MEDEA in der Staatsoper Berlin

Sonya Yoncheva - Medea - Staatsoper Berlin Foto: Bernd Uhlig

MEDEA in der Staatsoper Berlin

 

Von Holger Jacobs

08.10.2018

Wertung: 🙂 🙂 🙂 (drei von vier)

english text below

Eine herausragende Sonya Yoncheva als Medea in einer schwachen Inszenierung von Andrea Breth.

Hintergrund 1

Medea als dramatischer Stoff für die Bühne ist zurzeit wieder sehr aktuell. Genau am Vorabend der Premiere in der Staatsoper Unter den Linden kam auf dem Fernsehsender 3sat ein Themenabend zu Medea. Zunächst mit der Aufzeichnung des gleichnamigen Dramas nach Euripides im Schauspiel Frankfurt von Regisseur Michael Thalheimer. Und danach noch eine Doku zu diesem Thema. Für einen Gastbeitrag von 2013 schreibt Christina Baniotopoulou in der ZEIT, dass Medea sogar eine Urfeministin gewesen sei. In Berlin kann man zurzeit „Medea. Stimmen“ von Christa Wolf bewundern, welches am 5. April diesen Jahres Premiere hatte (kultur24 berichtete). Diese überaus interessante Inszenierung mit Maren Eggert in der Hauptrolle könnt Ihr am 17. und 31. Okt. und wieder am 27. Nov. und 26. Dez. im Deutschen Theater sehen. Die Figur der Medea bleibt bis heute eine der faszinierendsten Frauengestalten der griechischen Mythologie.


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Sonya Yoncheva „The Verdi Album“ mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Massimo Zanetti von 2017© Sony Classical

Hintergrund 2

Der antike Medea-Stoff aus der griechischen Mythologie wurde zum ersten Mal im 8. Jahrhundert v. Chr. bekannt. Zunächst aber nur als Liebesgeschichte zwischen dem sterblichen Jason aus Iolkos (heutiges Volos) und der von dem Gott Helios stammenden, und damit unsterblichen, Medea, welche auf Kolchis (heutige Georgien) beheimatet ist. Alle Gräueltaten, von der Ermordung des Bruders bis hin zur Ermordung ihrer beiden Söhne, kommen erst in späteren Erzählungen vor. Die heutige allgemein bekannte Geschichte, welche als Vorlage für mehrere Opern und Theaterstücke diente, stammt von Euripides aus dem Jahr 431 vor Chr. So auch das Libretto zu „Medea“ von Luigi Cherubini, der Oper von 1797, welche gestern Abend in der Staatsoper Unter den Linden zur Premiere kam.

Handlung

„Médée“ ist eine Opera-Comique in drei Akten von Luigi Cherubini (*1760- †1842). Diese Oper des in Florenz geborenen Komponisten, der einer der bekanntesten seiner Art Ende des 18. Jahrhunderts war, ist Cherubinis erfolgreichstes musikalisches Bühnenwerk.

Medea und Jason haben zusammen mit ihren beiden Söhnen auf Korinth Zuflucht gefunden, nachdem sie von Kolchis fliehen mussten. Dort hatte Jason mit Hilfe der Zauberin Medea, die sich in ihn verliebt hatte, das Goldene Vlies (das goldene Fell eines Widders) gestohlen. Auf der anschließenden Flucht der beiden aus Kolchis tötet Medea ihren Bruder Apsyrtos. Auf Korinth aber trennt sich Jason von Medea um die Tochter des Königs von Korinth, Dircé, zu heiraten.
Die Oper setzt ein, als die Hochzeit mit Dircé kurz bevor steht. Diese macht sich wegen ihrer Vorgängerin große Sorge, da Medea als mächtige Zauberin gilt. Und wirklich erscheint Medea und fordert ihren Ehemann zurück. Aber Jason lässt sich nicht erweichen, will er doch mit der Heirat der Königstochter eine bessere Zukunft für sich und seine beiden Söhne in diesem fremden Korinth erreichen. Medea dagegen soll verbannt werden. Daraufhin schwört diese Rache, tötet Dircé und den König und zuletzt ihre beiden Söhne, um Jason den größtmöglichen Schmerz zuzufügen. Am Ende stößt sich Medea den Dolch selbst in ihren Leib, während der Königspalast und der Tempel in Flammen aufgehen. Jason bleibt allein zurück.

Medea con Cherubini, Staatsoper Berlin 2018 © Staatsoper/ Bernd Uhlig

Kritik

Kaum, dass die Ouvertüre erklingt, beherrschen die wunderbaren Klänge Cherubinis den Zuschauerraum. Und Dirigent Daniel Barenboim ist in seinem Element. Eingängige Harmonien mit dramatischen Elementen zu bestücken passt genau zu seinem Temperament. Von oben aus dem 2. Rang habe ich einen guten Blick direkt in den Orchesterraum und sehe seine vehementen Einsätze.
Was ich allerdings auf der Bühne selber erblicke erfreut nicht gerade mein Auge. Eine heruntergekommene Garage aus den 60er Jahren stellt den Königspalast dar, mit großen Rolltoren und glatten, verschmutzten Wänden. In ihr steht etwas verloren Dircé, die Tochter des Königs und Braut von Jason und sorgt sich (zurecht) um ihre Zukunft. Ihre mit Schwierigkeiten gespickte Arie „Hymen! Viens dissiper uns vaine frayeur“ meistert Sängerin Elsa Dreisig durchaus akzeptabel, in den fortissimi vielleicht etwas zu schrill. Ian Paterson als König Créon hat einen schönen Bass, Charles Castronovo als Jason kann als Tenor überzeugen, vielleicht fehlt ihm etwas an der dramatischen Aussage.
In der 5. Szene kommt dann endlich der Star des Abends, Sonya Yoncheva als Médée. Erst jetzt scheint der Abend wirklich zu beginnen. Unwillkürlich erinnert mich die bulgarische Sängerin, die mit Ehemann Domingo Hindoyan (Assistent von Daniel Barenboim) in Berlin und der Schweiz lebt, an die junge Anna Netrebko. Ihre klanglichen Qualitäten sind herausragend und auch ihr dramatisches Spiel kann überzeugen. Dagegen verblassen alle anderen auf der Bühne.
Blass sind aber nicht nur ihre Mitstreiter, sondern die gesamte Regie. In dieser in drei Teile aufgespaltenen Drehbühne (Martin Zehetgruber), in dessen Drittel sich nur immer wieder dieselbe Garage befindet, kann kein wirklich dramatisches Gefühl entstehen. Mal gehen die Sänger etwas nach rechts, dann wieder etwas nach links und am Schluss darf Médée auch mal der Drehung der Bühne folgen, indem sie mehrere Türen durchschreitet. Das war’s.
Kommen die Kostüme hinzu, die fast alle in einem blassen grau (Chor) oder blassem Lila gehalten sind und auch keine wirkliche Palastatmosphäre schaffen. Als am Schluss laut Cherubini das gesamte Schloss mitsamt dem Tempel in Flammen aufgehen soll, werden hier nur ein paar Gasflammen in Holzkisten entzündet mit einem hörbaren „Plopp“. Das ist dann doch eine herbe Enttäuschung. Was kann man nicht alles aus so einer Szene machen…

Fazit: großartige Musik mit großartiger Sängerin in einer mittelmäßigen Inszenierung.

Medea“ von Luigi Cherubini
Staatsoper Unter den Linden
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim, Regie: Andrea Berth, Kostüme: Carla Teti, Licht: Olaf Freese, Leitung Chor: Martin Wright
Mit: Sonya Yoncheva (Médée), Charles Castronovo (Jason), Iain Paterson (Créon), Elsa Dreisig (Dircé), Marina Prudenskaya (Néris).

Nächste Vorstellungen: 12., 17., 20., 25. und 28. Oktober 2018

11 Bilder der Inszenierung von „Medea“ in der Staatsoper Berlin:

Iain Paterson (Créon) und Sonya Yoncheva (Médée ), „Medea“von Cherubini, Staatsoper Berlin 2018 © Staatsoper/ Bernd Uhlig

english text

MEDEA in the Staatsoper Berlin
By Holger Jacobs
08/10/2018
An outstanding Sonya Yoncheva as Medea in a weak staging by Andrea Breth. Premiere was on 07.10.2018.
Background 1
Medea as a dramatic material for the stage is currently very topical again. Exactly on the eve of the premiere in the Staatsoper Unter den Linden came on the TV station 3sat a theme night to Medea. First with the recording of the eponymous drama by Euripides in the Schauspiel Frankfurt by director Michael Thalheimer. And then another documentary on this topic. For a guest contribution from 2013, Christina Baniotopoulou writes in ZEIT that Medea was even a primeval feminist. In Berlin you can currently admire „Medea. Stimmen“ by Christa Wolf, which premiered on April 5 this year (kultur24 reported). You can see this very interesting production with Maren Eggert in the leading role on 17 and 31 Oct and again on 27 Nov and 26 Dec in the Deutsches Theater. The figure of Medea remains one of the most fascinating female figures of Greek mythology.
Background 2
The ancient Medea story from Greek mythology was first used in the 8th century BC. First only as a love story between the mortal Jason from Iolkos (today’s Volos) and Medea, descended from the god Helios, and thus immortal, Medea, which is based on Colchis (today’s Georgia). All the atrocities, from the murder of her brother to the murder of their two sons, are only in later narratives. Today’s well-known story, which served as a model for several operas and plays, comes from Euripides from the year 431 BC. So also the libretto to „Medea“ by Luigi Cherubini, the opera of 1797, which came to the premiere last night in the State Opera Unter den Linden.

Story
„Médée“ is an Opera-Comique in three acts by Luigi Cherubini (* 1760- † 1842). This opera by the Florence-born composer, who was one of the best-known of his kind in the late 18th century, is Cherubini’s most successful musical stage work.
Medea and Jason took refuge with their two sons on Corinth after fleeing from Colchis. There, with the help of the sorceress Medea, who had fallen in love with him, Jason had stolen the Golden Fleece (the golden fur of a ram). On the subsequent escape of the two from Colchis Medea kills her brother Apsyrtos. On Corinth Jason separates from Medea to marry the daughter of the King of Corinth, Dircé. The opera sets in as the wedding with Dircé is just to happen. Dircé worries about her predecessor, as Medea is considered a powerful sorceress. And really, Medea appears and challenges her husband. But Jason can not be softened, he wants to achieve with the marriage of the king’s daughter a better future for himself and his two sons in the foreign country of Corinth. Medea on the other hand should be banished. As a result, Medea takes revenge, killing Dircé and the king, and finally their two sons, to inflict the greatest possible pain on Jason. In the end, Medea bumps the knife into herself, while the royal palace and the temple go up in flames. Jason is left alone.

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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