No photos on the dance floor – C/O Galerie Berlin

No photos on the dance floor @Tillmans/ Krause

No photos on the dance floor – C/O Galerie Berlin

 

Von Holger Jacobs

23.09.2019

English text below

Ein Rückblick auf die revolutionäre Berliner Clubszene nach dem Fall der Mauer 1989.

Mein erstes Erlebnis im neuen Berlin nach dem Fall der Mauer war im Winter 1991. Ich lebte damals noch in Paris und kam über Silvester 1991 zu Besuch in die zukünftige deutsche Hauptstadt.
Fasziniert lief ich durch die Straßen von Berlin-Mitte im Ostteil der Stadt und sah mir die alten, verfallenen Häuser der Jahrhundertwende an, die seit Kriegsende 1945 nicht mehr renoviert worden waren. Und deshalb auch einen unvergleichlichen, morbiden Charme besaßen.
Wie ich später erfuhr, hatte die DDR-Staatsmacht bereits Sprenglöcher in den alten Häusern des so genannten „Scheunenviertels“ (so wurde der Bezirk zwischen Friedrichstraße, Torstraße und Rosa-Luxemburg-Platz genannt, da Scheunen im 17. Jahrhundert nur außerhalb der damaligen Stadtmauern erlaubt waren) gebohrt. Die alten Häuser hätten häßlichen Plattenbauten weichen sollen.
Durch die politische Wende 1990 konnte diese Aktion gerade noch gestoppt werden.

Diese halb verfallenen Häuser mit Kohleöfen, kaum fließend kalt- und warm Wasser, Toiletten im Treppenhaus, in denen nur noch wenige DDR-Bürger wohnten, wurden nach der Wende von jungen Kreativen aus West-Berlin besetzt, die billigen Wohnraum und günstige Ateliers suchten.
Hier, in diesen alten Häusern in Berlin-Mitte, konnten sie zunächst sogar kostenlos wohnen, da der bisherige Besitzer, der DDR-Staat, sich in der Auflösung befand und die alten Besitzer aus der Zeit vor dem Krieg noch nicht die Möglichkeit hatten sich ihre ehemaligen Immobilien wieder restituieren zu lassen.
Zumal es auch oft schwierig war, die ehemaligen Besitzer von vor 1945 zu finden, da viele Häuser hier in jüdischem Besitz gewesen waren und von den Nazis zwangsenteignet wurden. Die Besitzer meines Hauses in der Linienstraße 130 wurden über 5 Kontinente gesucht, bis ein Hamburger Investor 2002 endlich das Haus rechtmäßig erwerben konnte.

Das Kunsthaus TACHELES 1990 © Ben de Biel

Die unsichere Zeit zwischen Vergangenheit und Zukunft nutzten auch Musikliebhaber, um die Tanzszene neu aufzumischen, wenn nicht sogar neu zu erfinden. So wurden häufig nur für eine Nacht ein ganzes Haus oder eine große leerstehende Wohnung besetzt und über Mundpropaganda den Eingeweihten mitgeteilt, wo diese, auch „Rave“ genannten, Partys steigen würden. Am nächsten Tag waren dann wieder alle verschwunden.

Der berühmteste Club, der sich in dieser Zeit an einem festen Ort etablieren konnte, war der TRESOR. In einer alten, unbewohnten Ruine (Fotos in unserer Bilderserie).

Im Jahre 1991 hatten Westberliner Clubbesitzer einen Ort gesucht, an dem man ungestört einer neue Musikrichtung frönen konnte: Dem TECHNO, oder auch HOUSE-MUSIC, wie diese elektronische Tanzmusik in den Vereinigten Staaten bezeichnet wird.
Am Rande des nach 1945 komplett dem Erdboden gleichgemachten Potsdamer Platzes, durch den die Berliner Mauer verlief und die Stadt fast 40 Jahre in Ost und West getrennt hatte, befanden sich die Reste des ehemaligen luxuriösen Einkaufstempels WERTHEIM an der Leipziger Straße 126-128 (Fotos davon in unserer Bilderserie).
Von diesem riesigen Gebäudekomplex war nur noch der eiserne Tresorraum im Keller des Hauses übrig geblieben. Ein idealer Ort für laute Musik, da es hier keine Nachbarn mehr gab. So entstand das TRESOR im März 1991.
Sein Name ging in der Szene wie ein Lauffeuer um die Welt, der Club wurde zur Legende.

