La Bayadere in der Staatsoper Berlin

La Bayadere-Staatsballett Berlin © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

La Bayadere in der Staatsoper Berlin

 

Von Holger Jacobs

06.11.2018

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 (vier von fünf)

english text

Die Rekonstruktion der Choreographie von Marius Petipa von La Bayadere wird zum ersten Höhepunkt des neuen Intendanten Johannes Öhmann am Staatsballett Berlin.

Hintergrund

Es gibt wohl kaum eine Kunstrichtung, die so häufig auf Vergangenes zurückgreift wie die Ballettkunst. Alle „Grand Ballet“, zu denen „Schwanensee“, „Dornröschen“, „Der Nussknacker“ oder eben auch „La Bayadere“ gehört, zehren von ihren früheren Meistern, die sie vor über hundert Jahren kreiert und einstudiert haben.

Der bekannteste ist zweifellos Marius Petipa (*1818 – †1910), selbst Sohn eines Balletttänzers und einer Schauspielerin aus Marseille. Schon früh bildete sein Vater ihn als Tänzer aus. Mit 26 Jahren geht er nach Madrid und studiert den spanischen Tanz. Als er ein Verhältnis mit der Tochter eines spanischen Maquis beginnt, muss er außer Landes fliehen und geht nach St. Petersburg, damals neben Paris die wichtigste Stadt für Ballett. Mit der kaiserlichen Ballettkompanie des Zaren feierte er seine größten Erfolge am Bolschoi und Mariinski Theater Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts.

Angeregt durch eine Reise des damaligen Prinz of Wales nach Indien, worüber alle europäischen Gazetten berichteten, machte sich 1875 Marius Petipa zusammen mit seinem russischen Kollegen Sergej Chudekow an das Libretto über eine indische Tempeltänzerin, die an einer unglücklichen Liebe zerbricht. Tempeltänzerinnen hatten in vielen Kulturen eine große Bedeutung. In Indien hießen sie Devadasi und waren dazu auserkoren, die Tempel der Hindus mit Leben zu füllen. Das französische Wort Bayadère leitete sich von dem portugiesischen Wort bailadeira ab, als welche ein Handelsreisender aus Europa die indischen Tempeltänzerinnen bezeichnet hatte.
Zusammen mit Ludwig Minkus, einem Komponisten spezialisiert auf Ballettmusik, erschuf Marius Petipa dieses bis heute weltbekannte Ballett. Die Uraufführung war am 4. Februar 1877 am Bolschoi-Theater in St. Petersburg.

11 Photos: Der Großbrahmane (Vahé Martirosyan) liebt die Tempeltänzerin Nikia (Polina Semionova), „La Bayadère“, Staatsballett Berlin © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

Handlung

Ein indischer Großbrahmane (Hohepriester) liebt die Tempeltänzerin Nikia. Doch diese hat sich in den Krieger Solor verliebt, der in den Diensten des Radschas steht. Dieser wiederum möchte seine Tochter Hamsatti mit seinem besten Krieger, Solor, verheiraten. Solor weiss, dass er dieser Bitte seines Herrn Folge leisten muss, dennoch trifft er sich heimlich mit seiner geliebten Nikia. Bei einem großen Fest zu Ehren des Gottes Badrinata treten Solor und Hamsatti als Verlobte auf. Als Nikia als Tempeltänzerin auf dem Fest ihren Auftritt hat, wird sie durch eine Schlange gebissen und stirbt. Von nun an besucht Nikia ihren geliebten Solor aus dem Schattenreich, um ihn an der Verbindung mit Hamsatti zu hindern. Als es dennoch zur Heirat kommt, fährt ein Blitz hernieder und zerstört den königlichen Palast. Der Radscha, der Großbrahmane, die Hamsatti und Solor sterben bei dieser Katastrophe. Am Schluss sieht man Solor und Nikia vereint im Schattenreich.

