„Honey, I rearranged the collection“- Hamburger Kunsthalle

Sigmar Polke - Bruce Nauman @ Hamburger Kunsthalle

„Honey, I rearranged the collection“- Hamburger Kunsthalle

 

Von Julia Engelbrecht

23.04.2018

english text below

Neue Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle mit Werken der Sammlung für zeitgenössische Kunst

Welche Juwelen sich in ihrer Sammlung für Gegenwartskunst befinden, zeigt die Hamburger Kunsthalle im dritten Teil der über einen Zeitraum von drei Jahren konzipierten Schau „Honey, I rearranged the collection“.  Kuratorin Dr. Brigitte Kölle ist die Freude über das gelungene Arrangement anzusehen, als sie die Bezüge der Kunstwerke zueinander darlegt, ihre Entstehung, Herkunft und Bedeutung hervorhebt und immer wieder mit großer Leichtigkeit zum Thema der Ausstellung zurückführt: Die Beziehung des Menschen zum Raum.

Da darf natürlich ein Irrgarten nicht fehlen. Die Rauminstallation der polnischen Künstlerin Monika Sosnowska ist ein mit Blümchentapete beklebtes Labyrinth, das den Besucher in ein Wirrwarr aus Türen und Wänden, Kämmerchen und Winkeln lockt, bis er sich verliert in unerträglicher Enge, und bis der vermeintliche Raumspaß in Pastell umschlägt in Raumangst untermalt vom Sound zuschlagender Türen. Die Wechselwirkung von Raum und Psyche wird hier wie in einem Brennglas erfahrbar.
Klaustrophobisch ist auch der Videogang durch das verlassene Hauptquartier der Staatssicherheit in Berlin-Höhenschönhausen. Die britischen Künstlerschwestern Jane und Louise Wilsons lassen in schwankender Bewegung eine Kamera durch die Korridore, Büros und Räume fahren und kreieren eine beklemmende Endlosschleife des Erinnerns, die der furchterregenden Macht von Folterräumen innewohnt. Der von grün-gräulichem Linoleum gespeiste Duktus der Zimmer transportiert ein Grauen, das wir historisch instinktiv verorten und benennen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Wie kann das sein?

Amüsanter geht es bei Nevin Aladags Arbeit „Hochparterre Altona“ zu. Eine Frau in Jeans und brauner Bluse steht im Fensterrahmen. Die Sonne scheint. Aus ihrem Mund kommen die Stimmen tatsächlich interviewter Anwohner, die ihre Meinung zu der umstrittenen Großbaustelle einer neuen IKEA-Filiale in ihrem Kiez kundtun. Verstörend ist vor allem die Präzision, mit der die  türkische Künstlerin ihrer Protagonistin die Lippenbekenntnisse der Passanten in den Mund legt. Aber schließlich ist der Klang als Ausdruck kultureller Identität ein Schwerpunkt im Werk von Nevin Aladag, deren Arbeiten bereits auf der Documenta, der Frieze in London und der Biennale in Venedig zu sehen waren.

Ihrer Macht und Monumentalität gänzlich beraubt baumelt der gestrickte Reichstag von Annette Streyl wie ein schlaffer Pulli an einer Wäscheleine. Diese Strickversion eines der bedeutendsten Gebäude unserer Republik reiht sich ein in die thematische Auseinandersetzung mit Architektur und ihrer Wirkung auf den Menschen. Da ergeben auch Thomas Schüttes Entwürfe „Hauptstadt II“  von 1984 einen Sinn in ihrer reduzierten Symbolhaftigkeit und demonstrativen Farbigkeit erinnern sie, so Dr. Kölle, an die Ästhetik des Dritten Reichs.

Insgesamt hält dieser dritte Teil der Ausstellungsreihe „Honey, I rearranged the collection“ ein wohltuendes Gleichgewicht zwischen intellektuellem Überbau und sinnlicher Entdeckungslust. Weitere Werke von Sigmar Polke, Rebecca Horn, Gerhard Richter, Rosemarie Trockel und Isa Genzken ergänzen das kluge Arrangement und bereichern unser Nachdenken über unser Verhältnis zu Raum und Ort.

Honey, I rearranged the collection
16. Febr. 2018 – 13. Jan. 2019
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall 5
20095 Hamburg
Di – So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr

6 Photos: Artwork by Aldag Nevin „Hochparterre in Altona“, 2010, „Honey, I rearranged the collection“ © Hamburger Kunsthalle

english text

„Honey, I rearranged the collection“- Hamburger Kunsthall

In the third part of the show „Honey, I rearranged the collection“ conceived over a period of three years, the Hamburger Kunsthalle will show which jewels are in their collection for contemporary art. Curator Dr. Brigitte Kölle is delighted to see the successful arrangement as she sets out the references of the works of art to one another, emphasizes their origin, origin and significance, and again and again leads them back with great ease to the subject of the exhibition: the relationship of man to space.
Of course, a maze may not be missing. The spatial installation by the Polish artist Monika Sosnowska is a labyrinth adorned with floral wallpaper that lures the visitor into a jumble of doors and walls, chambers and corners until he loses himself in unbearable confines, and until the alleged spatial fun in pastel turns into space anxiety accompanied by Sound of slamming doors. The interaction of space and psyche can be experienced here as in a burning glass.
Klaustrophobisch is also the videogang by the abandoned headquarters of the state security in Berlin-Höhenschönhausen. British artist sisters Jane and Louise Wilsons float a camera through the corridors, offices, and rooms in a wavering motion, creating an oppressive, endless loop of remembering inherent in the fearsome power of torture. The gloomy linoleum-laden vault of the rooms conveys a horror that we historically instinctively locate and name without ever having been there. How can that be?
More amusing is Nevin Aladag’s work „Hochparterre Altona“. A woman in jeans and brown blouse is standing in the window frame. The sun is shining. From her mouth come the voices of actually interviewed residents, who express their opinion on the controversial construction site of a new IKEA store in their neighborhood. Most disturbing is the precision with which the Turkish artist places the lip-service of the passers-by in the mouth of her protagonist. But finally, sound as an expression of cultural identity is a focal point in the work of Nevin Aladag, whose work has already appeared at Documenta, Frieze in London, and the Venice Biennale.
Completely deprived of its power and monumentality, the knitted Reichstag by Annette Streyl dangles like a sleepy sweater on a clothesline. This knitted version of one of the most important buildings of our republic fits into the thematic study of architecture and its effect on man. Thomas Schütte’s designs „Capital II“ from 1984 make sense in their reduced symbolism and demonstrative colors remind them. Kölle, to the aesthetics of the Third Reich.
All in all, this third part of the exhibition series „Honey, I rearranged the collection“ holds a soothing balance between intellectual superstructure and sensual desire for discovery. Further works by Sigmar Polke, Rebecca Horn, Gerhard Richter, Rosemarie Trockel and Isa Genzken complete the clever arrangement and enrich our reflection on our relationship to space and place.

 

Honey, I rearranged the collection, # 3 Bouncing in the Corner. The survey of the room, Hamburger Kunsthalle, until January 13, 2019

 

Julia Engelbrecht-Schnür

Author: Julia Engelbrecht-Schnür

Journalistin

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