La Traviata in der Komischen Oper Berlin

La Traviata - Komische Oper Berlin © Holger Jacobs/ kultur24berlin

LA TRAVIATA in der Komischen Oper Berlin

 

Von Holger Jacobs

03.12.2019

Wertung: 🙂 🙂 🙂 (drei von fünf)

English text below

Die vielleicht berühmteste Oper der Welt in einer wenig überzeugenden Inszenierung

Es gibt keine andere Opernkomposition, die so viele Lieder und Arien in einem einzigen Werk zusammenführt. Wikipedia nennt allein 12 Nummern, die nochmals in gut 50 einzelne Liedkompositionen unterteilt sind.
Mit so vielen Songs kann noch nicht einmal ein ABBA Musical aufwarten.
Und gleich mehrere davon sind absolut hitverdächtig – allen voran die Arie „Libiamo ne’ lieti calici“, die jeder irgendwo und irgendwann schon einmal gehört hat. Zunächst gesungen von Alfredo, dann von Violetta und zum Schluss vom ganzen Chor – einfach grandios! (Seht dazu auch unseren Trailer weiter unten)

Ob die Inszenierung von Nicola Raab (*1972) da mithalten kann? Die aus Regensburg stammende Regisseurin hat seit 2007 über 20 Inszenierungen an vielen Opernhäusern in Europa und Nordamerika absolviert, ihre beste Arbeit ist sicher Jules Massenets „Thais“ am Göteborger Opernhaus 2010. Diese Inszenierung durfte sie daraufhin gleich noch einmal in Helsinki, Sevilla, Valencia und in Los Angeles wiederholen.

Nicola Raab steht in ihrer Arbeit zwischen Klassik und Moderne. Und so hat sie auch „La Traviata“ inszeniert. Es gibt nichts Revolutionäres, nur ab und zu zeitgenössische Technik, die den Zuschauer wohl daran erinnern soll, dass das Schicksal einer Violetta sich auch im 21. Jahrhundert wiederholen könnte (Prostituierte verliebt sich in gesellschaftlich hochrangige Persönlichkeit).
So finden wir einen imac Computer, an den sich Violetta setzt, um sich mit eingebauter Videokamera selbst zu filmen (für einen erotischen Videochat?). Oder sie und ihre frivolen Mitstreiterinnen filmen sich mit einer GroPro-Actionkamera unter die Röcke. So, wie es hier klingt, wirkt dies auch: lächerlich!

Denn gegenüber dieser modernen Technik unseres Jahrhunderts stammen das Bühnenbild (Madeleine Boyd) und die Kostüme (Annemarie Woods) aus dem 19. Jahrhundert. Diese sind übrigens ausnehmend schön. Ein großes Bravo deshalb an die Kostümbildnerin Annemarie Woods. Doch Reifröcke und Apple Computer nebeneinander auf der Bühne? Brüche in Inszenierung sollen ja in der Regel für Spannung sorgen, hier aber erzeugen sie nur ein müdes Lächeln.

Natürlich darf eine Videoprojektion in heutiger Zeit nicht fehlen. Bei Nicola Raab setzt Violetta sie selbst mit einem Beamer in Gang. Auf einer großen Leinwand (die sich bei der Premiere leider nicht ganz öffnen wollte) sieht der Zuschauer den berühmten Film „Die Kameliendame“ mit Greta Garbo und Robert Taylor aus dem Jahr 1936. Guiseppe Verdi nahm bekannterweise  das Drama „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas als Vorlage für seine „La Traviata“.

Kommen wir zu den Sängerinnen und Sängern.
Natalya Pavlova gibt eine gute Violetta mit teilweiser schöner Stimme und gekonntem Koloratur.
Doch irgendwie will bei mir der Funke nicht überspringen. Sie sieht hübsch aus, bewegt sich galant über die Bühne und in ihrer Kleidung aus dem letzten Jahrhundert lässt sie auch ein wenig an Scarlett O’Hara aus „Vom Winde verweht“ erinnern. Doch ich merkte Natalya Pavlova  die starke Anspannung an, die sicher dem Umstand geschuldet war, dass ihre Landsmännin Anna Netrebko mit genau dieser Partitur ihren Weltruhm vor 14 Jahren begründete. Die Inszenierung von 2005 in Salzburg mit Rolando Villazon als Anna Netrebkos Partner war einer der Höhepunkte der Opernwelt der letzten 30 Jahre. Vorher gab es nur noch die Callas in den 50er und 60er Jahren.

