Madame d’Ora – Machen Sie mich schön

Madame d' Ora - Josephine Baker - Anita Berber @ Archive D' Ora/ MKG

Madame d’Ora – Machen Sie mich schön

 

Von Julia Engelbrecht

11.1.2018

english text below

Ausstellung mit Fotografien der berühmten Künstlerin aus den 20-er Jahre in Wien und Paris.

Nach all dem Trubel der vergangenen Festtage tut diese Ausstellung gut. Die Beschaulichkeit, Muße und Unbekümmertheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts scheint förmlich durch die Porträts auf den Betrachter überzugehen. Der Anblick der Damen und Herren der feinen und intellektuellen Wiener Gesellschaft in ihren schweren Roben und behäbigen Posen wirkt beruhigend und versöhnend zugleich auf das hektische Gemüt unserer Tage. Was war das Leben schön in der Welt von gestern, möchte man meinen. Dass es rund um Wien und an den Grenzen der K.u.K-Monarchie brodelte, sich Arbeitslosigkeit und Aufstände häuften, der erste Weltkrieg kurz bevor stand, davon schien man nichts wissen zu wollen im Kundenkreis der Fotografin Madame d’Ora (*1881 – †1963).

Exhibition view Madame d‘ Ora, Foto: Michaela Hille/ MKG

Vor allem die kleinen feinen Porträts im ersten Raum der Ausstellung „Machen Sie mich schön! Madame d’Ora“ im Museum für Kunst und Gewerbe nahe des Hamburger Hauptbahnhofs bestechen durch ihre präzise kompositorische Ästhetik, klaren Bildaufbau und souveränen Umgang mit Licht und Schatten. Der Glanz der Perlen auf schwarzem Samt, die seidenen Haarbänder der Comtessen Erdödy, der Faltenwurf bei der Primaballerina Anna Pawlowa, die Lichtreflexe auf dem Haar von Alma Mahler-Werfel und die spöttische Pose von Kulturkritiker Karl Kraus zeugen von der erstaunlichen Professionalität und Menschenkenntnis der damals kaum 30jährigen Dora Kallmus, Tochter eines jüdischen Wiener Hof- und Gerichts-Advokaten und einer früh verstorbenen kroatischen Mutter. D’ Ora hatte Anfang des Jahrhunderts eine Fotografenausbildung in Berlin gemacht. Zurück in Wien machte Sie sich einen Namen mit Portraits von Persönlichkeiten der Künstler- und Intellektuellenszene. Ähnlich wie zur selben Zeit die Fotografin Germaine Krull in Berlin (Ausstellung 2016 im Martin-Gropius-Bau).

Schon im nächsten Abschnitt der Ausstellung verliert sich Madame d’ Oras mußevolle Porträtpassion und weicht einer avantgardistischen Bildauffassung, wie sie in den 20er Jahren angesagt war. Josephine Baker,  Coco Chanel, Anita Berber – die Porträts zeigen nun das Selbstbewusstsein der „neuen Frau“. Die Hüte werden exzentrisch, die Stickereien sind passé und die Frisuren kurz. D’Ora zieht 1927 nach Paris um, mietet ein eigenes Atelier und macht die Modefotografie zu ihrem Metier. Ihre Aufnahmen erscheinen in dem englischen „Tatler“, der französischen „Vu“ und der deutschen „Die Dame“ (Ullstein Verlag). Der Zeitschriftenmarkt boomt. Die Nachfrage nach Fotos, die den Zeitgeschmack dokumentieren ist groß und bescheren der selbstbewussten Fotografin volle Auftragsbücher. Wenige Jahre nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten in Paris 1940 muss d’ Ora die Hauptstadt verlassen und sich im Süden des Landes verstecken. Ihre Schwester stirbt im Konzentrationslager.

