Herzstück von Heiner Müller am Gorki Theater

Herzstück - Maxim Gorki Theater ph: Holger Jacobs

Herzstück von Heiner Müller am Gorki Theater

 

Von Holger Jacobs

20.08.2019

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

Die Inszenierung zum Auftakt der Saison 2019/ 2020 am Maxim Gorki Theater ist eine Mischung aus bunten Clowns, viel Musik und zwei Saugrobotern – und ein Knaller!

Im Jahre 1983 schrieb Heiner Müller einen 14-Zeiler, der über Liebe und Arbeit reflektiert und gleichzeitig so viel Gefühl ausstrahlt, wie es so typisch ist für die Werke Müllers.

EINS Darf ich Ihnen mein Herz zu Füssen legen.
ZWEI Wenn Sie mir meinen Fussboden nicht schmutzig machen.
EINS Mein Herz ist rein.
ZWEI Das werden wir ja sehn.
EINS Ich kriege es nicht heraus.
ZWEI Wollen Sie, dass ich Ihnen helfe.
EINS Wenn es Ihnen nichts ausmacht.
ZWEI Es ist mir ein Vergnügen. Ich kriege es auch nicht heraus.
EINS heult
ZWEI Ich werde es Ihnen herausoperieren. Wozu habe ich ein Taschenmesser. Das werden wir gleich haben.
Arbeiten und nicht verzweifeln.
So, das hätten wir.
Aber das ist ja ein Ziegelstein. Ihr Herz ist ein Ziegelstein.
EINS Aber es schlägt nur für Sie.

Das Herz gilt biologisch als das wichtigste Organ des Menschen.
Gleichzeitig wird ihm auch die Fähigkeit großer Gefühle zugeschrieben, bzw. wird dazu benutzt, große Gefühle auszudrücken.
„Mein Herz schlägt nur für Dich“! „Er hat sein Herz an Sie verloren“! „Ich schenke Dir mein Herz!“ u.s.w.
Keiner würde sagen: „Ich schenke Dir mein Bein“.
Das Herz nimmt sowohl physiologisch als auch psychologisch für den Menschen eine besondere Rolle ein. Ohne das Herz geht gar nichts. Wenn eine Person also ihr Herz verschenkt, dann ist es das höchste Gut, was es zu vergeben hat.

Daneben steht die Arbeit. Im sozialistischen Staat die wichtigste Aufgabe des Bürgers. Doch anders als im Kapitalismus dient sie nicht ausschließlich zum Geldverdienen, sondern ist die zentrale Aufgabe einer Gemeinschaft. Den Begriff „Arbeiter und Bauernstaat“ finden wir in fast allen kommunistischen Ländern – vom Maoismus über den Leninismus bis zum real existierenden Sozialismus.

Heiner Müller verbindet in seinen 14 Zeilen beide Begriffe und setzt damit der Arbeit das Gefühl gegenüber.
Wozu arbeite ich? Was gibt mir die Arbeit? Warum muss ich arbeiten? Besteht das ganze Leben nur aus Arbeit? Und wo bleibt das Gefühl? – mag sich der Einzelne fragen.

Regisseur Sebastian Nübling schiebt in seiner Inszenierung subtile psychologische Fragen beiseite und lässt es Knallen – bunt und laut.

Sieben Clowns sollen ein Gerüst aufbauen, doch keiner will so recht. Irgendwie ist jeder mit seinen eigenen Problemen beschäftigt.
Eine, gespielt von Kenda Hmeidan, hat sogar richtig Angst vor der Arbeit und der Oberclown, gespielt von Dominic Hartmann, muss sie regelrecht auf die Bühne zerren.
Maryam Abu Khaled soll ständig zu dem Lied „Smile“ von Nat King Cole über alle Backen grinsen, was ihr aber immer schwerer fällt.
Eine andere, Elena Schmitt, verrät, dass sie alles nur falsch macht: „I fucked it totally up“, trotzdem versucht sie es immer wieder.
Und Vidina Popov wirft in einem Wortgewitter direkt an den Zuschauer gewandt alles hinein, was ihr in den Sinn kommt: Die heutige Existenz im Zeitalter von Social Media bis zu einer Dankesrede an die Intendantin des Maxim Gorki Theaters, Shermin Langhoff. Denn mehrere der sieben Darsteller*innen sind Flüchtlinge aus Ländern wie Syrien, Afghanistan oder dem Irak. Und bekommen hier eine Chance wieder auf der Bühne zu stehen.

Der Monolog von Vidina Popov ist grandios. Große Schauspielkunst.

Hier unser kurzer Trailer von der Produktion „Herzstück“ auf kultur24 TV:

Irgendwann schaffen die Sieben dann doch das Gerüst aufzubauen. Es dient zur Installation eines übergroßen Herzens, welches aufleuchtet und blinkt und versucht dem Saal die gefühlsmäßige Wärme zu geben, die wir alle von einem Herzen erwarten.

Doch es gelingt nicht. Das Herz wird wieder abgebaut, die Bühne aufgeräumt und am Schluss bleiben nur noch zwei Saugroboter, die zwischen den am Boden liegenden Darstellern den Dreck entfernen.

Herz und Arbeit sind unvereinbar? Ein Herz kann ich verschenken, aber Arbeit? Auch nach 1 Stunde 15 Minuten voller Action, Fun and Music bleibt dennoch am Ende eine gewisse Melancholie zurück.

Fazit: Gut gemacht, Herr Nübling.

Anmerkung: Die Tochter von Heiner Müller, Anna Müller (*1993), gründete im Jahr 2017 ihren eigenen Verlag, den Herzstückverlag. Hier unsere Bericht über die Premierenfeier im Club King Size im Juli 2017

„Herzstück“ von Heiner Müller
Maxim Gorki Theater
Regie: Sebastian Nübling, Bühne und Kostüme: Eva-Maria Bauer, Musik: Thomas Koch, Video: Maryvonne Riedelsheimer und Jesse Kracht, Licht: Gregor Roth, Dramaturgie: Ludwig Haugk

Mit: Dominic Hartmann, Vidina Popov, Elena Schmitt, Maryam Abu Khaled, Karim Daoud, Kenda Hmeidan und Mazen Aljubbeh

Nächste Vorstellung: 1. September 2019

Hier unsere Bilderserie mit 16 Fotos der Theaterproduktion:

„Herzstück“ von Heiner Müller im Maxim Gorki Theater, © Holger Jacobs

English text

Rating: 🙂 🙂 🙂 🙂 (four of five)

HERZSTÜCK by Heiner Müller at the Gorki Theater
By Holger Jacobs
08/20/2019
Herzstück at the start of the season 2019/2020 at the Maxim Gorki Theater is a mixture of colorful clowns, a lot of music and two vacuum robots – and a blast!
In 1983, Heiner Müller wrote a 14-line, which reflects on love and work and at the same time radiates as much feeling as it is typical for the works of Müller.

The heart is considered biologically as the most important organ of man. At the same time it is also attributed to the ability of great feelings, or is used to express great feelings. „My heart only beats for you“! „He lost his heart to you“! „I’ll give you my heart!“ etc. Nobody would say: „I will give you my leg“.
The heart plays a special physiological as well as psychological role for humans. Nothing works without the heart. So, if a person gives away his heart, then it is the highest good that he/she has to give.
Next to it is the work. In a socialist/ communist state the most important task of the citizen. But unlike in capitalism, it is not exclusively for making money, but is the central task of a community. We find the term „workers and peasant state“ in almost all communist countries – from Maoism to Leninism to the real existing socialism.

In his 14 lines, Heiner Müller combines both concepts and sets the feeling against the work.
What am I working for? What does the work give me? Why do I have to work? Is all life just work? And where is the feeling? – May the individual ask.
Director Sebastian Nübling pushes in his production subtle psychological questions aside and lets it play pop – colorful and loud.
Seven clowns are to build a scaffold, but no one really wants. Somehow, everyone is busy with his own problems. One, played by Kenda Hmeidan, is really afraid of the work and the leader clown, played by Dominic Hartmann, has to literally pull her to the stage.
Maryam Abu Khaled is said to be constantly grinning at the song „Smile“ by Nat King Cole, which is getting harder and harder.
Another one, Elena Schmitt, reveals that she’s doing everything wrong: „I totally fucked it up,“ but she keeps trying.
And in a storm of words, Vidina Popov casts directly into the viewer everything that comes to her mind: her present existence in the age of social media and a speech of thanks to the director of the Maxim Gorki Theater, Shermin Langhoff. Because several of the seven performers are refugees from countries like Syria, Afghanistan or Iraq. And get a chance here to be on stage again.
The monologue by Vidina Popv is great acting art.
Finally, the seven manage to build the scaffolding. It is used to install an oversized heart that lights up and flashes, trying to give the room the emotional warmth we all expect from one heart.
But it does not succeed. The heart is dismantled again, cleared the stage and at the end remain only two vacuum cleaner robots that remove the dirt lying between the actors on the floor.
Heart and work are incompatible? You can give away a heart, but work? Even after 1 hour 15 minutes full of action, fun and music, a certain melancholy still remains at the end.
Conclusion: Well done, Mr. Nübling.
Note: The daughter of Heiner Müller, Anna Müller, founded her own publishing house, the Herzstückverlag, in 2017
Heart of Heiner Müller
Maxim Gorki Theater
Director: Sebastian Nübling, Stage and Costumes: Eva-Maria Bauer, Music: Thomas Koch, Video: Maryvonne Riedelsheimer and Jesse Kracht, Light: Gregor Roth, Dramaturgy: Ludwig Haugk
Actor/Actress: Dominic Hartmann, Vidina Popov, Elena Schmitt, Maryam Abu Khaled, Karim Daoud, Kenda Hmeidan and Mazen Aljubbeh
Next performance: 1 September 2019

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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