Trotzdem hat Natalya Pavlova Anerkennung für ihre Leistung verdient. Wenn sie in den nächsten Aufführungen ihre Nervosität noch etwas abzulegen vermag, dann wird diese Rolle für sie sicher ein Erfolg werden.

Hier unser Trailer von der Produktion „La Traviata“ auf kultur24 TV:

Ganz anders ihr Bühnen-Partner Ivan Magri als Alfredo. Sowohl stimmlich wie spielerisch kann er in keiner Weise überzeugen. Auch wenn er immer lieb ‚dreinschaut und mit seinen blonden Haaren ein hübscher Junge zu sein scheint – mit Natalya Pavlova und vor allem mit Günter Papendell als sein Bühnen-Vater Giorgo Germont kann er nicht mithalten. Hier hätte sich Intendant Barrie Kosky doch intensiver auf dem Sängermarkt umschauen sollen.

Apropos Günter Papendell als Vater Germont: Das Duett mit ihm und Violetta im zweiten Akt ist das Highlight des ganzen Abends. Hier zeigt auch Natalya Pavlova was schauspielerisch noch in ihr steckt, indem sie auf einmal Gefühl und Leidenschaft zeigt.

Ich bin sehr gespannt auf die Interpretation der Zweitbesetzung der Violetta, Vera-Lotte Boecker, die ich aus „La Bohème“ am selben Haus kenne und sehr schätze. Sie wird die Violetta am 7., 17. und 23.12 2019 singen.

Fazit: Dank der wunderbaren Musik von Verdi ein bewegendes Opernerlebnis mit Einschränkungen durch eine schwache Inszenierung und einem mittelmäßigem Alfredo.

„La Traviata“ von Guiseppe Verdi (Uraufführung 1853)
Premiere am 01.12.2019
Komische Oper Berlin
Musikalische Leitung: Ainars Rubikis, Inszenierung: Nicola Raab, Bühnenbild: Madeleine Boyd, Kostüme: Annemarie Woods.
Mit: Natalya Pavlova (Violetta), Zweitbesetzung: Vera-Lotte Boecker; Ivan Magri (Alfredo Germont) Zweitbesetzung: Alexey Neklyudov; Günter Papendell (Giorgio Germont); Marta Mikri (Annina); Marie Fiselier (Flora)

Nächste Aufführungen: 7., 13., 17., 20., 23., 25. und 28. Dezember 2019

Unsere Bilderserie zeigt 23 Fotos aus dem 1. und 2. Akt von „La Traviata“:

23 photos: 1. Akt, Violetta (Natalya Pavlova) feiert mit ihren Freunden, „LA TRAVIATA“, Komische Oper Berlin © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

English text

La Traviata in the Komische Oper Berlin
By Holger Jacobs
03/12/2019
Perhaps the most famous opera in the world in a less convincing production
There is probably no other opera composition that brings together so many songs and arias in a single work. Wikipedia lists only 12 numbers, which are divided into more than 50 individual song compositions. Not even an ABBA musical can offer so many songs. And several of them are absolutely hits – especially the aria „Libiamo ne ‚lieti calici“, which everyone has heard somewhere before. First sung by Alfredo, then by Violetta and finally by the whole chorus – just terrific!