Kritik

Ein Ballett als reine Rekonstruktion zu Inszenieren, dessen Uraufführung bereits 140 Jahre her ist, scheint mir mehr als seltsam. Man stelle sich nur vor, Michael Thalheimer solle am Deutschen Theater Goethes Faust so inszenieren, wie es Gustaf Gründgens vor 70 Jahren getan hat. Undenkbar! Aber im klassischen Ballet durchaus üblich. Fast alle großen Handlungsballette aus dem 19. Jahrhundert werden auf diese Weise auch im 21. Jahrhundert auf die Bühne gebracht. Und um so näher sie dabei dem alten Original kommen, um so glücklicher scheinen die Protagonisten, wie man aus dem Interview mit dem Choreographen von „La Bayadère“, Alexei Ratmansky, heraushören kann. Als wäre es das höchste Glück eines zeitgenössischen Künstlers, wie Rubens oder Vermeer malen zu können. Ich habe über dieses Phänomen schon häufiger geschrieben.

Trotzdem möchte ich hier für diese Premiere von „La Bayadère“ am vergangenen Sonntag in der Staatsoper Unter den Linden eine Lanze schlagen. Das Bühnenbild, die Kostüme, die Musik und natürlich die Qualität der Tänzerinnen und Tänzer ist so berauschend, dass die Kritik erst einmal verstummt. Der Zuschauer befindet sich wie in einem exotischen Traum. Und Primaballerina Polina Semionova als Nikia ist einfach zurzeit die beste Tänzerin auf Berlins Opernbühnen, wenn nicht die beste Tänzerin weltweit. Es ist ein Genuss ihre zarten Bewegungen, ihren langen zerbrechlichen Körper und ihr strahlendes Gesicht zu sehen. Und nicht viel weniger eindrucksvoll präsentieren sich auch ihre Mitspieler, wie Alejandro Virelles als Solor, Yolanda Correra (zurzeit auch als Odette/ Odile in „Schwanensee“) als Hamsatti und Vahé Martirosyan als Großbrahmane. Besonders erwähnen sollte man auch Vladislav Marinov als Fakir mit langem, weißen Bart.

Bei dieser rekonstruierten Fassung fällt ein Detail besonders auf: Die Pantomime. Im ersten Akt wird kaum getanzt, sondern ausschließlich über die Pantomime kommuniziert. Der Zuschauer fühlt sich wie in einen Stummfilm aus den 20er Jahren. Ein Marcel Marcau wäre hier durchaus willkommen gewesen. Wie zu erfahren war, ist genauso dieser Regieeinfall ein wichtiges Element von Marius Pepitas Inszenierung gewesen. Zum Schluss gab es freundlichen, aber keinen frenetischen Applaus, hauptsächlich für die Tänzerinnen und Tänzer.

Fazit: Auch für das klassische Ballett sollte der Sprung ins 21. Jahrhundert möglich sein.

„La Bayadère“
Staatsballett Berlin
Inszenierung von Alexei Ratmansky nach Marius Petipa. Bühne und Kostüme von Jerome Kaplan. Es spielt die Staatskapelle Berlin unter Victorien Vanoosten.
Fast alle 94 Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts sind bei der Produktion dabei, sowie Schülerinnen und Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin. Insgesamt bietet das Stück 164 einzelne Partien.
In den Hauptrollen: Polina Semionova (Nikia), Alejandro Virelles (Solor), Hamsatti (Yolanda Correa), Großbrahmane (Vahé Martirosyan), der Fakir (Vladislav Marinov).

Nächste Vorstellungen in der Staatsoper Berlin: 09., 10. November, 15. und 28. Dezember 2018.

16 Photos: Das Fest zu Ehren Badrinatas im Palast des Radschas, „La Bayadère“, Staatsballett Berlin © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