Ein Club in Berlin-Wedding nennt sich heute noch „Anita Berber“

Der zweite Teil der Ausstellung dokumentiert den Bruch, den Krieg, Tod und Verfolgung in ihrem Schaffen auslösten. Als Reaktion auf die Kriegsgräuel widmet sich d’Ora dem brutalen Alltag der Schlachthöfe. Statt Glamour, Chic und Mode fotografiert sie nun totes Fleisch, ausgeweidete Schafe und gehäutete Hasen. Ihr besonderes Interesse und Mitgefühl gilt den Obdachlosen,  und den Flüchtlingen in ihren ärmlichen Unterkünften. Berührt und verstört steht der Betrachter vor diesen späten Bildern und kann kaum glauben, dass sie von derselben Künstlerin stammen. Ungläubig gehe ich zurück zum Anfang der Ausstellung und vergleiche diese beiden Enden eines Werkes, das in dieser Gesamtschau zum ersten Mal zu sehen ist.

„Madame d’Ora – Machen Sie mich schön“
bis 18. März 2018
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Steintorplatz
20099 Hamburg
Di – So 10 – 18 Uhr

17 photos: The Dolly Sisters, 1928, Madame d‘ Ora © Archive D‘ Ora/ MKG

 

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„Madame d’Ora – make me beautiful“
By Julia Engelbrecht
01/11/2018

Exhibition with photographs of the famous artist from the 20s in Vienna and Paris.

After all the hustle and bustle of the past holidays, this exhibition is doing well. The tranquility, leisure and carefreeness at the beginning of the 20th century seem to pass through the portraits to the observer. The sight of the ladies and gentlemen of the fine and intellectual Viennese society in their heavy robes and sedate poses has a calming and reconciling effect on the hectic mind of our day. What was beautiful life in the world of yesterday, one might say. That it around Vienna and at the borders of the KuK monarchy seething, unemployment and uprisings piled up, the First World War was imminent, of which one did not seem to want to know anything in the circle of customers of the photographer Madame d’Ora (* 1881 – † 1963).
Especially the small fine portraits in the first room of the exhibition „Make me beautiful! Madame d’Ora „in the Museum of Arts and Crafts near the Hamburg Central Station impress with their precise compositional aesthetics, clear image structure and sovereign handling of light and shadow. The brilliance of the pearls on black velvet, the silk hairbands of Comtesse Erdödy, the drapery of the prima ballerina Anna Pavlova, the light reflections on the hair of Alma Mahler-Werfel and the mocking pose of cultural critic Karl Kraus testify to the astonishing professionalism and humanity of the time barely 30-year-old Madame d‘ Ora (real name Dora Kallmus), daughter of a Jewish advocate from Vienna, and an early deceased Croatian mother. D ‚Ora had a photographer education in Berlin at the beginning of the century. Back in Vienna, she made a name for herself with portraits of personalities from the artist and intellectual scene.

Similar to the same time as the photographer Germaine Krull in Berlin (exhibition 2016 in Martin-Gropius-Bau)

Already in the next section of the exhibition, Madame d ‚Oras loses a must-have portrait passion and avoids an avant-garde pictorial interpretation, as it was in the 20s. Josephine Baker, Coco Chanel and Anita Berber – the portraits now show the self-confidence of the „new woman“. The hats become eccentric, the embroideries are passé and the hairstyles short. D’Ora moved to Paris in 1927, took his own studio and turned fashion photography into her profession. Their photographs are published in the English „Tatler“, the French „Vu“ and the German „Die Dame“ (Ullstein Verlag). The magazine market is booming. The demand for photos that document the taste of the times is great and gives the self-confident photographer full order books. A few years after the Nazi invasion of Paris in 1940 d ‚Ora had to leave Paris and hide in the southern France. Her sister dies in a concentration camp.
A club in Berlin-Wedding calls itself today „Anita Berber“

The second part of the exhibition documents the break after World War 2, death and persecution triggered in their work. In response to the horrors of war d’Ora dedicated to the brutal life of slaughterhouses. Instead of glamor, chic and fashion, she now photographs dead meat, gutted sheep and skinned hares. Their special interest and compassion is for the homeless, and the refugees in their poor accommodations. Touched and disturbed, the viewer stands before these late pictures and can hardly believe that they come from the same artist. Incredulous, I go back to the beginning of the exhibition and compare these two ends of a work, which is to be seen for the first time in this overview.

„Madame d’Ora – make me beautiful“
Museum of Arts and Crafts Hamburg
Steintorplatz
20099 Hamburg
Tue – Sun 10am – 6pm

Julia Engelbrecht-Schnür

Author: Julia Engelbrecht-Schnür

Journalistin

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