Jürgen Teller im Martin-Gropius-Bau

Jürgen Teller - Vivienne Westwood © Holger Jacobs

Jürgen Teller im Martin-Gropius-Bau

 

Von Holger Jacobs

20.4.2017

Den Fotografen Jürgen Teller kenne ich seit über 20 Jahren. Ich traf ihn Anfang der 90er Jahre in Paris bei einer Modenschau zu Claude Montana im Trokadero. Er wurde mir durch Freunde vorgestellt.

Er hatte seine Fotografenausbildung an demselben Institut absolviert wie ich, der Bayerischen Staatslehranstalt für Fotografie in München.

Während es mich Mitte der 80er Jahre nach Paris zog, ging Jürgen Teller nach London, wo er sich zunächst als Fotograf für Musiker durchschlug, ähnlich wie in seinen Anfängen der holländische Fotograf Anton Corbijn (wir berichteten über dessen Ausstellung in der C/O Galerie in Berlin). In den angelsächsischen Ländern wird der Berichterstattung über Musiker eine sehr große Aufmerksamkeit beschert.

Jürgen Teller hatte das Glück die Gruppe Nirvana auf einer ihrer letzten Touren zu begleiten. Seine ausdrucksstarken Bilder von Kurt Cobain wurden schnell bekannt und in der Zeitschrift „Rolling Stone“ veröffentlicht. Dies war sein Durchbruch.

Musik und Mode liegen in London bekanntlich eng beieinander. Man denke nur an die Modedesignerin Vivienne Westwood, die als Punklady der ersten Stunde gilt. Der Schritt zur Modefotografie war deshalb für Jürgen Teller nicht weit. Und Vivienne Westwood wurde einer seiner ersten Kundinnen. Veröffentlichungen in ID und THE FACE folgten.

Auch Jürgen Tellers Landsmann Wolfgang Tilmans, vier Jahre älter, war Anfang der 90er Jahre nach London gekommen und hatte zunächst für die gleichen Magazine gearbeitet.

Durch beide wurde eine neue Sehweise der Fotografie kreiert: Der ungeschönte Blick auf das Objekt.

Während Tilmans sich mehr der künstlerischen Fotografie verschrieb (Turner-Prize 2000!) und viele Experimente auch mit abstrakten Arbeiten und Objekten erarbeitete, blieb Jürgen Teller bis heute überwiegend in der kommerziellen Fotografie – allerdings an der Schnittstelle zur Kunst.

Sehr gut kann ich mich noch an einen Beitrag auf dem Sender ARTE so Mitte der 90er Jahre über ihn erinnern, in dem Jürgen Teller als Pionier einer neuen Modefotografie vorgestellt wurde: der Snapshot-Photography.

Warum?

Während die Fotografie der 80er-Jahre noch bestimmt war von Glamour und übersteigerter Schönheit (Fernsehserie „Dallas“), durch Fotografen wie Herb Ritts oder Richard Avadon meisterhaft umgesetzt, suchte man in den 90er-Jahren nach neuen Stilelementen und einer neuer Sehweise.

Mit dem Siegeszug der „Grunge“ Mode, zum ersten Mal auf den Modenschauen 1992 in New York gezeigt (Marc Jacobs war einer ihrer Vorreiter), suchten die Moderedakteure nach neuen Fotografen, die diesen Stil umsetzen konnten. Und der junge Mann aus Deutschland kam da genau richtig.

Jürgen Teller im Martin-Gropius-Bau – Spherical Image – RICOH THETA

Vollbild

Jürgen Teller war deshalb zur richtigen Zeit am richtigen Ort!

Jürgen Tellers Fotografien sehen immer so aus, als wenn das Model gerade erst durch die Studiotür gekommen und sofort vor die Kameralinse gestellt worden wäre. Während bei anderen Fotografen stundenlange Beleuchtungseinstellungen notwendig sind nimmt Teller einfach seinen Fotoapparat, steckt einen Handblitz drauf und schießt los – fast wie jeder Amateur. Da gibt es keine aufwendigen Schattenkompositionen und Hintergrundbeleuchtungen. Sondern nur das Modell, er selbst und dazwischen die Kamera – Snapshots! Das dazu trotzdem aufwendige Recherchen und Vorbereitungen notwendig sind muss hier nicht extra erwähnt werden.

Daraus resultiert das Direkte, Unverfälschte. Die Frage, ob das jetzt ästhetisch schön ist oder nicht, war obsolet gewordent. Dieser Stil war damals neu und wurde fast wie eine Revolution empfunden. Von den Anfängen der Modefotografie eines George Hoyningen-Huene in den 1920er Jahren bis zu einem Helmut Newton der 1990er Jahre – immer war die absolute Schönheit das vorrangige Ziel – bei Jürgen Teller nicht mehr.

Sogar aus einer Reihe von Fotos, die er von zum Casting bei ihm vorbeikommenden Models gemacht hat – ungeschminkt und in den Klamotten, die sie zufällig anhatten – veröffentlichte er einen ganzen Bildband – „Go See“.

Das ist die Fotografie eines Jürgen Teller.

In den letzten 10-15 Jahren wurden die Arbeiten etwas raffinierter. Aus seinen Fotostrecken macht er jetzt ganze Erzählungen oder Geschichten. Besonders von seinem Lieblingsmodell, der heute 71-jährigen Charlotte Rampling, lässt er sich immer wieder zu außergewöhnlichen Arrangements hinreißen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 3. Juli 2017

Einen vierminütigen Rundgang als Video durch die Ausstellung seht ihr auf kultur24.berlinTV

Museum Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstrasse 7
10963 Berlin
Mi-Mo 10-19 Uhr, Di geschlossen

Hier die 35 interessantesten Bilder der Ausstellung:

35 Fotos: Vivienne Westwood, Ausstellung Jürgen Teller „Enjoy Your Life“, Martin-Gropius-Bau, Foto: Holger Jacobs

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist