Kulturkaufhaus Dussmann in Zeiten des Streaming und Sharing

Dussmann-Vinyl-Abteilung © Holger Jacobs

Kulturkaufhaus Dussmann in Zeiten des Streaming und Sharing

 

Von Holger Jacobs

  1. Juni 2018

english text below

Nach einer dreijährigen Runderneuerung strahlt das berühmte Kaufhaus für Kunst- und Kultur wieder im neuen Glanz.

Hintergrund

Das wohl bekannteste Kulturkaufhaus Deutschlands verdankt seiner Entstehung einem Zufall. Der Gründer des Hauses, Peter Dussmann, hatte in München in den 60er und 70er Jahren ein erfolgreiches Unternehmen für Hausreinigung gegründet. Nach dem Mauerfall wollte Dussmann in den ostdeutschen Markt expandieren und suchte dafür ein Grundstück in Berlin-Mitte. An der Friedrichstrasse nahe dem Bahnhof wurde er fündig und eine seit Jahrzehnten unbenutzte Brachfläche konnte für ein achtstöckiges neues Geschäftshaus genutzt werden. Fertigstellung war 1997. Die Stadt machte allerdings die Vorgabe, dass der Erdgeschossbereich mit Läden gefüllt werden müsse. Berlin wollte die noch vor dem Krieg bestehende Lebendigkeit der Friedrichstrasse wiederherstellen.

Kulturkaufhaus Dussmann, Friedrichstrasse 90, erbaut 1997 © Holger Jacobs

Gesagt, getan, aber leider fand sich Ende der 90er Jahre, als der erste Hype nach der Maueröffnung vorbei war und sich mehr und mehr Ernüchterung über die wirtschaftliche Lage Berlins einstellte, keine Modekette oder Drogeriemarkt, die dort einziehen wollte. Also entschied Peter Dussmann selber dort ein Geschäft zu betreiben. Er erinnerte sich an seine alte Heimat im württembergischen Rottweil, wo seine Eltern eine Buchhandlung besaßen und beschloss, dasselbe aber im großen Stil nun in der Hauptstadt zu gründen. Zunächst mit Büchern und einer großen Klassik-Musikabteilung (der damals größten in Europa), erweiterte sich das Sortiment sukzessive auf fast alles, was mit Kunst und Kultur in Verbindung gebracht wird – Literatur jeder Art, Musik-CD’s, Hörbuch-CD’s, DVD’s, Schreibwaren, Kalender und eine große Abteilung für Musiknoten.

Streaming and sharing versus possession and property

Ab der 2000er Jahre, als zunächst die mp3 Komprimierung auf den Markt kam und sich Jugendliche die Songs ihrer Musiklieblinge auf das ipod und später auf das Smartphone direkt aus dem Internet herunterladen konnten, begann sich der Markt für Bücher und Musik zu verändern. Literatur konnte man sich nun bequem per Mausklick vom Sofa weg online bestellen und die Musik holte man sich im Apple Store oder anderen Musikanbietern. Als dann 2006 die schwedische Firma SPOTIFY auf den Markt kam mit der Idee, einen Song gar nicht mehr besitzen zu müssen, sondern ihn einfach nur für den Moment des Hörens kurzeitig aus dem Internet zu streamen, schien die Zeit für real existierende Tonträger vorbei.

Wie positioniert sich das Kulturkaufhaus Dussmann gegen diesen Trend?

Um diese Frage zu klären bat ich die Pressereferentin von Dussmann, Frau Bianca Krömer und Verlegerin Anna Müller, Tochter des Dramatikers Heiner Müller, zum Gespräch.

v.l.n.r. Verlegerin Anna Müller und Bianca Krömer, Pressereferentin bei Dussmann © Holger Jacobs

Frau Krömer erzählte uns, dass sich das Kulturkaufhaus Dussmann frühzeitig der Herausforderung bewusst wurde und Anfang der 2010er Jahre begann, neue Strategien zu entwickeln. Zunächst kam ein English Book Store dazu, der sich über die Jahre immer vergrößerte. Geschuldet den vielen ausländischen Bürgern, die nach dem Mauerfall nach Berlin gekommen sind um zu studieren, zu arbeiten oder einfach nur um zu feiern. Von 2014 – 2017 wurde das gesamte Haus von innen neugestaltet. Schöner, weiter und größer, mit anderer Gewichtung der einzelnen Abteilungen. So bekam der Vinyl-Schallplatten Bereich im Erdgeschoss gleich neben dem Eingang eine große Präsentationsfläche. Denn die Erkenntnis aus Sharing und Streaming war: Nur hohe Qualität und das wirklich Besondere findet noch einen Abnehmer, das kleine Krimi-Taschenbuch oder der Herz-Schmerz-Groschenroman findet man schneller im Internet oder lädt es sich gleich auf sein E-Book. Etwas zu besitzen muss einen besonderen Wert haben – beginnend bei einem besonderen Kauferlebnis.

Gestärkt wurden auch die äußerst lukrativen Sachbücher, speziell die juristischen Bände. Aufwendig gemachte Kochbücher finden ebenfalls immer noch viele Liebhaber, ganz zu schweigen von den Bildbänden großer Künstler. Und der English Book Store bekam noch eine eigene Kinderbuchabteilung plus gemütlicher Leseecke.

