Mario Testino – Helmut Newton – Jean Pigozzi

Mario Testino Foto: Michael Glossner

Mario Testino – Helmut Newton – Jean Pigozzi

 

Von Nikolina Rayuela

3.6.2017

Ich klopfe mit den Fingern gegen das Fensterglas im ersten Stock der Helmut Newton Stiftung.

Mario Testino hebt kurz den Blick, ich meine Hand und flüstere „Hi“, und er lächelt und nickt in meine Richtung. Dann betritt er den Raum und erstrahlt im Blitzlichtgewitter der Journalisten und Fotografen, die ihn bereits erwartet haben. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, der sitzt. Er trägt eine schwarze Sonnenbrille, in der rechten Hand seine Leica, die er nun auf die Fotografen richtet. Er trägt nicht zu dick auf. Und das, obwohl er allen Grund dazu hätte.

Mario Testino zählt zu den bedeutendsten Fotografen unserer Zeit. Die aktuelle Ausstellung in der Helmut Newton Stiftung in Berlin zeigt eine nie zuvor in dieser Form präsentierte Darbietung fünfzig seiner Werke, die der Künstler in überlebensgroßer Form auf zahlreichen Plakatwänden in drei Räumen der Stiftung präsentiert. Darüber hinaus wird die Serie Pool Party von Jean Pigozzi neben Helmut Newtons Unseen ausgestellt.

Mario Testino, Helmut Newton Foundation, Foto: Michael Glossner

Mario Testino – UNDRESSED.

Die fünfzig Fotografien im ersten Raum zeigen die Anfänge Mario Testinos. Der Großteil wurde zu Beginn der Neunzigerjahre geschossen. Und es war keine geringere als die Kultfigur der Modewelt, Carine Roitfeld, die ihn damals dazu bewegte, seine Fashion Fotografien so wie seine Aktfotos zu gestalten. In diesem Raum werden wir Zeugen einer Entwicklung, die der Fotograf durchlebte, als er beschloss, nicht länger „für das Magazin“ zu fotografieren, sondern das zu tun, was er wahrhaftig tun wollte. Für Testino ist es der Inhalt des Bildes, der die Stärke und Intensität des Gesehenen ausmacht; weniger die technische Ausstattung, mit der fotografiert wird.

Auf Film zu fotografieren entscheidet bereits vorweg über den weiteren Verlauf – darüber, was mit dem Bild passiert. „Das Problem mit Film ist, dass alle das Generische mögen und ich das Eigenartige.“, so Testino. Die Plakatwände machen den Ausstellungsbesucher vielmehr zu einem Teilnehmer als bloß zu einem Betrachter. „Ich denke, wir durchleben einen Moment, in dem Menschen miteinander interagieren wollen. Vielleicht gehen sie nach Hause und fotografieren einander nackt (…)“, erklärt Testino in unbändiger Faszination für die Materie. Denn in seinen Augen gibt es keine Begrenzung dafür, was (in der Fotografie) möglich ist – die einzige Grenze verläuft in unseren Gedanken.

Ausstellung „Undressed“ mit wandgroßen Fotografien von Mario Testino, Helmut Newton Foundation, Foto: Michael Glossner

Jean Pigozzi – POOL PARTY.

„In meinem Alter von 65 Jahren stehe ich immer noch morgens auf und möchte fotografieren“, erklärt Pigozzi. „Es ist eine Droge – und sie ist besser als andere Drogen“, erwidert Testino mit einem Augenzwinkern. Jean Pigozzi traf zum ersten Mal bei einer Ausstellung auf Newton. Sie begegneten einander erst zehn Jahre später wieder bei einer seiner Pool Parties, und aus der einst rein künstlerischen Verbindung wurde eine enge, langjährige Freundschaft.

Doch während Jean Pigozzi nie ein Bild in einem Studio machte, sind sämtliche der Fotografien von Testino und Newton bis ins kleinste Detail durchdachte Inszenierungen der Wirklichkeit. Genau wie Newton hat auch Testino stets Räume und Situationen geschaffen, die nicht der Realität entsprechen. Sie arbeiteten beide immerzu auf einer weißen, nackten Leinwand und mussten entscheiden, wie sie die perfekte Bildkomposition erzeugen können.

Dabei spielen Licht, Modell, Umgebung und jedes noch so kleine, scheinbar unwichtige Detail eine wichtige Rolle. Testino erklärt: „Das erste was ich mache ist etwas, das ich in der Schule gelernt habe.“ Er gibt dem Modell den Eindruck, selbst schüchtern, oder quirlig und albern zu sein. Das verschafft ihm einen menschlichen Zug und nimmt dem zu Porträtierenden die Aufregung, die Unsicherheit – und schafft Vertrauen.

 

Helmut Newton – Unseen.

Helmut Newton hatte 2003 – im Gründungsjahr der nach ihm benannten Stiftung – erwirkt, dass neben seinen Werken auch das fotografische Oeuvre anderer namhafter Künstler gezeigt wird. Diesem Wunsch wird auch heute, nach seinem Ableben, nachgekommen. Neben der freundschaftlichen Verbindung zu Pigozzi und der fotografischen Nähe zu Testino, verbindet die drei Fotografen noch eine entscheidende Komponente. Helmut Newton lebte 18 Jahre lang in Berlin und hieß ursprünglich Neustädter, bevor er 1938 vor den Nazis erst nach Amerika und später nach Australien fliehen musste.

Regelmäßig werden immer wieder neue Arbeiten in der Helmut Newton Foundation gezeigt, dieses Mal 100 Vintage Prints, die noch nie gezeigt wurden. Besonders einzelne kleine schwarz-weiß Abzüge von den „Big Nudes“, seiner bekanntesten Fotoserie. Überlebensgroß hängen diese Bilder als permanente Ausstellung im Foyer der Stiftung. Fotografiert wurden sie 1980 in den Studios der Zeitschrift Vogue in Paris.

Foyer der Helmut Newton Foundation mit der Serie „Big Nudes“ von Helmut Newton, Foto: Holger Jacobs

Helmut Newtons Fotografien zeigen eine selbsterfundene Realität, sind von ungemeiner Eleganz und Anmutigkeit geprägt.

Diese Komponente findet sich auch in Mario Testinos Fotografie wieder. Der junge Testino reiste als Jugendlicher mit seinen Eltern nach New York und entdeckte die schillernde, ausgeflippte Mode der frühen 70-er Jahre. Als er zurückkehrte und in seiner Heimatstadt Lima begann, Schlaghosen und Plateauschuhe zu tragen, galt er als Sonderling und Freak.

Und schließlich Pigozzi – der sich selbst witzelnd als den Erfinder des Selfies bezeichnet, da er bereits 1972 seinen ersten Schnappschuss machte, indem er die Kamera umdrehte und sich umgeben von schillernden Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Film und Rock ‚N‘ Roll porträtierte – der mit seiner Paparazzi Ausstellung bereits im Jahr 2008 in der Helmut Newton Stiftung zu sehen war. Drei Freunde, drei große Fotografen, drei wilde, aufregende und bewegte Leben – und ein Haus, in dem sie vereint zu bestaunen sind.

Die exklusiv für die Helmut Newton Stiftung konzipierte Ausstellung UNDRESSED erlaubt tiefe Einblicke in die Arbeitsweise und Gedankenwelt Mario Testinos. Gemeinsam mit dem Kurator der Stiftung, Matthias Harder, und dem Psychologen Manfred Spitzer erscheint zeitgleich sein wohl persönlichster Fotoband im TASCHEN Verlag. Die Porträtierten reichen von noch unbekannten, androgynen jungen Männern bis hin zu Supermodels wie der so oft von Testino abgelichteten Kate Moss.

Mario Testino – UNDRESSED. Helmut Newton – UNSEEN. Jean Pigozzi – POOL PARTY.
Ausstellung bis 19. November 2017

Helmut Newton Foundation
Staatliche Museen zu Berlin
Jebenstrasse 2
10623 Berlin
Di – Fr 10-18 Uhr, Do – 20 Uhr, Sa + So 11 – 18 Uhr

24 Bilder: Vernissage der Ausstellung „Undressed“ mit Fotografien von Mario Testino © Holger Jacobs

 

Nikolina Rayuela

Author: Nikolina Rayuela

Studium Journalismus und Unternehmenskommunikation