Can the staging of director Nicola Raab (* 1972) hold this high level?
The director from Regensburg has since 2007 completed over 20 productions at many opera houses in Europe and North America. Her best work is certainly Jules Massenet’s „Thais“ at the Gothenburg Opera House in 2010. She was then able to repeat it once again in Helsinki, Seville, Valencia and in Los Angeles.
Nicola Raab is in her work between classical and modern. And so she also staged „La Traviata“.
There is nothing revolutionary, only occasionally contemporary technique, which should remind the viewer that the fate of a Violetta could be repeated in the 21st century (prostitute loves a high-ranking personality). So we find an imac computer that Violetta uses to film herself with an integrated video camera (for an erotic video chat?). Or she and her frivolous fellow campaigners film themselves under the skirts with a GroPro action camera. As it sounds, it works: ridiculous!
In the opposite the stage design (Madeleine Boyd) and the costumes (Annemarie Woods) come from the 19th century. By the way, the costumes are exceptionally beautiful. A big bravo therefore to the costume designer Annemarie Woods.
But hoop skirts and Apple computers next to each other on stage? Breaks in directing are supposed to provide tension, but here they only produce a tired smile.

Please see our trailer of „La Traviata“ on kultur24 TV:

Of course, a video projection in today’s time may not be missing.
Here, Violetta herself sets it up with a beamer. On a big screen (which unfortunately did not quite want to open at the premiere), the viewer sees the famous movie „Camille“ by George Cukor with Greta Garbo and Robert Taylor from the year 1936. As we know, Guiseppe Verdi took the drama „La dame aux camélias“ („Camille“) by Alexandre Dumas as a template for his „La Traviata“.
Let’s write about the singers.
Natalya Pavlova gives a good Violetta with partial beautiful voice and skilful coloratura.
But somehow her play and voice didn’t touch me. She looks pretty, moves across the stage gallantly, and with her clothes from the last century, she reminds a little of Scarlett O’hara from the movie „Gone with the Wind“.
But I noticed that Natalya Pavlova were under strong tension, which is certainly due to the circumstance that her compatriot Anna Netrebko founded this world-fame 14 years ago with exactly this role of Violetta in „La Traviata“. This production of 2005 in Salzburg with Rolando Villazon as her partner was one of the highlights of the opera world in the last 30 years.
Before, there were only Maria Callas in the 50s and 60s.
Nevertheless, Natalya Pavlova has earned recognition for her performance. If she can shake off her nervousness in the next performances, then this role will certainly be a success for her.
Quite different her stage partner Ivan Magri as Alfredo.
Both vocally and playfully, he can’t convince in any way. Even he looks nice and seems to be a pretty boy with his blond hair – but he can not keep up with Natalya Pavlova and especially with Günter Papendell as his stage father Giorgo Germont. Komische Oper director Barrie Kosky should have had a closer look at the singer market.
Speaking of Günter Papendell as father Germont:
The duet with him and Violetta in the second act is the highlight of the whole evening. Here, Natalya Pavlova shows her feelings and passion in the right way.
I am very much looking forward to the interpretation of Violetta’s second cast, Vera-Lotte Boecker, whom I know and love very much from „La Bohème“ at the same house. She will sing Violetta on the 7th, 17th and 23rd of December 2019.
Conclusion: Thanks to the wonderful music by Verdi a moving opera experience with limitations due to a weak staging and a mediocre Alfredo.
„La Traviata“ by Guiseppe Verdi (world premiere 1853)
Premiere on 01.12.2019
Komische Oper Berlin
Musical Director: Ainars Rubikis, Production: Nicola Raab, Stage design: Madeleine Boyd, Costumes: Annemarie Woods.
With: Natalya Pavlova (Violetta), second line: Vera-Lotte Boecker; Ivan Magri (Alfredo Germont) Second cast: Alexey Neklyudov; Günter Papendell (Giorgio Germont); Marta Mikri (Annina); Marie Fiselier (Flora)
Next performances: 7, 13, 17, 20, 23, 25 and 28 December 2019

23 photos: 1. Akt, Violetta (Natalya Pavlova) feiert mit ihren Freunden, „LA TRAVIATA“, Komische Oper Berlin © Holger Jacobs/ kultur24.berlin

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

Cookies help us deliver our services. By using our services, you agree to our use of cookies.