Die Tür des Clubs TRESOR steht jetzt im Humboldtforum © Holger Jacobs

Als ich im Winter 1991 in das TRESOR kam, welches ich dadurch erreichte, dass ich mit meinem alten Golf durch das Brandenburger Tor (damals noch erlaubt) fuhr, in fast vollständiger Dunkelheit die Straße Unter den Linden passierte, den Alexanderplatz kreuzte und der Leipziger Straße bis zum Tresor hinunter folgte, erwartete mich ein fast apokalyptisches Erlebnis:
Ein mit Fackeln gekennzeichneter Weg brachte den Gast über Holzplanken, die den lehmigen Boden begehbar machen sollten, an eine hintere, schmale Treppe, die hinunter in den Tresorraum führte. Hier kamen einem in heißer Luft Rauchschwaden und stampfende Klänge entgegen, die mehr an einen Weltuntergang, als an einen fröhlichen Tanzabend erinnerten. Die Menschen dort unten trugen Parkas in Militärfarben, Jeans und Springerstiefel. Eine extrem aggressive Stimmung. Zwischendurch überlegte ich ernsthaft, ob ich hier je wieder lebend rauskommen würde.
In Paris war ich nur hübsche Clubs mit hübschen Interieurs und hübschen Menschen gewohnt.
Hier erwartete mich genau das Gegenteil.
Heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall, ist die Gegend um den Potsdamer Platz wieder vollständig bebaut und an der Stelle des alten WERTHEIM steht die neue Einkaufsmeile „MALL OF BERLIN“.
Der Club Tresor wechselte 2005 in das ehemalige Kraftwerk Kreuzberg.

Die Panorama Bar im Club BERGHAIN, 2007, mit Schauspieler Udo Kier in der Mitte © Holger Jacobs

Die Ausstellung „NO PHOTOS ON THE DANCE FLOOR geht den Spuren dieser Zeit nach und zeigt Fotos und Videos von Orten, wo damals ganz spontan Clubs entstanden. Der Titel bezieht sich auf die Anweisung vieler Clubs auf das Fotografieren zu verzichten, weil die Besucher ungestört sein wollen.
Besonders, da es an diesen Orten auch häufig zu sexuellen Handlungen kommt, die natürlich nicht jeder sehen soll.

Die bekanntesten Clubs aus dieser Zeit, die heute noch existieren und die bereits Kultstatus erhalten haben, sind das BERGHAIN (galt lange Zeit als der beste Club der Welt), das WATERGATE und der KITKATCLUB.
Im letzteren gilt der Sex auch zusammen mit der elektronischen Musik zum festen Bestandteil des Abends…

„No photos on the dance floor!“
Vom 13.09. – 30.11.2019
C/O Berlin Fundation
Hardenbergstrasse 22
10623 Berlin
Tel. 030 28444160
täglich 10 – 20 Uhr
Eintritt: 10 Euro