english text

La Bayadere at the Staatsoper Berlin
By Holger Jacobs
06/11/2018
The reconstruction of the choreography by Marius Petipa of La Bayadere will be the first highlight of the new director Johannes Öhmann of the Staatsballett Berlin.
Background
There is hardly any art movement that relies as often on the past as ballet art. All „Grand Ballet“, which include „Swan Lake“, „Sleeping Beauty“, „The Nutcracker“ or even „La Bayadere“, draw from their former masters who studied them over a hundred years ago.
The most famous is undoubtedly Marius Petipa (+1818 – † 1910), himself the son of a ballet dancer and an actress from Marseille. Early on, his father trained him as a dancer. At the age of 26, he goes to Madrid and studies Spanish dance. When he starts a relationship with the daughter of a Spanish maquis, he has to flee the country and goes to St. Petersburg, then the most important city for the ballet next to Paris. With the imperial ballet company of the Czar he celebrated his greatest successes at the Bolshoi and Mariinsky Theater Mitte until the end of19. Century.
Inspired by a trip by the then Prince of Wales to India, about which all European gazettes reported, in 1875 Marius Petipa, together with his Russian colleague Sergei Chudekov, wrote the libretto about an Indian temple dancer, who breaks an unfortunate love. Temple dancers were very important in many cultures. In India, they were called Devadasi and were chosen to fill the temples of Hindus with life. The French word Bayadère derived from the Portoguese word bailadeira, which a commercial traveler from Europe had called the Indian temple dancers. Together with Ludwig Minkus, a composer specializing in ballet music, Marius Petipa created this until today world famous ballet. The premiere was on 4 February 1877 at the Bolshoi Theater in St. Petersburg.

Story
An Indian coarse name (high priest) loves the temple dancer Nikia. But she fell in love with the warrior Solor, who is in the service of the Rajasthan. He in turn wants to marry his daughter Hamsatti with his best warrior, Solor. Solor knows that he has to follow this request of his master, but he secretly meets his beloved Nikia. At a big festival in honor of the deity Bardinata, the engagement of Solor with Hamsatti is to be announced. When Nikia appears as a temple dancer at the festival, she is bitten by a snake and dies. From now on, she visits Solor from the Shadowrealm to prevent him from joining Hamsatti. When it nevertheless comes to the marriage, a flash descends and destroys the royal palace. The Rajah, the Grogbahmane, the Hamsatti and Solor die in this catastrophe. At the end you see Solor and Nikia united in the shadow realm.

Criticis
A ballet as a pure reconstruction of staging, which premiered 140 years ago, seems more than strange. Just imagine that Michael Thalheimer should stage Goethe’s Faust at the Deutsches Theater as Gustaf Gruendgens did 70 years ago. Unthinkable! But quite common in classical ballet. Almost all of the great nineteenth-century ballets are brought on stage in the 21st century as reconstructions. And the closer they get to the old original, the happier they seem, as can be heard from the interview with the choreographer of La Bayadère, Alexei Ratmansky. As if it were the highest luck for a contemporary artist, to paint such as Rubens or Vermeer … I’ve written about this phenomenon many times already.
Nevertheless, I would like to strike a lance for this premiere of „La Bayadère“ last Sunday at the Staatsoper Unter den Linden. The stage design, the costumes, the music and of course the quality of the dancers is so brilliant that the critique falls silent for the moment. The audience is like in an exotic dream. And prima ballerina Polina Semionova as Nikia is currently the best dancer on Berlin’s opera stages, may be the best dancer in the world. It is a pleasure to see her tender movements, her long fragile body and her radiant face (please regard our video). And not less impressive are their co-players, such as Alejandro Virelles as Solor, Yolanda Correra (currently also Odette / Odile in „Swan Lake“) as Hamsatti and Vahé Martirosyan as Großbrahmane. Special mention should also be made of Vladislav Marinov as the fakir with a long white beard.
In this reconstructed version one detail stands out in particular: the pantomime. The first act is hardly danced, but only communicated through the pantomime. The audience feels relegated to a silent film from the 1920s. A Marcel Marcau would have been very welcome here. As it was learned, this directing action has been an important element of Marius Pepita’s staging. Finally, there was a friendly, but no frenetic applause, mainly for the dancers.
Conclusion: The leap into the 21st century should also be possible for classical ballet.
„La Bayadère“ Staatsballett Berlin staging by Alexei Ratmansky after Marius Petipa. Stage and costumes by Jerome Kaplan. The Staatskapelle Berlin under Victorien Vanoosten. Almost all 94 dancers of the State Ballet are there, as well as students of the State Ballet School Berlin. Overall, the piece offers 164 individual roles. In the leading roles: Polina Semionova (Nikia), Alejandro Virelles (Solor), Hansatti (Yolanda Correa), Great Brahman (Vahé Martirosyan), the Fakir (Vladislav Marinov)
Next performances: 09., 10. November, 15. and 28. December 2018.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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