognized the artistic quality of these French Impressionists at a very early stage and began buying some of these works as early as 1896.
It is thanks to him that the Alte Nationalgalerie today has a considerable collection from this epoch of art.
I would like to remind you of the wonderful exhibition „IM / EX – Impressionism and Expressionism“ in the Alte Nationalgalerie in 2015.

An important point to conclude:
The purchase of new, contemporary art in museums often failed in earlier times because the state museums, if they wanted to exhibit new images, had to depend on old, established art. A simple problem of lack of space. More recently, the states, cities and municipalities have provided additional museums to buy and exhibit more contemporary art.
A very good example of an ensemble of museums with art from different eras can be experienced in Munich, where the Alte Pinakothek (art from the Renaissance to classical), the Neue Pinakothek (art of the 19th and early 20th century) and the Pinakothek Modernism (contemporary art) are close together on the Theresienstraße in the Munich Maxvorstadt.
The exhibition in the Alte Nationalgalerie in Berlin is now showing, as a central masterpiece, the painting „Rue de Paris – Temps de Pluie“ by Caillebotte together with works by his former painter friends Monet, Renoir, Manet, Cézanne and Degas.
„Gustave Caillebotte – painter and patron of impressionism“
Alte Nationalgalerie
Bodestrasse 1-3
10178 Berlin
Tues – Sun 10am – 6pm, Thu – 8pm

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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