Anna Müller konnte aus ihrer eigenen Erfahrung mitteilen, dass sie als eine junge Frau mit Mitte 20 Musik überwiegend aus dem Internet bezieht. Doch bei Büchern hätte sie eher ein klassisches Verhalten: das Schmökern in einem haptisch zu fühlendem Buch sei eine sinnliche Erfahrung, die sie nicht missen möchte. Zumal sie auch gerne mal Zeilen unterstreicht, Bemerkungen hinzufügt oder Lesezeichen setzt. Auf diese Weise bekommt ein Buch zusätzlich eine ganz persönliche Note. Laut Anna Müllers Aussage wird sich unser Leben einpendeln in Dinge, die wir gerne teilen und Dinge, die wir gerne besitzen möchten. Und vielleicht findet der Interessierte diese ja bei Dussmann? Ihre Lieblingsecke in Berlins Kulturkaufhaus hat Anna bereits gefunden: Die mit schwarzem Samt bezogene Schmöcker-Ecke im ersten Stock des Hauses.

Kulturkaufhaus Dussmann
Friedrichstraße 90
10117 Berlin
Mo – Sa 9 – 24 Uhr, Sa – 23.30 Uhr

12 Photos: English Book Shop, Kulturkaufhaus Dussmann © Holger Jacobs

english text

The Kulturkaufhaus Dussmann in times of streaming and sharing
By Holger Jacobs
June 1, 2018
After a three-year retreading, the famous department store for art and culture shines again in new splendor.
Background
The most famous cultural department store in Germany owes its creation to a coincidence. The founder of the house, Peter Dussmann, founded a successful house cleaning company in Munich in the 60s and 70s. After the fall of the wall, Dussmann wanted to expand into the East German market and sought a plot of land in Berlin-Mitte. He found what he was looking for on Friedrichstrasse near the train station and a fallow area that had been unused for decades could be used for an eight-storey new commercial building. Completion was in 1997. However, the city made the requirement that the ground floor area had to be filled with shops. Berlin wanted to restore the liveliness of Friedrichstrasse that existed before the World War 2.
Brilliant idea, but unfortunately no shop owner could be found in the late 90s to rent the rooms, when the first hype after the fall of the Berlin Wall was over and more and more disillusioned about the economic situation of Berlin, no chain of fashion or drugstore that wanted to move there. So Peter Dussmann decided to do his own business there. He remembered his old home in Rottweil in Württemberg, where his parents owned a bookstore and decided to found the same but now on a large scale in the capital. First with books and a large classical music department (the largest in Europe at that time), the assortment gradually expanded to include almost everything related to art and culture – literature of all kinds, music CDs, audiobook CDs, DVD’s, Stationery, calendars and a large section for music notes.
Streaming and sharing versus possession and property
From the 2000s onwards, when mp3 compression first came onto the market and teens could download the songs of their music favorites on the ipod and later on the smartphone directly from the internet, the market for books and music began to change. You could now easily order literature online from your sofa with a mouse click and get your music in the Apple Store or other music providers. When the Swedish company SPOTIFY came on the market in 2006 with the idea of ​​not having to own a song any more, but just streaming it out of the internet for the moment of listening, the time seemed to have passed for existing sound recordings.
How is the Dussmann department store positioned against this trend?
To clarify this question I asked the press officer of Dussmann, Mrs. Bianca Krömer and editor Anna Müller, daughter of the author and playwright Heiner Müller, to talk.
Ms. Krömer told us that the department store became aware of the challenge at an early stage and began to develop new strategies at the beginning of the 2010s. Initially, an English Book Store was added, and over the years it has been getting bigger and bigger. Due to the many foreign citizens who came to Berlin after the fall of the Wall to study, work or just to party. From 2014 – 2017, the entire house was redesigned from the inside. Nicer, farther and greater, with different emphasis on each department. So the vinyl records area on the ground floor right next to the entrance got a large presentation area. Because the insight from sharing and streaming was: Only high quality and the really special finds another customer, the little thriller paperback or the heart-pain dime novel can be found faster on the Internet or is downloaded right on an e-book. Owning something has to have a special value – starting with a special shopping experience.
The extremely lucrative non-fiction books, especially the legal volumes, were also strengthened. Elaborate cookbooks still find many lovers, not to mention the illustrated books of great artists. And the English Book Store got its own children’s book department plus a cozy reading corner.
Anna Müller was able to tell from her own experience that, as a young woman in her mid 20s, she mainly gets music from the internet. But for books, she would rather have a classic behavior: the browsing in a haptic to be felt book is a sensual experience that she does not want to miss. Especially as she likes to emphasize lines, add comments or set bookmarks. In this way, a book also gets a very personal touch. After Anna Müller, our life will settle into things we like to share and things we would like to own. And maybe those interested will find them at Dussmann? Anna has already found her favorite corner in Berlin’s Kulturkaufhaus: the black velvet-covered cosy corner on the first floor of the house.
Kulturkaufhaus Dussmann, Friedrichstraße 90, 10117 Berlin, Mon – Sat 9am – 12pm, Sat – 11.30pm

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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