Karl Lagerfeld – Nachruf auf einen König

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Karl Lagerfeld – Nachruf auf einen König

 

Von Holger Jacobs

20.02.2019

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„Es beginnt mit mir und mit mir wird es auch enden“, Karl Lagerfeld *1933 – †2019

Die Nachricht vom Tode des berühmten Modeschöpfers Karl Lagerfeld hat viele Menschen auf der ganzen Welt berührt. Ob enge Freunde, direkte Mitarbeiter oder auch die vielen Menschen, die mit ihm nur entfernter beruflich oder privat verbunden waren – alle eint das Bewusstsein, dass gestern morgen ein großartiger Mann von uns gegangen ist.

Paris der 90er Jahre

Über sieben Jahre, in denen ich Korrespondent der WELT AM SONNTAG in Paris war, hat Karl Lagerfeld mein Leben begleitet. Und selbst wenn ich ihn auch nie privat kennengelernt habe, so schien er mir doch immer sehr nahe. Sein schnelles Denken, sein schnelles Reden, sein unverwechselbarer Dialekt, wenn er französisch sprach. Und natürlich seine ganze Attitude. Er war bei allen Journalisten einer der beliebtesten Interviewpartner, denn er hatte immer etwas zu sagen. Selbst beim Hundertsten Gespräch nach einer Modenschau konnte er immer noch einen Spruch loswerden und redete in allen Sprachen gleich schnell. Da musste der Zuhörer sich schon sehr anstrengen, um mitzukommen. Und wer sich nicht auf der Höhe seines Intellekts befand wurde schnell ignoriert.

2 Photos: Brief von Karl Lagerfeld an Holger Jacobs, Nov. 1993 © Holger Jacobs

Seine Sprüche

Der bekannteste ist wohl: „Wer eine Jogginghose trägt hat die Kontrolle über sein Leben verloren“. Nur um dann eine Saison später selber Jogginghosen in der Chanel Kollektion zu zeigen.
Denn wenn Karl Lagerfeld eines konnte, dann war es seine schnelle Auffassungsgabe, seine unglaubliche Fähigkeit Trends zu erkennen und für seine Mode umzusetzen. Und dazu gehörte natürlich auch Streetwear, wie Jogginghosen. Selbst wenn er nie in die Ghettos von Detroit, Chicago oder Los Angeles gegangen wäre, wusste er aber, was die Kids dort trugen und welche Musik sie hörten.
Er selbst war äußerst diszipliniert, rauchte nicht, trank nicht und nahm keine Drogen. Auch über sexuelle Ausschweifungen wurde nie etwas bekannt. Aber auf dem Laufsteg konnte er höchst erotische Dinge zeigen. So war er mit seiner Sommerkollektion 1995 der erste Topdesigner, der String-Bikinis von ihrem Schmuddelimage befreite und sie in seiner Pret-à-Porter zeigte. Seitdem gibt es wohl kaum eine Frau in der westlichen Welt, die nicht zumindest ein String Höschen als Unterwäsche trägt…

2 Photos: CHANEL Sommer 1995, Foto: Holger Jacobs

Claudia Schiffer

Und er war der Entdecker zahlreicher Supermodels. Wer bei ihm auf dem Laufsteg war, hatte den Aufstieg in die Topliga geschafft. So hatte er auch eine blonde Schönheit aus Düsseldorf mit Namen Claudia Schiffer  entdeckt, die er in einem Magazin mit Fotos von Ellen von Unwerth gesehen hatte. Es war eine Kampagne für die Jeansmarke GUESS, wobei Ellen von Unwerth Claudia so zurechtmachen ließ, dass sie der ehemaligen französischen Schauspielikone Brigitte Bardot zum Verwechseln ähnlich sah. Im Januar 1990 engagierte Karl Lagerfeld sie dann für seine Haute Couture Show. Und Claudia Schiffer durfte das Défilé eröffnen. Der Rest ist Geschichte.

Claudia Schiffer bei ihrer ersten Modenschau für Chanel Haute-Couture im Januar 1990 in Paris, Foto: Holger Jacobs

Ein weiterer bemerkenswerter Zug an ihm war seine herzliche Zuneigung zu fast allen seinen Mitarbeitern und Models. Zahlreiche Kommentare gestern auf den Sozialen Medien zeugen vom innigen Verhältnis zu ihnen. Auch wenn er dabei natürlich immer die Contenance bewahrte.

7 Photos: CHANEL Official, CEO von Chanel Alain Wertheimer © Instagram/ Chanel

Hamburg

Karl Lagerfeld wurde am 10. September 1933 als Sohn des reichen Glücksklee-Dosenmilchherstellers Otto Lagerfeld und Frau Elisabeth in Hamburg-Blankenese geboren. Die Legende besagt, dass seine Mutter klein Karl Ende der 40er Jahre zu einer Modenschau des durch seinen „New Look“ berühmt gewordenen französischen Modedesigners Christian Dior in einem Hamburger Salon mitnahm. Dieses Erlebnis soll für den Werdegang des jungen Lagerfeld entscheidend gewesen sein. Nur wenige Jahre später, 1953, zog Karl Lagerfeld mit seiner Mutter nach Paris, wo er nur ein Jahr später, 1954, zusammen mit dem fast gleichaltrigen Yves Saint-Laurent den renommierten WOOLMARK PRIZE gewann. Kurz darauf wurde er Assistent von Pierre Balmain.

Karl Lagerfeld hatte nie eine Modeschule besucht und konnte, wie er selber zugab, auch nicht nähen. Selbst die komplizierte Arbeit als Modeliste (Schnittmuster anfertigen) war ihm fremd. Aber er konnte zeichnen. Mit seinen Zeichnungen ging er ins Atelier und ließ dort durch fleißige Arbeiter seine Ideen entstehen. Weshalb er auch von seinen Mitarbeitern bei Chanel gerne von den „Perles rares“ (seltene Perlen) sprach. Ihr Können verdankte er die Umsetzung seiner Zeichnungen in Modekollektionen.

Chanel

1984 wurde Karl Lagerfeld Chefdesigner der Marke Chanel, welche bis dahin seit dem Tode ihrer Gründerin Coco Chanel als Mode für alte Damen vor sich hindümpelte. 1974 hatte der französische Unternehmer Alain Wertheimer die Marke Chanel gekauft. 1983 traf sich Wertheimer mit Karl Lagerfeld und sagte zu ihm: Machen sie etwas draus, Geld spielt keine Rolle. Und das tat Lagerfeld auch, bis gestern. Alain Wertheimers Vermögen dürfte sich durch den Erfolg der Marke Chanel vervielfältigt haben, geschätzt wird er auf 12 Milliarden US-Dollar. Chanel ist heute das einzige Haute-Couture Haus, welches allein nur mit ihrer Modelinie schwarze Zahlen schreibt. Alle anderen Häuser können nur durch ihre Accessoires und Lizenzen für Parfum existieren.

Hier unser Bericht über die legendäre Chanel-Modenschau in der Elbphilharmonie in Hamburg.

Berlin

In Berlin war Karl Lagerfeld zuletzt 2012 mit seiner legendären „LITTLE BLACK JACKET“ Ausstellung. Dieses Kleidungsstück ist eines der Basiselemente, welches in keiner Chanel-Kollektion fehlen darf. Lagerfeld hatte viele verschiedene Persönlichkeiten mit ihr fotografiert und daraus eine Ausstellung konzipiert. PR-Lady LouLou Berg hatte dafür in Berlin einen leeren U-Bahnschacht am Potsdamer Platz organisiert. Wer bei der Eröffnung mit Karl Lagerfeld, Model Laetitia Casta und Vogue-Chefredakteurin Carine Roitfeld dabei war, wird diesen Abend nicht vergessen.

So Long, Karl.

Hier unsere Bilderserie mit 12 Fotos von der Ausstellung LITTLE BLACK JACKET in Berlin 2012:

12 Photos: Karl Lagerfeld und Model Laetitia Casta, „LITTLE BLACK JACKET © Holger Jacobs

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Karl Lagerfeld – An obituary for a king
By Holger Jacobs
02/20/2019
„It starts with me and it will end with me“, Karl Lagerfeld * 1933 – † 2019
The news of the death of the famous fashion designer Karl Lagerfeld touched many people around the world. Whether close friends, direct employees or the many people who were only remotely connected with him professionally or privately – all unite the awareness that yesterday morning, a great man has gone from us.
Paris of the 90s
For more than seven years, in which I was the correspondent of the WELT AM SONNTAG in Paris, Karl Lagerfeld accompanied my life. And even though I never met him privately, he always seemed very close to me. His quick thinking, his quick speech, his unmistakable dialect when he spoke French. And of course his whole attitude. He was one of the most popular interviewees among journalists because he always had something to say. Even at the hundredth conversation after a fashion show, he could still get rid of a spell and spoke in all languages ​​at the same speed. Since the listener had to work hard to come along. And those who were not at the height of his intellect were quickly ignored.
His statements
The best known of his statements is certainly: „Who wears a pair of sweatpants has lost control of his life“. Only one season later he showed himself jogging pants in the Chanel collection. Because what Karl Lagerfeld could do best was his quick comprehension, his incredible ability to recognize trends and implement them for his collections. And of course that included streetwear, like jogging pants. Even if he had never gone to the ghettos of Detroit, Chicago or Los Angeles, he knew what the kids were wearing and what music they heard. He himself was extremely disciplined, did not smoke, did not drink, and did not use drugs. Also about sexual debauchery was never known. But on the catwalk he could show highly erotic things. So he was the first top designer with his summer collection in 1995, the string bikinis freed from their grubby image and showed them in his pret-a-porter. Since then, there is hardly a woman in the western world who does not wear at least a thong panties as underwear …

Claudia Schiffer
And he was the discoverer of numerous supermodels. Who was with him on the catwalk, had made the climb to the top league. So he had also discovered a blonde beauty from Düsseldorf named Claudia Schiffer, which he had seen in a magazine with photos by Ellen von Unwerth. It was a campaign for the jeans brand GUESS, where Ellen von Unwerth had Claudia dressed up to look so much like former French actor Brigitte Bardot. In January 1990 Karl Lagerfeld hired her for his Haute Couture Show. And Claudia Schiffer was allowed to open the défilé. The rest is history.
Another notable feature of him was his warm affection for almost all his co-workers and models. Numerous comments yesterday on the social media testify to the intimate relationship with them.
Hamburg
Karl Lagerfeld was born on September 10, 1933, as the son of the rich clover milk producer Otto Lagerfeld and his wife Elisabeth in Hamburg-Blankenese. Legend says that his mother took little Karl along to a Hamburg salon in the late 1940s for a fashion show by French fashion designer Christian Dior, who had become famous for his „New Look“. This experience should have been decisive for the career of young Lagerfeld. Only a few years later, in 1953, Karl Lagerfeld moved with his mother to Paris, where only one year later, in 1954, he and the almost same-aged Yves Saint-Laurent won the prestigious WOOLMARK PRIZE. Shortly thereafter, he became assistant to Pierre Balmain.
Karl Lagerfeld had never visited a fashion school and, as he himself admitted, could not sew. Even the complicated work as a Modeliste (make pattern) was alien to him. But he could draw. With his drawings he went to the studio and had his ideas created there by diligent workers. Which is why he liked to talk about the „Perles Rares“ (rare pearls) among his colleagues at Chanel. He owed his skills to the realization of his drawings in fashion collections.
Chanel
In 1984, Karl Lagerfeld became chief designer of the Chanel brand, which had been the fashion brand only of old women since the death of its founder Coco Chanel. In 1974, French entrepreneur Alain Wertheimer bought the Chanel brand. In 1983 Wertheimer met with Karl Lagerfeld and said to him: Make something of it, money does not matter. And so did Lagerfeld, until yesterday. Alain Wertheimer’s wealth is likely to have multiplied by the success of the Chanel brand, he is estimated at 12 billion US dollars. Chanel is today the only haute-couture house, which alone with its fashion line writes benefits. All other houses can exist only through their accessories and licenses for perfume.
Here is our report on the legendary Chanel fashion show in the Elbphilharmonie in Hamburg:
Berlin
Karl Lagerfeld was last time in Berlin in 2012 with his legendary „LITTLE BLACK JACKET“ exhibition. This garment is one of the basic elements that must not be missing in any Chanel collection. Lagerfeld had photographed many different personalities with this jacket and put together an exhibition out of it. PR-Lady LouLou Berg organized an empty subway shaft at Potsdamer Platz in Berlin. Anyone who attended the opening with Karl Lagerfeld, model Laetitia Casta and Vogue editor-in-chief Carin Roitfeld, will not forget this evening.
So Long, Karl.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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