Kaspar (Hauser) von Peter Handke am Berliner Ensemble

KASPAR von Peter Handke am Berliner Ensemble.

Premiere am 21.2.2015. Regie: Sebastian Sommer

Wertung:    🙂 🙂 🙂    (drei von fünf möglichen)

Von Holger Jacobs (Text und Fotos)

 

Kaspar (Hauser) von Peter Handke am Berliner Ensemble

 

22.2.2015. Wow, wow, wow – Peter Handke, der Urgeist des modernen Theaters und Publikumsbeschimpfers aus den 60er Jahren mal wieder am Berliner Ensemble – einfach super! Allerdings nichts für Zart-beseelte. Hier geht es grob und laut zu, es wird geschrien, geschimpft, gebrüllt und immer wiederholt, so lange, bis Kaspar es endlich begriffen hat: Nicht das Individuum zählt, sondern nur einer sein unter vielen in der Masse.

 

Worum geht es:

 

Sicher haben die meisten von Euch schon von Kaspar Hauser gehört, dem Menschen, der vor gut 200 Jahren, genauer am 26.5.1828, in Nürnberg in einem verwirrten Zustand aufgefunden wurde und der kaum lesen und schreiben und auch nur wenig sprechen konnte. Sowohl seine Umgangsformen, wie auch sein sonstiges Verhalten ließen vermuten, dass er Zeit seines Lebens entweder allein im Wald aufgewachsen oder in einem Verließ eingeschlossen war. So dachte man jedenfalls. Nach seinem Aufgriff kam er in die Obhut verschiedener Persönlichkeiten der Stadt, die ihn als außergewöhnliches Phänomen betrachteten. Er lernte schnell und wurde in der höheren Gesellschaft der Stadt herumgereicht. Keine 5 Jahre später starb er unter nie ganz geklärten Umständen an einer Stichverletzung, die er sich wahrscheinlich selbst zugefügt hatte. Letztlich glauben heute viele, dass es sich um einen Betrüger gehandelt habe, der seine Chance ergriff, in die höhere Gesellschaft aufsteigen zu können.

 

Das Besondere an Kaspar Hauser ist, dass er Reflexionspunkt wurde für alle möglichen medizinischen und psychologischen Theorien. Doch eines steht bei allen Überlegungen zur Erklärung des Phänomens Kasper Hauser an erster Stelle: Die Gegenüberstellung und Wechselbeziehung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft.

 

Rezension:

Genau hier setzt Peter Handke mit seinem Stück an: Er will aufzeigen, wie die Sprache oder überhaupt das Sprechen den Menschen verändern kann. Wir sitzen im Berliner Ensemble (im Pavillon, nicht auf der Hauptbühne) in einem abgedunkelten Raum und sehen auf eine Unmenge aufgestapelter Tische. Plötzlich hören wir, dass sich zwischen den Möbelstücken etwas bewegt und ein Mann zum Vorschein kommt der unaufhörlich: „Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein anderer gewesen ist”vor sich hin sagt. Es ist Kaspar (Jörg Thieme).

Er wurstelt sich eine Weile durch die Tischberge, bis auf einmal einer aus dem außen herum sitzenden Publikum etwas zu ihm sagt. Dann noch einer und noch einer. Sechs sogenannte “Einsager” (laut Handke) geben sich zu erkennen, die anfangen, mit ihm zu sprechen. Zunächst sprechen sie mit ihm, folgen ihm, werfen ihm Wortfetzen zu, die er aufgreift. Solange, bis er anfängt, Ihre Sprache nachzusprechen. Meistens so Platitüden wie :”Je sauberer die Wohnung, um so sauberer der Bewohner”. Und immer wieder „Ordnung, Ordnung, Ordnung„. Doch nach einer Weile merkt er, das er manipuliert wird, versucht sich dagegen zu wehren, aber vergeblich. Zum Schluss schreit er nur noch :”Ziegen und Affen, Ziegen und Affen, Ziegen und Affen”. (Siehe dazu auch das Video auf unserem Youtube Kanal).

 

Der Schauspieler Jörg Thieme macht das unter großem Körper- und Spracheinsatz wirklich überzeugend. Man merkt ihm die Verzweiflung an und sieht, wie er gegen die anderen keine Chance hat. Man kann nur mitlaufen, nicht dagegen. Das ist die Aussage des Stücks. Gerade der intime Rahmen (es passen gerade mal 80 Personen in den Raum) macht die Inszenierung so bedrückend (Regie: Sebastian Sommer). Und kein Wunder, dass Claus Peymann als Intendant am Berliner Ensemble Peter Handke noch einmal zur Aufführung bringen wollte: Schließlich hatte er selbst das Stück am 11. Mai 1968 am Theater am Turm uraufgeführt. So schließt sich der Kreis!

Kaspar (Jörg Thieme) erwacht im Chaos und fängt an immer wieder die gleichen Sätze vor sich hin zu stammeln

22 Bilder, hier: Kaspar (Jörg Thieme) erwacht im Chaos

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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