Herzog de Meuron – Museum 20. Jahrhundert

Museum des 20. Jahrhunderts, Jacques Herzog © Holger Jacobs/ Herzog de Meuron

Herzog de Meuron – Museum 20. Jahrhundert

 

Von Holger Jacobs

16.11.2017

 english text below

Akademie der Künste Berlin: Gesprächsrunde mit den Architekten Herzog de Meuron zum Thema Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin

Mittwoch Abend trafen sich mehrere Verantwortliche für das ambitionierte Projekt zur Errichtung eines neuen Museums am Kulturforum in Berlin in der Akademie der Künste. Allen voran natürlich die Architekten selbst, Jacques Herzog und Pierre de Meuron des Schweizer Architekturbüros Herzog de Meuron. Ohne zu übertreiben kann man durchaus behaupten, dass diese beiden zurzeit zu den bekanntesten und wichtigsten Architekten der Welt gehören. Sie dürfen sich einreihen neben ihren berühmten Kollegen Frank O. Gehry, Frank Lloyd Wright (†1959), Mies van der Rohe (†1969), Sir Norman Foster, Tadao Ando und Zaha Hadid (2016). Ihre Bauten, wie das Olympiastadion („Vogelnest“) in Peking, die Allianz-Arena in München oder die Elbphilharmonie in Hamburg, sind Meilensteine der Architekturgeschichte.

12 Photos: Elbphilharmonie Hamburg Foto: Holger Jacobs

Kein Wunder also, dass sie letztes Jahr den Wettbewerb zur Errichtung eines neuen Museum am Kulturforum in Berlin gewannen (kultur24 berichtete). Doch ihr Entwurf löste bei der Bevölkerung in Berlin einen Skandal aus, sah der Bau doch mehr einem Aldi- oder Lidl-Markt ähnlich als einem spektakulären Haus für moderne- und zeitgenössische Kunst.

14 Photos: Museum des 20. Jahrhunderts © Herzog de Meuron

Die Akademie der Künste organisierte deshalb eine Gesprächsrunde mit wichtigen Vertreten aus Politik, Architektenkollegen und den beiden Hauptverantwortlichen. Erstens sollten Herzog de Meuron die Gelegenheit bekommen ihren Entwurf der Öffentlichkeit erklären zu dürfen und zweitens sollten Fragen des Publikums beantwortet werden.

Dazu versammelten sich auf dem Podium Jacques Herzog und Pierre de Meuron, Katrin Lompscher als Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, Torsten Wöhlert als Staatssekretär für Kultur und die beiden Moderatoren Matthias Sauerbruch (Architekt) und Wilfried Wang (Mitglied der Sektion Baukunst).

Zunächst eröffnete Jacques Herzog den Abend mit einem knapp 30-minütigem Vortrag. Anhand von Projektionen erklärte er die Vorgehensweise, wie er und sein Partner die Ideen für das neue Museum des 20. Jahrhunderts entwickelt hatten. Dabei waren für sie viele Faktoren zu berücksichtigen. Einmal die Historie des Platzes, vom Anfang des 20 Jahrhunderts über den 2. Weltkrieg, die Zerstörung Berlins, die Teilung der Stadt und die Situation des nahegelegenen Potsdamer Platzes während der Mauer-Zeit. In den 50er und 60er Jahren entstanden mehrere Masterpläne für die Entwicklung des Raumes zwischen Tiergarten und Landwehrkanal und mehrere monumentale Bauten entstanden, die heute als Ikonen der Architekturgeschichte gelten. Allen voran die Philharmonie von Hans Sharoun und die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe. Doch beide sind absolute Solitäre, zwei in sich völlig verschiedene Architekturstile. Das Problem bestand für Herzog de Meuron, nun ein weiteres bedeutendes Bauwerk daneben zu stellen, ohne die Gesamtansicht (oder auch den Gesamteindruck) zu stören.

Senatorin Katrin Lompscher (Die Linke) und Jacques Herzog © Holger Jacobs

Das war dann letztlich auch der Grund, warum sich Herzog De Meuron für ein bescheidenes Haus mit Satteldach entschieden. Man wollte die äußere Ansicht so zurückhaltend wie möglich gestalten.

Eine weitere interessante Idee fanden die beiden Architekten in der Architektur der Alten Nationalgalerie in Berlin (Friedrich August Stüler 1876). Das Gebäude ist unterteilt in einen oberen, monumentalen Teil, der wie ein Tempel aussieht (übrigens ebenfalls mit Satteldach) und einem unteren Teil, der wie ein Sockel wirkt. Herzog De Meuron übertrugen diese Idee auf ihren Entwurf, verlegten den Sockel aber unter die Erde, um das Gebäude nicht zu hoch werden zu lassen. Der überirdische Teil es neuen Museums wird vielerlei Zwecken dienen (u.a. zwei sich kreuzende Alleen, die als Achsen zwischen Neuer Nationalgalerie und Philharmonie und zwischen Staatsbibliothek und Gemäldegalerie dienen werden), das eigentliche Museum wird sich aber darunter befinden.

Nach dem Vortrag kam es zur erwartenden Diskussion, bei der sich herausstellte, dass nicht nur das Satteldach in Frage gestellt wurde, sondern vielmehr auch die Überlegung, wie der gesamte Platz eines Tages mit all seinen Museen aussehen soll? Soll es weiterhin eine urbane Wüste sein wie jetzt, oder soll es doch mit Geschäften, Restaurants und Cafés belebt werden? Zurzeit müssen die Besucher eines Konzertes immer den Ort verlassen, wenn sie noch etwas essen oder trinken möchten. Wilfried Wang fragte deshalb die Senatorin für Stadtentwicklung Katrin Lompscher (Die Linke, früher langjähriges Mitglied der SED zur DDR Zeit), ob es nicht notwendig wäre, nun einen neuen Masterplan zu entwickeln, um diese Ideen zusammenzufassen. Die Senatorin verneinte das, es gäbe schließlich bereits einen Masterplan.

