My Fair Lady – Komische Oper Berlin

My Fair Lady - Komische Oper Berlin © Holger Jacobs

My Fair Lady – Komische Oper Berlin

Wertung: 🙂 🙂 🙂 🙂 🙂   (fünf von fünf)

Von Holger Jacobs

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30.11.2015

Wenn jemand den Titel „My fair lady“ erwähnt, bekommen manche, besonders Frauen, feuchte Augen. Wer einmal die Verfilmung von 1964 mit Audrey Hepburn und Rex Harrison gesehen hat, der weiß, was ich meine. Mehr Herz-Schmerz gibt es nur selten und das noch eingebunden in wundervoller, melodischer Musik, deren einzelne Lieder wie Gassenhauer klingen – was für ein Stück! Auch Erinnerungen an „Pretty Woman“ mit Julia Roberts und Richard Gere werden wach.

 

Intro:

Für die Einführung muss ich auf zwei Personen eingehen, die hier besonders wichtig sind: George Bernhard Shaw und Frederick Loewe. Erstere schrieb das Theaterstück „Pygmalion„, welches 1913 im Wiener Burgtheater seine Uraufführung hatte und auf dessen Text das Musical „My fair lady“ zurückgeht. Der Zweite schrieb die Musik zum Musical. Loewe war als österreichischer Jude in den 20-er Jahren nach Amerika ausgewandert und versuchte sich als Pianist, Preisboxer und Landfahrer über Wasser zu halten. Erst nach dem 2. Weltkrieg begann seine Karriere als Komponist und zusammen mit seinem Librettisten Alan J. Lerner schuf er mehrere erfolgreiche Broadway-Musicals. Doch „My fair Lady“ wurde sein größter Erfolg. Es lief 30 Jahre lang am Broadway und ist damit das erfolgreichste Musical aller Zeiten. Erst durch Andrew Lloyd Webbers „Cats“ wurde es abgelöst.

 

Die Handlung:

Die urprüngliche Geschichte der Pygmalion Sage geht auf die griechische Mythologie zurück. Der römische Dichter Ovid verfasste in seinem Hauptwerk „Metamorphosen“, kurz nach Christi Geburt, eine Geschichte über einen Bildhauer, der sich in seine eigene Skulptur verliebt. Nach intensivem Gebet an die Götter wird die Skulptur lebendig.

George Bernhard Shaw nahm sich Anfang des 20. Jahrhunderts die Geschichte vor und machte aus ihr eine Kritik an der arroganten englischen Gesellschaft jener Zeit. Auf der einen Seite die noblen Herrschaften, die sich durch besonders gutes Englisch deutlich abheben vom Rest des gemeinen Volkes. Proletariat und die höhere Gesellschaft waren damals strikt voneinander getrennt – erkennbar durch Sprache, Kleidung und Benehmen.

 

Die Handlung beginnt, als ein vornehmer Herr, Oberst Pickering, auf dem Markt über das Blumenmädchen Eliza stolpert und die Blumen auf die Straße fallen. Eliza beginnt laut zu schimpfen, in einem Dialekt, den kaum jemand verstehen kann. Der Herr versucht sich zu entschuldigen. Ein weiterer eleganter Herr kommt hinzu und macht sich Notizen. Es ist Professor Higgins, ein Sprachforscher , der die Dialekt-Formen von Eliza mitschreibt. Eliza wird immer wütender und ein kleiner Tumult beginnt. Schließlich können die Herren Eliza beruhigen. Oberst Pickering ist sehr erfreut, Prof. Higgins kennenzulernen, weil er sich schon immer für dessen Forschungen interessiert hat. Beide ziehen gemeinsam von dannen. Kurze Zeit später taucht Eliza im Haus von Prof. Higgins auf und möchte von ihm Sprachunterricht bekommen. Higgins lehnt zunächst empört ab. Doch als Pickering eine Wette vorschlägt, Higgins könne aus Eliza in 6 Monaten keine Dame machen, die auf einem Ball im Buckingham Palace akzeptiert würde, willigt Higgins ein. Fortan wohnt Eliza bei Higgins im Haus und wird Tag und Nacht bis zur Erschöpfung unterrichtet. Den berühmten Song „Es grünt so grün wenn Spaniens Blüten blühen“ als Trainings-Formulierung, der hierbei von Eliza gesungen wird, hat fast jeder schon einmal gehört. Ein erster Test auf dem Pferderennen in Ascot misslingt zunächst, doch der Auftritt auf dem Ball wird zum großen Triumph für Higgins. Eliza spricht letztlich besser, als die Hofgesellschaft selbst. Wieder zu Hause beglückwünschen sich die Herren, ohne Elizas Beitrag zu würdigen. Wütend packt sie ihre Sachen und geht wieder in ihr altes Viertel zurück. Doch auch hier ist sie nicht mehr zu Hause. Als Prof. Higgins ihr Verschwinden bemerkt, spürt er, dass er doch mehr für Eliza empfindet, als er angenommen hat. Er beginnt sie zu suchen und schließlich fallen sie sich in die Arme

 

Kritik:

Um es gleich vorweg zu sagen: eigentlich gibt es gar nichts zu kritisieren. Wirklich! Es klingt erstaunlich, aber wahr. Eine fast perfekte Inszenierung. Es stimmt alles: das Bühnenbild (Frank Philipp Schlößmann) hat einen genau richtig dosierten Minimalismus: auf einer ansonsten bis zum Hintergrund leeren Bühne sieht man in 3 Stunden nur mehrere große und kleine Grammophone. Meisterhaft gearbeitet, ein großes Lob an die hauseigene Werkstatt. Ansonsten nur noch ein riesiger Vorhang, der in 2 Teilen die Drehbühne umspannt und Art-Deco-Muster aufweist. Die Drehbühne selbst wiederum besteht aus einer überdimensionalen Schallplatte, die von einem überdimensionalen Tonarm abgetastet wird. Toll! Die Kostüme (Mechthild Seidel) sind an die 20 er Jahre angelehnt und verkörpern sowohl Eleganz wie Sexyness. Auch gesanglich passt alles zusammen: Kristiina Poska, die Dirigentin aus Estland, gibt sicher aber unaufdringlich den Ton an, Johannes Dunz als Freddy singt sehr gelungen die einzige Arie des Abends („On the street where you live“), Katharine Mehrling singt und spielt überzeugend die Eliza. Besonders gefallen hat mir Max Hopp als Prof. Higgins: Jede Pointe sitzt ohne zu übertreiben. Und entwickelt dabei sogar einen gewissen Charme in seiner steifen englischen Art. Und auch Jens Larsen als Vater Doolittle hat eine tolle Stimme und große Präsenz (allein schon durch seine 2 Meter Körpergröße).

 

Also alles in allem eine stimmige Inszenierung, die Spaß macht. Dem Regisseur Andreas Homoki, früherer Intendant der Komischen Oper und jetzt Intendant in Zürich, kann man nur gratulieren. Unser heutiger Intendant, Bernd Kosky, sollte ihn öfters einladen. An Silvester wird es übrigens gleich zwei Mal gespielt, um 15.00 und 19.00 Uhr. Besser kann man nicht in das neue Jahr kommen!

Nächste Vorstellungen:
5.12., 9.12., 15.12., 27.12., und 31.12.2015

"My Fair Lady", Komische Oper Berlin 2015, © Holger Jacobs

57 Bilder: „My Fair Lady“, Komische Oper Berlin 2015, © Holger Jacobs

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist