OTHELLO im Berliner Ensemble

OTHELLO - Berliner Ensemble - Foto: Katrin Ribbe

OTHELLO im Berliner Ensemble

 

Von Holger Jacobs

14.04.2019

english text

Wertung: 🙂 🙂 🙂  (drei von fünf)

Desdemona über Othello: „Seine Seele ist mir sein Aussehen“.

Hintergrund

„OTHELLO“ (Originaltitel „The Moor of Venice“) gehörte im 17. und 18. Jahrhundert zu den beliebtesten und meistgespielten Werken Shakespeares.  Er hatte das Drama ca. 1603 nach einer Geschichte geschrieben, die er bei dem italienischen Schriftsteller Cinthio gelesen hatte. Shakespeare entwickelte die Figuren aber neu und legte den Schwerpunkt auf die Bösartigkeit und Intrige Jagos. So weit, dass hier die Nebenperson Jagos mehr Textpassagen erhielt, als der eigentliche Held des Stückes Othello.

Durch die Eroberungen neuer Kontinente im 15. und 16. Jahrhundert nahm das Interesse der europäischen Gesellschaft für das Exotische zu. Besonders schwarze Männer mit ihrer außergewöhnlichen Physis ließ den Phantasien weißer Frauen freien Lauf, was bis heute bei den weißen Männern Neidgefühle hochkommen lässt.
In erster Linie wurde schwarzen Männern besondere sexuelle Fähigkeiten zugesprochen.

Othello in einer Inszenierung Anfang des 19. Jahrhunderts

Shakespeare greift dieses Thema auf und schreibt hier über einen aufkommenden Rassismus, der als solcher wohl zur damaligen Zeit noch keinem wirklich bewusst war. Deshalb fällt es im Stück dem Charakter Jago auch relativ leicht eine negative Stimmung gegen den schwarzen Feldherrn Othello zu erzeugen, der ansonsten dank seiner militärischen Fähigkeiten von allen bewundert wird.
Und selbst die Ehefrau von Othello, Desdemona, scheint nicht frei von Vorurteilen zu sein, wenn sie sagt: „Seine Seele ist mir sein Aussehen“, was nichts anderes heißen kann, als dass ihr sein Äußeres eigentlich weniger gefällt und sie deshalb mehr auf die Seele schaut.

Die Bezeichnung Mohr (oder englisch Moor) geht auf das französische „Les Maures“ (ausgesprochen:  „Mohr“) zurück. So wurden die Muslime genannt, die fast 500 Jahre die iberische Halbinsel besetzt hatten und erst im Jahre 1492 wieder vertrieben wurden. Noch heute gibt es eine Bergkette an der Cote-d’Azur mit dem Namen Les Maures.

Kritik

Der bekannte Regisseur Michael Thalheimer ließ ganze Passagen des Originaltextes streichen und konzentrierte sich ganz auf die Intrige Jagos und das Verhältnis zwischen Othello und seiner Frau Desdemona. So sucht der Zuschauer einen Rodrigo vergeblich (Kumpel von Jago) und auch der Spielort Venedig findet nicht statt. Der ganze erste Akt fiel dem Rotstift zum Opfer.
Einzig ein Chor aus 30 Personen steht im Hintergrund der Bühne und kommentiert das Geschehen wie in einer griechischen Tragödie. Sie tragen weiße Kapuzen (Kostüme: Nehle Balkhausen), die wohl nicht ohne Grund an den Ku-Klux-Klan erinnern.

Der Abend beginnt mit einem Trommelwirbel eines Schlagzeugs (Jazz-Musiker Ludwig Wandinger) und aus dem Hintergrund tritt Othello (Ingo Hülsmann), nackt und von Kopf bis Fuß mit roter Farbe beschmiert.
Gleich hinter ihm, ebenfalls fast hüllenlos, erscheint Desdemona (Sina Martens), sie ganz in weiß geschminkt, mit weiß-blonder Perücke. Es kommt zu einer Liebesszene, die mit heißen Zungenküssen und vielen Liebesbezeugungen auf dem Bühnenboden endet.
Danach entwickelt sich die Tragödie mit Jagos Intrige gegen Desdemona, Cassio und Othello. Die Geschichte ist bekannt.
Die Bühne (Olaf Altmann) hält sich ganz in schwarz. Im Hintergrund ein Podium, auf dem das Schlagzeug steht. Vorne eine hölzerne Drehbühne, die mit ihrer vorderen Rundung in den Zuschauerraum ragt. Alles sehr minimalistisch.

Herausragend wie sie oft Schauspieler Ingo Hülsmann als Othello, der mich vor 15 Jahren bereits als FAUST in der Inszenierung von Michael Thalheimer! am Deutschen Theater überzeugte, damals zusammen mit seinem kongenialen Partner Sven Lehmann als Mephisto.
Bei „Othello“ heißt der Gegner Jago, hier gespielt von Peter Moltzen. Doch Moltzen ist kein Lehmann. Mag Moltzens Mimik ja noch einigermaßen interessant sein, so ist seine Sprache schwach. In schnellen Passagen kaum verständlich, viel zu wenig artikuliert und in leisen Passagen ab der 15 Reihe nicht mehr zu hören. Er ist auch der einzige, der nicht immer direkt ins Publikum spricht, dabei wäre dies bei ihm aber am wichtigsten.

„FAUST“, 2004, Deutsches Theater Berlin, mit Sven Lehmann (Mephisto), Isabel Schosnig (Gretchen) und Ingo Hülsmann (Faust), Foto: Katrin Ribbe

Nur Sina Martens kommt an die schauspielerische Qualität von Ingo Hülsmann heran. Besonders stark im letzten Teil, als sie absolut glaubhaft erklärt, sie hätte nie eine Affaire mit Cassio gehabt, wohl wissend, dass ihr Tod unausweichlich ist.
Leider hat Regisseur Thalheimer die Figur Desdemonas im ersten Teil für mich nicht überzeugend angelegt, als er sie als kleine sexy Schlampe darstellen läßt. Ständig muss Sina Martens mit heraushängender Zunge herumlaufen, als wollte sie jedes männliche Wesen abschlecken. Hinzu kommt ein etwas dümmlicher Gesichtsausdruck und unbeholfene Bewegungen.
Schade, da sehe ich Desdemona ganz anders: Als starke, intelligente Frau, die sich für ihre Liebe entscheidet gegen jede gesellschaftliche Konvention. Bei Thalheimer denkt der Zuschauer, Desdemona hätte sich wohl deshalb für Othello entschieden, weil er den längeren Schwanz hat…

Fazit: Trotz einiger Kritik ein faszinierender Abend, nicht zuletzt, weil die Thematik zu jeder Zeit hochaktuell ist und Shakespeare eben einer der brillantesten Dramatiker ist. Mit einem herausragenden Ingo Hülsmann als Othello.

„OTHELLO“ von WilliamShakespeare
Premiere am 13.04.2019
Berliner Ensemble
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Nehle Balkmann
Mit: Ingo Hülsmann (Othello), Sina Martens (Desdemona), Peter Moltzen (Jago), Kathrin Wehlich (Emilia), Nico Holonics (Cassio) und Ludwig Wandinger am Schlagzeug. Dauer: Ca. 1 Std. 50 Min.
Nächste Aufführungen: 18. und 25. April, 2., 3., 10., 11. und 28. Mai 2019

Hier unsere Bilderserie mit 9 Fotos der Produktion:

9 Photos: Ingo Hülsmann, Sina Martens, „OTHELLO“, Berliner Ensemble, Foto: Katrin Ribbe

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(pictures see above)

OTHELLO in the Berliner Ensemble
By Holger Jacobs
04/14/2019
Rating: 🙂 🙂 🙂 (three out of five)
Desdemona on Othello: „His soul is to me his appearance“.
Background
„OTHELLO“ (original title „The Moor of Venice“) belonged in the 17th and 18th centuries to the most popular and most played works of Shakespeare. He had written the drama about 1603 after a story he had read by the Italian writer Cinthio. Shakespeare, however, redeveloped the characters, focusing on the malice and intrigue of Jago. So much that the secondary character Jagos received more text passages than the real hero of the play Othello.
Through the conquests of new continents in the 15th and 16th centuries, European society became increasingly interested in the exotic during this time. Especially black men with their extraordinary physique gave free rein to the fantasies of white women, which to this day causes envy to the white men. First and foremost, black men were given special sexual abilities.
Shakespeare takes up this theme and writes here about an emerging racism, which as such at that time probably was not really aware. Therefore, it is relatively easy for the character of Iago to create a negative mood against the black general Othello, who is admired by all becauset his military abilities. And even the wife of Othello, Desdemona, does not seem to be free from prejudice when she says, „His soul is to me his appearance,“ which can not mean anything but that she prefers to look to his soul then to his appearance.

The name Mohr (or English Moor) goes back to the French „Les Maures“ (pronounced „Mohr“). This is how the Muslims were described who had occupied the Iberian peninsula for nearly 500 years and were not expelled until 1492. Even today there is a mountain range on the Cote d’Azur with the name Les Maures.
Critics
The well-known director Michael Thalheimer has deleted entire passages of the original text and focused entirely on the intrigue Jago and the relationship between Othello and his wife Desdemona. So you look for a guy called Rodrigo in vain (buddy of Iago) and also the venue Venice does not take place. The whole first act fell victim to the red pencil. Only a choir of 30 people stands in the background of the stage and comments on the events as in a Greek tragedy. They wear white hoods (costumes: Nehle Balkhausen), which is not without reason to remind of the Ku Klux Klan.
The evening begins with drums (jazz musician Ludwig Wandinger) and Othello (Ingo Hülsmann) emerges from the background, naked and covered in red paint from head to toe. Immediately behind him, also almost without a hull, appears Desdemona (Sina Martens), all made up in white, with a white-blond wig. It comes to a love scene, which ends with hot tongue kisses and many love testimonies on the stage floor. Thereafter, the tragedy develops with Jago’s intrigue against Desdemona, Cassio and Othello. The story is known. The stage (Olaf Altmann) is completely black. In the background a podium on which the drums are standing. In front, a wooden revolving stage, which protrudes with its front curve into the auditorium. Everything is very minimalist.

Outstanding as often the actor Ingo Hülsmann as Othello, who 15 years ago played FAUST in the production of Michael Thalheimer! at the Deutsches Theater, then together with his congenial partner Sven Lehmann as Mephisto. In „Othello“ the opponent is called Jago, here played by Peter Moltzen. But Moltzen is not a Lehmann. Although Moltzen’s facial expressions may still be somewhat interesting, his language is weak. Barely comprehensible in fast passages, too little articulated and no longer heard in quiet passages up from the 15th raw. He is also the only one who does not always speak directly to the audience, but this would be most important for him.
Only Sina Martens comes close to the acting quality of Ingo Hülsmann. Especially strong in the last part, when she credibly declares that she never had an affair with Cassio, knowing that her death is inevitable.
Unfortunately, Michael Thalheimer directed the character Desdemona in the first part not very convincing for me, as he makes her pose as a little sexy slut. Sina Martens constantly has to run around with her tongue hanging out, as if she wants to lick every male being. There is also a somewhat stupid facial expression and awkward movements of her.
Too bad, I see Desdemona very differently: As a strong, intelligent woman who decides to love her husband against any social convention. At Thalheimer the viewer thinks Desdemona would have decided mainly because of Othello’s long dig …
Conclusion: Despite some criticism, a fascinating evening. The subject is highly topical at any time and Shakespeare is just one of the most brilliant playwrights. With an outstanding Ingo Hülsmann as Othello.
„OTHELLO“ by WilliamShakespeare
Premiere on 13.04.2019
Berliner Ensemble
Regie: Michael Thalheimer, stage: Olaf Altmann, costumes: Nehle Balkmann
With: Ingo Hülsmann (Othello), Sina Martens (Desdemona), Peter Moltzen (Iago), Kathrin Wehlich (Emilia ), Nico Holonics (Cassio) and Ludwig Wandinger on drums. Duration: Approx. 1 hour 50 min.
Next performances: 18 and 25 April, 2, 3, 10, 11 and 28 May 2019

Holger Jacobs

Author: Holger Jacobs

Fotograf und Journalist

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