Herrumbre – Nacho Duato – Staatsballett Berlin

Herrumbre - Staatsballett Berlin 2016 © Holger Jacobs

Herrumbre – Nacho Duato – Staatsballett Berlin

 

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂   (vier von fünf)

Von Holger Jacobs

24.2.2016

Das Thema Folter in eine Ballettkomposition zu bringen, scheint nur schwer vorstellbar. Denn die gängige Vorstellung über Ballett ist eher von Schönheit und Anmut geprägt als von Grausamkeit – gerade im klassischen Ballett. Doch Folter? Nacho Duato, Intendant des Staatsballetts Berlin, hat es gewagt.

Artikel 1: Alle Meschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Artikel 3: Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Artikel 5. Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.

Diese Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (hier in Auszügen zitiert) wurde in der UN- Vollversammlung am 10.12.1948 mit 48 Stimmen ohne Gegenstimme angenommen. Kaum zu glauben, dass sie kaum ein Land bisher eingehalten hat. Selbst die USA, eines der ältesten Demokratien der Welt, welches den Freiheitsgedanken immer besonders hochhält, hat seit dem 11. September 2001 so viele Menschenrechtsverletzungen im Namen der Nationalen Sicherheit verübt, wie kaum ein anderes westliches Land. Das Gefangenenlager Guantanamo ist hier nur ein Beispiel. Es wurde 2002 von der US-Regierung einzig allein deshalb eingerichtet, weil die zivile Gerichtsbarkeit der USA dort nicht gilt. Man kann also mit den Gefangenen machen was man will. Und der jüngste Amnesty International Report, der gestern am 23.2.2016 vorgelegt wurde besagt, dass 2015 wieder mehr Menschenrechtsverletzungen verübt wurden als je zuvor.

Aber wir wollen nicht zuviel über Politik, sondern mehr über die Kunst reden. Nacho Duato wollte dieses schwierige Thema in eine Ballett-Choreographie bringen und ich muss sagen, dass ihm das durchaus gelungen ist. In 65 Minuten werden einzelne Szenen präsentiert, die das Interagieren zwischen verschiedenen Tänzern zeigt. Zum Beispiel in kleinen Gruppen zu dritt, wenn zwei vermutliche Folterknechte einen vermutlichen Gefangenen „in die Mangel“ nehmen. Jedes Mal ringen drei Körper mit sich und gegeneinander, versuchen den Gefangenen tänzerisch in die Knie zu zwingen, ihm Gewalt anzutun. Das sieht glaubhaft aus. Dann gibt es wiederum Formationen mit mehren Tänzerinnen und Tänzern, bei denen mal der eine, mal die andere Macht über jemanden anderen ausübt.

Begleitet wird das Ensemble durch eine Musikkomposition, die sowohl hart und brutal, wie auch weich und harmonisch sein kann. Nacho Duato nahm dafür Teile einer Cello-Sonate von David Darling und mischte sie mit Kompositionen von Pedro Alcalde und Sergio Caballero. Es sollte ein Klangteppich entstehen zwischen den weichen Tönen eines Streichinstruments und den harten Schlägen von Metall.

Besonders interessant auch die Bühne. Ein komplett schwarzer Raum wird nur durch blaues Licht und ein paar wenige Scheinwerfer beleuchtet. Im Hintergrund agiert eine faszinierende Metallkonstruktion, die sich in verschiedenen Ebenen bewegen lässt und sowohl Gefängniszaun, Metallgitter, Mauer oder Dach darstellen kann. Der irakische Architekt Jaffar Chalabi, der in Wien ein eigenes Architekturbüro unterhält, zeichnete hierfür verantwortlich. Duato hatte schon mehrmals mit ihm zusammengearbeitet, so z.B. bei seiner großartigen Choreographie „Vielseitigkeit“, die letztes Jahr in der Komischen Oper in Berlin zu sehen war.

Zum Schluss neigt sich die Metallkonstruktion zu einem langen, in den Bühnenhintergrund hineinragenden Tisch, auf dem die Tänzerinnen und Tänzer rote Kerzen drapieren – Kerzen, wie man sie aufstellt, wenn Menschen gestorben sind. Die Zahl der Kerzen scheint unendlich.

Es tanzt das Staatsballett Berlin.

Nächste Vorstellungen am 26.2.16 um 19.30 Uhr und am 28.2.16 um 15.00 Uhr in der Staatsoper im Schillertheater, Bismarckstrasse 110, Berlin-Charlottenburg

 

Herrumbre - Staatsballett Berlin 2016 © Holger Jacobs

28 Bilder: Herrumbre – Staatsballett Berlin 2016 © Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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