25 photos: „No photos on the dance floor“ © C/O Berlin

english text

No photos on the dance floor – C / O Gallery Berlin
By Holger Jacobs
09/23/2019
A look back at the revolutionary Berlin club scene after the fall of the wall in 1989.
My first experience in the new Berlin after the fall of the Berlin Wall was in the winter of 1991. At that time I still lived in Paris and came on New Year’s Eve 1991 to visit the future German capital. Fascinated, I walked through the streets of Berlin-Mitte and looked at the old, dilapidated houses of the turn of the 19s century, which had not been renovated since the end of the war in 1945. They had an incomparable, morbid charm. As I learned later, the GDR government had already drilled holes in the old houses of the so-called „Scheunenviertel“ (the district between Friedrichstrasse, Torstrasse and Rosa-Luxemburg-Platz, since barns were allowed in the 17th century only outside the city walls) were drilled. Due to the political change in 1990, this action could just be stopped.
These half-ruined houses with coal stoves, barely cold and warm running water, toilets in the stairwell, in which only a few GDR citizens still lived, were occupied after the fall of the Berlin wall by young creatives from West Berlin, who were looking for cheap housing and cheap studios. Here, in these old houses in Berlin-Mitte, they could initially even live for free, as the previous owner, the GDR state, was in the dissolution and the old owners from before the war had not yet had the opportunity to get back their former real estate. Especially since it was often difficult to find the former owners of before 1945, since many houses were here in Jewish possession and were forcibly expropriated by the Nazis. The owners of my house on Linienstraße 130 were searched across 5 continents until a Hamburg investor finally could acquired the house in 2002.

The uncertain time between past and future were also used by music lovers to re-shuffle, if not reinvent, the dance scene. For example, often during night time a whole house or a large empty apartment was occupied and communicated by mouth to mouth to the party goers, where the dancing (also called „rave“ parties) would rise. The next day everyone was gone.
The most famous club at this time in a fixed location was the TRESOR (photos in our picture-series below).
In 1991, West Berlin club owners looked for a place where they could celebrate a new genre of music: techno, or house music, as this electronic dance music was called in the United States. On the edge of Potsdamer Platz, which had been completely leveled after 1945, through which the Berlin Wall ran and separated the city in east and west for almost 40 years, the remains of the former luxury shopping mall WERTHEIM were located at Leipziger Straße 126-128. From this huge building only the iron vault remained. An ideal place for loud music, as there were no neighbors here.
That’s how the TRESOR came about in March 1991. It became legend in the music scene around the world.

When I came to the TRESOR in the winter of 1991, which I achieved by driving through the Brandenburg Gate (then still allowed) with my old VW Beetle, passing the street Unter den Linden in almost complete darkness, crossing Alexanderplatz and Leipziger Strasse down to the TRESOR, an almost apocalyptic experience waited for me:
A path marked by torches brought the guest over wooden planks that were to make the loamy soil accessible, to a rear, narrow staircase that led down to the vault room. Smoky swirls and pounding sounds came in hot air, more reminiscent of an armageddon than a happy dance evening.
The people down there wore parkas in military colors, jeans and combat boots. An extremely aggressive mood.
So I seriously wondered if I would ever come out alive again.
In Paris, I was only used to pretty clubs with pretty interiors and pretty people.
Here existed exactly the opposite.
Today, 30 years after the fall of the Berlin Wall, the area around Potsdamer Platz is fully rebuilt and the new shopping department store „MALL OF BERLIN“ stands on the site of the old WERTHEIM. In 2005, the Club Tresor moved to the former Kreuzberg power station.

The exhibition „NO PHOTOS ON THE DANCE FLOOR“ follows in the footsteps of this period and shows photos and videos of places where spontaneous clubs were created at that time.The title refers to the instruction of many clubs to refrain from taking pictures because the visitors would like to be undisturbed. Especially since these places also often lead to sexual acts that of course not everyone should see.
The best-known clubs from this time, which still exist today and have already gained cult status, are the BERGHAIN (long considered to be the best club in the world), the WATERGATE and the KITKATCLUB, where sex is also an integral part of every evening together with electronic music …
„No photos on the dance floor!“
From 13.09. – 30.11.2019
C / O Berlin Fundation
Hardenbergstrasse 22
10623 Berlin
phone 030 28444160
daily 10am – 8pm
Admission: 10 Euro

25 photos: „No photos on the dance floor“ © C/O Berlin

 

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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