Weitere Fragen ergaben sich daraus, wie die unsägliche „Autobahn“, die Potsdamer Strasse, die hier vierspurig ausgebaut das gesamte Gelände durchschneidet, in Zukunft gestaltet werden könnte. Untertunneln? Zumal hier auch noch eine Erweiterung des Straßenbahnnetzes vorgesehen ist. Auf dem jetzt grünen Mittelstreifen sollen die Straßenbahnschienen verlaufen.

Der Abend konnte diese vielen Fragen nicht beantworten, zumal neben der Großbaustelle zum Bau des neuen Museums auch noch die Renovierung der Neuen Nationalgalerie läuft. Die Fertigstellung des gesamten Platzes ist dementsprechend erst für 2032 vorgesehen. In diesen 15 Jahren kann noch viel passieren und mehrere Regierungen werden sich abwechseln.

Berlin bleibt wohl ewig eine Baustelle.

Hier der vollständige Vortrag von Jacques Herzog in unserem Video auf kultur24 TV:

 

 english text

Duke de Meuron – the National Gallery 20 in Berlin
By Holger Jacobs
16/11/2017
Discussion round on the controversial design of the architects Herzog de Meuron for the new museum of the 20th century in Berlin at the Kulturforum
Last night, several leaders met for the ambitious project to build a new museum at the Kulturforum in Berlin in the Akademie der Künste. Above all, of course, the architects themselves, Jacques Herzog and Pierre de Meuron of the Swiss architectural office Herzog de Meuron. Without exaggeration, one can argue that these two are among the best known and most important architects in the world. They can join alongside their famous colleagues Frank O. Gehry, Frank Lloyd Wright († 1959), Mies van der Rohe († 1969), Sir Norman Foster, Tadao Ando and Zaha Hadid (2016). Their buildings, such as the Olympic Stadium („Bird’s Nest“) in Beijing, the Allianz Arena in Munich or the Elbphilharmonie in Hamburg, are milestones in the history of architecture.
No wonder, then, that they won the competition last year for the construction of a new museum at the Kulturforum in Berlin (kultur24 reported). But their design caused a scandal among the population in Berlin, the building looked more like an Aldi or Lidl market than a spectacular house for modern and contemporary art.
Therefore, the Academy of Arts organized a round of talks with important representatives of politics, architects‘ colleagues and the two main responsible persons. Firstly, Duke de Meuron should have the opportunity to explain their design to the public and, secondly, questions from the audience should be answered.
On the podium, Jacques Herzog and Pierre de Meuron, Katrin Lompscher as Senator for Urban Development and Housing, Torsten Wöhlert as Secretary of State for Culture and the two presenters Matthias Sauerbruch (architect) and Wilfried Wang (member of the section architecture) gathered together.

First, Jacques Herzog opened the evening with a less than 30-minute lecture. Using projections, he explained how he and his partner had come up with ideas for the new Museum of the Twentieth Century. There were many factors to consider. Once the history of the square, from the beginning of the 20th century to the Second World War, the destruction of Berlin, the division of the city and the situation of the nearby Potsdamer Platz during the wall time. In the 50s and 60s, several master plans for were developed for the space between Tiergarten and Landwehr Canal and several monumental buildings were created, which are now considered as icons of architectural history. Above all, the Philharmonie of Hans Scharoun and the New National Gallery of Mies van der Rohe. But both are absolute solitaires, two completely different architectural styles. The problem was for Herzog de Meuron, to plan another important building, without disturbing the overall view.
That was ultimately the reason why Herzog De Meuron opted for a modest house with gable roof. They wanted to make the outer view as restrained as possible.
Another interesting idea found the two architects in the architecture of the Old National Gallery in Berlin (Friedrich August Stüler 1876) at the Museumsinsel. The building is divided into an upper, monumental part that looks like a temple (also with gable roof, by the way) and a lower part that looks like a pedestal. Herzog De Meuron transferred this idea to their design, but laid the base under the ground so as not to make the building too high. The unearthly part of the new museum will serve many purposes (including two intersecting avenues that will serve as axes between the New National Gallery and the Philharmonic Hall and between the State Library and the Picture Gallery), but the museum itself will be located below.
After the lecture, there was an anticipated discussion, which turned out that not only the pitched roof was questioned, but also the consideration of how the whole place should one day look like with all its museums? Should it continue to be an urban desert as it is now, or should it be animated with shops, restaurants and cafes? Currently, visitors to a concert always have to leave the place if they want to eat or drink. Wilfried Wang therefore asked Senator for Urban Development Katrin Lompscher (The Left Party, formerly member of the SED during the GDR era), whether it would be necessary to develop a new master plan to summarize these ideas. The senator said that there is already a master plan.
Further questions arose from how the (lookalike) „Autobahn“, the Potsdamer Strasse, which cuts through the entire area in two pieces, could be designed in the future. With a tunnel? Especially since there is also the idea to extent of the tram. The tram rails are supposed to run on the now green median strip.
The evening could not answer these many questions, especially since the construction of the new museum and the renovation of the New National Gallery are in progress. The completion of the entire square is therefore scheduled for 2032. A lot can happen in these 15 years and several governments will alternate.
Berlin will probably remain a construction site forever.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist